Was hat Karl May mit Pluralismus zu tun?

von Diskurs Hamburg

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Kurz flackerte eine routiniert vorgetragene Welle der Empörung auf, als der Ravensburger Verlag Mitte August bekannt gab, „Winnetou“-Lizenztitel vom Markt zu nehmen. Der Verlag reagierte damit auf die groteske Kritik eines winzigen Splittergrüppchens, das in Karl Mays Werken, insbesondere aber in der Darstellung des Apachen-Häuptlings, irgendwelchen Rassismus erkannt haben wollte.

Eine Tsunami-Welle der Empörung gegen den Ravensburger Verlag tobte durch die sozialen Medien, wenn auch nur kurz. Zeitgenossen, die kaum lesen können und Uschi Glas für Winnetous Schwester halten behaupteten plötzlich, die Karl-May-Gesamtausgabe quasi auswendig rezitieren zu können und besonders phantasievolle Wutbürger brachten mit vor Hysterie kurz vor dem Platzen geschwollenen Halsschlagadern die Entscheidung des Verlages mit Bücherverbrennungen in Verbindung.

Wie es so ist in sozialen Medien: So schnell wie sie gekommen war, so schnell verschwand die Welle des Gekreisches auch wieder. Die Rückkehr zur Tagesordnung scheint zu suggerieren, dass die Angelegenheit erledigt sei. Aber ist sie das wirklich? Zeit und Anlass, mal einen kurzen und ganz sicher unvollständigen Rückblick auf ein paar ausgewählte eigenartige Vorgänge der jüngeren Vergangenheit zu machen:

Der Sündenfall: Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz

Seit 2015, und dieses Jahr ist sicher kein Zufall, arbeitete im Bundesjustizministerium, das damals von dem mindestens glücklosen Sozialdemokraten Heiko Maas geführt wurde, eine Arbeitsgruppe an einem Entwurf zum „Umgang mit strafbaren Inhalten im Netz“. Das Anfang 2017 vorgestellte Ergebnis hieß „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ (NetzDG) und führte noch vor Inkrafttreten zu einer breiten Welle der Kritik. Aus beinahe allen Parteien (auch aus den Regierungsparteien) äußerten sich Politiker kritisch, der wissenschaftliche Dienst des Bundestages warnte, dass das NetzDG sowohl gegen das Grundgesetz wie auch gegen Europarecht verstoße und in einer Expertenanhörung im Bundestag äußerten acht von zehn Experten (auch solche, die eigens vom Bundesjustizministerium eingeladen worden waren) erhebliche Bedenken. Der eigenartigste Umstand fiel gar nicht erst auf: In dem Entwurf ging es gar nicht mehr um „strafbare Inhalte“, denn dagegen konnte man sich schon immer trefflich wehren. Es ging plötzlich um sogenannte „Hassrede“, einen Neologismus, mit dessen Interpretationsmöglichkeiten sich der eigentlich angestrebte Gesetzeszweck, die Beschneidung des öffentlichen Diskurses, endlich erreichen ließ.

Die beanstandeten Passagen blieben alle im Gesetz, stattdessen wurden einige nebensächliche, kosmetische Korrekturen vorgenommen um Einsicht vorzutäuschen, und die breiten Bedenken ignorierend verabschiedete der Bundestag das NetzDG im Juni 2017 noch schnell vor der anstehenden Bundestagswahl. Eine einzige Abgeordnete aus den Reihen der damaligen großen Koalition wagte es, dagegen zu stimmen. Ob dies der Grund war, dass sie bei ihrer CSU auf einen derart schlechten Listenplatz gewählt wurde, dass sie den Wiedereinzug in den Bundestag verpasste, ist nicht bekannt. Sie wurde danach Schulleiterin in Bayern.

Mehr als fünf Jahre ist das nun her, und die Kritik an diesem gesetzgeberischen Schandfleck der deutschen Geschichte ist der allgemeinen Lethargie gewichen. Es interessiert kaum jemanden, dass aufgrund dieses Gesetzes tausende Accounts in sozialen Medien rechtswidrig gesperrt oder gelöscht und hunderttausende legale Meinungsäußerungen von automatisch arbeitenden Algorithmen entfernt wurden.

Fast schon ein fun fact : Zwischenzeitlich hat ein lupenreiner Demokrat wie der weissrussische Diktator Alexander Lukaschenko das NetzDG als Blaupause für sein eigenes Zensurgesetz verwendet.

Wessen Inhalte gelöscht und wessen Account gelöscht wird, der wird wohl aus der Sicht deutscher Meinungsfreiheitskämpfer auch ganz schön frech gewesen sein. Heute werden in allen maßgeblichen sozialen Medien zahlreiche Meinungsführer kritischer Auseinandersetzung mit schikanösen Löschungen ihrer Posts und der Sperre ihrer Accounts überzogen, obwohl sie vor Gericht einen Prozess nach dem anderen gewinnen. Die Urteile werden von den großen sozialen Netzwerken einfach ignoriert, selbst fünfstellige Ordnungsgelder wegen Nichtbeachtung von Gerichtsentscheidungen sind den großen sozialen Medienplattformen völlig wurscht.

Zahlreiche kritische Stimmen haben es aufgegeben, den sinnlosen Kampf gegen die Windmühlen zu führen, denn selbst wenn man jeden Prozess gewinnt: Welchen Sinn hat eine Meinungsäußerung im öffentlichen Diskurs wenn sie zuerst gerichtlich durchgesetzt werden muss und deshalb erst Monate nach dem Ende der Debatte wahrnehmbar ist? Man muss auf Portale ohne Reichweitenpotential ausweichen, wenn man die maßgeblichen Kritiker des Zeitgeistes weiterhin lesen will. Exakt das war es, was Heiko Maas mit seinem Gesetz erreichen wollte.

Gegen „strafbare Inhalte im Netz“ hat das NetzDG übrigens nichts ausgerichtet, die waren zuvor verfolgbar und sind es immer noch. Aber den eigentlichen Zweck hat es erfüllt: Wer aneckt, wer provoziert, wer kritisiert oder wer rebelliert, der sollte viel Geld für Gerichts- und Rechtsanwaltskosten bereithalten, sonst ist er eben aus dem öffentlichen Diskurs entfernt.

Eine öffentliche Initiative zur Abschaffung oder wenigstens einer Reform des NetzDG ist aktuell nirgends erkennbar. Die selbsternannte Freiheitspartei FDP hatte die Abschaffung des NetzDG zwar in ihr Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2021 geschrieben, kann sich daran aber seit dem 26.9.2021, 18:01h nicht mehr erinnern.

Exemplarisch für Viele: Der Vernichtungsversuch an J. K. Rowling

2020 erklärte die durch ihre Harry-Potter-Bücher weltbekannte Autorin J.K. Rowling beiläufig, dass das biologische Geschlecht von Mann und Frau nun einmal eine nicht zu bestreitende wissenschaftliche Realität sei. Rowling hatte übrigens mit keinem Wort erwähnt, dass sie gegen Geschlechtsumwandlungen sei, das wurde ihr einfach in den Mund gelegt.

In der Folge wurde sie mit einem gigantischen shitstorm überzogen, ihr eigener US-Verleger distanzierte sich ebenso von ihr wie mehrere Hauptdarsteller der Harry-Potter-Filme, die mit diesen steinreich und weltberühmt geworden waren. Trans- und Genderaktivisten veröffentlichten ihre Wohnadresse, belagerten ihr Haus und schickten ihr so viele Morddrohungen, dass sie damit nach eigenen Angaben alle Wände ihres Hauses tapezieren könnte. Beigesprungen ist ihr übrigens damals niemand von uns, obwohl sie doch nur das gesagt hatte, was unbestrittener Stand der Wissenschaft ist.

Kaum jemand, der in der Öffentlichkeit steht, wagt heute noch eine derart unsagbare Lästerung des goldenen Kalbs der woken Szene, nämlich dass die Natur tatsächlich zwei biologische Geschlechter vorgesehen hat. Niemand möchte riskieren, für lange Zeit nur noch mit Personenschutz aus dem Hause gehen zu können.

Das Prinzip „Bestrafe einen, erziehe viele“ hat für Ordnung gesorgt.

„Kunst darf weh tun, Satire muss es“ – ein nostalgischer Satz aus dem 20. Jahrhundert

Die gleiche Methodik wie bei Rowling hat auch kritische Geister aus Kunst und Kabarett brav gemacht. Jemand wie Dieter Hildebrandt hätte heute Auftrittsverbot. Volker Pispers hat sich zum Glück für die cancel culture freiwillig zurückgezogen, weil ihm sein Publikum zu denkfaul und lethargisch war. Dieter Nuhr darf als ÖRR-Feigenblatt mit angezogener Handbremse noch ein bisschen weitermachen, und nach kurzem Zögern wurde ihm sogar gestattet, Lisa Eckhart gelegentlich einzuladen. Aber nicht übertreiben, bitte!

Regierungs- und Gesellschaftskritik, schon immer eine Spezialität von Kunst, ist heute nur dann wohlgelitten, wenn sie in die richtige Richtung kritisiert: Alte, weiße Männer sind schuld an allem und ein bißchen mehr wokeness ist doch so schlimm nicht.

Kunst erregt ansonsten nur noch die Gemüter, wenn zum wiederholten Mal ein Antisemit seine judenfeindlichen Werke auf der documenta ausstellen darf, weil das im Vorfeld angeblich schon wieder keiner gemerkt haben will. Wenn das die einzige Form der Provokation ist, die von unserer Künstlerszene noch ausgeht, dann brauchen wir sie wirklich nicht.

Seltsam: ausgerechnet da, wohl cancel culture wirklich angebracht und schon ein moralischer Imperativ ist, da wird sie von den Pseudo-Moralisten nicht angewendet.

Die Fachsprache der Totalitären: Das Gendern

Wir haben vor einigen Jahren alle noch schallend gelacht, als die ersten Verrückten uns mit ihren Gegender auf den Wecker gegangen sind und als bereits äußerlich erkennbare Irre etwas von „Pronomen“ daher gefaselt haben. Wie lustig das war!

Heute lacht keiner mehr, denn vor allem im öffentlich-rechtlichen TV, Radio und Internetauftritten wird beinahe flächendeckend gegendert, egal ob die überwiegende Mehrheit das ablehnt. Wenn wir empört die sprachlich unerträglich gewordenen Sendungen des Deutschlandfunks abschalten, sobald dort jemand mit seinem Gegender die deutsche Sprache pervertiert, so interessiert das im Funkhaus niemanden: Bezahlen müssen wir das sowieso, egal ob wir es sehen oder hören wollen. 

Damit die folgende Generation gar nicht erst auf den Geschmack kommt, dass deutsche Sprache etwas Schützenswertes sein könnte wird auf öffentlich-rechtlichen „Jugendkanälen“, vorzugsweise in sozialen Medien wie WDR Quarks usw. zielgerichtet tagtäglich Stimmung für das Orwell´sche Neusprech gemacht, indem dort eine Gesellschaftsrealität aus einem Science-Fiction-Horror-Schundroman vermittelt wird ohne dass die weit überwiegende Mehrheitsmeinung dagegen überhaupt nur zu Wort käme. Dass das natürlich gegen jeden Rundfunkstaatsvertrag verstößt ist den Machern dieser Umerziehungsprogramme zwar vollkommen bewusst aber ebenso vollkommen egal.

Und jetzt?

Zurück zu Karl May und dem edlen Apachen-Häuptling, der übrigens in seiner charakterlichen Darstellung ein Idealist war: in Anbetracht der vorgenannten Aufzählung der Anschläge auf den Pluralismus im Lande der ehemaligen Dichter und Denker ist die skurrile Entscheidung des Ravensburger Verlags wirklich eine Lappalie. Für sich allein taugt sie nicht zu mehr als eben zu ein paar Tagen gekünstelter Empörung.

Aber vielleicht ist die gesamte Entwicklung, die oben noch nicht einmal vollständig wiedergegeben ist (denn mit weiteren Beispielen ließen sich viele Seiten füllen) ein Anlass für eine viel nachhaltigere und gründlichere Aufregung und vor allem für konkrete Konsequenzen. Feinde des Pluralismus haben leichtes Spiel wenn sie für die Förderung totalitärer gesellschaftlicher Entwicklungen nicht das Geringste zu befürchten haben. Im Gegenteil: Wie oben gezeigt begibt sich jeder auf gefährliches Terrain, der es wagt, denjenigen, die den Korridor des Vertretbaren verengen zu widersprechen. Und er steht immer allein da, weil im Land der rückgratlosen Feiglinge Solidarität als eine törichte Dummheit der Unklugen gilt.

Klar ist: Die oben aufgezeigten Methoden und Tendenzen verstoßen nicht nur gegen Gesetze und unsere Verfassung. Ihr Ziel ist es vor allem, den gesellschaftlichen Konsens und die tatsächlichen Mehrheitsverhältnisse abwechselnd zu ignorieren und zu überbrüllen. Das funktioniert überhaupt nur deswegen, weil vor allem die Eliten aus der intellektuellen Mitte dazu aus purer Bequemlichkeit schweigen und nicht einmal zur öffentlichen Solidarität mit den wenigen, die sich wehren, bereit sind.

Und hinterher will dann wieder niemand geahnt haben, wo so etwas endet…

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN