Moskau entgleitet Kontrolle über Oblast Belgorod – der Fall Schebekino

von Diskurs Hamburg

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Nach dem Einfall bewaffneter Einheiten in die Oblast Belgorod ist die Region erneut ins Fadenkreuz ukrainischer Angriffe geraten. Massiver Artilleriebeschuss hat Tausende in die Flucht getrieben. Über den Versuch Kiews, einen neuen Kriegsschauplatz in Russland zu eröffnen:   

Schebekino ist eine gewöhnliche Kleinstadt im Westen Russlands. Bis vor wenigen Tagen hatte man im Ausland noch nie von ihr gehört. Das hat sich nun geändert. Durch ihre Nähe zur ukrainischen Grenze ist Schebekino nun in den Fokus geraten. Es ist mithin der Ort, an dem die Ukraine in Russland erstmals mit voller Wucht zugeschlagen hat.

Seit dem 31. Mai 2023 hat das ukrainische Militär Schebekino unablässig beschossen. Immer wieder schlugen Raketen und Granaten ein. Neben dem Gebäude der Stadtverwaltung standen auch zahlreiche Wohnhäuser in Flammen. Zahlreiche Straßen wurden schwer beschädigt. Die im Netz kursierenden Aufnahmen lassen keinen Zweifel. Die Oblast Belgorod wird zunehmend in den Krieg hineingezogen. 

Der forcierte Artilleriebeschuss ist jedoch nicht das einzige Mittel, dessen sich Kiew in der Region bedient. Auch Bodentruppen sollen die Verteidiger in Schach halten. So entbrannten am 1. Juni heftige Kämpfe am nahegelegenen Grenzübergang. Dieser liegt nur sechs Kilometer von Schebekino entfernt. Die lokalen Behörden hatten Schwierigkeiten, der Lage Herr zu werden. Nicht zufällig also haben sie einen beträchtlichen Teil der 40.000 Einwohner Schebekinos evakuiert. Die Flüchtlinge sind vor allem Frauen und Kinder.

Als politisch Verantwortlicher hatte Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow zunächst versucht, die Lage herunterzuspielen. So sei es lediglich zu Angriffen auf zwei Industrieunternehmen mit vier Verletzten gekommen. Zwei Tage später räumte der Politiker jedoch ein, dass sich die Lage in der Stadt verschlimmert und die Behörden sogar mit der Evakuierung von Kindern begonnen hätten. Gladkow zufolge wurde Schebekino in der Nacht zum 31. Mai von einem „massiven Schlag“ getroffen.

Gemeint ist der bislang größte Artillerieangriff auf russisches Gebiet seit Kriegsbeginn. Obwohl unklar ist, wie viele Menschen dabei zu Schaden gekommen sind, lässt sich mit Gewissheit sagen, dass zahlreiche Gebäude beschädigt oder zerstört wurden. Unter ihnen befinden sich Wohnhäuser und Schulen. In Nacht zum 2. Juni hat die ukrainische Artillerie die Stadt erneut unter Feuer genommen. Und dabei bis zum Morgen drei Angriffe vorgetragen. Erneut wurden Menschen verletzt und Häuser beschädigt. Schebekino war zu einer Geisterstadt geworden.

Für den Kreml erweisen sich die ukrainischen Angriffe als zweischneidiges Schwert. Einerseits eignen sich die Aufnahmen brennender Häuser, um die Bevölkerung für den Krieg zu begeistern. Andererseits sind sie der untrügliche Beweis, dass die Regierung ihre Bevölkerung nicht schützen kann. Die Antwort des Kremls lautet daher, Informationen nur in geringen Dosen zu veröffentlichen.

So nimmt nicht wunder, dass zwischen den tatsächlichen Verheerungen und dem, was man in den Medien erfahren kann, ein frappierender Unterschied besteht. Die Filter der Presse sind sehr granular. Mit einigem Geschick gelingt es den Sendeanstalten das folgende Bild aus den Ereignissen zu destillieren: Ukrainische Nationalisten sind in die Oblast Belgorod eingefallen, wo sie friedliche Zivilisten und deren Kinder ermorden. Der Staat hat die Angreifer jedoch zurückgeschlagen und die Täter zur Rechenschaft gezogen.

Trotz aller Bemühungen kann der Kreml die Verbreitung von Zeugenberichten im Netz nicht verhindern. Dazu zählt auch das Video von einem Wohnhaus mit brennendem Dach. Gefilmt von Anwohnern, die die infernale Szenerie schockiert beobachten. Offenbar handelt es sich um ein Gebäude, das sich an der Hauptstraße der Stadt befindet, der Leninstraße. 

Wer Russland kennt, weiß, dass dieser Name in praktisch jedem russischen Ort zum Inventar gehört. Auch in Kursk, dem Verwaltungszentrum der benachbarten gleichnamigen Oblast, bezeichnet er die Zentralstraße.

Im Falle Schebekinos beherbergt die „Uliza Lenina“ das städtische Krankenhaus und den Sitz der Bezirksverwaltung. Wie erwähnt, stand Letzterer lichterloh in Flammen. Aus einem vorbeifahrenden Auto war zu sehen, wie das Gebäude ungehindert von ihnen verzehrt wurde. Aufnahmen wie diese offenbaren das ganze Ausmaß der ukrainischen Angriffe. Ein geordnetes Leben ist unter diesen Umständen unmöglich. Die Menschen müssen um ihr Leben fürchten. Und genau das will Kiew erreichen.

Während die die Oblast Belgorod unaufhörlich in den Mahlstrom der Zerstörung gerissen wird, hat sich das Russische Freiwilligenkorps zu Wort gemeldet. Demnach werden seine Kämpfer schon bald die Außenbezirke von Schebekino erreicht haben. Praktisch zeitgleich kündigte die Legion „Freiheit Russlands“ neue Vorstöße ins Feindesland an. In einem kürzlich veröffentlichten Video erklären ihre Kämpfer: 

„Wir, die Legion ‚Freiheit Russlands‘, befinden uns jetzt in der Nähe der Grenze unseres Heimatlandes. Bald schon werden wir erneut auf russisches Gebiet vorstoßen, um Freiheit, Frieden und Ruhe zu bringen. Graiworon ist nur der Anfang […] Wir werden ganz Russland befreien, von Belgorod bis Wladiwostok“. 

Hatte zum Zeitpunkt des ersten Angriffs noch Unklarheit darüber bestanden, aus welcher Kommandogewalt beide Einheiten unterstehen, liegen die Dinge jetzt anders. Mittlerweile hat das ukrainische Verteidigungsministerium erklärt, die Befehlsgewalt innezuhaben. Sämtliche Operationen, die das Freiwilligenkorps und die Legion bislang durchgeführt haben, sind demnach mit Kiew abgestimmt gewesen. Das gilt auch für den Angriff auf die Region Brjansk vom 22. Mai 2023.

Nach dem Beginn der jüngsten Feindseligkeiten hielten sich die ukrainischen Behörden jedoch bedeckt. Am Morgen des 1. Juni 2023 schrieb Ilja Ponomarjow, der sich selbst als politischer Vertreter der Legion bezeichnet, seine Einheit habe eine Polizeistation in Schebekino mit Granaten beschossen. In der Stadt gibt es mehrere Polizeigebäude. Eines von ihnen befindet sich unweit von beschossenen Wohnhäusern in der Swoboda-Straße. 

Wie aber hat Moskau auf all das reagiert? Da das Verteidigungsministerium durch den Erfolg der Gruppe Wagner in Bachmut unter Druck steht, ist wenig überraschend, dass es in diesem Zusammenhang sogleich eine veritable Erfolgsmeldung absetzte. So habe man den Plan ukrainischer Terroristen, auf russisches Staatsgebiet vorzustoßen, erfolgreich vereitelt. 

„Der Grenzschutz des FSB hat den neuen Versuch Kiews unterbunden, einen Terrorakt gegen Zivilisten in der Stadt Schebekino in der Region Belgorod zu verüben. […] Es gab keine Verletzungen der Staatsgrenze“, hieß es in einer offiziösen Verlautbarung.

In einer ausführlicheren Version, die am Abend des 1. Juni 2023 erschien, war dann bereits von 50 getöteten Saboteuren die Rede. Das Ministerium ergänzte, insgesamt drei Versuche, in russisches Staatsgebiet einzudringen, abgewehrt zu haben. Diese hätten sich an beiden Ufern des Flusses Sewerskij Donez ereignet. Das Ziel der Angreifer sei gewesen, in Richtung der Siedlung Nowaja Tawolschanka vorzustoßen. 

Belege für die Vernichtung feindlicher Truppen hat Moskau allerdings nicht vorgelegt. Trotzdem besteht für das Verteidigungsministerium kein Zweifel, dass terroristische Formationen aus der Ukraine hinter dem Angriff stecken.

Einer ministerialen Erklärung zu dem Vorfall ist zu entnehmen: „Durch den selbstlosen Einsatz russischer Soldaten wurden drei Angriffe ukrainischer Terroristenverbände erfolgreich abgewehrt. Im westlichen Militärbezirk führte die Luftwaffe insgesamt 11 Angriffe gegen den Feind durch. Darüber hinaus sind 77 Einsätze von Raketen- und Artilleriekräften sowie zwei Angriffe von schweren Flammenwerfern erfolgt.“

Auch diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Fest steht lediglich, dass in den russischen Medien immer wieder auch vom Einsatz ukrainischer Kampfpanzer sowie motorisierter Infanteriekompanien die Rede war. Aufnahmen hierzu gibt es nicht.

Anders als bei dem Vorstoß in das Gebiet um Graiworon vor einer Woche wurden auf den offiziellen Kanälen des Freiwilligenkorps und der Legion diesmal kaum Videos veröffentlicht. Insofern ist es schwierig festzustellen, wie weit die Einheiten tatsächlich in russisches Hoheitsgebiet vordringen konnten.

Am 1. Juni 2023 waren auf dem offiziellen Kanal des Freiwilligenkorps nur drei Videos zu sehen, die sich nicht geografisch zuordnen ließen. Dies betraf Aufnahmen eines mutmaßlichen Feuergefechts in den Außenbezirken von Schebekino und zwei Videos von Truppentransportern, die sich auf Waldwegen bewegten. In allen Filmen, die am 1. und 2. Juni 2023 veröffentlicht wurden, sind im Gegensatz zu Graiworon zudem nur gepanzerte Fahrzeuge sowjetischer Bauart zu erkennen. 

Aber auch auf dem Kanal der Legion sind neue Videos erschienen. Diese sollen Aufnahmen der Zerstörung russischer Militärausrüstung im Raum Belgorod zeigen. Aufgrund der schlechten Qualität ist es jedoch unmöglich, Details zu erkennen. Das dritte Video enthält militärische Landkarten, die wohl der Planung eines Mörserangriffs dienten.  

Im Gegensatz zu diesen Fragmenten erweisen sich die zahlreichen vorhandenen Zeugenaussagen als weitaus belastbarer. Viele von ihnen sind mittlerweile im russischsprachigen Netz zu finden. Eine davon stammt von Olga Iwanowa, einer Bewohnerin Schebekinos. Nachdem es ihr am 1. Juni gelungen war, ins 34 Kilometer entfernte Belgorod zu kommen, beschrieb sie ihre Flucht mit folgenden Worten:  

„Ich habe die Kinder auf einen Haufen gelegt und mich versteckt; es war ein infernales Szenario, wie Bomben über unseren Köpfen. Ab 2:30 Uhr war es so schrecklich, dass wir nicht mehr schlafen konnten. Ich habe immer noch ein paar Beulen am Kopf und große Angst um meine kleinen Kinder. Ich rief [bei den Behörden] an und wir kamen hierher. Bis jetzt sagt hier niemand etwas, sie lassen die Leute einfach rein, und ich weiß nicht, wie es weitergeht.“

Die Kämpfe in der Nähe Schebekinos haben während der ersten Junitage noch angedauert. Die Freiheitslegion insistiert, es sei ihr gelungen, russisches Militärgerät zu zerstören. In einer Nachricht auf dem Kanal der Legion werden russische Soldaten zur Aufgabe animiert. In ukrainischer Gefangenschaft werde man sie unter menschlichen Bedingungen halten; auch unterstünden sie dort der Aufsicht von Vertretern des Internationalen Roten Kreuzes.

Wie erwähnt, ist der Kreml bemüht, die Geschehnisse in der Region Belgorod unter den Tisch fallen zu lassen. So verkündete Dmitrij Peskow am Morgen geflissentlich, dass Putin ständig Berichte vom Verteidigungsministerium, dem Grenzdienst, dem FSB, dem Ministerium für Katastrophenschutz und den regionalen Behörden erhalte. 

Zum Verwirrspiel des Kremls gehört offenbar auch, dass der Name „Schebekino“ in politischen Talkshows nicht explizit genannt wird. Stattdessen ist mehrfach von „Schebjakino“ oder „Schemjakino“ die Rede gewesen. Dass diese Namen gerade auch von Experten benutzt worden sind, zeigt, dass hier offenbar eine Sprachzensur wirkt.

Unterdessen haben die örtlichen Behörden ihre Bemühungen zur Evakuierung der Bevölkerung verstärkt. Wegen des anhaltenden ukrainischen Beschusses wurde im Stadion von Belgorod, der sog. Belgorod-Arena, ein Zentrum für die vorübergehende Unterbringung eingerichtet. Nach Angaben von Gouverneur Gladkow gab es am Nachmittag des 1. Juni 2023 fast keine Plätze mehr. 

„Das größte Zentrum der Stadt füllt sich allmählich, so dass alle ankommenden Bewohner von Schebekino planmäßig zu freien Unterbringungsorten geschickt werden. Dort werden sie registriert und mit allem versorgt, was sie brauchen“, schrieb der Politiker. 

Wladimir Putin indes hat sich noch nicht zur Lage in der Region Belgorod geäußert. Bis heute ist auf der Website des Kremls keine Stellungnahme erschienen. Am 1. Juni 2023 war lediglich das Dekret Nr. 406 zur Verleihung des Tapferkeitsordens an Wladimir Schdanow, den Leiter des Stadtkreises Schebekino zu finden. 

Am 2. Juni hat dann eine Sitzung mit den permanenten Mitgliedern des föderalen Sicherheitsrates stattgefunden. Auf der Tagesordnung standen jedoch die Beziehungen der 190 Völker der Russischen Föderation. Ein Hinweis zu den Ereignissen in der Oblast Belgorod fehlt jede Spur.

Die obigen Zusammenhänge bilanzierend, lässt sich sagen, dass Kiew offenbar systematisch daran arbeitet, einen dauerhaften Kriegsschauplatz in Russland zu eröffnen. Wie bereits im Falle der Angriffe aus der vorvergangenen Woche ist der militärische Nutzen dieses Plans jedoch äußerst gering. Zwar wäre die Ukraine durchaus in der Lage, größere Operationen in der Oblast Belgorod durchzuführen. Diese würden ihr Kalkül zur Eroberung der besetzten Gebiete aber konterkarieren. 

Ebenso steht zu vermuten, dass Feindseligkeiten gegen die russische Zivilbevölkerung letztlich zu einer Stärkung ihrer sozialen Binnenkohäsion führen werden. Dieser Effekt wird gezielt von den Staatsmedien verstärkt, die nun den schlagenden Beweis dafür ins Feld führen können, dass Russland nicht Aggressor, sondern das eigentliche Opfer eines Angriffes ist. Im Ergebnis wird die Partei der Kriegsbefürworter gestärkt, was wiederum die Stabilisierung der Regierung zur Folge hat.

In Kiew wird man sich dieser Zusammenhänge natürlich bewusst sein; daher liegt die Vermutung nahe, dass die Angriffe in erster Linie dazu dienen, Moskau zur Bereithaltung zusätzlicher Truppen zu zwingen, um etwaige Revolten niederzuschlagen. Das ist mit zusätzlichem Aufwand verbunden und könnte Teile der in der Ostukraine stehenden Truppen binden. 

Obwohl Kiew für die Operationen in der Oblast Belgorod bislang nur äußerst begrenzte Kräfte eingesetzt hat, wird Moskau die von ihnen ausgehende Gefahr sicherlich nicht unterschätzen. Zu gut hat man im Kreml die Erfahrungen der Tschetschenienkriege im Gedächtnis. In der Ebene von Terek und Argun hatte das föderale Militär im Sommer 1996 seine bislang verheerendste Niederlage erlebt. 

Gemeint ist die spektakuläre Eroberung Groznys, die Moskau im August 1996 schließlich an den Verhandlungstisch zwang. Mit nur wenigen Tausend Kämpfern hatten die geschickt agierenden Tschetschenen völlig überraschend den Sieg errungen. Viel entscheidender jedoch waren die daraus resultierenden Folgen.

Nachdem der Funke des bewaffneten Widerstands gegen den Moskowitischen Staat im Nordkaukasus erst einmal entfacht worden war, verwandelte sich die Region in einen permanenten Unruheherd. Dadurch wurde ein günstiger Nährboden für Terrorismus und Kriminalität geschaffen. Für Moskau war das eine Katastrophe. So sollte es nach dem Ende des Ersten Tschetschenienkrieges noch mehrerer Jahre sowie eines neuen Feldzugs bedürfen, bis der militärische Untergrund ausgemerzt werden konnte.  

Eine von Kiew unterstützte Widerstandsbewegung in Westrussland hätte ungleich größere Ressourcen zur Verfügung als die Tschetschenen. Insofern wird Moskau alles in seiner Macht Stehende tun, um eine derartige Bedrohung in der Oblast Belgorod bereits im Keim zu ersticken. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN