Ohne Kunst wird es still

von Diskurs Hamburg

Im September 2020 war ich bei einem Konzert in der Elbphilharmonie. Zeitgenössische Klassik. Patricia Kopatchinskaja, eine Konzeptkünstlerin und Geigerin aus Moldavien interpretierte unter anderem Stücke von Giacinto Scelsi. Es war das letzte Konzert, dass ich gehört habe, bevor wir wieder in den Lockdown geschickt wurden. Mir fehlen neben den Konzerten auch die Ausstellungen, die Museen, das Kino. Es fehlt mir, in einem Cafè zu sitzen und die Leute beim Flanieren zu beobachten. Mir fehlen die Restaurants und Bars und Clubs. Schlicht das soziale Leben. Sitzen, schauen, plaudern, lästern. Fremden Menschen beim Existieren zusehen.

Die Corona-Gesellschaft beschränkt sich darauf zu überleben und hat das Leben selbst darüber schlicht eingestellt. Unser Leben findet statt und ist gleichzeitig ausgesetzt. Und ich frage mich, wie unsere Gesellschaft langfristig dadurch geprägt wird. Am einfachsten haben es wohl noch die Schriftsteller. Thea Dorn hat gerade ein Buch veröffentlicht, dass sich mit Corona auseinandersetzt. Es geht um Halt und Würde und „social distancing“ als gewaltigen Motor der Trostlosigkeit. Ich habe Thea Dorn in einem Interview im DLF gehört und ihre Ansichten haben mich berührt. Denn sie versucht in Worte zu fassen, was die Menschen im Moment erleiden und erleben. Trotzdem möchte ich das Buch nicht lesen. Ich möchte keine virtuelle Ausstellung besuchen, obwohl die Hamburger Kunsthalle gerade eine Max Beckmann-Ausstellung auf diesem Forum anbietet. Auch die live-Mitschnitte aus der Elphi mag ich nicht mehr hören.

Ich möchte dem entfliehen in ein reales Leben, dass echt ist und wahrhaftig und nicht nur ein fake von Emotionen und Wahrnehmungen und Wahrhaftigkeit. Regelmäßig treffe ich einen Freund, mit dem ich sonst einmal im Monat zum Lunch im Delta Bistro verabredet war, um über die kleinen und großen Dinge im Leben zu sprechen. Wir saßen zwischen richtigen und halbseidenen Managern. Wir aßen mit Menschen aus Oberschicht und Bürgertum und Halbwelt Schnitzel und tranken dazu Bier oder Wein. Wir aßen, schmeckten, fühlten. Jetzt laufen wir an der Außenalster, ich habe eine Thermoskanne mit Glühwein, Kaffee oder Tee dabei. Wir picknicken an einer Bank. Seit der Maskenpflicht an der Alster nicht einmal mehr das. Es fühlt sich hohl und schal an. Kürzlich saßen wir an der Elbe, mit einem Eis in der Sonne und redeten über die Spaltung der Gesellschaft. Und was diese Zeit mit den Menschen machen wird. Mit den jungen Menschen, die man um Bildung bringt und um Erfahrung. Mit den Älteren, denen man die Lebensqualität nimmt. Mit uns allen, denen man die Zukunft nimmt und die Hoffnung. Nur Leben, um des Überlebens willen.

Was wird aus den Schauspielern, den Sängern, den Malern, den Komödianten und Kabarettisten, den Bands und Orchestern, den Fotographen. Den Köchen, Baristas und Barkeepern. All jenen, die unser Leben unterhalten, verschönern und würzen. Wo bleiben die Intellektuellen und Philosophen, die den Virologen und Hygienikern endlich klar machen, dass ein Leben ohne Kultur möglich, aber sinnlos ist.

Die Geigerin Kopatchinskaja hatte zu Ihrem Konzert in der Elphi einen Tisch auf der Bühne. Auf diesen schlug sie wild mit Gummi-Hämmern ein und entfachte ein rhythmisches Feuerwerk!

Ich möchte einen solchen Tisch haben oder gleich die ganze Welt, auf die ich mit Hämmern einschlagen kann!

Kunst ist Leben. Es fehlt mir.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN