Desinformation mit Corona Zahlen

von Diskurs Hamburg

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Seit einem Jahr sehen wir in jeder Nachrichtensendung die „Corona-Zahlen des Tages“. Werden wir dadurch schlauer? Hilft uns das für das Überleben der Pandemie? Ich denke, eher nicht. Manchmal habe ich mich schon gefragt, ob die unklaren Begriffsverwendungen und der geringe Informationsgehalt auf Nachlässigkeit, auf zu hohe Kosten für RKI, ZDF und NDR oder auf eine Staatspädagogik zurückzuführen ist, die uns Angst machen soll, damit wir nicht zu leichtsinnig werden und die massiven Grundrechtseinschränkungen durch die Regierungspolitik eher ertragen.  

Am Anfang gab es viel Unkenntnis und Unsicherheit als Folge einer neuen Situation, so dass das Robert-Koch-Institut mit seinem Präsidenten, dem Veterinärmediziner Prof. Dr. Lothar Wieler, sicher mit Recht einige Nachsicht erwarten konnte. Aber wie steht es mit seinen damaligen Aussagen in den Pressekonferenzen, dass Mund-Nasen-Masken gegen die Viren (für die Träger? für die Mitbürger?) kaum helfen. Die deutschen Fernsehzuschauer, die Bilder zahlreicher Maskenträger aus asiatischen Städten gesehen haben, dürften sich gewundert haben. Lag der Grund darin, dass die Regierungen nicht genügend Masken geordert hatten und sie deshalb für wenig wirksam erklärt haben? Mangelnde Maskenvorräte könnte ich (weil Politiker generell nicht weitsichtig denken oder gar handeln) eher akzeptieren als ein vorsätzliches Belügen der Bevölkerung. Ist Herr Wieler eigentlich Wissenschaftler oder Regierungssprecher?       

Relativ schnell war klar, dass von allen Corona-Infizierten ca 80% ohne nennenswerte Symptome blieben. Nur ca. ein Fünftel erkrankte tatsächlich, einige davon schwer oder lebensbedrohlich.  Das bedeutet, dass die Angabe der täglichen Infektionszahlen eigentlich wertlos ist, da man von einem solchen Wert nicht (anders als der Durchschnitt suggeriert) auf die Gefahr von Erkrankungen, schweren Verläufen und Todesfällen hochrechnen kann, solange die Stichproben für die Öffentlichkeit völlig unkontrollierbar sind und sich nach Alter und Gesundheitszustand gravierend unterscheiden können.

Die TV-Nachrichten kannten auch den zeitlichen Verlauf der „Genesenen“. Das klingt so, als seien das vormals Corona-Kranke, die jetzt wieder gesund sind. Aus der Nähe der Kurve zum „Infektionsverlauf“ kann man jedoch schließen, dass nicht die vorher Erkrankten gemeint sein konnten, sondern vermutlich die vorher Infizierten, was ein gravierender Unterschied ist. Hat man bei den „Genesenen“ durch Tests ermittelt, dass sie jetzt nicht mehr infektiös sind?   

Es stellte sich schon im Frühjahr 2020 heraus, dass Corona vor allem ein Problem für alte Menschen und Vorerkrankte ist. Da viele von diesen in Alten- und Pflegeheimen leben, wäre es vergleichsweise einfach und billig gewesen, sie vor Infektionen zu schützen. Auch den in Privatwohnungen lebenden Alten, die nicht über die Hilfe von Verwandten, Freunden oder Nachbarn verfügen, hätte man durch soziale Organisationen etliche Wege zum Supermarkt ersparen können. Tübingen hat es vorgemacht. Die Lockdowns mit ihren dramatischen Folgen für die Lebensqualität und die wirtschaftlichen Existenzen von Millionen von Bürgern hätte man dann wahrscheinlich vermeiden können.

Interessiert hätte mich und vermutlich auch viele andere Leute damals, wie hoch bei den durchgeführten Tests jeweils der Anteil der positiven Ergebnisse war. Die Zahlen selbst lagen den Behörden immer exakt vor, wenngleich für weiterreichende Folgerungen die gleichen Stichproben-Unsicherheiten bestehen, wenn primär Leute mit Symptomen getestet werden. Ich habe von Positivwerten zwischen 0,2% und 10% gelesen, ohne die Stichproben auch nur annähernd beurteilen zu können. In den Nachrichten von ARD und ZDF und anderen Massenmedien habe ich solche Werte nie erfahren. Waren sie so niedrig, dass die Bevölkerung sich womöglich in Sicherheit wiegt?

Die entscheidende Frage ist, wie groß die Zahl der Mitbürger ist, die nicht getestet, aber dennoch infektiös sind. Diese wissen das in der Regel selbst nicht, so dass die Gefahr groß ist, dass sie nichtsahnend andere anstecken. Das kann man zwar nicht direkt messen, eventuell aber durch Testen repräsentativer Stichproben abschätzen. Von denen, die das von sich wissen oder durch Kenntnis von Kontakten vermuten könnten und dennoch nicht in häusliche Quarantäne gehen, sondern ins Fitness-Studio oder zu großen Hochzeiten, will ich lieber gar nicht reden.

Klar ist, dass die Zahl der festgestellten Infektionen umso größer ist, je mehr Tests durchgeführt werden. Das heisst, die Inzidenz, also die Zahl der festgestellten Infektionen in 7 Tagen pro 100.000 Einwohner, steigt, ohne dass sich an der realen Pandemielage irgendetwas geändert hätte. Das galt von Anfang an und gilt vor allem heute wieder, da durch Schnelltests die Zahl der Getesteten stark zunimmt. Letzteres ist uneingeschränkt positiv zu beurteilen. Allerdings muss der daraus resultierende Inzidenzwert anders bewertet werden als zur Zeit weniger Tests.

Wenn man für eine bestimmte Maßnahme einen Wert von 50 definiert, muß dieser natürlich testungsabhängig interpretiert werden. Vielleicht ist ein solcher epidemiologisch weniger problematisch als ein Wert von 30 bei geringerer Test-Intensität. Ebenso gilt: Je mehr Alte bereits geimpft worden sind, desto weniger rechtfertigt eine solche Inzidenz noch die gleichen Shutdown-Maßnahmen, die vorher beim gleichen Wert für nötig gehalten wurden.  

Die Festsetzung der Inzidenz als Maß für die Gefahrenlage, die wir nicht nur jeden Tag in den TV-Nachrichten übermittelt bekommen, sondern die auch weitreichende Eingriffe in  die Freiheit und die wirtschaftliche Lage von Millionen von Menschen begründen soll, hat schon vom Ansatz her gravierende methodische Mängel. Es ist kein medizinisch objektiv begründbarer Wert, sondern eine ziemlich willkürliche politische Setzung.

Ein Wert z.B. von 50 wurde ursprünglich mit der Aussage begründet, dass die Gesundheitsämter einer Region mehr als 50 wöchentliche Infektionsfälle pro 100.000 Einwohner nicht nachverfolgen könnten, ihre diesbezüglichen Kapazitäten also nicht ausreichen. Dies ist ganz offensichtlich in den verschiedenen Regionen und Gesundheitsämtern sehr unterschiedlich, so dass ein Pauschalwert für ganz Deutschland und für ganze Flächenländer, der städtische und ländliche Gebiete sowie Grenzregionen einschließt, apriori untauglich ist. Aber für alle gilt, dass die Nachverfolgungskapazität deutlich gesteigert werden könnte, wenn man zusätzliche Studenten, Soldaten oder andere Personen mit dieser Aufgabe betrauen würde. Am Geld kann es nicht liegen, denn selbst bei hohen Stundenlöhnen wäre der materielle Nutzen immer noch weit höher als die Kosten je sein könnten. Oder ist wieder einmal die deutsche Bürokratie und Politik im Weg? Oder die mangelnde Digitalisierung? Oder inkompatible Software?

Nach einiger Zeit sind die medialen Meldungen der 7-Tage-Hunderttausender-Inzidenz implizit von ihrer vormaligen Bedeutung gelöst worden und zu einem schlichten Politik-Maß für die Strenge (oder den autoritären Charakter) der Regierung geworden. Dies ist besonders unverständlich, wenn die Regierung das Zielmaß beliebig von 100 auf 50 auf 35 verschieben kann. Viele Bürger sind der Meinung „Kurz bevor wir 35 erreichen, setzt Merkel die Meßlatte auf 20“.

Die Herabsetzung ist besonders befremdlich, da es zu einer Zeit erfolgte, als durch die Impfungen der vulnerablen Gruppen, also insbesondere der Alten, diese bereits überwiegend immun waren. Damit ändert sich die quantitative Relation von Infektionsfällen, die gemessen werden, zu den schweren Erkrankungen, auf die es letztlich ankommt, dramatisch.  

Der wichtigste Punkt: Die Nachverfolgung macht man ja deshalb, um die Kontaktpersonen jedes Infizierten testen und gegebenenfalls zur Quarantäne auffordern zu können, um Sekundär-Infektionen zu verhindern oder mindestens zu reduzieren. Je besser dies gelingt, desto weniger Infektionen müssen später nachverfolgt werden, so dass die Nachverfolgungs-Teams dann eine größere Erfassungsrate haben. Dies ist vor allem eine Frage der Geschwindigkeit. Je schneller die Kontaktpersonen identifiziert werden, desto weniger Sekundär-Infektionen werden stattfinden.

Diesbezüglich ist selbst eine gute telefonische Nachverfolgung allenfalls eine zweitbeste Lösung. Digitale Verfahren werden immer die schnelleren und besseren Möglichkeiten bieten. Der selbsterklärte Hightech-Staat Deutschland hat umständlich lange gebraucht, bis eine Corona-Warn-App verfügbar war. Dennoch ist es wegen der deutschen Datenschutzhysterie nur eine sehr teure Lachnummer geworden.

In letzter Zeit sind mehrere Nachverfolgungs-Apps (z.B. Luca) von kleinen Firmen programmiert worden, die auf die Praxis-Einführung warten, weil dazu der Staat (Gesundheitsämter) erforderlich ist. Warum waren diese nicht schon im letzten Sommer im Einsatz? Wenn man materielle Anreize gegeben hätte, wären die schon damals programmiert worden. Ohne den deutschen Datenschutz-Absolutismus hätten wir vermutlich noch weit bessere Tools zur Verfügung. Aber Datenschutz ist in Deutschland offenbar wichtiger als die Grundrechte der Verfassung und Millionen wirtschaftlicher Existenzen.  

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN