Therapeutische Totalitarismus-Übungen

von Diskurs Hamburg

Im Sommer letzten Jahres verließ die Kolumnistin Bari Weiss die renommierte New York Times. In einem offenen Brief erhob Weiss schwere Anschuldigungen gegen die Redaktionsstuben der ehemals liberalen Tageszeitung. Es herrsche so etwas wie linker Gesinnungsterror, sie sei diffamiert und als Nazi beschimpft worden.

Weiss stellt fest: „Der amerikanische Liberalismus wird bedroht. Es gibt eine neue Ideologie, die darum kämpft, ihn zu ersetzen. Bisher hat niemand einen Namen für diese Kraft. Manche nennen es `soziale Gerechtigkeit`. Der konservative Autor Rod Dreher hat sie als ´therapeutischen Totalitarismus` bezeichnet. Der Essayist Wesley Yang nennt sie die Nachfolge-Ideologie des Liberalismus. Irgendwann wird diese Ideologie einen offiziellen Namen haben; einen, der diese Mischung aus Postmodernismus, Postkolonialismus, Identitätspolitik, Neomarxismus, kritischer Rassentheorie, Intersektionalität und Therapiementalität hinlänglich beschreibt.“

Diese Begriffe werden zunehmend auch in Deutschland verwendet und sorgen auch hier für politische Verwerfungen. So ist das Gendern mittlerweile in den Öffentlich-Rechtlichen Sendern zum Standard erhoben worden. Fast alle Moderator:innen haben die kleine Sprechpause übernommen, auf meine Nachfrage beim DLF übrigens auf einen Beschluß der Chefredaktion. Kritiker des Genderns werden schnell mit dem üblichen Reflex in die davor mittlerweile vorgesehene Ecke gestellt und damit aus dem öffentlichen DISKURS genommen. Die TAZ fragt: „Wovor fürchten sich die Verteidiger:innen des generischen Maskulinums eigentlich?“

Diese Frage stellt sich jetzt vielleicht auch Wolfgang Thierse, der bislang als unverdächtig galt und sich nun mitten in einem Streit mit der Parteiführung seiner SPD wiederfindet. Zurecht sagt Thierse: „Die Absolutsetzung des eigenen Betroffenseins, die Vorstellung, ich empfinde mich als Opfer, also habe ich recht, ist mörderisch für eine demokratische Gesprächskultur. Denn es gibt ja andere Betroffenheiten und da könnten andere sagen: Ich bin auch Opfer, ich meine das genaue Gegenteil.“

Genau aus diesem Grunde wird es immer heikler, im öffentlichen Raum zu kommunizieren. Man ist umgeben von den jeweiligen Opfern, Opferverbänden und Minderheitenvertretern, die jede kleine sprachliche Ungenauigkeit und jede differenzierte Auseinandersetzung oder gar abweichende Meinung Anden. So folgt der gesellschaftlichen Zensur von außen die Selbstzensur.

Schriftsteller wie Monika Maron, die nach fast 40 Jahren vom Fischer-Verlag rausgeschmissen wurde für die Kritik, für die die ehemalige DDR-Autorin ursprünglich einmal genau dort verlegen durfte. Man habe Maron ausrichten lassen, sie sei politisch zu unberechenbar, passe nicht mehr in die Zeit und sei damit ein Risiko für den Verlag. Hubertus Knabe, Thilo Sarrazin, Norbert Bolz, Hans-Georg Maaßen sind nur die bekannten Namen, die der Ausgrenzung schon längst zum Opfer gefallen sind.

Der WDR überprüft rückwirkend 10 Jahre alte Karnevalssendungen auf „Blackfacing“, die Säuberungen bei Kinderbüchern von Astrid Lindgren oder Otfried Preußler laufen hingegen schon länger.

Der Blog „Achgut.com“ begann vor einigen Monaten mit der Rubrik: „Ausgestossener des Monats“ und ist mittlerweile zu den „Ausgestossenen der Woche“ übergangen. Die Liste wird jedesmal länger. https://www.achgut.com/artikel/jetzt_immer_freitags_die_ausgestossenen_der_woche

So ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Ecke derer, die irgendwann mal irgendwie gegen irgendeine unausgesprochene Regel verstoßen haben größer ist als die derer, die den moralischen Daumen nach oben oder nach unten senken, weil sie die Hoheit über die Meinungs- und Deutungshoheit an sich gerissen haben.

Julian Reichelt, bislang noch Chef-Redakteur der BILD-Zeitung, ist vielleicht der Nächste, der in die Ecke muss. Nach einer harten Kritik an den Maßnahmen der Bundesregierung im Rahmen der Coron-Bekämpfung sieht er sich plötzlich mit Vorwürfen konfrontiert, er habe gegen die hauseigenen Compliance-Verfahren verstoßen. Ob es zwischen der Kritik und den Vorwürfen mehr als nur einen zeitlichen Zusammenhang gibt, möge jeder für sich selbst entscheiden.

Der frühere Fokus-Journalist Boris Reitschuster hat auf seinem Blog reitschuster.de eine INSA-Umfrage veröffentlicht, die er in Auftrag gegeben hat. Mehr als 2000 Menschen wurden telefonisch gebeten, sich zu folgender These zu äußern: „Ich befürchte negative Konsequenzen, wenn ich meine Meinung zu bestimmten Themen frei äußere.“

Immerhin 35 % der Befragten stimmten dieser Aussage zu, was bedeutet, dass ca. 1/3 der Menschen unserer Gesellschaft ihre Meinung nicht mehr frei und offen und ohne Angst nach außen vertritt.

Die amerikanischen Verhältnisse finden ihren Weg immer schneller nach Europa. Doch gibt es auch Hoffnung. Bari Weiss schreibt in Deutschland mittlerweile für „Die Welt“ und in den USA auf „Substack“.  Und die Blogs „Achgut“ und „reitschuster.de“ eilen von einem Leserrekord zum nächsten. Denn immer mehr Menschen wollen lesen was ist und nicht, was sich eine kleine Elite wünscht.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN