Race Realism

von Diskurs Hamburg

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Die[1] Behauptung, dass Rassismus unsere Gesellschaft durchdringe – und nicht nur als individuelle Handlung einzelner Menschen existiere –, ist im Moment allgegenwärtig. Eines der Hauptstützen dieser Auffassung ist die Tatsache, dass bestimmte Minderheiten, etwa die schwarze Bevölkerung in den USA, gemessen an einer Reihe von Indikatoren wie Einkommen, Bildung, Innehaben führender Positionen in Wirtschaft und Regierung, Kriminalität usw. weniger Erfolg im Leben haben als Mitglieder der „weißen“ Mehrheitsgesellschaft. Wenn alle ethnischen Gruppen gleich geschaffen sind – gleich im Sinne von: im Durchschnitt mit den gleichen Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgestattet – dann kann es kaum eine andere vernünftige Erklärung für diese Diskrepanz im Lebenserfolg geben als anhaltenden Rassismus auf allen Ebenen der Gesellschaft. Der geringere Erfolg der Schwarzen in der US-amerikanischen Gesellschaft sowie anderer Minderheiten in anderen westlichen Ländern muss demnach die Schuld der weißen Mehrheit sein, die sie bewusst oder unbewusst diskriminiert und unterdrückt.

Die gleiche Argumentation gilt auf der internationalen Ebene: Wenn alle Gesellschaften die gleichen Fähigkeiten haben, kann die wirtschaftliche, militärische und technische Überlegenheit der westlichen Gesellschaften nur das Ergebnis von bösartigem westlichem Kolonialismus, von Ausbeutung und Unterdrückung sein.

Es ist daher verständlich, dass die rechtschaffen denkenden und fühlenden Eliten der westlichen Länder nach der Natur dieses ihnen offensichtlichen Rassismus forschen. Sie haben Theorien wie die „kritische Rassentheorie“ oder den „strukturellen Rassismus“ entwickelt. Es ist verständlich, dass sie begonnen haben, ihre eigenen Gesellschaften für deren angebliche Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Es ist verständlich, dass die Intensität dieses Kampfes im Laufe der Zeit zugenommen hat, denn trotz aller Versuche, die Situation zu verbessern, wollen die ethnischen Ungleichheiten einfach nicht verschwinden. Die daraus resultierenden politischen Bewegungen sind derzeit die Identitätspolitik und ein Konglomerat von Ideen und Ideologien unter dem Etikett des „Wokismus“.

Was aber, wenn die Grundlage dieser Argumentation, die Behauptung, dass alle ethnischen Gruppen in Bezug auf durchschnittliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Verhaltensneigungen gleich geschaffen wurden, nicht stimmt? Ich habe mich in den letzten Jahren mit dieser Frage beschäftigt[2] und bin mehr und mehr davon überzeugt, dass die ursprüngliche These, dass alle ethnischen Gruppen die gleichen durchschnittlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten aufweisen, nicht stimmt. Es gibt sehr gut begründete Evidenz dafür, dass dies jedenfalls phänotypisch nicht der Fall ist. („Phänotypisch“ bedeutet gemäß den beobachtbaren und testbaren Charakteristiken. Dies im Unterschied zu „genotypisch“, welches sich auf genetisch vererbbare Unterschiede bezieht. Ein phänotypischer Unterschied schließt einen genotypischen Unterschied nicht aus, beweist ihn aber auch nicht.) Nathan Cofnas nennt diese Position „race realism“, also etwa „ethnischen Realismus“.[3] Dies steht im Gegensatz zu dem üblicherweise verwendeten verurteilenden Begriff „Rassismus“ und weist darauf hin, dass diese Position Ergebnis einer auf Fakten beruhenden rationalen Bewertung ist und nicht auf Vorurteilen oder Bosheit beruht.

Zu betonen ist, dass diese Aussage sich niemals auf Einzelne, sondern als statistische Aussage immer auf die ganze Gruppe bezieht. Sie rechtfertigt keine individuelle Diskriminierung. „Da in allen Menschenpopulationen alle Begabungsniveaus vorkommen, [darf] kein Mensch je aufgrund irgendeines Gruppendurchschnitts beurteilt werden, sondern immer nur als Individuum.“[4] Die Verwechslung dieser Ebenen, Individuum und Gruppe, führt nicht nur zu abstrakter intellektueller Verwirrung, sondern zu sehr konkreten Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten. Deshalb noch einmal: Aussagen über Gruppendurchschnitte sind keine Aussagen über Individuen. Um einem weiteren Missverständnis vorzubeugen: Hier wird nicht behauptet, dass es keine Diskriminierungen, Herabsetzungen und Verachtung aufgrund von Gruppenzugehörigkeiten gibt. Die gibt es. Sie reichen von unbeabsichtigt Unbewusstem bis zu bewusst Bösartigem. Sie vertragen sich keinesfalls mit den Idealen westlicher Aufklärung und den ethischen und rechtlichen Grundsätzen westlicher Gesellschaften.

Ein Großteil der Diskussion über mögliche Ungleichheiten dreht sich um die Frage der biometrischen Intelligenz, also der Größe, die durch IQ-Tests gemessen wird. Für die USA stand zunächst im Vordergrund, ob der durchschnittliche IQ der schwarzen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten dem durchschnittlichen IQ der Weißen entspricht und, falls es Unterschiede gibt, ob diese auf Vererbung oder alternativ auf Umweltfaktoren, hier insbesondere auf Diskriminierung, zurückzuführen seien. Die Fragestellung heute ist ausgeweitet auf die Frage, ob die Nationen und Völker der Erde alle über den gleichen durchschnittlichen IQ verfügen.

Die Forschungsergebnisse sind m.E. eindeutig: Es gibt diese Unterschiede. Allerdings werden diese Aussagen auch angezweifelt. Sie sind mit Hilfe diffiziler statistischer Methoden gewonnen. Statistische Laien verstehen diese Methoden oft nicht und irren dann in bezug auf Aussageinhalt und Aussagekraft der Ergebnisse. Aber auch für Fachleute gibt es – wenn auch inzwischen immer weniger – Raum für alternative Interpretationen. Die Folge sind konträre Bewertungen. Manche sind im Bereich des Möglichen, andere fehlerhaft: Für den interessierten politischen Beobachter sind sie nicht einfach auseinander zu halten. Die Situation wird zudem durch die hohe Emotionalität des Themas erschwert, die einer klärenden Diskussion oft nicht zuträglich ist.

Ich möchte hier nur eine Sache vertiefen: Die meisten Menschen mögen denken, dass die Meinung, dass alle ethnischen Gruppen gleich an durchschnittlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten seien, die unschuldige, gutwillige Meinung ist, die keinen Schaden anrichten kann. Wie schlimm kann es sein, von allen das Beste anzunehmen? Wie schlimm kann es sein, davon auszugehen, dass alle ethnischen Gruppen im Durchschnitt die gleichen Eigenschaften hat wie „meine Gruppe“, wie Sie oder ich? Warum sollte man nicht davon ausgehen, dass jede den gleichen durchschnittlichen IQ hat? Wäre das nicht die richtige, die respektvolle Wahl für jeden wohlmeinenden Menschen?

Leider ist diese Gleichheitsthese alles andere als unschuldig und richtet großen Schaden an.

Die Annahme, dass alle ethnischen Gruppen gleich geschaffen sind, hat begonnen, die westlichen Gesellschaften zu zerstören. Eine ganze Generation von Studenten wächst in dem Glauben auf, dass ihre eigene Gesellschaft, ihre eigenen Eltern und Großeltern, nichts anderes als rassistische Unterdrücker waren und sind. Sie werden in dem Glauben erzogen, dass der wirtschaftliche Erfolg der westlichen Länder und der technische, medizinische und rechtliche Fortschritt nichts anderes als das Ergebnis von Unterdrückung und Ausbeutung sind. Dass das Ideal des Fortschritts eine große Lüge ist. Sie werden in dem Glauben an die Sündhaftigkeit der Weißen erzogen. Sie werden in dem Glauben erzogen, dass sie sich selbst und allen Weißen um sie herum misstrauen müssen, wenn sie die Situation verbessern wollen.

Ein erbitterter Kulturkampf ist die Folge. Er hat Familien und Freunde auseinandergerissen. Er ist dabei, die Wissenschaft zu zerstören. Die Wut, die dieser Kulturkampf bei den Gegnern der links-liberalen Seite ausgelöst haben, hat rechte Gegenbewegungen hervorgebracht. In den USA ist es das Phänomen Trump. In Deutschland ist das Ergebnis die Spaltung in Mainstream und geächtete Bewegungen wie die AfD. Einwanderungsfragen und Islamkritik können nicht mehr sachlich-fachlich beprochen werden, sondern sind hochmoralisiert und spalten die Gesellschaft. In jüngster Zeit hat sich ein heftiger Antisemitismus entwickelt, der durch die Lehre vom „Kolonialismus“ in Bezug auf Israel angeheizt wird.

Auch für Israel selbst hat das bedeutende Folgen: Das erfolgreichste Land im Nahen Osten, nicht nur nach wirtschaftlichen, sondern auch nach den politischen Kriterien der europäischen Aufklärung wie Demokratie und Menschenrechten, läuft nun Gefahr, zerstört zu werden. Dies auch aufgrund der Feindschaft der amerikanischen und europäischen Linken. Für diese Linke übertrumpfen die fragwürdigen Behauptungen eines israelischen „Kolonialismus“ alle offensichtlichen Menschenrechtsverletzungen von Israels Gegnern.

In Europa lassen die europäischen Kultureliten derzeit eine unkontrollierte Einwanderung zu. Auch dies wird durch die Theorien von „strukturellem Rassismus“, „Kolonialismus“ und der Überzeugung befeuert, alle Einwanderer seien den indigenen Europäern im wesentlichen gleich und daher relativ leicht integrierbar. Die Selbstverachtung gegenüber der eigenen europäischen Kultur aufgrund der Annahme, der Westen sei sowieso „strukturell rassistisch“, behindert Berichterstattung und Diskussion offensichtlicher Probleme mit einwandernden Kulturen in hohem Maße. Wenn Einwanderungsgruppen dann nicht genauso erfolgreich sind wie die Einheimischen, gemessen an Bildungsabschlüssen, beruflicher Stellung und Einkommen, wird dies als weiterer Beweis für angeblichen „Rassismus“ der indigenen europäischen Gesellschaft genommen. Dies kann zu einer empfindlichen Destabilisierung europäischer Gesellschaften führen.

Dies ist nicht nur für die indigenen Europäer ein Problem. Die Ernährung der derzeit acht Milliarden Menschen hängt von westlicher Technologie ab. Die westliche Technologie wiederum ist abhängig von der westlichen Kultur, ihrer Forschung, ihren Universitäten und einem kontinuierlichen Strom junger, gut ausgebildeter Menschen, die die komplizierte industrielle Maschinerie westlicher Länder am Laufen hält. Wenn die westliche Technologie nicht gepflegt und fortentwickelt wird, laufen Milliarden von Menschen Gefahr, an Hunger oder Unterernährung zu sterben.

Ein anderer Bereich, in dem die Annahme der Gleichheit aller ethnischen Gruppen zu Problemen geführt hat, ist die Entwicklungspolitik. Seit den 1960er Jahren versucht der Westen, den unterentwickelten Nationen zu helfen. Diesem Entwicklungsversuch lag die Annahme zugrunde, dass es den unterentwickelten Ländern hauptsächlich an Kapital, Technik und Bildung fehle. Wenn der Westen nur in der Lage wäre, ihnen diese Dinge zu bringen, würden sie diese nutzen können und wie der Westen gedeihen.

Dieser Ansatz hat sich in Teilen der Welt als Fehlschlag erwiesen. Subsahara-Afrika, Nordafrika und (im großen und ganzen) die islamische Welt waren nicht in der Lage, westliche Technik, westliche Bildung und westliches Wissen zu absorbieren. Sie entwickelten nicht soziale Strukturen für eine erfolgreiche industrielle Entwicklung. Das aus Gründen, die sicher nicht nur mit westlichem „Kolonialismus“ zu tun haben und die mit einer Beendigung „kolonialistischer“ Einstellungen in industriellen Gesellschaften sicher nicht verschwinden. Die Entwicklungspolitik in den immer noch armen Länder des Südens muss sich von der Auffassung lösen, dass diese Gesellschaften im wesentlichen so seien „wie wir, nur zurückgeblieben“, sonst wird sie scheitern.

Um es zusammenzufassen: Der Glaube, dass alle Ethnien und Völker als Gruppen betrachtet gleich geschaffen sind, hat zu großen menschlichen und finanziellen Kosten geführt. Es handelt sich nicht um eine unschuldige Idee, die niemandem schaden kann. Viele Menschen, nicht nur in den westlichen Gesellschaften, zahlen dafür einen hohen Preis.

Deshalb sollten wir uns also für die Möglichkeit öffnen, dass es im wirklichen Leben Unterschiede zwischen durchschnittlichen Eigenschaften von Menschen unterschiedlicher Herkunft gibt. Wir müssen uns daher von der Erwartung lösen, dass alle ethnischen Gruppen der Gesellschaft in gesellschaftlichen Untergruppen oder Funktionen in gleichem Maße vertreten sein müssen.  

Ich betone noch einmal: Das heißt nicht, dass wir individuelle Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit herabsetzen oder auf sie herabschauen dürfen. Dies ist tatsächlich Rassismus, und den gibt es. Wir müssen jeden als Individuum behandeln, aufgrund seiner individuellen Fähigkeiten, Fertigkeiten und seinen menschlichen Eigenschaften. Diesen Respekt schulden wir jedem einzelnen, egal woher er kommt. Aber auch bei Verschwinden jeglichen Rassismus können wir nicht die Einebnung aller Gruppenunterschiede erwarten.

Ausblick: Während die gegenwärtigen phänotypischen IQ-Unterschiede verschiedener Völker und ethnischer Gruppen gut belegt sind, sind längerfristig, also über mehrere Jahrzehnte und/oder Generationen hinweg, Verbesserungen durchaus möglich[5]. Nichtsdestoweniger ist es schädlich, eine Politik zu verfolgen, die so tut, als ob mögliche zukünftige Verhältnisse schon heute existierten.


[1]   © des Artikels bei Wolfgang Schlage, 2024.

[2]   Siehe: Herrnstein, Richard J. und Murray, Charles. The Bell Curve: Intelligence and Class Structure in American Life. New York usw.: Free Press Paperbacks, 1996 (Erstpublikation als Hardcover 1994).

Zimmer, Dieter E. Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2012.

Murray, Charles. Human Diversity: The Biology of Gender, Race and Class. New York, Boston: Twelve, 2020.

Sowell, Thomas. Black Rednecks and White Liberals. New York: Encounter Books, 2005.

Rindermann, Heiner. Cognitive Capitalism: Human Capital and the Wellbeing of Nations. Cambridge: Cambridge University Press, 2018.

Levin, Michael. Why Race Matters: Race Differences and What They Mean. o.O: New Century Foundation, 2005. Wiederveröffentlichung der Originalausgabe o.O: Praeger Publishers, 1997. (Gelesen als E-Buch: Kindle, Amazon, Stand: 30.4.2024).

Murray, Charles. Facing Reality: Two Truths about Race in America. New York, London: Encounter, 2021. (Gelesen als E-Buch: Kindle, Amazon, Stand 5.5.2024).

Nathan Cofnas: Why We Need to Talk about the Right’s Stupidity Problem (2.1.2024), in: Nathan Cofnas’s Newsletter, URL: https://ncofnas.com/p/why-we-need-to-talk-about-the-rights (Stand: 7.5.2024).

Nathan Cofnas: A Guide for the Hereditarian Revolution (5.2.2024), in: Nathan Cofnas’s Newsletter, URL: https://ncofnas.com/p/a-guide-for-the-hereditarian-revolution (Stand: 7.5.2024).

[3] Nathan Cofnas, A Guide… aaO. 

[4] Zimmer, Dieter E., aaO, S. 252.

[5] Eine ausführliche Diskussion findet sich bei Rindermann, a.a.O., S. 414ff.

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