Energiepreise, Inflation und Realeinkommensverlust

von Diskurs Hamburg

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Eine Messzahl für den Verlust

Die Gaspreise sind exorbitant angestiegen, und nicht zu Unrecht wird diese Situation mit den Ölpreisschocks der 1970er Jahre verglichen. Um die gegenwärtige Situation im historischen Vergleich einzuordnen, bieten sich die Gains and Losses from Trade (GLT) als eine geeignete Messzahl an. Die GLT gehen auf die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) zurück,[1] um aus der Entwicklung der Export- und Importpreise die Vor- und Nachteile des internationalen Handels insbesondere der Entwicklungsländer zu bestimmen.

Die GLT sind definiert als „die Differenz zwischen den zu laufenden Preisen abzüglich den zu Preisen der Basis-Periode bewerten aktuellen Exporten plus der Differenz zwischen den zu Preisen der Basis-Periode abzüglich den zu laufenden Preisen bewerten aktuellen Importen“.[2] Etwas übersichtlicher wird diese Definition, wenn man sie nach einer kleinen mathematischen Umformung[3] als

GLTt  = (1 – PXt-1/PXt)•Xt – (1 – PMt-1/PMt)•Mt

hinschreibt.  Dabei sind PX bzw. PM die Indices der Export- bzw. Importpreise des laufenden Jahres t und des Vorjahres t-1 und Xt bzw. Mt die Exporte bzw. Importe des Jahres t. Wenn sich die Export- bzw. Importpreise nicht verändert haben, also PXt-1 = PXt bzw. PMt-1 = PMt gilt, werden die Differenzen in den Klammern zu Null und es gibt dann weder „Gewinne“ noch „Verluste“. Eine Erhöhung der Exportpreise erzeugt einen „Gewinn“ und eine Erhöhung der Importpreise einen „Verlust“. Gewichtet werden diese „Gewinne“ bzw. „Verluste“ mit den Exporten bzw. Importen; bei einem konstanten Verhältnis zwischen Exporten X und Importen M kommt es also nur auf die Preisveränderungen an.

Es ist sinnvoll, diese GLT in Bezug zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu setzen. So kommt zum Ausdruck, welcher Anteil des BIP vom Ausland „gewonnen“ oder an das Ausland „verloren“ worden ist: GLT/BIP. Dieser Vorstellung liegt die normative Setzung zugrunde, dass die Preise der Vorperiode eigentlich „gerecht“ waren und dass ein Einkommensteil durch Preisänderung von einem Land in ein anderes transferiert worden ist4).[4] Wie wir sehen werden, kann man aber auch die Preisveränderungen als die Ursache derartiger Einkommensgewinne und -verluste ansehen.

Historisch dramatischer Verlust

Das statistische Bundesamt veröffentlicht Exporte, Importe und Bruttoinlandsprodukt sowie die Gesamtpreisindices der Exporte und Importe, so dass sich die Größe GLT/BIP leicht berechnen lässt (Abb. 1). Um die Schwankungen dieser Messzahl nachvollziehen zu können sind darunter die Gesamtpreisindices der Ausfuhren und Einfuhren abgetragen (Abb. 2).

Der Anteil der GLT am BIP oszilliert um die Nulllinie (Abb. 1). Werte über die Nulllinie bedeuten saldiert „Gewinne“, Werte darunter „Verluste“. Ohne das noch nicht abgeschlossene Jahr 2022 beträgt der Durchschnitt der 59 Jahre seit Veröffentlichung der Ein- und Ausfuhrpreisindices ganze 0,09 Prozent des BIP, einschließlich des 1. Halbjahres sogar nur 0,04 Prozent. Eine These etwa, dass sich das exportstarke Industrieland Deutschland über die Veränderung der Außenhandelspreise Transfers aus den benachteiligten Entwicklungsländern aneignete, diese also „ausbeuten“ würde, ist dadurch nicht gedeckt. Vielmehr gleichen sich „Gewinne“ und „Verluste“ langfristig aus.

Abb. 1:   Gains and Losses from Trade (GLT) als Anteil des Bruttoinlandprodukts (BIP). 2022: 1. Halbjahr.

Bis 1990 altes Bundesgebiet einschl. Saarland und West-Berlin. Quelle: DESTATIS, eigene Berechnung

Abb. 2:   Gesamtpreisindices der Einfuhren (PM) und der Ausfuhren (PX), 2015=100. 2022: 1. Halbjahr.

Bis 1990 altes Bundesgebiet einschl. Saarland und West-Berlin. Quelle: DESTATIS

Man erkennt in Abb.1 die Folgen der Ölpreisschocks 1973/74 und 1979/80. Auf der anderen Seite führte das Absacken des Importpreisindex von 1985 auf 1986 infolge des Ölpreissturzes zu einem „Gewinn“-Ausschlag in 1986. Das bisher historische Verlustmaximum von 1,6 Prozent des BIP in 1980 wurde kurz danach wieder mehr als ausgeglichen. Man erkennt weiter die Ausschläge in 2000 nach oben bzw. in 2009 nach unten, Folgen der überhitzten bzw. zusammengebrochenen Weltkonjunktur mit einer preistreibenden Nachfrage nach Importen bzw. einem preisdämpfenden Nachfragerückgang. Die Peaks in 2015 bzw. 2020 basieren auf dem Rückgang der Ölpreise bzw. auf dem pandemiebedingten Konjunktureinbruch mit gedämpfter Nachfrage nach Importen. Insgesamt ist die Entwicklung der deutschen GLT vorrangig durch Veränderungen der Importpreise und nicht der Exportpreise getrieben.

So ist es auch mit der sich im historischen Vergleich dramatisch ausnehmenden aktuellen Entwicklung in 2022, die für das erste Halbjahr einen bisher ungekannten Verlust von 3,1 Prozent(!) des BIP aufweist. Das entspricht aufs ganze Jahr hochgerechnet rund 115 Mrd. Euro oder fast ein Viertel des Bundeshaushaltes. Nach dem Ölpreisschock von 1979 sprach der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt davon, dass es nun wirtschaftlich schlechter ginge, weil soundsoviele Milliarden in die ölexportierenden Länder gegangen seien, und er bekräftigte damit implizit die Transfer- oder Ausbeutungshypothese. Ähnliches könnte man heute in Bezug auf die gasexportierenden Länder sagen, nur dass die Größenordnung rund doppelt so hoch ist wie nach 1979 – 3,1 Prozent statt 1,6 Prozent des BIP.

Wenn sich die „Gewinne“ und „Verluste“ langfristig ausgleichen, ist nach einem künftigen Verfall der Gaspreise infolge der Mobilisierung von Wasserstoff und LNG-Quellen in Kanada, Qatar, Algerien oder Zypern – wie in 1986 – wieder mit „Gewinnen“ zu rechnen.

Niemand kann den Verlust vermeiden

Egal, ob man den Vorgang als Transfer oder Ausbeutung ansehen möchte oder nicht: Höhere Einkaufs=Importpreise führen nun einmal zu Realeinkommensverlusten, wenn sie nicht durch höhere Verkaufs=Exportpreise ausgeglichen werden. Und die Größenordnung stellt derzeit ein historisches Maximum dar. Da muss es zwangsläufig zu gesamtwirtschaftlichen Realeinkommensverlusten kommen, die – auch historisch probat – am leichtesten über die Inflation vermittelt werden. Die Inflation ist so probat, weil sie den Menschen nicht etwas einmal Erworbenes (=Nominaleinkommen) wegnimmt, sondern ihnen „nur“ die Chance künftigen Nutzens (=Konsum verteuerter Güter) versperrt. Die Menschen verzichten eben leichter auf etwas, das sie noch nicht haben, als dass sie etwas hergeben, das sie bereits haben.[5]

Dass wir aber diesem – durch Außenhandelspreise getriebenen, historisch maximalen – Realeinkommensverlust nicht entgehen können, sollten wir uns bei allen innenpolitischen Debatten die da geführt werden und noch auf uns zukommen werden, immer im Gedächtnis behalten. Es sind uns für den Herbst populistische Kampagnen von links wie von rechts angekündigt worden. Den gesamtwirtschaftlichen Realeinkommensverlust kann auch keine Geld-, Finanz- oder Sozialpolitik ausgleichen. Das Geld ist nun einmal in Form von höheren Importpreisen ins Ausland abgeflossen.

Es wird über Umverteilung und sozialen Inflationsausgleich debattiert; das ist sicherlich berechtigt, kann aber auch nicht für alle die Realeinkommensverluste ausgleichen. Auch die einkommensschwächeren Schichten werden einen Teil des Verlustes zu tragen haben. Das wird allein deswegen so sein, weil im politischen Verteilungskampf auch diejenigen ihre Interessen durchsetzen werden, die nicht zu den Einkommensschwächsten gehören. Und ein „Inflationsausgleich“ mit der Gießkanne wie bei den bisherigen Entlastungspaketen (Tankrabatt, 9-Euro-Ticket, 300 Euro Energiepreispauschale u.a.m.) führt zu nichts anderem als zu mehr Inflation zulasten der Schwächeren, da es die Nachfrage treibt und das Angebot nicht erhöht. Eine Gießkannen-Politik begünstigt so die Stärkeren zulasten der Schwächeren.[6]


[1] UNCTAD: Examination of Recent Developments and Long-Term Trends in World Trade and Development in Accordance with the Aims and Functions of UNCTAD, TD/38, Suppl. 1, 24.03.72

[2] ebenda, Seite 1, Übersetzung des Verfassers

[3] Jan Thieme: Internationale Einkommenstransfers aus Handel, Frankfurt am Main 1983, Diss., Seite 68

[4] ebenda, Seite 26 ff.

[5] Daniel Kahneman, Amos Tversky: Prospect theory: An analysis of decision under risk. In: Econometrica, Band 47, 1979, Nr. 2, Seite 263–291

[6] Jens Boysen-Hogrefe: Die Finanzpolitik kann nicht alle entlasten, in: Wirtschaftsdienst, Heft 8/2022, Seite 581-583.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN