Deutschland am Ende?

von Diskurs Hamburg

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Unser Land ist zerrissen zwischen Extremen, auf der Suche nach einer neuen Identität und einem neuen Selbstverständnis. Zerrissen zwischen dem Wunsch, aus der Geschichte gelernt zu haben und dem gravierenden Unwissen über die Selbige. Die Gesellschaft scheint aktuell unfähig, einen Diskurs, einen Streit, ja einfach nur ein Gespräch zu führen, ohne die andere Seite schnell zum Gegner, ja zum Feind zu erklären und diesen mit allen Mitteln zu bekämpfen. Es geht nicht mehr um sachliche Auseinandersetzungen, um den Austausch von Argumenten: die Gegenseite wird niedergeschrien, verbal und körperlich angegriffen, mundtot gemacht und ausgegrenzt. Jede Seite nimmt für sich in Anspruch, den Stein der Weisen gefunden zu haben und den einzigen Anspruch auf Wissen, Kompetenz und Vernunft zu haben. 

Gravierende Probleme im Lande werden von beiden Seiten – den extremen Rechten wie den extremen Linken – je nach Bedarf ausgeblendet oder aufgebauscht. Eine sachliche Debatte scheint unmöglich geworden zu sein, wobei nicht mehr das bessere Argument zählt, sondern viel mehr, wer was gesagt hat, sagen darf, sagen soll. Eine gesellschaftliche Mitte scheint nicht mehr zu existieren, denn jeder wird sofort in ein Lager geschoben und damit mundtot gemacht. Die Menschen haben verlernt, miteinander zu reden und vor allem: einander zuzuhören. Niemand muss seine Thesen mehr in Frage stellen, reicht es doch, den anderen einfach als Nazi oder links-grün-versifften zu titulieren und sich lautstark zu echauffieren.

Teile und herrsche. So alt wie banal diese Weisheit ist, so sehr scheint sie in diesem zerrissenen Land tagtäglich an der Tagesordnung zu sein. Unterschiede zwischen den etablierten Parteien verschwimmen, einstige Positionen und Selbstverständlichkeiten wurden längst abgeräumt und spielen immer weniger eine Rolle in einer Gesellschaft, die zwischen extremen Positionen aufgerieben wird. Die Corona-Krise scheint rückblickend wie ein Katalysator, der viele Probleme des Landes unter einem Brennglas gebündelt und nun buchstäblich zum Brennen gebracht hat. Was noch unter Merkel friedlich vor sich hin dämmerte, kocht nun hoch und über und jeder scheint gegen jeden zu kämpfen. 

Die sich selbst als links verstehenden Gruppierungen aus woken Verfechtern und Rettern von diversen Opfergruppen verachtet die „hart arbeitenden Menschen in diesem Lande“, die zwischen drastisch gestiegenen Lebenshaltungskosten und vielen moralisch-selbstgerechten Beschränkungen leiden, für ihre vermeintlich egoistischen Lebensmodelle und sucht sich neue Gruppierungen, die sie mit ihren vermeintlichen Wohltaten beglücken wollen.

Die neue Rechte versteht sich ganz allgemein als den Hort der Vernunft und des gesunden Menschenverstandes, sehen sich als Vertreter des schweigenden Volkes, dass ihnen dann für ihre extremen Aussagen dann doch nicht die Stimme geben mag bei den anstehenden Wahlen und isolieren sich dabei zunehmend selbst.

Die gesellschaftliche Mitte scheint in kleinen Zirkeln um Worte und Formulierungen zu ringen, die nicht vereinnahmt werden sollen von den Extremen und kommen damit unter die Mahlsteine der rasant an Fahrt gewinnenden gesellschaftlichen Verwerfungen. Und werden kaum mehr gehört.

Ein Land, dass bis vor kurzem die Existenz des Staates Israel als Staatsräson verteidigte, macht sich nun mit den Terroristen der Hamas gemein und will einen internationalen Haftbefehl gegen den israelischen Staatschef durchsetzen, so dieser in das Land der ehemaligen Täter einreiste. Eine verrückte Gruppe aus angeblich queer-feministischen Vertretern macht sich mit einer Mörderbande gemein und glaubt, damit eine unterdrückte Volksgruppe zu schützen. Und wird dabei von den Professoren ihrer Universität unterstützt.

Junge Party-Gäste aus sogenannten gutsituierten Kreisen grölen zu Pfingsten auf Sylt schreckliche Liedtexte mit und offenbaren damit ein verstörendes Gedankengut in gesellschaftlichen Schichten, welches man sonst eher pauschal den Ostdeutschen oder anderen vermeintlichen Verlierern der Globalisierung zuordnet. 

Der Staat statuiert an einer älteren Rentner-Gang, die sich abstrusen Verschwörungstheorien hingibt, ein Exempel und läßt gleichzeitig zu, dass in Hamburg Vertreter des Islams das Kalifat ausrufen wollen. Die Regierung ist dünnhäutig bei Majestätsbeleidigungen durch allerlei Spötteleien des von ihnen arg gebeutelten Plebs und erlässt neue Gesetze, die manche Diktaturen neidisch werden lässt.

Die Regierung wird mehrfach beim Belügen des Volkes und des Bundestages erwischt und muß trotzdem keinerlei Konsequenzen befürchten. Die Medien sekundieren artigst ebenso wie Verfassungsschutz oder Judikative, wobei die unterschiedlichsten Maßstäbe je nach Person und Hintergrund darüber entscheiden, wie alles einzuordnen ist.

Die Chef-Ermittlerin im Cum-Ex-Skandal wirft das Handtuch entsetzt über die Ungeheuerlichkeit, diesen Skandal aufklären zu können und in dessen Zentrum der amtierende Bundeskanzler Scholz steht. Im Rechtsstaat Deutschland.

Parallel feiert man 75 Jahre Deutsches Grundgesetz, wobei insbesondere Artikel 1 oft aus den Augen verloren geht. Man gibt sogar unserer Nationalhymne anlässlich der Feierlichkeiten einen neuen Text, der zwischen Dümmlichkeit und Naivität changiert.

Unser Land ist außer Rand und Band!

Ein Land, dass seine Geschichte nicht kennt, kann seine Zukunft nicht gestalten. Ein Land, dessen Gesellschaft seine Werte vergisst, treibt in ungewisse Fahrwasser. Ein Land, das den Diskurs aufgegeben hat, treibt ins Extreme. Wir sind mittendrin. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN