Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu verkündet den Rückzug aus Cherson

von Diskurs Hamburg

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Am 9. November 2022 hat der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu den Rückzug seiner Truppen aus Cherson verkündet. Damit reagiert Moskau auf einen militärischen Zwang, der zuletzt immer stärker geworden war. Politisch ist der Schritt heikel. Nicht nur war Cherson die einzige Großstadt, die dauerhaft unter russischer Kontrolle stand, sondern auch das Tor zu Odessa.   

Es dürfte Sergej Schoigu nicht leichtgefallen sein, den Abzug des russischen Militärs aus Cherson öffentlich zuzugeben. In einer TV-Übertragung hatte sich der Verteidigungsminister von General Surowikin, dem Kommandeur der Truppen in der Ukraine, über die aktuelle Lage berichten lassen. Nachdem Surowikin, dem wegen seiner rücksichtlosen Bombenangriffe in Syrien, der Spitzname „General Armageddon“ anhaftet, zunächst über die Erfolge des Militärs rapportiert hatte, erklärte er schließlich auf Nachfrage des Ministers, die Lage in Cherson sei kompliziert und zeichne sich durch einige Besonderheiten aus.

Damit meinte Surowikin die taktische Notwendigkeit zum Rückzug aus der Stadt, die durch ihre exponierte Lage auf dem westlichen Dnjeprufer nicht mehr zu halten ist. Für diese Misere hatten die Ukrainer in den zurückliegenden Wochen gesorgt. Hierzu hatten sie systematisch die Brücken über den Fluss und damit die Versorgungslinien der Russen zerstört. Militärisch ist der Abzug also vernünftig. Politisch hingegen kommt er einem Offenbarungseid gleich. So ist es gerade einmal einen Monat her, dass Wladimir Putin die Oblast Cherson im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in die Russische Föderation aufnahm. 

Die völkerrechtswidrige Annexion war mit der Äußerung verbunden, Russland werde für immer bleiben und die Menschen würden auf ewig russische Bürger sein. Dass Moskau dieses Versprechen nun offenbar doch nicht einlösen kann, dürfte nicht nur in Russland für Unsicherheit sorgen. Nach 259 Kriegstagen ist Moskau nun auch im Süden der Ukraine in die Verliererstraße eingebogen. Das bedeutet zwar keine Niederlage im Krieg, der durch den bald einsetzenden Winter ohnehin an Dynamik verlieren wird. Der Symbolcharakter des Rückzugs kann jedoch kaum überschätzt werden. 

Daran vermag auch die technische Formulierung Schoigus nichts zu ändern. So ordnete der Minister an, militärische Ausrüstung und Personal aus jenem Teil der Region Cherson abzuziehen, der am rechten Ufer des Dnjepr liegt. Hierzu gab er Surowikin der Befehl: „Fahren Sie mit dem Rückzug der Truppen fort und ergreifen Sie alle Maßnahmen für den sicheren Transfer von Ausrüstung, Waffen und Personal über den Dnjepr.“ 

Politisch dürfte der bereits angeschlagene Schoigu die von ihm selbst verkündete Schmach überleben. Das liegt daran, dass der Minister zwar den Befehl zum Rückzug erteilte, damit aber lediglich auf die Empfehlung Surowikins reagierte. So hatte dieser zuvor eindringlich erklärt, dass es in der aktuellen Lage unmöglich sei, Cherson vollständig zu versorgen, weshalb er ratsam sei, die Verteidigung am östlichen Dnjeprufer fortzusetzen. Surowikin legte Wert auf die Feststellung, dass durch die Maßnahme das Leben zahlreicher Soldaten gerettet werden könne. „Für uns haben das Leben und die Gesundheit der russischen Soldaten immer Priorität. Wir müssen auch die Gefährdung der Zivilbevölkerung berücksichtigen“, ergänzte Schoigu.

Mit ihrem gemeinsamen Auftritt agieren Schoigu und Surowikin nach einem wohl kalkulierten Drehbuch. Indem der Kreml einen als kompromisslosen Hardliner berüchtigten General zum Kommandeur der Truppen in der Ukraine gemacht hat, kann er die Verantwortung für etwaige Rückschläge personalisieren und damit politischen Schaden von Verteidigungsminister Schoigu abwenden. Gleiches gilt für Wladimir Putin, der als Präsident zugleich auch der Oberkommandierender aller Streitkräfte ist und mehr als jeder andere persönlich für den Krieg verantwortlich zeichnet. Inwieweit das Kalkül der Schadensbegrenzung aufgeht, wird sich noch erweisen müssen. 

Die militärischen Konsequenzen aus dem Rückzug stehen demgegenüber schon heute fest. Indem die russischen Truppen auf das Ostufer des Dnjepr zurückweichen, wird die gesamte Region Mykolajiw wieder unter ukrainische Kontrolle geraten. Russland kontrolliert aktuell lediglich 4 Prozent dieser Region, was einer Fläche von 1.000 Quadratkilometer entspricht. Der Vorsitzender der Regionalverwaltung, Witalij Kim, erklärte beunruhigt, die Russen würden immer exakt das Gegenteil dessen tun, was sie sagten. Für Kim ist der Rückzug daher nicht nur Anlass zu Hohn, sondern auch eine mögliche taktische Finte. Die Ukrainer sollen in eine Falle gelockt und in einen Häuserkampf verwickelt werden. Ob diese Einschätzung zutreffend ist, bleibt fraglich.

Tatsächlich tauchten noch vor der Verlautbarung vom 9. November 2022 Berichte auf, wonach die russische Armee verschiedene Brücken in der Region Cherson gesprengt hatte. Ein Abgeordneter des Regionalrats von Cherson namens Sergej Khlan erklärte am selben Tag, die Russen hätten fünf Brücken im rechten Teil der Region zerstört. Nach Ansicht von Khlan haben die russischen Streitkräfte auf diese Weise beschlossen, einen Rückzug vorzubereiten und einen weiteren Vormarsch der ukrainischen Streitkräfte am Ostufer des Dnjepr zu verlangsamen. Die ukrainische und die russische Armee haben die Sprengung der Brücken indes nicht offiziell bestätigt.

Darüber hinaus wurde am 9. November 2022 der Tod von Kyrylo Stremousov öffentlich bekannt. Dabei handelte es sich um den stellvertretenden Leiter der von Moskau eingesetzten Regionalverwaltung. Stremousov hatte sich regelmäßig öffentlich zur Lage in der Region geäußert. Die prorussische Regionalverwaltung teilte mit, Stremousov sei bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Eine Bestätigung durch das regionale Gesundheitsministerium blieb zunächst aus. Wenig später wurde der Tod Stremousovs dann jedoch von Wladimir Saldo, dem Vorgesetzten Stremousovs, eingeräumt. Der Fall Stremousovs ist nebulös. Er zeigt, wie schwierig es ist, belastbare Informationen aus den von Russland besetzten Gebieten zu beziehen.

Wie erwähnt, ist Cherson die einzige ukrainische Großstadt, welche die russische Armee nach Kriegsbeginn hatte in Besitz nehmen können. Bereits am 2. März 2022 waren von der Krim stammende Truppen ins Stadtzentrum eingedrungen. Die ukrainische Verwaltung musste damals fluchtartig zurückweichen; die Geschwindigkeit des russischen Vordringens hatte man nicht erwartet. Zahlreiche Bürger haben sich deswegen im Stich gelassen gefühlt. Die übereilte Flucht der politisch Verantwortlichen vermittelte den Eindruck von Feigheit und mangelndem Pflichtbewusstsein. Russland wiederum nahm dieses Verhalten zum Anlass, um sich als einzig legitime Schutzmacht der Bewohner Chersons zu inszenieren. Inwieweit diese Erzählung tatsächlich verfing, ist fraglich. Fest steht lediglich, dass nun die Russen auf dem Rückzug sind. Das Blatt hat sich gewendet, der Jäger ist zum Gejagten geworden.

Der politische Druck, der seit dem 9. November 2022 auf dem Kreml lastet, ergibt sich nachgerade aus folgender Implikation. Immer wieder hatten die von Moskau eingesetzten Beamten verkündet, dass man die Stadt niemals mehr an die Ukraine zurückgeben werde. In dieser Weise hatte sich vor allem Andrej Turtschak in seiner Funktion als Sekretär des Generalrats von Putins Partei „Einiges Russland“ geäußert. Im Mai 2022 war Turtschak nach Cherson gekommen und hatte eine vollmundige Ankündigung gemacht. Damals sagte er: „Ich wollte den Einwohnern des Gebiets Cherson noch einmal sagen, dass Russland für immer hier ist. Daran sollte es keinen Zweifel geben.“ 

Dieses Versprechen ist längst zu einer leeren Worthülse geworden. Nicht zufällig bestand Turchaks kleinlaute Reaktion in keiner kritischen Reflexion der militärischen Pleiten, sondern in darin, ein Zitat aus Tolstois Epos Krieg und Frieden zu bemühen. So schrieb Turchak feierlich: „Eine Festung einzunehmen ist nicht schwer, wohl aber einen ganzen Feldzug zu gewinnen.“

Dass der Rekurs auf russische Literatur zu einer dringend benötigten Aufarbeitung oder gar substanziellen Besserung der Lage beitragen wird, darf bezweifelt werden. Umso bedrohlicher wirken aus russischer Sicht die Ankündigungen Kiews. Präsident Selenskij ließ keine Zweifel daran, dass man die Rückeroberung aller besetzten Gebiete vorhabe. In der Oblast Cherson könnte dabei nun ein erstes Etappenziel erreicht werden. Der Schlüssel zum Sieg über die umkämpfte Hauptstadt der Oblast sind einmal mehr die Langstreckenraketensysteme vom Typ HIMARS. 

Mit ihrer Hilfe hatten die Ukrainer aus sicherer Entfernung sowohl Nachschubrouten als auch Brücken zerstört und damit erfolgreich die russische Taktik der Feuerwalze untergraben. Diese hatte darauf basiert, die feindlichen Positionen großflächig mit Artilleriefeuer zu belegen und dann mit Infanterie und gepanzerten Einheiten vorzurücken. Im Donbass war dieses Kalkül im Sommer mehrfach aufgegangen, bis die westlichen Hochleistungs- und Präzisionsartillerie zum Tragen kam. Bis heute hat Russland keine Antwort auf diese Waffen gefunden. Die Versuche, ihrer mithilfe iranischer Drohnen Herr zu werden, sollten zwar nicht unterschätzt werden, haben allerdings lediglich vereinzelt Wirkung erzielt. 

Die Reaktionen aus Moskau auf diese Veränderung der Lage waren zuletzt widersprüchlich. Während Wladimir Putin Anfang Oktober ein Dekret zur Annexion der Region Cherson und aller anderen besetzten ukrainischen Gebiete unterzeichnet hatte, erklärte General Surowikin bereits zwei Wochen später, dass die Lage in Cherson „kompliziert“ sei und dass ähnliche „komplizierte Lösungen“ in Erwägung zu ziehen seien. Gleichzeitig kündigten die von Russland ernannten Behörden der Region Cherson die „Evakuierung“ der Zivilbevölkerung vom westlichen Dnjeprufer an. Das ist mittlerweile drei Wochen her – eine Zeit, in der innerhalb des russischen Generalsstabs offensichtlich militärische Vernunft Einzug gehalten hat.

Was für ein Kalkül sich auch immer hinter dem widersprüchlichen Verhalten von Politik und Militär verbergen mag: Die politischen Folgen des Rückzuges werden in den kommenden Wochen bewältigt werden müssen. Wahrscheinlich ist, dass man im Kreml darauf hofft, Cherson im Frühjahr erneut einzunehmen, um von dort aus in westliche Richtung auf Odessa vorzustoßen. Sollte sich im kommenden Jahr ein solcher Erfolg einstellen, ließe sich der nun beschlossene Rückzug schnell vergessen machen. Falls Russland jedoch auch weiterhin ins Hintertreffen geraten sollte und möglicherweise zusätzlicher Druck auf die Krim entsteht, könnte die Preisgabe Chersons als negativer Wendepunkt in die Geschichte des Kriegsverlaufs im Süden eingehen.

Aber auch die Ukraine steht wegen ihrer ambitionierten Ziele unter Leistungsdruck. Zwar könnte sie mit einer Inbesitznahme von Cherson schon bald die Kontrolle über 23 Prozent der Oblast erlangen. Das ändert aber nichts daran, dass das Gros ihres Territoriums jenseits des östlichen Dnjeprufers liegt. Hier befinden sich auch die wichtigsten Nachschubstützpunkte der russischen Truppen in der Südukraine. Aus militärischer Sicht ist die Lage in diesen Gebieten also deutlich günstiger für die Russen, die hier insgesamt bessere Positionen beziehen und von einer soliden Versorgung profitieren können. Die Errichtung einer neuen Verteidigungslinie entlang des Dnjepr wäre ein elementarer Schritt zur Stabilisierung der Frontlinie. Entscheidend ist, dass es Moskau gelingt, die hierfür notwendigen Truppen heranzuführen. 

Dabei gilt, dass die Verteidigung zwingend von gut ausgebildeten Truppen besorgt werden muss. Die vielfach als Kanonenfutter eingesetzten Reservisten mit ihrer überwiegend schlechten Moral könnten diese Aufgabe sicher nicht zufriedenstellend bewältigten. Andererseits steht Russland während des Winters genug Zeit zur Verfügung, um die mobilisierten Truppen auszubilden und angemessen auszurüsten. Sollte es gelingen, neue stabile Einheiten zu formen, wäre das für die Stabilisierung der Südfront von großer Bedeutung.

Mittlerweile zeichnet sich ab, dass es in diesem Jahr wohl zu keinen nennenswerten Offensivoperationen mehr kommen wird. Die Fronten verhärten sich. Jede Kriegspartei wird sich daher taktisch neu aufstellen und Pläne für den kommenden Frühling schmieden. Aus russischer Sicht wird des darum gehen, durch eine Frühjahrsoffensive die Initiative auf dem Schlachtfeld zurückzugewinnen. Die Ukraine wiederum dürfte darauf hinarbeiten, ein russisches Ausgreifen abzuwehren, um das selbst zum Angriff überzugehen. Mit einer Verhandlungslösung indes scheint keine der beiden Seiten ernsthaft zu planen.

Am Abend des 8. November 2022, also einen Tag, bevor Verteidigungsminister Schoigu und General Surowikin im russischen Staatsfernsehen den Rückzug aus Cherson verkündeten, besuchte Wladimir Putin die Ausstellung „Interaktives Museum unter offenem Himmel“. Zum Gedenken der Verteidigung Moskaus im Dezember 1941 wurden insgesamt 60 Exponate auf dem Roten Platz ausgestellt, darunter Panzer und Kampfflugzeuge. Sichtlich gerührt und doch in Gedanken versunken, lauschte der russische Präsident andächtig einem Soldatenchor, dessen Mitglieder in sowjetischen Weltkriegsuniformen das berühmte Lied „Der Heilige Krieg“ von Alexander Wassiljewitsch Alexandrow und Wassili Iwanowitsch Lebedew-Kumatsch anstimmten. 

Der Text stammt von Juni 1941 und beginnt mit den Worten: „Großes Land, erhebe Dich – steh auf zum Todeskampf – mit der dunklen Faschistenmacht, der verfluchten Horde!“ Den Verlautbarungen Putins der letzten Wochen nach zu urteilen, lässt sich sein Mindset kaum besser beschreiben. Der russische Präsident ist davon überzeugt, in der Ukraine gegen den Faschismus zu kämpfen. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN