Die Infektionssaison aus der Sicht eines älteren Herrn. Über das Leben mit der Bundespest

von Diskurs Hamburg

Es wurden schon viele Schilderungen des gestörten, des zerstörten Alltags geschrieben, aber meistens von jüngeren Leuten, kaum von alten. Ich möchte diese Lücke schließen. Woran erkennt man eigentlich, dass man alt ist? Auf das Entstehen von Altersweisheit habe ich vergeblich gewartet, Fehlanzeige, das kann es nicht sein. Altersmilde? – Vergiß es! 

Ob man sich also zu den Alten zählt, muß jeder selber entscheiden. Ich zähle mich mit meinen schlappen 71 dazu, sonst wären meine Betrachtungen nicht authentisch. 

Das gute Staubschutzgesetz 

Auf den Schutz der Alten kommt es an! Wenn ich diesen Satz schon höre – und er wird einem ja täglich mit pathetischer Stimme vorgebetet, dann überkommt mich immer ein leises Angstgefühl. Nicht vor der Krankheit, ach bewahre, sondern davor, dass man die Jüngeren gegen uns ausspielt. Wie lange werden sie das hinnehmen? Ja natürlich sind Alte im Mittel mehr gefährdet als Junge. Aber genauso wie wir nicht ständig über die Straße gebracht werden wollen, so möchten wir nicht für den Rest unserer Zeit als Ikone in ein Museum gestellt werden. Fernab des Lebens. Hinter Glas und staubgeschützt. Jawohl, staub- und nicht etwa virengeschützt! Deshalb verordnet die Bundesregierung jetzt Staubschutzmasken für alle. Also fragt uns, ob wir diesen Ehrenplatz in der Gesellschaft wirklich einnehmen wollen. Fragt bitte jeden einzelnen! 

Offene Menschenverachtung 

Wie empfinde ich die Situation? Mit einem prägnanten Wort ist das kaum auszudrücken. Menschenverachtend vielleicht, zumindest aber entsetzlich. Denn mich packt das blanke Entsetzen darüber, wie das, was meine Generation aufgebaut, erkämpft und gefestigt hat, von einem selbst eingesetzten Gremium handstreichartig beseitigt wird. Ich bin entsetzt, dass es möglich ist, hunderttausende Menschen ihrer Freiheiten, ihres selbst erarbeiteten Lebensinhalts zu berauben. Dass es möglich ist, einer ganzen Generation von Kindern die geistige, körperliche und gesellschaftliche Entwicklung zu verweigern. Dass man Alte und Kranke gegen ihren Willen von den Angehörigen trennt und womöglich einsam sterben läßt. Es ist entsetzlich, dass man das ungehindert machen kann, dass es zugelassen wird von denen, die es hätten verhindern können, verhindern müssen. Das regt mich erheblich auf. 

Verbote und Schäden 

Ich muß hier nicht erklären, was jeden stört, ärgert, quält, oder kaputt macht. Das wurde oft genug aufgezählt und die ganz alltäglichen Ärgernisse sind altersunabhängig. Auch ich leide psychisch unter dem Besuchsverbot, oder darunter, dass es überhaupt keinen Spaß macht vermummt in Läden zu gehen um vielleicht in Ruhe Geschenke für Freunde zu suchen, während draußen die nächsten warten, dass sie nun endlich rein dürfen. Für mich persönlich ist es nicht ganz so schlimm, dass alle Restaurants geschlossen sind, alle Kultureinrichtungen, Versammlungsräume und Sportstätten. Das halte ich eine Zeitlang aus. Allerdings nur wenn ich nicht daran denke, dass es für viele Inhaber kein Zurück mehr geben wird. Und nur solange ich nicht an meine Freunde denke, die gerade das so sehr vermissen. Das nagt in der Summe alles an den Nerven, aber ich will nicht lauter schreien als nötig. Dagegen ist für Berufstätige in Heimarbeit, deren kleine Kinder nicht mehr aus dem Haus dürfen, die Situation längst nicht mehr zu ertragen. Sie stehen vielfach vor dem Kollaps. Wird es nicht höchste Zeit, die Barrikaden zu erklimmen? 

Der toxische Knockdown 

Dieser bald totale Lockdown – ich nannte ihn schon immer Knockdown – schafft auch für mich noch weitere Einschränkungen und Widerwärtigkeiten. Weil ich mit meiner Frau zusammenlebe, leide ich wenigstens nicht unter Vereinsamung, und da ich nicht mehr berufstätig bin, fällt auch einiges andere nicht weiter ins Gewicht, aber ich bin nicht so egoistisch veranlagt, dass ich das einfach beiseite schieben könnte. Ich muß keinen Laden, kein kleines Unternehmen führen um zu verstehen, wie sich ein Schließen desselben auswirkt. Ich brauche keine eigenen Kinder um zu verstehen, wie sich das alles auf die noch formbaren und so leicht verwundbaren Kinderseelen auswirken wird. Da reicht der normale Verstand. Dachte ich. Auf den Hinweis, dass es beträchtliche wirtschaftliche Schäden gäbe, habe ich mal die Antwort bekommen: Das ist mir egal. Mir geht es doch gut! Und das von einem Menschen, den man auf den ersten Blick für intelligent halten könnte. Da wurde es arg knapp mit meiner Contenance. 

Zwei Sorten Freunde 

Umso erholsamer sind Kontakte zu Freunden, die fast immer meiner Meinung sind. Freunde, die sich nicht blenden lassen und mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg halten. Auch die gibt es. Zum Glück habe ich welche, denn sie sind die psychischen Rettungsanker. Für beide Seiten. Man kann sich nicht immer nur streiten, etwas Harmonie muß sein. Gleichzeitig stehen andere daneben, die auch meine Freunde sind und es auch bleiben sollen und sie erklären uns zu Verschwörungstheoretikern: Bist du auch so einer? Diesen dummen Ausdruck haben sie sich doch nicht selber ausgedacht. Die Verbissenheit, mit der sie die Regierungslinie verteidigen, ist erschreckend. Viele wissen was gespielt wird, können nur nicht riskieren das auch laut zu sagen. Aber man erkennt sich untereinander, entwickelt ein Gespür dafür. Dass wir das wieder brauchen, dieses Gespür für Gleichgesinnte, das ist wahrhaft entsetzlich. 

Das kleine Helferlein 

Ich habe eine Freundin die noch studiert. Sie leidet unter der Vereinsamung, sieht ihre Kommilitonen nicht mehr, darf nicht mehr ins Labor gehen und sitzt nun alleine zu Haus. Sie sagt, dass ihr plötzlich das Lernen schwer fiele. Sie starrt manchmal minutenlang auf den PC und muß überlegen wie Dinge gehen, die sie vor Wochen noch nebenbei erledigt hat. Sie ist begabt und fleißig und es tut mir in der Seele weh. Wir telefonieren inzwischen häufiger, manchmal stundenlang. Das hilft ihr sehr und es läuft wieder besser bei ihr. Das sind Erlebnisse die mich freuen, die auch mich selber wieder hochziehen. Dann kann ich da draußen den Anblick der Maskierten wieder eine Weile ertragen. Dann schaffe ich es durch den Supermarkt, auch wenn ich hinter jedem Regal immer wieder heimlich nach Luft schnappen muß. Mit dem Finger unter der Maske. Ganz, ganz verkehrt, ich weiß schon, aber anders kriege ich Atemnot. 

Die Barbierin, se will ja 

Wo ich noch gar keine Lösung sehe, das ist das Friseur-Problem. Wenn meine Friseurin ihren Laden wirklich noch einmal öffnen kann, werde ich sicher wegen einer fehlenden Impfbescheinigung nicht hinein dürfen. Und wenn es auch nur aus der verständlichen und berechtigten Angst vor Denunzianten ist. Und was dann? Ich sehe doch jetzt schon aus wie Rübezahl nach einem Zimmerbrand. Man kann über Sinnfülle, Wirksamkeit und das Gefahrenpotential des Impftheaters denken wie man will, aber dass man uns dazu indirekt zwingen wird, das ist meine größte Sorge. Noch eine neue Mauer. Schlimmer noch als die drohenden Ausgangs- und Reisesperren. Die kann man notfalls umgehen. Dass man wie ein kleines Kind behandelt wird, wie ein Mensch, der nicht selber über sich verfügen darf, weil er öffentlich für zu dämlich erklärt wird, das regt mich auf. Entmündigt zu werden von Leuten, die irgendetwas besser zu wissen glauben und dabei grotesk irren. Dass man Grundrechte außer Kraft setzen will, obwohl dies, wie schon am Wort selber erkennbar, gar nicht möglich ist, das regt mich auf. Gelinde gesagt. 

Den Schaden haben die Jüngeren

Wenn wir Alten jetzt als Begründung für einen Lockdown und für viele andere sinnlose Maßnahmen herhalten müssen, dann können wir uns nicht dagegen wehren, wir werden nicht einmal gefragt. Ich möchte nicht, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen die verheerendsten Nachteile erleiden muß, ohne dass uns Alten damit geholfen wäre. Es bewirkt sowieso eher das Gegenteil. Und dann kommt wieder der berühmte Satz: Auf den Schutz der Alten kommt es an! Ich empfinde ihn zynisch, verglichen mit dem was die Regierung wirklich anrichtet. Macht doch bitte das gute Verhältnis zwischen Jung und Alt nicht ganz kaputt! Das Rentendesaster ist bereits Belastung genug. Wegen uns braucht niemand einen Lockdown. Auch keine Ausgangssperre, schon gar kein Demonstrationsverbot, keine Schließungen oder was sich die Machthaber sonst noch werden einfallen lassen, nur um sich gegenseitig zu überbieten.

Denkt immer daran: 

Wir sind alle schon groß 

und wir entscheiden selber, was zu tun und was zu lassen ist. 

Fehlt noch was? Ach ja, Covid-19 ff. 

Ob mich das ängstigt? Nicht wirklich. Ich kann genug Statistik. Was mich ängstigt, kommt aus Berlin und dagegen gibt’s kein Serum.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN