Auf den Schutz der Alten kommt es an!

von Diskurs Hamburg

Das 7. Thesenpapier

Im Laufe der Pandemie haben sich immer wieder lautstark Kritiker der Bundesregierung zu Wort gemeldet, oft auf YouTube oder bei Telegram. Auch wenn es mich als Arzt erheblich Nerven gekostet hat, habe ich immer versucht, auch diese Quellen zu sichten. Grund war u.a. dass immer wieder Freunde fragten, ob nicht doch etwas an diesen Thesen dran sei. Ergebnis: Fast alles war mehr oder weniger gut kaschierter Unfug von Menschen, bei denen Sendungsbewusstsein und Fachkompetenz in einem unguten Verhältnis stehen.

Zu den Ausnahmen, d.h. ernst zunehmender Kritik, zählten von Anfang an die Papiere der hochkarätigen Autorengruppe um den Kölner Professor Matthias Schrappe.[1] Schrappe ist einer der Vorreiter des Qualitätsmanagementes im deutschen Gesundheitswesen. Evidence basierte Medizin und Patientensicherheit waren immer zentrale Themen für ihn. Er ist nicht irgendwer.

Brachial haben Bundes- und Landesregierungen in den Alltag eines jeden von uns eingegriffen. Bei manchen bis zur Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. Hat dies den älteren Mitbürgern genutzt, hat es sie geschützt?

Dr. Axel Mazurka

Das Besondere an dieser Gruppe ist, dass die Autoren seit Jahren in verschiedenen Funktionen auch die Bundesregierung beraten haben. Dass ihr Wort also Gewicht hat. Eigentlich. Umso mehr erstaunt, dass die hervorragenden inzwischen sieben Thesenpapiere von der Bundesregierung großzügig ignoriert worden sind. Wobei Ignorieren das falsche Wort ist. Einer der Autoren bekam unmittelbar nach dem ersten Thesenpapier aus dem Bundeskanzleramt einen Anruf mit dem Hinweis, dieses Papier käme zu Unzeit. Man will sich also offenbar ganz bewusst nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung stellen. Warum eigentlich nicht?

Unverändert sind Pflegeheime Orte, in denen die meisten Menschen an COVID-19 sterben.

So erstaunt es wenig, dass ein Kapitel des 7. Thesenpapiers überschrieben ist mit „Wege zur Wiederherstellung des öffentlichen Diskurses“. Beklagt wird, und das aus meiner Sicht völlig zu Recht, „eine bedenkliche Verengung des öffentlichen Diskurses“. Und auch wenn das 7. Thesenpapier natürlich wieder konkrete praktische Hinweise zur Verbesserung des Pandemie-Managementes gibt, so ist die Kritik daran, wie der öffentliche Diskurs geführt oder eben gerade nicht geführt wird, womöglich der Verweis auf die größte Unterlassung dieser Bundesregierung. Genau diese Unfähigkeit zum Diskurs hat Menschen wie Wodarg, Schiffmann und Bhakdi, deren Thesen leicht zu widerlegen sind, erst im Netz groß werden lassen. Politik mit dem Rohrstock nennt das Agieren der Bundesregierung mein Freund Ellis Huber, ehemaliger Präsident der Ärztekammer Berlin und Vorsitzender des Bundesverbandes deutscher Präventologen. Auch er übrigens Autor lesenswerter Papiere zur Pandemie.

Es gibt vieles, das am Handeln der Politik in der Pandemie zu kritisieren wäre. Das aktuelle Papier von Schrappe et al. fokussiert auf die anlaufenden Impfungen inklusive Impfkampagne. Weiterer Schwerpunkt ist der Schutz der älteren Menschen, die durch diese Pandemie ganz besonders gefährdet sind und für deren Schutz aus Sicht der Autoren bislang nicht genug getan worden ist. Dazu ein paar Zahlen: Bei den über 90-jährigen lag die Sterblichkeit an COVID-19 zum Jahresende bei 17 %, zwischen 80 und 89 Jahren lag sie bei 13 %, während von den unter 40-jährigen nur zwischen 0,002 und 0,09 %, die infiziert waren, an diesem Virus verstarben.

Brachial haben Bundes- und Landesregierungen in den Alltag eines jeden von uns eingegriffen. Bei manchen bis zur Vernichtung ihrer beruflichen Existenz. Hat dies den älteren Mitbürgern genutzt, hat es sie geschützt? Die Autoren kommen zu einem vernichtenden Ergebnis: „Die Lockdown-Politik ist gerade für die vulnerablen Gruppen wirkungslos. Die vorübergehende Abflachung der Meldezahlen vor Weihnachten war in allen Altersgruppen zu beobachten, nur nicht in den höheren Altersgruppen über 85 Jahre. Es besteht die paradoxe Situation, dass eine mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbundene Lockdown-Politik durchgesetzt wird, ohne andere Optionen in Betracht zu ziehen und über einen dringend notwendigen Strategiewechsel überhaupt nachzudenken.“ Darüber muss geredet werden.

Unverändert sind Pflegeheime Orte, in denen die meisten Menschen an COVID-19 sterben. Von den mittlerweile fast 40.000 COVID-19-Toten allein in Deutschland lebten fast ein Drittel zuvor im Pflegeheim. Dabei hatte die Politik monatelang Zeit, in diesen Einrichtungen entsprechende Schutzvorkehrungen zu treffen. Neben hier ganz besonders strikt einzuhaltenden Abstandsregelungen und dem Tragen von FFP2-Masken gehören hierzu das Testen aller Besucher, Beschäftigten und Bewohner. Ein möglichst schnelles Durchimpfen von Bewohnern und Beschäftigten in Pflegeeinrichtungen gehört jetzt ebenfalls dazu.

Schrappe et al. schreiben: „Gerade die erste Phase der Impfkampagne, nämlich die anspruchsvolle Organisation der Impfung von Hochaltrigen, wird prägend für den weiteren Verlauf der Kampagne sein.“ Laufen diese Impfungen gut an? Der Ablauf ist regional sehr unterschiedlich und längst nicht immer optimal. Und es gibt zu wenig Impfstoff.

Eigentlich selbstverständlich ist die zusätzliche Forderung der Autoren nach einer die Impfungen begleitenden Forschung. Dies nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen sondern auch, um Vorbehalte in der Bevölkerung gegenüber der Impfung mit Sachargumenten ausräumen zu können. Man muss aber wohl leider kein Prophet sein um abzusehen, dass auch dieser wichtige Punkt seitens der Bundesregierung nicht stringent verfolgt werden wird. So bleibt in dieser Pandemie vor allem die Hoffnung, dass auf Landesebene gut gearbeitet wird. Schleswig-Holstein macht – und daran ist u.a. der MDK Nord aktiv beteiligt – keine so schlechte Figur. Immerhin.

[1]  Schrappe, M., François-Kettner, H., Gruhl, M., Hart, D., Knieps, F., Manow, P., Pfaff, H., Püschel, K., Glaeske, G.: Die Pandemie durch SARS-CoV-2/CoViD-19 (Thesenpapier 7): Sorgfältige Integration der Impfung in eine umfassende Präventionsstrategie, Impfkampagne resilient gestalten und wissenschaftlich begleiten, Aufklärung und Selbstbestimmung beachten. Köln, Berlin, Bremen, Hamburg.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN