Der mysteriöse Tod der Daria Dugina

von Diskurs Hamburg

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Am Abend des 20. August 2022 explodierte eine Autobombe in Moskau. Am Steuer des zerstörten Fahrzeugs saß Daria Dugina, die Tochter des nationalistischen Ideologen Alexander Dugin, dessen Ideen als Grundlage für die Invasion der Ukraine gelten. Der Fall gibt Rätsel auf.

Daria Dugina (†29) ist das nächste Opfer eines Krieges, der seit seinem Beginn vor 6 Monaten Tausende Leben gekostet hat. Obwohl die Journalistin durch ein Attentat starb, das wahrscheinlich ihrem Vater galt, dürfte sie schon bald als Märtyrerin in die Geschichte eingehen. So jedenfalls lässt sich deuten, dass ihr Wladimir Putin posthum den Tapferkeitsorden verlieh. In der Begründung verwies der russische Präsident auf den Mut und die Selbstlosigkeit, die Dugina bei der Erfüllung ihrer beruflichen Pflichten gezeigt habe.

Alexander Dugin, der bereits kurz nach der Tat am Ort des Geschehens eintraf und das Fahrzeugwrack in der nächtlichen Dunkelheit ausbrennen sah, nahm die Ermordung seiner Tochter zum Anlass, um die russische Kultur zu glorifizieren und die in der Ukraine operierenden Truppen zu noch größeren Leistungen anzuspornen. Am 22. August 2022 widmete er seiner Tochter auf Instagram folgende Worte des Abschieds: „Sie war ein schönes orthodoxes Mädchen, eine Patriotin, eine Kriegsberichterstatterin, eine Expertin für die wichtigsten Kanäle, eine Philosophin […] Sie [die Ukrainer] wollten unseren Willen mit blutigem Terror gegen die Besten und Schwächsten unter uns unterdrücken. Aber sie werden keinen Erfolg haben. Unsere Herzen sehnen sich nicht nur nach Rache oder Vergeltung. Das ist zu oberflächlich, zu wenig russisch. Wir wollen nur unseren Sieg. Meine Tochter hat ihr jungfräuliches Leben auf den Altar gelegt. Seid also bitte siegreich!“

Bereits wenige Tage nach der Ermordung Duginas ist ihr Fall zu einer internationalen Affäre mit mehreren Beteiligten ausgeufert. Während der Kreml angibt, dass der ukrainische Auslandsgeheimdienst für die Tat verantwortlich zeichne, bekannte sich auch die ominöse Untergrundorganisation „Nationale Republikanische Armee“ zu dem Bombenanschlag. Als ihr Sprecher fungiert der ehemalige Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow, der aktuell in Kiew leben soll und als Maulheld bekannt ist. In einer öffentlichen Erklärung bezeichnete er Putin als Verräter, der die Verfassung geändert und Russland in einen Bruderkrieg gegen die Ukraine getrieben habe. Die russischen Behörden wiederum wollen die ukrainische Staatsbürgerin Natalija Pawlowna Bruk als ausführende Attentäterin identifiziert haben. Sie soll Dugina nicht nur beschattet, sondern auch den Sprengsatz an ihrem Auto montiert und später ferngezündet haben. Im Anschluss daran sei sie nach Estland geflüchtet. Die estnische Regierung bestreitet das. Und auch Kiew weist eine Beteiligung kategorisch zurück.

Zweifelsfrei aufgeklärt ist lediglich, was in den letzten Stunden vor dem Bombenanschlag passierte. Am Abend des 20. August 2022 nahmen die Dugins an dem Kulturfestival „Tradicija“ (russ.: Tradition) teil. Dabei handelt es sich um ein Event nationalistischer Kreise, das regelmäßig eine Vielzahl von Besuchern anzieht. In diesem Jahr wurde es vom Präsidialfonds für Kulturinitiativen, dem Ministerium für Kultur und Tourismus des Moskauer Gebiets sowie von der Verwaltung des Stadtbezirks Odinzowo des Moskauer Gebiets finanziert. Das Festival fand auf dem Gelände des Herrenhauses Zacharowa statt. Der Ort ist geschichtsträchtig. Alexander Puschkin hatte hier seine frühe Kindheit verbracht. Ein kleines Museum erinnert heute an diese Zeit. Bis zu 15.000 Personen kamen zusammen, um die dort auftretenden Referenten und Künstler zu erleben. Alexander Dugin war einer von ihnen. Zwischen 18:00 – 19:00 Uhr hielt er einen Vortrag zum Thema „Tradition und Geschichte“. Dugins Agenda zur Wiedererrichtung des Russischen Reiches genießt in nationalistischen Kreisen große Popularität.

Es ist nicht verwunderlich, dass sich Dugin im Schatten des größten russischen Dichters wohlfühlt. Er fühlt sich zu Großem berufen. Als überzeugter Nationalist und Galionsfigur der 2005 verbotenen Nationalbolschewistischen Partei ist er nicht nur ein glühender Verfechter des Krieges in der Ukraine, sondern auch Schöpfer der sogenannten „vierten politischen Theorie“. Diese besagt, dass Politik einer linearen Entwicklung unterliege, bei der sie zunächst die Phasen von Liberalismus, Sozialismus und Faschismus durchlaufe, bis sie schließlich zu voller Vollendung finde. Den dafür nötigen Rahmen propagiert Dugin als Anführer der „Eurasischen Bewegung“. Diese strebt die Schaffung eines von Russland geführten eurasischen Großreiches an. Diese „Eurasische Union“ müsse auf dem Territorium des Zarenreichs von 1914 unter Hinzunahme der ehemaligen Sowjetrepubliken errichtet werden, was natürlich auch das Staatsgebiet der Ukraine miteinschließt. Ideologisch müsse sie in fundamentalem Gegensatz zur westlichen Welt stehen. Diese Idee wurde lange als abstruse Träumerei abgetan. Seit dem 24. Februar 2022 hat sie sich jedoch in einem grausamen Krieg manifestiert.

Anders als dieser Tage in westliche Medien zu hören ist, nimmt Dugin allerdings keinen direkten Einfluss auf Wladimir Putin. Die Wirkmächtigkeit seiner Lehren wird nicht dadurch entfaltet, dass er sie dem russischen Präsidenten einflüsterte. Stattdessen kommt sie darin zum Ausdruck, dass Dugin ihm aus der Seele spricht. Das zeigt auch folgendes Beispiel. Im Februar 2014 veröffentlichte Dugin seine Analyse zu den aktuellen Entwicklungen in der Ukraine und kam zu dem Ergebnis, dass die Lage auf die Errichtung eines „von den Vereinigten Staaten unterstützten Neonazi-Regimes“ hinauslaufe, das sich gegen die geostrategischen Interessen Russlands richte. Die Errichtung einer neonazistischen Diktatur müsse unweigerlich zu einem nationalen Befreiungskampf auf der Krim und in der Ostukraine führen; Kiew wiederum würde nicht zögern, die in den diesen Gebieten lebende russische Bevölkerung systematisch zu vernichten; Russland wäre gezwungen, in den Konflikt einzugreifen, aber seine Intervention könnte zu einer Konfrontation mit Amerika führen.“

Man kann feststellen, dass Dugin damit bereits 2014 die spätere offiziöse Begründung Moskaus für die Invasion der Ukraine vorwegnahm. Nach allem, was man gesichert weiß, ist auch Putin davon überzeugt, dass Russlands historische Aufgabe darin besteht, ein Weltreich zu führen und die russische Zivilisation zur Maßgabe der Gestaltung von Politik und Gesellschaft zu machen. So nimmt nicht wunder, dass er Alexander Dugin zuletzt in den höchsten Tönen lobte. In einem Nachruf auf dessen Tochter erklärte er: „Ein abscheuliches, grausames Verbrechen beendete das Leben von Daria Dugina, einer aufgeweckten, talentierten Person mit einem echten russischen Herzen – freundlich, liebevoll, aufgeschlossen und offen. Als Journalistin, Wissenschaftlerin, Philosophin und Kriegsberichterstatterin diente sie aufrichtig dem Volk und dem Vaterland und bewies durch ihr Handeln, was es heißt, ein russischer Patriot zu sein.“

Dass Daria Dugina dem russischen Volk diente, darf bezweifelt werden. Dass sie hingegen der staatlichen Propaganda eine ebenso junge wie radikale Stimme verlieh, ist eine Tatsache. Wie ihr Vater ließ Dugina kaum eine Gelegenheit aus, um den Krieg in der Ukraine ideologisch zu rechtfertigen. In diesem Zusammenhang hat sie sich in der Öffentlichkeit vielfach in einer Weise geäußert, die man mit Fug und Recht als abstrus bezeichnen kann. Wer das nicht glaubt, sollte eine Kostprobe jener „wichtiger Zitate“ versuchen, die die Komsomol’skaja Pravda einen Tag nach dem Tod Duginas veröffentlichte.   

Dazu zählt etwa der Befund, dass sich der Krieg nicht gegen die Ukraine, sondern gegen den Westen und die Globalisten richte. Die Anhänger des Regiments Azow seien keine authentischen Ukrainer, sondern hätten eine künstliche Identität. Die wahre Identität der Ukraine sei die von Freunden der Russen. Noch schriller ist die Feststellung Duginas, Emanuel Macron und Wolodymyr Selenskyj seien Neonazis. Bei denen von ihnen geführten Regierungen handele es sich um nazistische und liberale Verbrecherregime. Die allgegenwärtige Russophobie sei hingegen bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffen worden und werde nun massiv in der Ukraine gegen Russland eingesetzt. Den Eurasimus interpretierte Dugina hingegen so, dass alle Völker ausschließlich auf ihrem historischen Siedlungsgebiet leben sollten. Ob das auch den Abzug der Russen von der Mittleren Wolga, aus Sibirien und dem Nordkaukasus bedeutet, ließ sie offen. Fest steht lediglich, dass die von ihr vertretenen Positionen vielfach inkonsistent sind. Dass sie mit Daria Dugina von einer Person öffentlich geäußert wurden, deren Auftreten von religiösem Pathos geprägt war, dürfte allerdings ganz im Sinne der russischen Staatsmedien gewesen sein, die ihr nur allzu gern eine Bühne boten.

Gleiches gilt für die staatlich inszenierte Zeremonie ihrer Verabschiedung. Am 23. August 2022 fanden sich in Moskau mehrere Hundert Personen zusammen, um der Getöteten die letzte Ehre zu erweisen. Die Veranstaltung wurde vom Fernsehzentrum „Ostankino“ gefilmt und wirkte ebenso martialisch wie minutiös geplant. In der Mitte eines dunklen Saals war ein offener Sarg aufgebahrt, über dem ein großes Bild der Verstorbenen prangte. Auf beiden Seiten standen jeweils zwei Männer in weißen Hemden und schwarzer Weste, an ihrem Arm eine rote Binde. Neben ihnen wiederum befanden sich Trauerkränze mit der russischen Trikolore.

Zu den Gästen gehörten namhafte Prominente, darunter Regisseur Eduard Bojakow, der Autor Zachar Prilepin und der Journalist Dmitrij Kisilew. Noch bedeutender indes dürfte gewesen sein, dass zwei hochrangige Politiker kurze Reden hielten. Dazu zählten der stellvertretende Vorsitzende der Staatsduma Sergej Newerow (Einiges Russland) und Leonid Sluzkij, der Fraktionsvorsitzende der Partei LDPR. Es darf bezweifelt werden, dass sie Dugina persönlich so gut kannten, wie sie vorgaben. Unstrittig ist jedoch, dass sie der Veranstaltung jenen Schein staatsmännischer Würde zu verleihen suchten, den die russische Staatsführung vorgesehen hatte.

Während sich Kisilew als dritter Redner in seiner Ansprache darauf beschränkte, die russische Propaganda zu wiederholen, wonach die Denazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine der Sicherheit Russlands dienten, war Alexander Dugin die einzige Person, der man die Aufrichtigkeit seiner Worte glaubte. Um Fassung ringend und den Tränen nah, richtete er folgende Worte an die Anwesenden:

„Wissen Sie, ich würde meine Tochter gern daran messen, was ich als das Ideal eines Menschen sehe. Das ist in erster Linie der Glaube. Sie hat ihre Kindheit in orthodoxen Lagern verbracht […] Das ist wichtig, aber ich wollte auch, dass sie ein kluger orthodoxer Mensch sei. Deswegen haben ihre Mutter und ich ihr geraten, Philosophin zu werden; und das wurde sie auch. Ich vermag nicht zu sagen, ob sie eine tiefschürfende Philosophin war; wohl aber war sie bemüht, sich darin zu entwickeln. Möglicherweise wird jetzt sichtbar werden, was wir bislang weder gesehen noch bemerkt haben. Eines der ersten Wörter, das sie in der Kindheit kannte und welches natürlich wir ihr beigebracht hatten, war ‚Russland‘ – unser Staat, unser Volk, unser Imperium. Und dadurch wurde sie so viel besser als wir selbst. Wenn ihr tragischer Tod jemanden berührt hat, dann hätte sie nur einen Wunsch: Erinnert Euch meiner nicht und beklagt mich nicht! Stattdessen kämpft für unser großartiges Land, schützt unseren Glauben, unsere heilige Orthodoxie! Liebt unser russisches Volk, weil sie für das Volk gestorben ist; sie starb für Russland, an der Front. Die Front aber ist hier und nicht etwa dort [in der Ukraine]. Sie ist in jedem von uns.“

Alexander Dugin muss in diesen Stunden ein inneres Martyrium durchlitten haben. Dass er dennoch die Kraft aufbrachte, um nur wenige Tage nach dem Tod seiner Tochter öffentlich zu sprechen, verdient Anerkennung. Trotz aller Ablehnung, die Russland für seinen Krieg in der Ukraine verdient, muss gesagt werden, dass Daria Dugina kaltblütig ermordet wurde. Die Hintermänner der Tat sind Verbrecher. Und sollten sie für die Freiheit der Ukraine gehandelt haben, dann hätten sie das Ansehen ihrer Sache durch die Tötung einer unschuldigen Frau entehrt.

Moskau wiederum hat die Gelegenheit genutzt, um politisch Kapital zu schlagen. Die russische Propaganda ist dringend auf Helden und Märtyrer angewiesen. Dass diese Rolle nun ausgerechnet von der Tochter jenes Mannes ausgefüllt wird, der sogar noch auf der Beisetzung seines Kindes von der Größe des russischen Volkes und Heiligkeit Russlands träumt, kann kaum Zufall sein. Das gilt übrigens auch für LDPR-Chef Sluzkij, der seine Rede mit folgender Kampfansage beschloss: „Es kann nur einen Ansatz geben – ein Land, ein Präsident, ein Sieg!“

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN