Eindrücke eines Wossis zur aktuellen politischen Lage – Tinnitus

von Diskurs Hamburg

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Die AfD fliegt von Erfolg zu Erfolg und die Umfragewerte steigen nahezu jeden Tag um einen halben Prozentpunkt. Ratlos blickt das politische und mediale Berlin insbesondere nach Sonneberg oder Ranguhn, also in den vielgescholtenen Osten, der voller grenzdebiler und unbelehrbarer rechter Deppen ist, die angeblich die Demokratie verachten und die guten Gaben insbesondere der Ampel- Regierung so gar nicht honorieren. Undankbares Volk!

Die Verfasserin dieser Zeilen ist in Ostdeutschland geboren und aufgewachsen. Zwar lebe ich seit mehr als 30 Jahren in Hamburg (was mich zu einem Wossi gemacht hat), aber ein bisschen verstehe ich die ostdeutsche Seele schon noch, um aus meiner Perspektive ein paar Gedanken zu formulieren, die den Erfolg der AfD zumindest in Teilen erklären kann. 

Nun gehöre ich ausgerechnet zu den Mitbegründern ebenjener Partei, die nun so erfolgreich ist. Mein damaliges politisches Engagement gegen die verfehlte Eurorettungspolitik machte mich recht schnell zu einem „Rechtspopulisten“, einem „Nazi“ und „Faschisten“, was mich damals einigermaßen schockiert zurückließ, da ich ja nur ökonomische Ideen formulierte, die sich auf meinen Lebens- und Berufserfahrungen gründeten. Erst später verstand ich, dass Politik und Medien dies lediglich zur Stigmatisierung Andersdenkender benutzten. Es erinnerte mich bitter daran, dass man mich als 18-jährige in er DDR als Konter-Revolutionärin beschimpfte, weil ich auf den Straßen meiner Heimatstadt Halle und meines Studienortes Magdeburg an den Montags-Demos teilnahm. An Demos teilnehmen, Parteien gründen….hört sich für mich nach einem grundlegend soliden Demokratie-Verständnis an. 

Gleichwohl verließ ich 2015 die AfD mit Lucke, Henkel und mehr als 6000 weiteren Mitgliedern, die sich nicht mit den Ideen von Björn Höcke gemein machen wollten. Ich erzähle dies, weil ich deutlich machen möchte, dass ich mich schon immer demokratisch eingemischt habe. 1989 in Ostdeutschland und später dann auch im vereinten Deutschland. In beiden Staaten erlebte ich deshalb böse Kritik, soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung. In beiden Staaten wurde ich beschimpft und als Feind betrachtet. Was sagt dies über mich aus, die ich mich für einen netten, freundlichen und liberalen Menschen halte, der sein Leben eigentlich nur nach seiner Façon leben möchte? So wie alle Ossis wohl auch?

Und da sind wir bei der Beschimpfung insbesondere der Ostdeutschen. Dieses Land möchte sich doch immer so gern an die Geschichte erinnern und allen Anfängen erwehren. Nun, die meisten Ossis haben wohl seit ein paar Jahren einen Tinnitus von Rügen bis nach Radebeul!  Das haben wir doch schon mal alles mal gehört! Die Antifa kämpft angeblich gegen Faschisten (mit faschistischen Methoden), dabei haben die DDR-Bürger doch hinter dem Antifaschistischen Schutzwall (offizielle Bezeichnung der Mauer) ihr tristes Dasein im real existierenden Sozialismus gefristet. Die Faschisten, die Kriegstreiber, die bösen Kapitalisten, das waren die Wessis! Die reichen Töchter aus Blankenese wie Luisa Neubaur ebenso wie Franz Josef Strauß, den man im Osten reaktionär nannte. Ist also gar nicht so lang her, dass man uns mit Moral in unsere Schranken verwies. Wir kennen auch eine Einheitspartei oder Einheitsfront, in der sich die vermeintlich Guten darin übertrafen, uns zu erzählen, was gut und richtig für uns ist. Für ein höheres Ziel sollten wir verzichten, damit der Sozialismus siegen kann. Wohnungstausche wurden organisiert, damit der Wohnungsmangel beherrschbar gemacht werden sollte. Nicht mal im Wording unterscheidet man sich noch.

Abends erklärte uns die „Aktuelle Kamera“, was wir denken sollten und ordnete für uns weltpolitisches Geschehen ein. Danach kam der „Schwarze Kanal“ von Karl-Eduard von Schnitz…(ein Witz aus dem Osten, denn angeblich hörte niemand die Vollendung des Namens Schnitzler, da bis dahin jeder das Programm abgeschaltet oder Richtung Westfernsehen geändert hatte). Gute Propaganda erkennen wir Ossis noch im Schlaf. Und das ist der Sound der aktuellen Zeit und der Politik und Medien: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Und wer keine Grüne Transformation will, der ist halt Nazi. Zack! So hat man schon immer Diskussionen unterbunden. 

Die gefühlte und erlebte Einengung des Meinungskorridors, die Zensur, das Lügen durch Weglassen, die gewalttätige Änderung der Sprache – altbekannte Muster der Sozialisten. Ihnen ist immanent, den Menschen umerziehen zu wollen, damit er so funktioniert, wie es das neue Gesellschaftssystem vorsieht. Das widerspricht dem Liberalen ebenso wie dem Konservativen, der intrinsisch tolerant ist, einen jeden so leben zu lassen, wie er es mag. Die Einordnung der Linken als progressiv ist deshalb aus meiner Perspektive grundlegend falsch: ich vermag nicht zu erkennen, was fortschrittlich daran sein soll, ein bereits grundlegend und in allen Ländern, die den Sozialismus eingeführt haben – von Venezuela bis Vietnam – gescheitertes System nun neu implementieren zu wollen. Dieses System wird niemals funktionieren, da es gegen alle menschlichen Instinkte und Verhalten angeht. Es ist rückwärtsgewandt und blendet dabei die Millionen Opfer und Menschenleben aus, die diese Ideologie gefordert hat.

Und jetzt sitzen wir alle in der ersten Reihe und genießen die täglichen Belehrungen in der Tagesschau. Markus (Schnitzler) Lanz versucht, Hubert Aiwanger Worte in den Mund zu legen, die dieser so nicht gesagt hat, während er Robert Habeck freundlich assistiert und souffliert. Tinnitus! Ein SPD-Verfassungschef aus Thüringen, seines Zeichen Soziologe, unterstellt der deutschen Bevölkerung einen braunen Bodensatz von 20 %. Und dabei dachte ich nach einem denkwürdigen Interview mit Bernd Lucke vor vielen Jahren, dass „Bodensatz“ in Bezug auf Bevölkerung Nazi-Sprech ist. War damals so. Kommt wohl immer darauf an, wer etwas sagt. Und im Links-regierten Thüringen, (wo doch längst nach der Rückgängigmachung einer demokratischen Wahl Neuwahlen hätten stattfinden sollen), wo bis vor kurzem noch Abgeordnete im Landtag saßen, die schon in der DDR in der SED politisch aktiv waren, schlägt der CDU-Mann Möhring eine Koalition mit den Linken, also der Täter-Partei vor, um die AfD zu verhindern. Was glauben Sie, wie sowas in Erfurt wohl so ankommt, wo fleißige Thüringer Menschen in den letzten 30 Jahren Unternehmen aufgebaut haben, nachdem die Linken dort jedes Bürger- und Unternehmertum auf lange Zeit zerstört hatten? 

Notdürftig bemäntelt man politische und gesellschaftliche Maßnahmen damit, angeblich der Wissenschaft zu folgen. Dabei agiert man anti-aufklärerisch, denn man muß Wissenschaftler mit nicht opportunen Meinungen gezielt ausgrenzen und mundtot machen, damit das eigene Weltbild keine Risse bekommt und das Licht der Wahrheit durchscheint. Früher verließen die Menschen, die sich dieser Gängelungen, dieser tumben Bevormundung, diesen Einmischungen bis in das Privateste hinein unter großer Gefahr ihr Land, um im freien Westen leben zu dürfen und hier das Leben selbstbestimmt zu gestalten. Und nun erleben wir, wie der Westen seine Freiheit freiwillig aufgibt, da er ihren Wert nicht erkennt.

Ich war schon lange nicht mehr in den immer noch sogenannten neuen Ländern, weil meine gesamte Familie Teil des Braindrains der frühen 1990iger ist. Man lebt in Stuttgart, Hamburg oder Australien. Jedoch meine ich zu verstehen, dass die Menschen in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern nicht als undemokratisch angesehen werden wollen, nachdem sie sich im Gegensatz zu den Westdeutschen mutig ihre Freiheit erkämpft haben. Sie wollen Ihre Freiheit nicht wieder eintauschen gegen Planwirtschaft, Ideologie, Unfreiheit, Bevormundung, Umweltverschmutzung usw. Sie wissen, dass Kathrin Göhring-Eckardt in der DDR die Küchenhilfe geblieben wäre, die sie in den frühen 1990igern, bevor sie in den Bundestag gewählt wurde, nun mal war. Sie wollen sich von Ricarda Lang nicht erklären lassen, wie sie sich ernähren sollen, von Robert Habeck nicht die Wirtschaft, von Annalena nicht die Diplomatie und Markus Söder ist einfach nur ein Wendehals. Und Scholz? Hab ich vergessen! 

Die angeblichen Vertreter der demokratischen Parteien treten die Demokratie und den Parlamentarismus mit Füßen, indem sie Gesetze durch den Bundestag peitschen wollen und nur das Bundesverfassungsgericht ihrem undemokratischen Verhalten die Grenze aufzeigt. Diese belehren uns alle über Demokratie! Eine Farce!

Teile und herrsche. Ein so alter wie zutreffender Satz. Indem man die Ossis bezichtigt, doof zu sein, können sich die Wessis erhaben und klug fühlen. Solange sie nicht das gleiche wie eben Selbige tun. Dann sind sie nämlich leider auch raus. Aus dem demokratischen Diskurs. 

Entschuldigen Sie meine schnodderigen Zeilen. Es langweilt mich nur mittlerweile. Denn Gott-sei-Dank verfängt es bei immer weniger Menschen. Immer mehr sagen offen, dass sie sich für die einzig erkenntliche Opposition entscheiden, wenn es zum Schwure kommt. Denn die CDU kann nur antäuschen, liegt sie doch längst in einigen Bundesländern mit den Grünen im Bett. Trägt sie doch die Verantwortung für den Zustand unseres Landes, der durch die Ampel jetzt nur einfach rasant und vollständig vor die Wand gefahren wird. Und schließt sie eine Koalition mit den Grünen nicht ebenso vehement aus wie mit der AfD.

Die Ossis haben aus ihrer Geschichte gelernt. Sie haben schon einmal erlebt, dass man alles verlieren kann. Sogar das eigene Land kann einem abhandenkommen, ohne dass man den Ort wechselt. Es gibt niemanden anderen, keine andere Partei, die ihrem Unwohlsein mit der jetzigen Politik eine Stimme verleiht. 

Der Aufschwung der AfD ist deshalb also unmittelbar auf das gesamtgesellschaftliche Versagen zurückzuführen, sich gegen die aktuelle Politik zur Wehr zu setzen. Erst wenn CDU und FDP begreifen, dass sie sich nicht länger dem links-grünen Zeitgeist andienen dürfen, um für weite Wählerkreise – ob in Ost, Süd, Nord oder West – wieder attraktiv zu werden, erst dann werden sie wieder wählbar werden und Mehrheiten ohne die AfD erringen.

Ich habe 1989 erlebt, dass es weniger mutiger Menschen bedarf, um etwas zum Besseren zu verändern. Keine 10 % der DDR – Bevölkerung war damals auf den Straßen. Sie sprachen jedoch sehr viel mehr Menschen aus dem Herzen. Deshalb bleibe ich optimistisch, dass wir alles zum Guten wenden können. Die aktuelle Stimmung im Land scheint mir recht zu geben. 

Auf die Freiheit!

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN