Niemand mag uns Deutsche – warum eigentlich nicht?

von Diskurs Hamburg

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Ein ziemlich alberner Musikwettbewerb namens Eurovison Song Contest hat es ans Tageslicht gebracht – wir Deutsche sind weit über die Grenzen der Europäischen Union hinaus die unbeliebtesten Zeitgenossen.

Bevor jemand einwendet, da sei es nur um Musik gegangen: Nein, ist es nicht. Die Beiträge waren alle mehr oder weniger ähnlich unterirdisch, und das Bewertungssystem schreit geradezu danach, seine Sympathien und Antipathien gegenüber den Nationen der Teilnehmer auszuleben. Vor einigen Jahrzehnten mag es am Rande noch um Musik gegangen sein aber heute geht es bei der Punktevergabe vorwiegend um das Image des Landes, für das der Interpret antritt – kein Wunder, dass der Ukraine und ihrem belanglosen Musikstück der Sieg von Anfang an sicher war.

Deutschland landete abgeschlagen auf dem allerletzten Platz, und natürlich ist dies ein Gradmesser für unsere allgemeine Beliebtheit im ESC-Raum, der mit über 40 teilnehmenden Ländern weit über die Grenzen der EU hinausgeht.

Keine Sorge, der ESC bleibt nicht das vorwiegende Thema. Das Thema ist das Phänomen unserer Selbstwahrnehmung, die von der Wahrnehmung Anderer von außen nicht unterschiedlicher sein könnte. Im Moralin badend sehen wir uns selbst doch gerne als die Retter der Welt, wir finanzieren einen ganzen Kontinent mit unserem Geld und auch über die Grenzen der EU hinaus muss man sich fast wegducken, um nicht mit deutschem Steuergeld beschmissen zu werden. Wir erteilen weltweit wertvolle Ratschläge, retten im Alleingang das Klima, bauen immer noch verdammt gute Automobile und brauen das beste Bier.

Wie kann man uns nicht liebhaben? Womit haben wir die Verachtung nur verdient?

Um dem auf den Grund zu gehen muss man wenigstens versuchen, sich selbst einmal von außen zu betrachten. Aus dem Mund eines Briten oder einer Spanierin beispielsweise würde man Erstaunliches hören, wenn man nur einmal zuhören würde. Noch erstaunlicher, was ein US-Amerikaner oder eine Chinesin zu sagen hätten. Die wenigsten von uns werden nachgefragt haben.

Dazu später. Es lohnt sich zunächst, ein wenig in die Geschichte einzutauchen. Wir Deutschen haben nämlich eine sehr lange Tradition darin, unser eigenes Ansehen in der Welt selbst zu beschädigen und uns danach über das Ergebnis noch zu wundern.

Kurze Historie der Bemühungen der Deutschen, geliebt zu werden

Seit Reichsgründung 1871 war es das erklärte Ziel der wilhelminischen Kaiser, endlich bei den Großen, nämlich England, Frankreich und Russland auf Augenhöhe am Tisch sitzen zu dürfen. Und damals schon wurde die plumpe Trotteligkeit, mit der wir mit einer Mischung aus Säbelrasseln und trotziger Kanonenbootdiplomatie um Anerkennung buhlten von den Briten mitleidig belächelt, von den Franzosen feindselig belauert und von den Russen schlicht ignoriert. Mit Lächeln war es vorbei, als Wilhelm II. ganz Europa durch einfältige diplomatische Unfähigkeit in den ersten Weltkrieg stürzte.

Das Image vom lauten und arroganten Pickelhaubenträger, dem der Stil eines Briten und das savoir vivre eines Franzosen völlig fehlt war geboren, und es ist heute noch etwas übrig von diesem Bild.

Überspringen wir die Weimarer Republik, in der es jedenfalls niemandem gelang, auch nur einen Funken Bewunderung für irgendetwas Deutsches zu erarbeiten. Kein Wunder, denn Deutschland war vollständig mit sich selbst beschäftigt, also hat es außer Kurt Tucholsky gar nicht erst jemand versucht.

Das dritte Reich musste dann schon mit allen seinen Abscheulichkeiten aufwarten, um den ohnehin zuvor schon am Boden befindlichen Ruf der Deutschen noch tiefer in den Abgrund treiben zu können. In Anbetracht der widerlichen Gründlichkeit industriell organisierten Mordens half dem deutschen Image auch nicht die Ausrede, dass der oberste Rattenfänger gar nicht Deutscher sondern Österreicher war.

Nur langsam gelang es der jungen Bundesrepublik, das auf dem Tiefstpunkt angelangte Bild wieder ein wenig aufzupolieren. Die DDR versuchte es erst gar nicht erst.

Wurden Konrad Adenauer, Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger noch misstrauisch beäugt, waren es vor allem Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl, die es möglich erschienen ließen, dass die Deutschen vielleicht doch endlich zuverlässige Partner im Konzert der internationalen Mächte sein könnten. Ersterer durch einen symbolträchtigen Kniefall und seine mutige Ostpolitik, zweiter durch seine Bündnisverlässlichkeit und kluge Realpolitik, dritter durch seinen enormen Beitrag zur europäischen Annäherung und deutsch-französischen Aussöhnung.

Überraschung: Mitten in dieser Zeit, nämlich 1982, im Jahr des Amtsantritts Helmut Kohls, gelang es der Sängerin Nicole mit dem den damaligen Zeitgeist treffenden Liedchen „Ein bißchen Frieden“ als erster Deutscher, den damals noch als „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ bekannten Wettbewerb zu gewinnen. Ein Zufall? Ganz sicher nicht. Historisch gesehen genoss Deutschland damals durchaus bei vielen Europäern wieder ein wenig Ansehen, auch wenn nicht jeder Deutsche dazu beitrug, wie wir noch sehen werden.

Historisch litt das Ansehen Deutschlands weder unter dem heute wegen des eigenartigen Verhaltens nach seinem Amt viel gescholtenen Gerhard Schröder noch unter den ersten Legislaturen Angela Merkels, zumindest bis etwa 2010. Während Schröder sich nämlich noch den Fehler leistete, sich unter abenteuerlichen Umständen in den Jugoslawien-Krieg locken zu lassen, machte er ihn mehr als wieder gut, indem er seinem dreist Massenvernichtungswaffen erfindenden Bundesgenossen die Teilnahme am völkerrechtswidrigen Irak-Krieg verweigerte. Und er war der letzte Bundeskanzler, der sich um ein auf Anstand und Respekt beruhendes Verhältnis zu Großbritannien bemühte.

Merkel tat in den ersten Jahren ihres Wirkens das, was sie am besten konnte, und wobei sie besser hätte bleiben sollen: Nichts. Und so ist es ebenfalls kein Zufall, dass 2010, im fünften Jahre der Amtszeit Merkels Lena Meyer-Landrut als zweite Deutsche den ESC gewann. Auch zu diesem Zeitpunkt profitierte das Ansehen der Deutschen noch von Merkels Amtsvorgängern.

Seitdem geht es steil bergab. Auch mit dem ESC. Während Angela Merkel für Deutschland den Euro „rettete“, die osteuropäischen EU-Staaten wie Schulkinder bevormundete, die gesamte EU mit Flüchtlingen flutete ohne die europäischen Partner auch nur wenigstens zu informieren oder gar zu fragen und die Briten aus der EU herausekelte belegte Deutschland beim ESC zwischen 2011 und 2022 jeweils dreimal den vorletzten und dreimal den letzten Platz. Im europäischen Schicksalsjahr 2015 gelang dem deutschen Beitrag das Kunststück, allen Ernstes mit 0 Punkten aus dem Wettbewerb zu gehen, was sehr selten vorkommt.

Merken Sie was? Der ESC hat wirklich nichts mit Musik zu tun…

Bewahre mich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind

Nicht nur die historischen Ereignisse und Personen prägen das Bild einer Nation im Ausland. Seitdem jedermann mit wenig Aufwand reisen kann wird das Image des Deutschen auch durch seine Touristen geprägt. Was man auf Reisen mit seinen eigenen Landsleuten an Peinlichkeiten erleben kann ist sicher nicht hilfreich für den Ruf der Deutschen.

Am harmlosesten ist noch das schrullige und sprichwörtliche Besetzen von Badeliegen mit Handtüchern gegen 6:30h morgens, zumal auch manche Briten diesen eigenartigen Urlaubssport lieben.

Spätestens beim Essen trennt sich aber die Spreu vom Weizen. Wer einmal – wie ich – in einer Ferienanlage mit überwiegend französischen Gästen seinen Urlaub verbringen durfte, der kennt den Unterschied und möchte nie wieder mit seinen deutschen Landsleuten ein Buffet teilen müssen.

Und beim durchschnittlichen Pauschaltouristen ist sie auch wieder anzutreffen, die wilhelminische Arroganz, mit der schmerbäuchige Bildungsferne mit beigefarbenen Socken in Sandalen die Einheimischen in ihrer eigenen Heimat mit dem Tonfall eines Schulhausmeisters behandeln, als seien diese zu ihren Diensten geboren worden. Übrigens sind diese Leute sehr gerne die gleichen, die jeden Ausländer in Deutschland anlassfrei mit der Stimme des Vizevorsitzenden eines Kleingärtnervereins schon einmal vorsorglich darauf hinweisen, dass er hier zu Gast sei und sich gefälligst zu benehmen habe. So macht man sich Freunde…

Zu Gast in Deutschland? Keine gute Idee…

Egal wo ich hingekommen bin, überall im Ausland war man gastfreundlicher als in Deutschland. In Moskau gratulierten mir 1990 wildfremde russische Jugendliche mitten auf dem Roten Platz zur deutschen Einheit, nur weil sie gehört hatten, dass wir Deutsch sprachen und überschütteten uns mit ihrer Erwartung, dass es ihnen auch bald so gut gehe wie uns Deutschen. Wenn die damals gewusst hätten…

In chinesischen Shenyang im gleichen Jahr kamen Kinder angelaufen und wollten mir auf dem Kopf herumwuscheln weil sie noch nie jemanden mit blonden Haaren gesehen hatten.

In Oklahoma wurde ich mit einer für Deutschland unvorstellbaren Gastfreundschaft wie ein Familienmitglied aufgenommen.

Im Norden Schwedens teilte eine Bauernfamilie mit unserer Pfadfindergruppe natürlich ihr Abendbrot als wir nur nach dem Weg fragten und gab uns noch kräftig etwas für unterwegs mit.

In Italien rissen sich freundliche Italiener für uns ein Bein aus, als wir die Ausweise unserer Kinder vergessen hatten und deshalb nicht auf die Fähre durften. Einziger Totalausfall dort: Natürlich die deutsche Botschaft…

In Griechenland erfuhr ich eine beeindruckende Gastfreundlichkeit, und das zu einer Zeit, nach der die BILD-Zeitung die Griechen zu den Sündenböcken für die Verfehlungen Theo Waigels abzustempeln versuchte.

In vielen anderen Ländern Europas habe ich erfahren, dass man mit umso größerer Freundlichkeit begrüßt wird, wenn man den Menschen mit Respekt gegenübertritt je weniger deutsche Touristen man dort gewöhnt ist.

Einzig unerfreulich war die überschwängliche Bewunderung, die Deutschland gelegentlich im arabischen Raum für den Holocaust entgegenschlägt, wie ich sowohl in Marokko wie auch in der Türkei erfahren musste.

Wer hingegen nach Deutschland kommt, für den ist der Begriff „Durchreisender“ sicher treffender als „Gast“. Die Wahrscheinlichkeit, auf einen freundlichen und hilfsbereiten Einheimischen zu treffen ist ohne Frage geringer als überall sonst, obwohl ich zugeben muss, noch nicht überall auf dem Planeten gewesen zu sein.

Woran auch immer es liegen mag: Sehr viele Deutsche scheinen kein Interesse daran zu haben, gegenüber ihren Gästen in einem freundlichen, sympathischen Licht zu stehen.

Und nun wundern wir uns, warum sich die Beliebtheit des Bundesadlers auf unserem Reisepaß in Grenzen hält?

Ausblick – Ob man uns je mögen wird?

Auf absehbare Zeit zeichnet sich sicher keine Besserung der Beliebtheit der Deutschen ab. Aktueller Zeitgeist geht gerade in Deutschland eher weiter in Richtung Selbstgerechtigkeit. Gerne schwingt man sich zum Moralapostel über andere Nationen auf, und je weniger man von ihnen versteht, desto lauter. Und auch untereinander tief gespalten fehlt es an der gemeinsamen Agenda, die für jemandem mit dem Blick von außen etwas Sympathisches erkennbar machen könnte.

Noch einen Schritt früher fehlt es vielen an der Einsicht, dass es auch eine Option sein könnte, wenigstens zeit- oder übergangsweise mal gelegentlich kein stänkernder, arroganter Miesepeter zu sein. Einfach öfter mal ein freundlicher Zeitgenosse zu sein ist eher undeutsch, und das wird es auch auf lange Sicht bleiben.

Aber jetzt kommen am Schluss doch noch zwei gute Nachrichten:

Erstens: Es sind nicht alle so. Es mag unwahrscheinlicher sein als anderswo, aber natürlich gibt es auch Deutsche, auf die alle meine pauschalisierenden Beschreibungen nicht zutreffen.

Zweitens: Es gibt nichts, was gleichgültiger wäre als die Platzierung Deutschlands beim ESC.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN