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1. Historie
Die gesetzliche Einführung der Krankenversicherung im Jahre 1883 durch Otto von Bismarck war die weltweit erste Pflicht-Krankenversicherung und ein Meilenstein in der Sozialpolitik. Sie war der Grundstein für das heutige Sozialversicherungssystem.
Der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass Bismarck
–neben der wichtigen Prävention von Armut durch Krankheit noch weitere Ziele verfolgte:
—-Soziale Kontrolle und politische Stabilität
—-Vermeidung sozialer Unruhen
—-Stärkung der Monarchie und des Staates
Die Krankenversicherung war damals Teil der sog. Sozialgesetzgebung, zu der später auch die Unfallversicherung (1884) und die Invaliditäts- und Altersversicherung (1889) gehörten.
In der jüngeren Geschichte, besonders die der Bundesrepublik Deutschland, wurde diese sehr sinnvolle Krankenversicherung inhaltlich über die Jahre u.a. durch eine Unmenge von Leistungsverpflichtungen gefüllt, nicht nur auf dem Hintergrund großen medizinischen Fortschrittes und einer alternden Demografie, sondern auch zunehmend durch versicherungsfremde Leistungen:
–Beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern und Kindern
–Krankenversicherung für Bürgergeldempfänger
–Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt
–Künstliche Befruchtung und Verhütungsmittel
–Krankengeld bei Betreuung kranker Kinder
–Rentenbeiträge für pflegende Angehörige
–Aufbau der Telematik-Infrastruktur im Gesundheitswesen
–Finanzierung von Gesundheitskampagnen und Prävention
–Kostenanteile an der Krankenhausreform und Digitalisierung
2. Wie gestaltet sich die derzeitige Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung in
Deutschland?
Die aktuelle Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in Deutschland ist angespannt und von strukturellen Herausforderungen geprägt. Hier sind die wichtigsten Entwicklungen und Kennzahlen für das Jahr 2025:
📉 Einnahmen vs. Ausgaben
- Einnahmen: Rund 294,7 Milliarden Euro im Jahr 2025.
- Ausgaben: Etwa 341,4 Milliarden Euro, was ein Defizit von über 46 Milliarden Euro bedeutet.
- Im 1. Halbjahr 2025 erzielten die 94 gesetzlichen Krankenkassen zwar einen Überschuss von 2,8 Milliarden Euro, dieser diente jedoch primär der Auffüllung der Finanzreserven.
⚠️ Finanzreserven und Zusatzbeiträge
- Die Finanzreserven der Krankenkassen lagen Mitte 2025 bei 4,6 Milliarden Euro, was nur 0,16 Monatsausgaben entspricht – unterhalb der gesetzlich geforderten Mindestreserve.
- Der durchschnittliche Zusatzbeitragssatz stieg von 1,7 % auf 2,92 %, deutlich über dem ursprünglich geplanten Satz von 2,5 %.
- Prognosen gehen davon aus, dass der Zusatzbeitrag bis 2029 auf 4,05 % steigen könnte
🔍 Ursachen der Finanzprobleme
- Demografischer Wandel, stark zunehmende modern lebensstilbedingte Erkrankungen und medizinischer Fortschritt treiben die Kosten..
- Die Rücklagen sind weitgehend aufgebraucht.
- Leistungsausweitungen durch gesetzliche Vorgaben resp. versicherungsfremde Leistungen: Diese belaufen sich nach aktuellen Schätzungen auf 57 bis 60 Mrd. € jährlich. Es entstehen steigende Zusatzbeiträge und eine ungleiche Belastung insbesondere für Normal- und Geringverdiener
🛠️ Politische Maßnahmen und Reformpläne
- Eine Expertenkommission soll bis Frühjahr 2026 Vorschläge zur Stabilisierung der Beitragssätze erarbeiten.
- Geplante Reformen umfassen:
- Krankenhausstrukturreform
- Notfall- und Rettungsdienstreform
- Einführung eines Primärarztsystems zur Effizienzsteigerung.
Die GKV steht also vor einem tiefgreifenden Reformbedarf, um ihre langfristige Finanzstabilität zu sichern und die Versorgung der Versicherten zu gewährleisten
3. Mögliche Vorschläge zur Sanierung des Krankenversicherungssystems
Eingangs könnte man die Frage stellen, was besser sei:
Das Sachleistungs- oder Kostenerstattungsprinzip / die Sozial- oder Marktorientierung?
Diese Frage der Kostenerstattung wurde in der Vergangenheit viel diskutiert mit dem Ergebnis,
dass diese politisch nicht durchsetzbar ist und man beim Sachleistungsprinzip bleibt.
Das duale System von GKV- und Privatversicherung ist aber zu erhalten, weil es
–demokratischen Grundlagen entspricht und
–die Privatversicherungen zu einem Teil die GKV quersubventionieren.
Neben der jetzt eingesetzten „Gesundheitskommission“ gibt es zahlreiche Vorschläge zur Verbesserung der Finanzlage in der Öffentlichkeit.
Ein sehr guter – bei kontinuierlicher Beobachtung der bisher beste – Beitrag dazu findet
sich in der „WirtschaftsWoche“ Nr.41 vom 2.10.2025 von
Boris Augurzky und Christian Karagiannidis:
„Patienten maßvoll zahlen lassen“ –
Denkfabrik Das deutsche Gesundheitswesen ist teuer und ineffizient.
Wie ginge es besser?
Acht Punkte zu Senkung der Sozialausgaben.
Es handelt sich um zwei profunde Autoren:
Boris Augurzky ist Gesundheitsökonom am RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und außerplanmäßiger Professor an der Uni Duisburg-Essen.
Christian Karagiannidis übt eine Tätigkeit als Internist und Professor am Lehrstuhl für Pneumologie an der Universität Witten/Herdecke aus. Er spielte auch als Intensivmediziner in der Coronapandemie eine bedeutende Rolle. Er veröffentlichte in dieser Zeit die Zahl offener Intensivbetten als Gradmesser dafür, wie viele Menschen schwer erkrankt waren.
So beginnt auch der Artikel:
„Unsere sozialen Sicherungssysteme gleichen einem Patienten im kritischen Zustand. Die Sozialausgaben haben mit 42 Prozent die Schmerzgrenze von 40 Prozent überschritten. Neben der Rentenversicherung erweist sich zunehmend das Gesundheitssystem als Kostentreiber. So kletterten die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) binnen eines Jahres von 1,7 auf 2,9 Prozent. Zugleich stagniert die medizinische Versorgungsleistung. Handelt die Politik nicht, werden die Sozialausgaben
bis 2035 die 50-Prozent-Marke überschreiten – mit verheerenden Folgen für Beschäftigte und Unternehmen.“…
Kurzum:
…“Es lief jahrzehntelang nicht mehr parallel zur Bevölkerungsrealität“…und …“in umlagefinanzierten Sicherungssystemen entstand eine wachsende Finanzierungslücke.“…
Zu den hier aufgeführten 8 Punkten:
1. Maßvolle Eigenbeteiligung der Patienten
Maximal 1% des beitragspflichtigen Einkommens zur Schaffung von Kostenbewußtsein,
was in den Niederlanden funktioniert (Reduktion unnötiger Arztbesuche ohne soziale
Härten oder Schmälerung der Versorgung)
2. Hausärzte / Primärarztsystem zusammen mit qualifiziertem Team als Lotsen im
Gesundheitssystem
KI-basierte Entscheidungshilfen, Behandlungspfade, Senkung teurer Facharzt- und
Notfallbehandlungen.
Siehe auch schon z.B. Deutsches Ärzteblatt 14/2007: Skandinavische Gesundheitssysteme:
Priorisierung statt verdeckter Rationierung.
3. Abschaffung der Trennung zwischen ambulanter und stationärer Notfallversorgung
Integrierte Notfallzentren, digitale Leitstellen unter der schon jahrelang bekannten,
bundesweiten Telefon-Zugangsnummer 116117 mit Leitstellenkoordinator und Telearzt
4. Qualifizierte Pflegekräfte sollen bestimmte medizinische Tätigkeiten übernehmen
Z.B. mit eigenverantwortlich handelnden Pflegefachpersonen wie in Kanada (Community
Health Nurses)
5. Medikamente müssen sich an ihrem tatsächlichen Zusatznutzen messen lassen
Hierzu, neben anderen qualitätssichernden Maßnahmen, gibt es aber längst den
„Gemeinsamen Bundesausschuß G-BA“ (der Ärzte- und
Zahnärzteschaft, der gesetzlichen Krankenkassen und der Krankenhäuser)
sowie das „IQWIG“ (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im
Gesundheitswesen).
6. Die elektronische Gesundheitsakte
Diese wird seit den 1990er/2000er Jahren immer wieder diskutiert, schließlich in einer ersten
Version fakultativ seit 2021 eingesetzt und nun seit April 2025 im Vorfeldversuch, jetzt ab
1.10.2025 gesetzlich eingeführt.
Sie soll endlich zum digitalen Rückgrat des Systems werden, quasi ein Gamechanger werden mit
Verhinderung von Doppeluntersuchungen, korrekter individueller Berichtsspeicherung,
mit einheitlicher Echtzeitkommunikation unter allen Akteuren und letztlich bei der riesigen
Möglichkeit, auf der Basis dieser (anonymisierten) Daten hochkarätige, bisher nicht mögliche
wissenschaftliche Auswertungen vorzunehmen.
7. Neben der Digitalisierung wäre Prävention, die am Lebensstil der Menschen ansetzt, ein weiterer
Meilenstein – weg vom reinen Reparaturbetrieb hin zur Gesunderhaltung mit:
Neuen ökonomischen Anreizen, niedrigschwelligen Gesundheits-Angeboten (u.a. in sozial
benachteiligten Stadtteilen).
Einen aktuellen Bericht über den Gesundheitszustand der deutschen Bevölkerung findet man in
der neuen DKV-Studie (Prof. Froböse Sporthochschule Köln, Uni Regensburg und DKV) mit
„einem alarmierenden Report“:
Deutsche sitzen im Schnitt zehn Stunden am Tag | tagesschau.de
Zum so häufigen Thema „Rückenerkrankungen“ hat u.a. der Verfasser als Orthopäde seit 1994 voll
digitalisiert mitgearbeitet (mit Medizinpreis 1998 für herausragende Qualitätssicherung in der
Medizin):
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/a-2102-9373
(Eine retrospektive Studie über einen 30-jährigen Zeitraum…bei 101.000 chronischen
Rückenpatienten)
und
und www.fpz.de
Zum Thema „Prävention“ findet sich im Editorial des „Deutschen Ärzteblattes“ vom 6.10.25 folgende Passage:
…“Die mangelnden Präventionsbemühungen sind an dieser Stelle schon oft kritisiert worden. So kürzt die aktuelle Koalition sogar den Etat dafür. Jetzt legte Bayern einen „Masterplan Prävention“ vor und forderte vom Bund mehr Initiative. Man kann gespannt sein, ob der Plan Wirkung zeigt:
Gerlach legt Masterplan Prävention vor – News – Deutsches Ärzteblatt
Ein positiver Aspekt in Sachen Prävention könnte übrigens die Besetzung der GKV-Kommission sein:
Einer der Mitglieder ist Michael Laxy, der an der TU München eine Professur für Public Health und Prävention innehat – er sollte sich mit Prävention und deren Wert auskennen.“…
GKV-Finanzkommission soll bis Frühjahr erste Maßnahmen vorschlagen – News – Deutsches Ärzteblatt
Weiteres dazu wird unten unter Punkt (3. ausgeführt.
8. Schließlich gilt die Aufmerksamkeit der Verteidigungsfähigkeit, Stichwort:
Gesundheitssicherstellungsgesetz.
Wichtig bei neuen Pandemien und möglichem NATO-Bündnisfall.
FAZIT:
Hier handelt es sich nicht um Sparprogramme, sondern um Zukunftssicherung in gesundheitlicher und finanzieller Hinsicht. Diese Bereiche sollten besonders – jetzt mit Mut und Konsequenz – in den Focus genommen werden:
1. Entfernung versicherungsfremder Leistungen aus der GKV
2. Zeitgemäße Neujustierungen im Krankenhaus-, Arzneimittel- und Innovationsbereich mit
z. T. rasanten, aber auch teuren Fortschritten
3. Praktische Umsetzung von aktuellen Erkenntnissen der Folgen unseres modernen Lebensstiles
mit einer hohen Krankheitslast von bis zu 60 bis 70% der Gesundheitskosten bei vor allem
muskuloskelettalen (besonders Rücken-) Erkrankungen, Zuckerkrankheit, Übergewicht, Herz-
Kreislauf- und psychischen Erkrankungen.
Die Beschlüsse der Gesundheits-Kommission sind abzuwarten, aber in
Sachen „Prävention und Änderung des Lebensstiles breiter Bevölkerungsgruppen“ betritt man
ein sehr schwieriges Feld, erst recht im Rahmen dazu nötiger und steigender
Eigenverantwortung,
Der Verfasser kennt aus praktischer, jahrzehntelanger Tätigkeit als Orthopäde die Lage nach den
Begriffen „Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention“. In dieser Reihenfolge gelingt es mit
Engagement aller Beteiligten durchaus, entweder bei hoher Motivation einer Krankheit
überhaupt vorzubeugen oder über die Sekundär- sowie gerade noch über die Tertiärprävention
schließlich am Ende der dann zunächst therapeutischen Reihe quasi die „Vollkatastrophe der
unheilbaren Krankheit mit allen schlimmen Folgen“ zu verhindern.
Es kommt hier auf Bildung, Einsicht, Motivation und hohes Engagement von allen Seiten an!
4. Hoch engagierter, nicht mehr blockierter Einsatz moderner IT-Systeme:
Elektronische Gesundheitsakte, Data Mining und Data Warehouse durch diverse Leistungs- und
Entscheidungsträger, KI etc.
5. Letztlich eindeutige Steigerung der Eigenverantwortung der Betroffenen mit regelmäßigen,
zumutbaren, aber Selbstbeteiligungen, ggf. selbst in der Krankenversicherung gestaltbaren
Selbstbehalten wie in der PKV – alles mit angemessenem Aufrufcharakter.
Wir leben in einer Zeit existenzieller, globaler Umbrüche und mit der Situation, dass „Hochzivilisationen wie die unsere“ eine hohe Krankheitslast verursachen.
Wenn man den bisherigen Stand der Sachdebatten betrachtet, wird man wohl schon zufrieden sein müssen, wenn nach Neustrukturierungen die Gesundheitskosten nicht mehr steigen bzw. die Einsicht herrscht, dass höhere Effizienzen ggf. eben auch mit gewissen finanziellen Aufwendungen verbunden sind.
Mit Mut, auch viel Geduld und mit der Fähigkeit zum Ertragen immanent-notorischer Widerstände, wenn es um etwas, ggf. auch noch so sinnvoll Neues, geht, ist es letztlich in der Welt noch immer vorwärtsgegangen.
Es wäre zu wünschen, dass es dabei nicht nach der Regel „Wer nicht hören will, muss fühlen“, sondern mit Vernunft zugeht – die doch wohl eine Gesellschaft wie die unsere auf ihre Fahnen geschrieben hat…oder etwa nicht?
Quellen:
–Internet mit Verwendung der KI „Copilot“
–WirtschaftsWoche Nr.41 vom 2.10.2025, S.35
–Deutsches Ärzteblatt digital vom 6.10.2025 – Editorial
–Links aus „tagesschau.de“ und aus eigenen Veröffentlichungen
Insofern Literatur beim Verfasser–Kenntnisse aus eigener, jahrzehntelanger praktischer Tätigkeit als niedergelassener Orthopäde
