Neue Medien und Demokratie

von Diskurs Hamburg

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Ob und wie die Neuen Medien reguliert und kontrolliert werden müssen, ist eine z.Zt. kontrovers diskutierte Frage. Befürworter führen aus, dass Neue Medien die für eine Demokratie grundlegende Debatte verzerrten und behinderten und etablierte Demokratien gefährdeten.[1] Gegner argumentieren, dass die aus einer Kontrolle resultierende Zensur in höchstem Maße antidemokratisch sei.[2]

Diesen Autor bewegt zusätzlich eine zweite Frage: Hängt die Verschlechterung der Qualität der heutigen Politiker[3] mit dem Aufkommen der Neuen Medien zusammen? Verändern die Neuen Medien die Parameter, die für die Auswahl der Kandidaten für die höchsten Ämter maßgeblich sind? Die bestimmen, ob jemand überhaupt eine politische Karriere anstrebt und sich dann im harten politischen Wettbewerb durchsetzt? Die also bestimmen, welche Art von Politikern dem Wähler überhaupt angeboten werden?

Diesen Fragen soll hier nachgegangen werden. Als Neue Medien werden die durch das Internet ermöglichten Kommunikationskanäle bezeichnet, insbesondere die Sozialen Medien (u.a. Facebook, Twitter/X, Instagram), Nachrichten-Applikationen (WhatsApp, Telegram usw.), und Internet-Nachrichtenportale (etwa Achgut, Tichys Einblick). Die neuen Internetportale der herkömmlichen Medien (wie welt.de, spiegel.de) gehören in weiterem Sinn dazu.

Charakterisierung der Neuen Medien

Welche besonderen Eigenschaften zeichnen die Neuen Medien aus?

Niedrige Kosten. Die Kosten der Neuen Medien sind minimal im Verhältnis zu den herkömmlichen. Kommunikation über die Sozialen Medien kostet praktisch nichts außer der eigenen Zeit und verlangt kaum technischen Kenntnisse.

Kaum Teilnahmevoraussetzungen. In den herkömmlichen Medien gab es durch Verleger und Redaktion eine gewisse Qualitätskontrolle. Die Neuen Medien verlangen dies nicht; auch Unqualifizierte können zu allen Fragen ihre Auffassungen verbreiten.

Interaktionsgeschwindigkeit/Dauerpräsenz. Die Neuen Medien ermöglichen eine bisher ungeahnte Interaktionsgeschwindigkeit: Aussage, Reaktion und Gegenreaktion können im Minutentakt erfolgen. Die Diskussion ist nicht an einen Redaktionsschluss oder ähnliches gebunden; sie kann zu jeder Tages- und Nachtzeit stattfinden.

Vordringen visueller Kommunikation. Die Neuen Medien arbeiten in hohem Maße mit visuellen Botschaften. Kaum ein Artikel ohne Bild; Videokommunikation und Videonachrichten dringen vor.

Neuer Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Der Wettbewerb um das Publikum ist ein anderer geworden. Im traditionellen Abonnentenvertrieb gewann man die Leser mit über längere Frist aufgebauten Qualitätserwartungen und Vertrauenswürdigkeit. Die Neuen Medien bemühen sich um die Erzeugung eines kurzfristigen Neugier-Impulses, der das Publikum zum entscheidenden Mausklick bringt.

Folgen für die Kommunikation

Diese Eigenschaften verändern, wie kommuniziert wird.

Emotionalisierung. Aufmerksamkeitswettbewerb, Wichtigkeit visueller Reize und kurze Reaktionszeiten bewirken hohe Emotionalisierung. Nur wer emotionalisiert, bekommt „Klicks“. In Bildern ersetzt die Assoziation das rationale Argument. Kurze Reaktionszeiten begünstigen impulsive Reaktionen. Freudianisch ausgedrückt: Die Neuen Medien begünstigen das „Es“ gegenüber dem „Ich“, die impulsiven, triebhaften Züge gegenüber der rationalen Instanz.

Verkürzung, Polarisierung. Insbesondere die Sozialen Medien zielen auf kurzzeitige Aufmerksamkeit. Die ausführliche Darlegung eines Problems ist nicht vorgesehen. Die Debatte verkürzt sich auf Schlagworte. Dies begünstigt die Polarisierung auf ein Dafür und ein Dagegen; für differenzierte Mittelpositionen ist wenig Platz.

Falschinformationen. Es war nie so kostengünstig, Falschinformationen in Umlauf zu bringen. Neue technische Möglichkeiten machen zudem gute, kaum als solche erkennbare Fälschungen immer einfacher. Auch Falschinformationen von Unwissenden mit unschuldiger Absicht können sich leicht verbreiten.

Ideologisierung, Radikalisierung. Zur nachhaltigen Teilnahme in den Neuen Medien braucht man zwei Dinge: einen ausreichenden Äußerungsdrang und Zeit. Dies führt zu einem Übergewicht von Radikalen und Ideologen, die über ausreichende Energie und die Bereitschaft verfügen, beträchtliche Zeit aufzuwenden. Der normale Mensch der „bürgerlichen Mitte“ verfügt über beides oft nicht. Radikale und Ideologen neigen dazu, den Ton anzuheizen; das führt zusätzlich dazu, dass die gesellschaftliche Mitte sich zurückzieht. Die Sozialen Medien zeigen ein radikaleres und gespalteneres Bild der Gesellschaft, als es der Wirklichkeit entspricht. 

Fragmentierung. Die neuen Medien ermöglichen immer kleineren Gruppen, nur untereinander zu kommunizieren. Personen anderer Meinung können ausgeschlossen werden, auch durch technische Mechanismen (Blocking). Die gesellschaftliche Kommunikation wird fragmentiert.

Flash Mobs. Die Sozialen Medien ermöglichen die kurzfristige Mobilisierung radikaler Minderheiten zu schnell zusammengerufenen Versammlungen (Flash Mobs). Diese Minderheiten können dadurch eine im Missverhältnis zu ihrer Zahl stehende hohe Aufmerksamkeit erzeugen.

Internationalisierung/internationale Einmischung. Die Neuen Medien sind grenzüberschreitend. Der nationale demokratische Diskurs des Staatvolks unterliegt immer mehr internationaler Einflussnahme, Einmischung und Propaganda.

Medien ersetzen direkte Wirklichkeitswahrnehmung. Die Neuen Medien ersetzen immer mehr die direkte Wirklichkeitswahrnehmung. Das gilt besonders für den politisch-medialen Komplex und  Akademiker, zunehmend aber auch für die breite Öffentlichkeit.

Inhalte und Akteure

Seit Marshall McLuhans Slogan, „The Medium is the Message“, wissen wir, dass Kommuni-kationsmedien nicht neutral gegenüber den Inhalten sind. Das Medium als solches beeinflusst (a) die Zusammensetzung der verbreiteten Inhalte in ihrer Gewichtung, möglicherweise sogar, welche Inhalte überhaupt übermittelt werden können. Es beeinflusst (b) das Wie der Kommunikation und damit, welche Aspekte eines Themas in den Vordergrund oder in den Hintergrund gedrängt werden.[4] Das Medium beeinflusst weiterhin, (c) welche Personen dort am besten zur Geltung kommen. Was bewirken die Neuen Medien?

Inhalte. Die Neuen Medien bevorzugen Inhalte, die sich durch Emotionalisierung und Unterhaltungswert auszeichnen. Kontroversen werden betont, auch solche völlig oberflächlichen Charakters, weil Streit Aufmerksamkeit bringt. Persönliche Attacken, die leicht zu verstehen sind, schlagen schwieriger zu erfassende sachliche Betrachtungen. Tiefer gehende Untersuchungen treten in den Hintergrund. Kurzfristige Aufregung schlägt Nachdenklichkeit, die Zeit braucht.

Personen. Ein (erschreckendes?) Beispiel für die Macht des Mediums ist die erste im Fernsehen übertragene Debatte zwischen US-Präsidentschaftskandidaten im Jahr 1960, nämlich zwischen J.F. Kennedy und Richard Nixon. Viele Amerikaner hatten damals noch kein Fernsehen; sie konnten die Debatte im Radio verfolgen. Anschließende Umfragen ergaben: Die Radiohörer erklärten Nixon zum Gewinner, die Fernsehzuschauer aber mit einer großen Mehrheit Kennedy[5]. (Kennedy wurde dann auch gewählt.)

Die Neuen visuellen Medien belohnen Aussehen und Fähigkeiten in Körpersprache, Blickkontakt und sympathischem „Rüberkommen“. Wahlen gewinnen vermehrt Könner und Beherrscher dieser Techniken. Es ist gut vorstellbar, dass sie Konkurrenten, die für eine verantwortliche Amtsführung fachlich und charakterlich viel geeigneter wären, im politischen Wettbewerb verdrängen. Dies mag ein Grund sein für die von vielen festgestellte Verringerung der Eignung von Politikern für öffentliche Ämter.[6]

Folgen für unsere Demokratie

Demokratie hat als Voraussetzung, dass das Staatsvolk die wichtigen Fragen des Gemeinwesens auf Grund wahrer Informationen untereinander diskutieren kann. Es benötigt dazu einen gemeinsamen Kommunikationsraum oder zumindest die ausreichende Vernetzung verschiedener Kommunikations-Unterräume. Sind die Neuen Medien hierfür geeignet?

Die Neuen Medien sind nicht unproblematisch: (a) Sie führen zu einer Fragmentierung der Kommunikation. (b) Sie verdrängen wichtige sachliche, aber anstrengende und langweilige Themen zu Gunsten des Emotionalen. (c) Der Kampf um Aufmerksamkeit begünstigt Streit gegenüber Konsens. Dies und die Fragmentierung begünstigen, dass sich Debattenteilnehmer nicht mehr als Opponenten, sondern als Feinde wahrnehmen. (d) Sie bringen Politiker mit hohen kommunikativen Fähigkeiten nach oben; dies droht, dass solche mit den nötigen fachlichen und persönlichen Fähigkeiten zur Amtsführung verdrängt werden. (e) Sie vereinfachen die Verbreitung von Falsch-informationen. (f) Sie ermöglichen zunehmend externe Einflussnahme. (g) Demokratie verlangt Wähler mit einem ausreichend tiefen Verständnis der für das Gemeinwesen wichtigen Fragen. Die Neuen Medien vermindern möglicherweise die demokratische Urteilskraft der Wähler, indem sie das Gehirn auf die Schnellverarbeitung emotional-impulsiver Reize trainieren, während sie das Training logisch-rationaler Verarbeitung vernachlässigen.

All dies ist dem Funktionieren der Demokratie abträglich.

Der gesamte kulturelle Westen (Europa, Nordamerika, Australien/Neuseeland) ist von den Neuen Medien betroffen. Dass man in vielen dieser Länder ähnliche Krisensymptome sieht, auch wenn die politischen Systeme sich nicht unbeträchtlich unterscheiden, ist ein Hinweis darauf, dass es die Neuen Medien sind, die zur Krise der Demokratie beitragen.

Was tun?

Eine historische Betrachtung

Gegenwärtig versucht das Establishment, die Neuen Medien durch sich ausweitende Zensurbemühungen zu kontrollieren.[7] Andererseits stellt die Begrenzung von Meinungs- und Redefreiheit eine große, wenn nicht gar die fundamentale Bedrohung für die Demokratie dar.[8]

Vielleicht kann eine historische Betrachtung helfen. Dies ist nicht die erste Krise des gesell-schaftlichen Systems, die mit einer Änderung der Kommunikationsmöglichkeiten einhergeht. Ein Beispiel ist Gutenbergs Buchdruck, erfunden im 15. Jahrhundert. Davor hatte die christliche (katholische) Kirche (fast) ein Monopol auf die Verbreitung von Information in der Gesellschaft, und zwar in hierarchischer Form „von oben nach unten“. Dies entsprach der Gesellschaftsordnung des mittelalterlichen Feudalismus. Der Buchdruck hingegen ermöglichte eine horizontale Kommu-nikation der Gebildeten untereinander, die sich der kirchlichen Kontrolle zunehmend entzog. Ein großer Fortschritt, möchte man meinen.

Ergebnis war aber zunächst eine kaum größer denkbare Destabilisierung aller großen europäischen Gesellschaften, die sich in den Religionskriegen ausdrückte. Es dauerte in Deutschland weit über 100 Jahre nach Luthers Reformation – bis zum Ende des 30-Jährigen Krieges –, bis sich eine neue Ordnung fand; ein harter und langer Lernprozess, bis man Regierungsformen und Umgangsformen innerhalb der Staaten und zwischen den Staaten untereinander so verändert hatte, dass sie mit den neuen Kommunikationsformen vereinbar waren. Die damals neuen Medien trugen dann bei zum historisch einmaligen Aufstieg Europas mit dem Aufblühen von Wissenschaft und Technik und der Entwicklung der europäischen Aufklärung.

Empfehlungen

Entsprechend sind die Vorschläge dieses Autors bezüglich der Neuen Medien: (a) Es ist wichtig, die Probleme, die die Neuen Medien unseren Demokratien aufgeben, klar zu sehen und zu debattieren. Die Neuen Medien stellen in der Tat etliche der bisherigen Gepflogenheiten in Frage und erzeugen Reformbedarf. (b) Eine schnelle Lösung, wie die Politik sie jetzt durch Zensur und Kontrolle versucht, wird nicht funktionieren. Zensur, eingeführt unter dem Vorwand, die Demokratie zu retten, wird sie verschlechtern, wenn nicht gar abschaffen. Zensur ist auf Dauer nicht ohne immer weitere Unterdrückungsmaßnahmen durchzusetzen, die mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht vereinbar sind. Sie erzeugt zudem antistaatliches Ressentiment, das seinerseits die Ordnung destabilisiert. In der Vergangenheit war Zensur zwar nicht unwirksam; sie wird auf Dauer aber immer wieder umgangen werden.

Wir sollten stattdessen Verhalten und Institutionen an die neuen Medien anpassen. Da ist zum erstens der individuelle Umgang damit. Die Bürger werden lernen (müssen), welche Art der Kommunikation in welchem gesellschaftlichen Bereich sinnvoll ist. Im Moment werden künstlerische, religiöse und politische Debatten und deren Debattenformen unkritisch durchmischt. Im (a) Bereich Kunst ist gegen Emotionalisierung nichts einzuwenden, eher im Gegenteil. Bei (b) religiösen Fragen sind Sehnsüchte nach Absolutem, Wunschvorstellungen nach Perfektem und das Streben nach wie auch immer gearteter Erlösung angemessen. Aber im (c) politischen Bereich sind Emotionalisierung und das Streben nach Absolutem zerstörerisch; hier geht es um pragmatische, oft unvollkommene Lösungen. Eine Vermischung der Diskussionsstile dieser Bereiche bringt Schaden für jeden von ihnen. Bürger und Wähler werden das lernen (müssen). Im politischen Bereich sind insbesondere beim Aussenden emotionale Botschaften herunterzuschrauben und solche beim Empfang aus-zublenden.

Zum zweiten sind gesellschaftliche demokratische Verfahren so zu modifizieren, dass sie mit den Neuen Medien vereinbar sind. Zur Verbesserung der Qualität der Politiker ist z.B. das Parteienrecht anzupassen, damit nicht vornehmlich, wie jetzt, Politiker in hoher Zahl in Ämter kommen, die Medienstars, aber nicht seriöse Amtsinhaber darstellen. Anpassungsbedarf gibt es auch bei den öffentlich-rechtlichen (d.h. staatlichen) Medien, die aus der Zeit gefallen sind. Möglicherweise könnte man auch das Wahlrecht anpassen. Kurz: Wir brauchen neue gesellschaftliche Spielregeln, die mit den – und nicht gegen die – Neuen Medien das produzieren, was wir brauchen: auf demokratischer Basis eine vernünftige Politik mit den gesellschaftlich dafür geeignetsten Politikern.


[1]   Siehe Jens Voss. Neue Studie: Gefährden digitale Medien die Demokratie?<https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/12/neue-studie-gefaehrden-digitale-medien-die-demokratie>; Lorenz-Spreen, P., Oswald, L., Lewandowsky, S. et al. A systematic review of worldwide causal and correlational evidence on digital media and democracy. Nat Hum Behav 7, 74–101 (2023) <https://www.nature.com/articles/s41562-022-01460-1>.

[2]   Etwa Manfred Kölsch: Die Meinungsfreiheit stirbt hinter schönen Fassaden <https://www.cicero.de/kultur/-der-digital-services-act-im-licht-der-verfassung>.

[3]   Siehe z.B. Wolfgang Schlage. Eine notwendige Debatte: Wie kann die Qualität der Politiker verbessert werden? Diskurs 45-2, als Internetseite Eine notwendige Debatte: Wie kann die Qualität der Politiker verbessert werden?

Und Diskurs 47-1, Jörn Kruse. „Bessere Politiker“ fordert Wolfgang Schlage. Ja unbedingt, aber wie kann man das erreichen? Einige Reformvorschläge.       

Siehe auch die Website des Autors <www.parteienversagen-parteienreform.de>. 

[4]   Ausführlicher: Neil Postman, Amusing Ourselves to Death, Ausgabe Penguin, o.O: 2006, , S. 3-15 sowie passim. (Ursprüngliches Erscheinungsjahr: 1985. Deutscher Titel: Wir amüsieren uns zu Tode).

[5]   Siehe <https://www.history.com/topics/us-presidents/kennedy-nixon-debates>.

[6]   Siehe z.B. Wolfgang Schlage. Eine notwendige Debatte: Wie kann die Qualität der Politiker verbessert werden? Diskurs 45-2, als Internetseite Eine notwendige Debatte: Wie kann die Qualität der Politiker verbessert werden?

Und Diskurs 47-1, Jörn Kruse. „Bessere Politiker“ fordert Wolfgang Schlage. Ja unbedingt, aber wie kann man das erreichen? Einige Reformvorschläge.      

Siehe auch die Website des Autors <www.parteienversagen-parteienreform.de>.

[7]   In der EU der Digital Services Act (deutsch: Gesetz über digitale Dienste) von 2023/2024; in Deutschland das Digitale-Dienste-Gesetz von 2024, welches das Netzwerkdurchsetzungsgesetz von 2017 weitgehend ablöst. 

[8]   Etwa Manfred Kölsch: Die Meinungsfreiheit stirbt hinter schönen Fassaden <https://www.cicero.de/kultur/-der-digital-services-act-im-licht-der-verfassung>.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN