Demokratie braucht Pluralismus und Kontroverse – Gedanken zum 120. Geburtstag von Hannah Arendt

von Diskurs Hamburg

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In Hamburg wurde 2025/2026 monatelang das das Theaterstück „Arendt. Denken in finsteren Zeiten“ am Thalia-Theater gespielt, mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Das Stück stellt das Leben der deutschen Philosophin vor, die zunächst vor den Nationalsozialisten 1933 nach Frankreich fliehen musste und später 1941 von Frankreich in die USA emigrierte, wo sie für jüdische Organisationen arbeitete, bevor sie sich in den USA wissenschaftlich als Philosophin etablieren konnte. Wenn auch in dem Theaterstück das Philosophische bei Hannah Arendt ein wenig zu kurz kommt, so hat es dennoch einem breiten Publikum gezeigt, dass sich die Philosophin den Kampf gegen Ungerechtigkeit zur Lebensaufgabe gemacht hat. Denn bereits als Fünfzehnjährige fühlte sie sich von einem jungen Gymnasiallehrer in Königsberg beleidigt und rief ihre Mitschülerinnen und Mitschüler zum Boykott seines Unterrichts auf. Daraufhin erhielt sie einen Schulverweis und legte später als Externe unter verschärften Bedingungen das Abitur mit Erfolg ab.  Ihrer Mutter erklärte sie nach dem Schulverweis, dass ihr zwar großes Unrecht widerfahren sei, da der Lehrer sie als Jüdin schikaniert habe, aber Unrecht würde den Menschen stark machen und insofern sei der Schulverweis ein Gewinn für ihr Leben gewesen. Dieses Leben widmete Hannah Arendt der Philosophie, wobei insbesondere das Thema Demokratie versus Totalitarismus in ihren Arbeiten im Vordergrund stand und das Engagement für Gerechtigkeit, das sie uns als demokratischen Auftrag hinterlassen hat.

In ihrem Buch „Was ist Politik?“ beschäftigte sich Hannah Arendt u.a. mit den Merkmalen von Demokratie. Sie sah in der griechischen Polis ein Vorbild für die aktuelle Demokratie und hob insbesondere die „Freiheit des Miteinander-Redens“ hervor. Alle freien Bürger hatten das Recht, über Probleme in der Polis miteinander in den Diskurs zu treten – Sklaven, Frauen und Fremde waren allerdings ausgeschlossen.  Demokratie ist nach Ansicht von Hannah Arendt nur möglich im Verkehr mit Anderen. „Worum es hier (in der Polis – Anm. die Verfasserin) vielmehr geht, war die Erfahrung, dass niemand all das, was objektiv ist, von sich her und ohne seinesgleichen adäquat in seiner vollen Wirklichkeit erfassen kann, weil es sich ihm immer nur in einer Perspektive zeigt und offenbart, die seinem Standort in der Welt gemäß und inhärent ist“.[1] Die Welt zeigt sich also jedem anders und wer sie verstehen will, muss über sie reden und seine Meinungen und Perspektiven mit den anderen und auch gegen die anderen vertreten. „Erst in der Freiheit des Miteinander-Redens ersteht überhaupt die Welt als das, worüber gesprochen wird, in ihrer von allen Seiten her sichtbaren Objektivität“.[2]

Diese Gedanken sind ein Plädoyer für den Pluralismus von Meinungen in einer Demokratie, durch die erst die Objektivität einer Sache hervortreten kann. Wenn ich mir jedoch gegenwärtig das politische und mediale Meinungsspektrum zum Ukrainekrieg anschaue, dominiert anstelle von Pluralismus die Einseitigkeit. Die Sicherheitsexpertin Claudia Major sitzt in allen Talkshows des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und ist sich nicht zu schade dafür, in der Sendung „Maybritt Illner“ Mitte Juni dem zugeschalteten Hamburger Altbürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) „Täter-Opfer-Umkehr“ vorzuwerfen, als dieser fordert, dass die Ukraine als Teil einer Verhandlungslösung im Ukrainekrieg auf einen Nato-Beitritt verzichten solle. Keiner in der Runde widerspricht Claudia Major. Ein weiterer Sicherheitsexperte, der hätte widersprechen können, wie zum Beispiel Johannes Varwick, Präses des „Wissenschaftlichen Forums für Internationale Sicherheit“ und Professor an der Universität Halle-Wittenberg, war nicht eingeladen, denn Meinungspluralismus von Sicherheitsexperten zu Lösungsvorschlägen bezüglich des Kriegs in der Ukraine und dessen Vorgeschichte wird offenbar nicht gewünscht. 

Für Hannah Arendt wäre diese Diskussion vermutlich ein Beispiel dafür gewesen, wie man Demokratie nicht angehen sollte. Denn für sie war in einer Demokratie entscheidend, „…die Sachen wirklich von verschiedenen Seiten zu sehen, und das heißt politisch, dass man sich in der Polis darauf verstand, die vielen möglichen, in der wirklichen Welt vorgegebenen Standorte einzunehmen, von denen aus die gleiche Sache betrachtet werden kann und in der sie, ihrer Selbigkeit ungeachtet, die verschiedensten Aspekte zeigt“.[3] Hannah Arendt betont, dass die Fähigkeit, dieselbe Sache von verschiedensten Gesichtspunkten aus zu beurteilen, ein unerlässlicher Bestandteil des demokratischen Diskurses ist. „Die Bewegungsfreiheit in der Welt des Geistigen“, d.h. das Einander-Überzeugen-Wollen sei die eigentliche politische Umgangsart der freien Bürger in der Polis gewesen. Dieses Einander-Überzeugen-Wollen haben wir leider in der Gegenwart verlernt.

Klaus von Dohnanyi schreibt dazu in seinem neuen, gemeinsam mit Erich Vad verfassen Buch „Frieden – wie geht das?“: “Die Meinungsfreiheit zählt mehr als moralische Absichten. Das aber heißt, dass eine Gesellschaft den streitigen Dialog auch dann zulässt: nicht nur vor Gericht, wie bei uns, sondern im täglichen Gebrauch – was bei uns eben nicht der Fall ist. Denn da beugt sich die Gesellschaft zu schnell vor dem Mainstream. Das ist der Grund, warum wir in Deutschland heute keine echte außenpolitische Debatte mehr haben“.[4] Wir führen diese Debatte noch nicht einmal, wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenkij einer ukrainischen Militär-Einheit den Ehrennamen „Helden der UPA“ (Aufständische Ukrainische Armee) verleiht, die zwar in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gegen die sowjetische Besatzung der Ukraine kämpfte, aber zuvor im II. Weltkrieg mit der SS kollaborierte und Tausende Juden und Polen ermordete. Warum schweigt die Bundesregierung zu diesem antidemokratischen Vorgehen des ukrainischen Präsidenten, während sich das europäische Parlament klar auf die Seite der polnischen Regierung gestellt hat, die diese Ehrung heftig kritisierte. Ein Land wie die Ukraine, das Mitglied der Europäischen Union werden möchte, muss unsere europäischen Werte teilen – eine Kooperation mit Nazideutschland gehört nicht dazu. Wer Kämpfer der UPA als Helden verehrt, hat in der EU nichts zu suchen. Denn, wenn die Gerechtigkeit mit zweierlei Maß gemessen wird, wird sie untergehen, warnte schon Hannah Arendt.[5] Für mich ist es deshalb nicht akzeptabel, wenn Menschen hier bei uns in Deutschland gegen rechts auf die Straße gehen, aber zu rechten nationalistischen Tendenzen in der Ukraine schweigen. Denn der ukrainische Nationalismus könnte Europa noch irgendwann auf die Füße fallen, wenn er nicht rechtzeitig bekämpft wird.


[1] Hannah Arendt: Was ist Politik? München/Zürich: Piper Verlag 2003, S. 51.

[2] Ebenda, S. 52

[3] Ebenda, S. 96

[4] Klaus von Dohnanyi/Erich Vad: Frieden – wie geht das? Neu-Isenburg: Westend Verlag 2026, S. 171.

[5] Vgl. Hannah Arendt: Was ist Politik? München/Zürich: Piper Verlag 2003, S. 151.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN