Die Macht der Stärkeren auf Hamburgs Fußwegen. Manche Probleme lösen sich nicht von selbst 

von Diskurs Hamburg

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Der Verkehr könnte eigentlich für alle konfliktfrei und sicher sein: Die Autos, Lkws und Motorräder fahren auf der Strasse. Die Fahrräder, Lastenfahrräder und E-Roller fahren auf den Radwegen. Die Fußgänger (mit und ohne Kinderwagen, mit und ohne Rollatoren und anderen Gehhilfen) gehen auf den Fußwegen. Von dieser Idylle, die ein naiver Mensch auch für den rechtlich gebotenen Normalzustand halten würde, sind wir in Hamburg weit entfernt.

Tatsächlich fahren Fahrräder, Lastenfahrräder und E-Roller auf allen Fußwegen als sei das ihr ureigener Verkehrsraum bzw. ihre Rennstrecke. Sie fahren auf Fußwegen oft auch dann, wenn der Radweg nur ein paar Meter entfernt ist. „Mehr Radwege!“ lösen das Problem also nicht. Die Zweiräder brettern über die Gehwege nicht selten mit einer Geschwindigkeit, dass man für den Ernstfall nur hoffen kann, dass die Unfallklinik nicht allzu weit entfernt ist. Rambo-Radler sind meist männlich, aber nicht nur. Die Fahrer/innen von  „Lastenrädern“ mit Kleinkindern an Bord machen sich anscheinend ebenfalls oft nicht klar, was ihrem Nachwuchs passiert, wenn es zur Kollision kommt  —  von den eventuell noch weit massiver betrofffenen Fußgänger/innen ganz zu schweigen.

Die Fußgänger sind immer die schwächsten und gefährdetsten Verkehrsteilnehmer auf den Fußwegen. Die Fahrer von Rädern, E-Rollern und Lastenrädern nutzen de facto die Macht der Stärkeren. Viele von ihnen gehören heute zu den rücksichtslosesten Verkehrsteilnehmern überhaupt und haben dabei schon lange die (meistens gesetzestreuen und rücksichtsvollen) Autofahrer abgelöst  —   auch wenn sie aus ideologischen Gründen mit geschwellter Brust oft das Gegenteil behaupten.   

Jetzt in der dunklen Zeit des Jahres fällt es besonders auf, dass viele Radfahrer auch abends ohne Licht unterwegs sind. Damit erhöhen sie die Unfallgefahr dramatisch  —  für sich selbst und natürlich auch für die anderen, das heißt insbesondere für die Fußgänger. 

Aus der Unfallstatistik kann man entnehmen, dass nicht wenige der unfall-beteiligten E-Roller-Fahrer unter Alkoholeinfluss standen  —  vor allem in den Abendstunden. Dass ich das Entsprechende von den Fahrradfahrern hier nicht behaupten kann, liegt vielleicht nur daran, dass Fahrradfahrer so gut wie nie kontrolliert werden.

Ich kenne mehrere Fälle, bei denen Fußgänger von E-Roller-Fahrern heftig angefahren wurden und verletzt zu Boden gingen  —  woraufhin der E-Roller-Fahrer ohne Identitätsoffenbarung von dannen fuhr. Jeder Autofahrer weiß, dass Fahrerflucht ein gravierendes Delikt ist. Gilt das für E-Roller-Fahrer und Radfahrer nicht? Der gravierende Unterschied ist jedoch nicht rechtlicher, sondern faktischer Natur. Autos haben gut lesbare Nummernschilder, Fahrräder und E-Roller nicht. Bei letzteren kann man von hinten oft nicht einmal die Verleihfirma erkennen. Auf den Charakter des Täters kann man zwar hoffen, aber nicht vertrauen. Das Fehlen von Kennzeichen lädt zur Fahrerflucht ein.

Das Kernproblem vieler Mängel im heutigen Großstadtverkehr liegt allerdings auch hier viel tiefer, nämlich in der überheblichen Ideologie der grünen und sozialdemokratischen Verkehrspolitik. Völlig klar ist: Die Autos, die Lkws etc. sind die Bösen und sollten abgeschafft werden. Die Fahrräder, Lastenfahrräder und E-Roller sind die Guten. Sie schützen das Klima und sind überhaupt auf der moralischen Gewinnerseite. So scheinen sich auch viele Radfahrer zu fühlen, wenn sie auf Fußwegen fahren (oder rasen). Dort treffen sie allerdings nicht auf böse Autos, sondern auf schwächliche Fußgänger, denen sie in jeder Hinsicht überlegen sind. Nur in Bezug auf CO2-Emissionen und Klima können sie gegenüber Fußgängern leider nicht punkten. Also in moralischer Hinsicht … 

Moralisch und theoretisch überlegen ist zweifellos die Bullerbü-Lösung, dass sich alle rücksichtsvoll verhalten, vor allem gegenüber den Schwächeren und Verletzlichen. Jeder Leser dieser Zeilen tut das natürlich von sich aus und verwahrt sich gegen Unterstellungen. Und die anderen ?

In Berlin hatte die verbal von Bullerbü inspiriertegrüne Verkehrssenatorin auf der Friedrichstrasse einen Verkehrsversuch gestartet. Die Straße wurde natürlich autofrei und der Verkehrsraum sollte von Fußgängern und Radfahrern genutzt werden. Hoffnung: Alle verhalten sich rücksichtsvoll. Nach einigen Monaten wurde der Versuch erfolglos abgebrochen. Warum wohl? Haben etwa die Fußgänger die Radfahrer rücksichtslos über den Haufen gerannt?

Die unfallträchtigen Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern sind kein Infrastruktur-, sondern ein Verhaltensproblem der stärkeren und schnelleren Radfahrer. Solange deren Fahrweise nicht kontrolliert und krasses Fehlverhalten (Fahren auf Fußwegen mit überhöhter Geschwindigkeit, Fahren ohne Licht oder unter Alkoholeinfluss) mit Geldbußen geahndet wird, dürfte sich nichts ändern an der Macht der Stärkeren. Natürlich müssen die Geldbußen die Überwachungskosten decken. Und jedes Fahrrad und vor allem jedes Lastenrad müsste ein gut sichtbares Nummenschild tragen. Jeder Fahrer von Rädern, Lastenrädern und E-Rollern müsste einen einschlägigen Führerschein erwerben, vor deren Ausstellung die Kenntnis der Verkehrsregeln geprüft wird. 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser? Leider ja. Man stelle sich einmal vor,  auf den Straßen würde die Geschwindigkeit von z.B. 50 Stundenkilometern niemals kontrolliert. Würden dann alle Autos brav 50 kmh fahren? Ach, das habe ich ganz vergessen: Die Autofahrer sind ja die Bösen, die konrolliert werden müssen. Und die Radfahrer sind die Guten, denen man nicht mißtrauen sollte. Die Hamburger Realität sieht anders aus. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN