Korrektes Verhalten im Fußgängerbereich. Die Erfindung der Fairness-Zone

von Diskurs Hamburg

Seit es Menschen gibt, ereignen sich regelmäßig Begegnungen von Vertretern dieser Spezies untereinander. Überwiegend konfliktfrei. Über viele Jahrtausende hinweg hat der homo sapiens versucht, seinem klangvollen Namen wirklich gerecht zu werden. Er war dem Ziel schon sehr nahe als ihm die Zivilisation dazwischenkam. Zunächst als Faustrecht der Prärie verharmlost, wurde die Aggressivität gegenüber seinesgleichen sukzessive zu einem Kulturgut weiterentwickelt. Begriffe wie Rücksichtnahme, Höflichkeit oder Bescheidenheit wurden zunehmend nicht mehr verstanden und sind mittlerweile aus dem Sprachgebrauch und damit aus dem Bewußtsein des homo nicht-mehr-ganz-so-sapiens verschwunden.

Der alltägliche Kleinkrieg 

Um den Betrieb einigermaßen unfallfrei aufrecht zu erhalten, sieht man sich von behördlicher Seite gezwungen, praktische Tips auszugeben. Vermittels mühsamer Denkarbeit in den Amtsstuben wurden neuartige Verhaltensweisen entwickelt und dem hilflosen Bürger wärmstens anempfohlen. Beispielsweise wie man es vermeiden kann als Radfahrer mit Fußgängern zu kollidieren. Oder auch umgekehrt, je nach spezifischem Körperbau und individueller Risikobereitschaft. Eine spontane Lösung dieses oft überraschend eintretenden Konfliktfalles ist dem neuzeitlichen Normalmenschen nicht mehr abzuverlangen. Er wütet blindlings drauflos.

Um den U-Bahnhof Hoheluftbrücke herum kreuzen sich trotz ausgeklügelter Planung mehrfach Rad- und Fußwege. An sich ein überschaubares Gefahrenpotential. Man hoffte, der Mensch würde einfach mal aufpassen, notfalls auch Rücksicht nehmen, wenn sein Charakter dies zuläßt. Oder er würde doch wenigstens den Verzicht auf eine konstante Geh- oder Fahrgeschwindigkeit gegenüber einer blutigen Karambolage vorziehen. Es mißlang. Und wenn man seinen Gegenpart schon nicht rammen kann, weil er im letzten Augenblick doch noch entwischt ist, dann will man zumindest verbal gegen ihn in den Krieg ziehen. Wo kommen wir denn hin, wenn man jedem Hanswurst den Vortritt lassen soll? So nicht, Herrschaften! Nicht mit uns!

Staatliche Hilfe wird angedroht

Auf der Internet-Präsentation der Stadt Hamburg wird nun mitgeteilt, daß anläßlich des EU-Projektes GreenSAM (Green Silver Age Mobility) vom 19. Februar bis 9. März 2021 im Rahmen einer Masterarbeit (!) ein Verkehrsversuch durchgeführt wird. Als Untersuchungsgebiete wurden drei Bereiche des Isebek-Grünzugs sowie die Umgebung der U-Bahnstation Hoheluftbrücke ausgewählt. Hier werden mit Bodenmarkierungen sogenannte „Fairness-Zonen“ eingerichtet. Laut amtlicher Verlautbarung soll damit „den Verkehrsteilnehmern verdeutlicht werden, daß in diesem Bereich aufgrund der beengten Platzverhältnisse besondere gegenseitige Rücksichtnahme geboten ist.“ Ja Teufel auch, wer hätte das gedacht! Das Wort Rücksichtnahme näher zu erläutern, hat man leider vergessen.

Was man vor Ort sieht, sind mehrere auf das Pflaster gespritzte quadratmetergroße Schriftzüge: Fairness Zone und ein paar wirre Pfeile. Am ersten Tag noch in leuchtendem Gelb, inzwischen farblich dem Straßenstaub angeglichen. Von alleine wäre ich nie darauf gekommen, was dieser Unsinn soll, ich habe es nur durch Zufall erfahren. Die Pfeile deuten die vorgegebene Laufrichtung der Fußgänger und Radfahrer an, einschließlich einer Symbolik, nach der man links oder rechts abbiegen kann. Wie haben wir das früher nur ohne fremde Hilfe geschafft? Kein Mensch achtet auf diese Bodengemälde, man nimmt sie gelassen hin wie das ubiquitäre Fassadengeschmier.

An den bewußten Stellen komme ich täglich zwei-, dreimal vorbei und kann bisher noch keinen Unterschied im Verhalten der Leute feststellen. Es läßt sich nach wie vor keine besondere Häufung von Rangeleien beobachten, denn schnell gehen oder fahren kann man im Bahnhofsbereich meist ohnehin nicht. Es ist ein anspruchsvoller Slalomparcours um dutzende abgestellte Fahrräder und Elektroroller herum, behindert von einigen Jugendlichen, die für Umweltverbände betteln, und abwechslungsreich gestaltet durch die stets in Mannschaftsstärke anwesende Gruppe nicht seßhafter Würdenträger. Der gesamte Parcours läßt kein forciertes Tempo zu.

Wie immer nur halbherzige Lösungen

Man kann das Ganze als originellen Erziehungsversuch für Erwachsene abtun. „GreenSAM“ fördert nämlich insbesondere Maßnahmen zur Verhaltensänderung älterer Menschen, also die typische Rambo-Generation. Man kann auch die entstehenden Kosten als geringfügig einstufen und innerlich gelassen bleiben. Aber vom Fachamt Management des öffentlichen Raumes werden bereits zwei weitere Eskalationsstufen zur Erprobung angekündigt: Noch mehr Piktogramme und „die Trennung von Fuß- und Radverkehr durch zusätzliche Absperrelemente.“ Ich denke, bei der Gelegenheit könnte man auch die Fuß- und Radwege wieder einmal beherzt aufreißen und wie üblich knapp daneben neu einrichten. Wie wär’s diesmal mit überhöhten Kurven? Das bringt Laune.

Auf der Hamburger Internet-Seite heißt es unter der Rubrik Verkehrsversuche wörtlich: „Sollten die erprobten Lösungen zu einer wesentlichen Reduktion der Konflikte beitragen, werden die Gestaltungselemente auf Basis der Ergebnisse weiter ausgearbeitet. Ziel ist es, diese Elemente in künftigen Planungen zu berücksichtigen, wenn aufgrund beengter Platzverhältnisse die einzelnen Verkehrsteilnehmer nicht ausreichend und konfliktfrei voneinander getrennt werden können.“ Da sage noch einer: Die tun nichts! Aber warum so halbherzig? Ich schlage die große Lösung vor: Eine Brückenkonstruktion. Die Hamburger Entflechtungsbrücke als Markenzeichen der Stadt. Selbstverständlich CO2-neutral und nachhaltig teuer. Ideen, Leute, Ideen sind gefragt!

Das Problem liegt woanders

Der Mangel an Rücksichtnahme ist zweifellos ein Problem unserer Gesellschaft. Aber ob man mit Piktogrammen und Absperrelementen Abhilfe schafft, sei dahingestellt. Ich sehe das Verhalten eher als eine Folge mangelnder Erziehung an. Nicht nur im Elternhaus und in der Schule, gerade die öffentliche Erziehung der Erwachsenen untereinander, das gelegentliche Hinweisen auf Fehlverhalten, selbstverständlich in angemessenem Ton, fällt inzwischen fast völlig aus. Ich kann mich an Zeiten erinnern, als so etwas noch funktionierte. Inzwischen fürchtet man sich vor gewalttätigen Auseinandersetzungen. Im Ergebnis kann der Rüpel tun und lassen was er will, ihm wird die Rüpelei zum Gewohnheitsrecht. Ein langsamer Prozeß, der durch Verbote nicht mehr zu stoppen ist. Vernünftigen Menschen muß man nichts verbieten, bei den anderen hilft es nicht.

Ein Tip zum Spaß haben: Bitten sie einen Radfahrer, der sie gerade auf einem schmalen Bürgersteig von hinten forsch überholen will, mit freundlichen Worten und Gesten vorbei zu fahren. Seien sie einfach nur höflich, seine Verblüffung wird ihn schier vom Rad werfen.

Auf die Masterarbeit zum Thema bin ich gespannt.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN