Corona Frust Wut

von Diskurs Hamburg

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Viele Bürger haben die Schnauze voll. Von der Corona-Pandemie einerseits und von den angstmachenden Durchhalteparolen zunehmend autoritärer Verbotspolitiker andererseits.

Für manche ist es „nur“ die dramatische Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und die Reduzierung ihrer Lebensqualität auf Stubenhockerniveau. Für viele ist es zusätzlich die Bedrohung oder Vernichtung ihrer sozialen Existenz als Unternehmer, Gastronom oder Künstler. Rücklagen werden durch Mietzahlungen und Lebenshaltungskosten aufgebraucht und der Weg zum Betteln beim Sozialamt geebnet. Für andere ist es eine gravierende Minderung ihrer Bildungschancen (von der Kita bis zur Universität), was eine anti-emanzipatorische soziale Schieflage beinhaltet und negative Folgen für mehrere Lebensjahrzehnte haben wird.

Sehr viele werden ihrer ehemals positiven Zukunftserwartungen und ihres Optimismus beraubt. Wer wird in Zukunft noch ein neues Restaurant eröffnen, wenn er/sie damit rechnen muss, beim nächsten Lockdown alles wieder zu verlieren? Das gilt natürlich nicht für den öffentlichen Dienst und seine zahlreichen Randbereiche, deren Gehälter weiterlaufen. Dazu gehören auch die Politiker, die über die Coronapolitik entscheiden und vor den Kameras einen Eindruck von Besorgtheit und Betroffenheit zu machen versuchen. Dem Provinzpolitiker Söder sieht man bei jedem Interview an, dass er sich zur Zeit für total wichtig hält. Endlich kann er den Bürgern mal was vorschreiben und an alle anderen Noten vergeben. Auch Leute wie Lauterbach, Drosden, Brinkmann, Wieler, Buyx etc. befinden sich im medialen Zenit ihrer Karriere. Und im Regierungsfernsehen werden primär Passanten interviewt, die Lockdown richtig finden. Das fördert das Durchhalten.  

Warum machen die Regierenden das, unterstützt von fast der gesamten Politischen Klasse? Sie wollen Virusinfektionen, Erkrankungen und Corona-Tote vermeiden. Das ist ehrenwert und verdient grundsätzlich Unterstützung. Aber es kann nicht das einzige Ziel einer Gesellschaft sein. Und es rechtfertigt natürlich nicht alle Maßnahmen der Freiheitsbeschränkung. Kranke und Tote gab es auch schon vor Corona. Die Grippewelle 2017/18 hat 25.100 Menschen in Deutschland das Leben gekostet. Kann sich jemand an einen damaligen Lockdown erinnern? Und es gibt viele andere potentiell tödliche Risiken. Das betrifft nicht nur Autofahren und Krebs. Zum Beispiel sterben in der EU jährlich ca. 33.000 Menschen an multiresistenten Krankenhauskeimen.

Nur noch ein Ziel: Corona überleben

Der Medianwert der Corona-Toten beträgt zur Zeit 84 Jahre, das heißt die Hälfte aller „an oder mit Corona Verstorbenen“ war 84 Jahre oder älter. Die meisten hatten diverse Vorerkrankungen, so dass die Kausalität fraglich ist. Die Lebenserwartung von Neugeborenen beträgt in Deutschland 78,6 Jahre (männlich) bzw. 83,4 Jahre (weiblich). Die Restlebenserwartung für heute 60-Jährige beträgt 21,8 bzw. 25,4 Jahre, für 70-Jährige 14,4 bzw. 17 Jahre und für 80-Jährige 8,1 bzw. 9,6 Jahre. Diese statistischen Mittelwerte umfassen natürlich Personen in unterschiedlichen gesundheitlichen  Verfassungen, also mit und ohne Vorerkrankungen. 

Die Aussage „Wir fahren das Leben der großen Mehrheit der Bevölkerung auf ein unakzeptables Niveau herunter, damit eine Minderheit von Alten (z.B. die 7%, die über 80 sind) noch einige Monate mehr leben kann, ohne dass wir wissen, in welchem Umfang wir das damit tatsächlich erreichen können“ ist zwar polemisch und pauschal, aber dennoch nicht so einfach von der Hand zu weisen. Auf jeden Fall wirft sie normative und inhaltliche Fragestellungen auf, die dringend einer umfassenden gesellschaftlichen Diskussion bedürfen. Typisch ist hierfür, dass solche Sätze zwar nicht selten in persönlichen Gesprächen geäußert werden, aber kaum jemals in politischen und öffentlichen TV-Diskussionen. Man drückt sich um die  Explizierung der Zusammenhänge und der ethischen Wertungen herum, kommt aber dennoch zu Schlussfolgerungen mit Ge- und Verboten für viele Menschen, die ohne eine Präzisierung von faktischen und normativen Elementen eigentlich gar nicht möglich sind.       

Dass die diskurs-averse Alternativlos-Kanzlerin keine parlamentarischen oder gar gesellschaftlichen Diskussionen führen will, ist nicht überraschend. So war sie schon immer. Aber was ist mit anderen Politikern ihrer Partei, ihres Koalitionspartners oder der Oppositionsparteien? Würde es nicht   —  statt den bestellten und bezahlten Demoskopen nachzulaufen  —  auch helfen, die Alternativen zu klären und zu erklären, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhöhen. Der totale Lockdown ist eben nicht alternativlos. Fürchtet man sich vor abweichenden Meinungen, eventuell auch solchen, die fachlich mindestens ebenso gut fundert sind, aber einen anderen wissenschaftlichen Blickwinkel haben. Die Virologie ist hierbei natürlich nicht die einzige Disziplin mit Relevanz. Experten außerhalb des Regierungsumfelds empfehlen z.B. oft, die Alten deutlich stärker zu schützen und den Rest der Gesellschaft, der Wirtschaft und der Kultur zu normalisieren (mit Abstand, Maske und Hygiene, versteht sich).

Die 7-Tage-Inzidenz von 50 ist eine willkürliche Größe. Begründet wird sie mit den Kapazitäten der Nachverfolgung durch die Gesundheitsämter. Einige schaffen deutlich mehr, andere sind schon mit 30 überfordert. Aber klar ist in jedem Fall, dass zusätzliche Nachverfolger die Kapazitäten deutlich erhöhen könnten, so dass Sekundär- und Tertiär-Infektionen reduziert werden. Hat schon mal jemand ausgerechnet, was die zusätzliche Beschäftigung von ein paar tausend Studenten (deren vorherige Jobs ohnehin weggefallen sind) an Nutzen für die Staatskase und die Volkswirtschaft bringen würde? 

Man könnte auch Lehren aus den digitalen Erfahrungen in Taiwan, Südkorea, Japan und Neuseeland ziehen   —  übrigens allesamt Demokratien und Rechtsstaaten. Die Umsetzung scheitert am deutschen Datenschutz-Absolutismus (deshalb ist auch die hiesige App eine teure Lachnummer), der offenbar in Stein gemeißelt ist. Den Datenschutz jetzt nicht für ein Jahr zu suspendieren, kostet nicht nur viel Steuergeld, sondern auch Menschenleben. Es ist in unserem Staat weit schwieriger, den überzogenen Datenschutz einzuschränken als die Grundrechte unserer Verfassung. 

Die Wut vieler Menschen wird durch die Impfprobleme noch verstärkt. Die Helden in diesem Stück sind die Wissenschaftler, die in Rekordzeit den Corona-Impfstoff entwickelt haben, und die Pharmaunternehmen, die sehr zügig Kapazitäten für die Massenproduktion aufgebaut haben. Die Beschaffungspolitik war schon bisher ein Desaster, selbst wenn man das Management mittels der EU-Kartell richtig findet. Welche Fehlschläge vielleicht noch folgen, muss man abwarten.

Man hätte besser Profis beauftragen sollen

Wenn Profis am Werk gewesen wären, hätten diese spätestens im Mai 2020 eine Risikoanalyse gemacht, was mehr und frühere Vakzin-Lieferungen an Nutzen erbringen und welche Unwägbarkeiten (Entwicklungsverzögerungen, keine oder spätere EMA-Zulassung, eingeschränkte Wirksamkeit, Kapazitätsengpässe etc.) die Kalküle in welcher Weise verändern. Und Profis wissen auch, was der Unterschied zwischen „garantierten Lieferterminen“  und „best effort“ ist  —  und vor allem wie man das vertraglich regelt. Dass die EU-Kommissarin und ihre Behördenmitarbeiter das nicht beherrschen, ist kein Wunder, da es auch sonst nicht ihr Job ist. Aber man hätte professionelle Einkäufer von Volkswagen, Dell oder EDEKA engagieren können. Jeder Einkäufer von Zulieferteilen weiß, welche Folgen ausbleibende Zulieferungen haben und wie man mit dem Risiko umgeht.

Die Kritik trifft übrigens nicht die EU allein, da alle nationalen Gesundheitsminister bei den Beschaffungsentscheidungen eingebunden waren. Diese sollten wissen, das der Wert einer  Vakzin-Charge im März deutlich höher ist als im November. Wenn man zur Risikominderung frühzeitig überzogene Mengen an Impfdosen verschiedener Produzenten geordert hätte, könnte man später überschüssige Mengen an Entwicklungsländer verschenken und sich noch als Weltwohltäter fühlen, obwohl die Gesamtstrategie individuell rational ist.

Einen vergleichbaren Fehler kann man übrigens in der nächsten Phase vermeiden, wenn das massenhafte Impfen ansteht und Termine und Impfdosen exakt zusammenpassen müssen. Die bisherigen Erfahrungen und die damit verbundenen Enttäuschungen und der Ärger vieler Bürger führen zu der Empfehlung, damit einen professionellen Dienstleister mit ausreichenden Kapazitäten und bürgerfreundlicher Benutzeroberfläche (sowie telefonische Unterstützung für alle Bürger, die nicht internetaffin sind) zu beauftragen, heiße ein solcher nun Eventim, Booking.com oder anders. Vielleicht hilft der Hinweis, dass 2021 viele Wahlen sind.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN