Die Wette aufs „Generationenkapital“ oder: Die Rentenpolitik der Sandmännchen

von Diskurs Hamburg

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Nach Bekanntgabe der Regierungspläne für das Rentenpaket II mit dem Aufbau eines schuldenfinanzierten „Generationenkapitals“ erschien kürzlich im Hamburger Abendblatt eine Karikatur, in der ein Anlageberater zu sehen war, der einer alten Frau anbietet: „Leihen Sie mir Geld, und ich lege es bei der Rentenversicherung an.“ Die alte Frau sieht man die Arme hochreißen und rufen: „Hilfe! Enkeltrick!“

Die FDP hat ihren ideologischen Willen durchgesetzt

Die FDP hat sich in der Ampel-Koalition mit ihrem ideologisch getriebenen Anliegen durchgesetzt, den Einstieg in eine angeblich kapitalgedeckte Altersrente zu finden. Da Haushaltsmittel für den Aufbau eines Kapitalstocks unter den Bedingungen von Verfassungsgerichtsurteil, Schuldenbremse und Haushaltslöchern nicht zur Verfügung standen, entschied man sich für einen schuldenfinanzierten Aufbau des „Generationenkapitals“. Daraus sollen ab 2036 jährlich rund 10 Mrd. Euro Ertragsüberschüsse nach Schuldzinsen in die Rentenversicherung fließen.

Abgesehen von dem Euphemismus, dass es sich hier wie beim „Sondervermögen Bundeswehr“ nicht um ein „Generationenkapital“ sondern um eine Generationenschuld handelt, ist die inhaltliche Kritik am Regierungskonzept vielfältig.[1] Der Autor hat überdies an anderer Stelle gezeigt,[2] dass eine kapitalgedeckte Rente ökonomisch nichts anderes ist als ein verzögertes Umlagesystem und dass der Aufbau eines erforderlichen Kapitalstocks aus Haushaltsmitteln bzw. Rentenbeiträgen nicht finanzierbar ist. Das ganze Thema ist die Hirngeburt ideologisch vernagelter Liberaler ohne ökonomischen Sachverstand.

Der Rentenexperte Bert Rürup hat darauf hingewiesen, dass „die Idee, dass der Staat Aktien auf Kredit kauft und die Renditedifferenz zusätzlichen Spielraum zur Finanzierung der Altersversorgung schafft, … nun einmal eine Wette [ist] – und Wetten gehen keineswegs immer auf.“[3] Mit den Chancen dieser Wette wollen wir uns hier etwas eingehender beschäftigen.

Wie sind die Wettchancen auf das „Generationenkapital“?

Der deutsche Aktienindex DAX ist ein sog. Performance-Index, der nicht nur die Kursentwicklung der Aktien, sondern zudem auch noch die Dividendenausschüttungen der im DAX enthaltenen Aktiengesellschaften abbildet. Es wird daher auch zwischen dem weniger bekannten Kursindex ohne Dividenden und dem verbreiteten Performance-Index mit Dividenden unterschieden. In den letzten 25 Jahren von Ende Mai 1999 bis Ende Mai 2024 ist der reine Kursindex um jahresdurchschnittlich 2,16% gestiegen, der Performance-Index um 4,70%. Die Differenz von 4,70% minus 2,16% gleich 2,54% ist dann die langfristige durchschnittliche Dividendenrendite auf das Aktienkapital. 

Die Bundesregierung verspricht in ihrem „Generationenkapital“-Konzept, keine Rentenzahlungen aus der Kapitalsubstanz vorzunehmen. Die DAX-Dividendenrendite ist auch unter dieser Voraussetzung einer ungeschmälerten Kapitalbasis berechnet. Zur Entnahme von Rentenzahlungen stehen lediglich diese 2,54% abzüglich der Schuldzinsen zur Verfügung. Aus einer anderen Rechnung[4] ergibt sich mit rund 2,5% dieselbe Größenordnung für die reale gesamtwirtschaftliche Rendite. Der Kapitalstock unserer Volkswirtschaft erwirtschaftet nach Investitionen in den Ersatz abgängiger Anlagen und in die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit sowie nach Unternehmerlöhnen (die keine Kapital-, sondern Arbeitserträge sind) eine entnahmefähige Rendite von rund 2,5%. Würde mehr entnommen, würde man desinvestieren und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und eben von der Substanz leben.

Aktienrendite deckt Schuldzinsen kaum

Die Zinsen für 10-jährige Bundesanleihen, mit denen der Aufbau des „Generationenkapitals“ schuldenfinanziert wird, betrugen im selben 25-Jahreszeitraum durchschnittlich 2,28%. Die Differenz von 2,54% minus 2,28 gleich 0,26% ist dann der wirkliche langfristige Spielraum für Rentenzahlungen, der nach Abzug der Schuldzinsen übrigbleibt. Sollten daraus wie von der Bundesregierung vorgesehen ab 2036 jährlich rund 10 Mrd. Euro an Rentenzahlungen finanziert werden, wäre ein Kapital von 10 Mrd. Euro/0,26% = 3.850 Mrd. Euro erforderlich, das 1½-fache der Bundeschuld! Vorgesehen ist aber nur eine Ansparung von rund 200 Mrd. Euro. Dieses Anleihevolumen würde überdies die Marktzinsen nach oben treiben und den Rentenzahlungsspielraum weiter schmälern – mal ganz abgesehen vom Crowding out-Effekt, d.h. der Verdrängung kreditsuchender Unternehmen aus dem Kapitalmarkt durch den Staat. 

Die ganze Rechnung der Bundesregierung stimmt vorne und hinten nicht. Und an eine Tilgung der zum Aufbau des „Generationenkapitals“ aufgenommenen Schulden ist bei einem Überschuss von 0,36% ohnehin nicht zu denken. Aber das kennt man ja schon: Staatsschulden sind revolvierende Kredite. Alte Schulden werden mit neuen Kreditaufnahmen gedeckt.

„Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast“, heißt es. Die aufgrund der letzten 25 Jahre präsentierten Ergebnisse hängen auch von der Auswahl des gewählten Zeitraums ab. Aber betrachten wir gern auch die 11 Jahre und 5 Monate davor seit Einführung des DAX Ende 1987. Dann erhalten wir ein jahresdurchschnittliches Wachstum des Kursindex von 13,36% und des Performance-Index von 16,80%, mithin einen Dividendenertrag von 3,44%. In diesen Zeitraum betrugen jedoch die jahresdurchschnittlichen Zinsen der öffentlichen Hand 6,52%, und es hätte sich sogar eine Unterdeckung der Dividendenerträge von 3,08% ergeben. Die von Bert Rürup so bezeichnete Wette wäre da kräftig danebengegangen. Nur Träumer hätten sich in jener Zeit den Sand exorbitant steigender Aktienkurse in die Augen streuen lassen, als unseriöse „Anlageberater“ ähnlich wie eingangs in der Karikatur beschrieben ihr Unwesen trieben.

Dividenden diversifizierter Anlagen liegen auf Zinsniveau – nicht darüber

Warum soll man eigentlich annehmen, dass mit Dividendenerträgen die Marktzinsen für Schuldzinsen zu schlagen sind? Weil das in den Finanz- und Anlageteilen der Zeitungen unablässig behauptet wird? Unterschiede von Zinsen und Erträgen bilden Unterschiede von Anlagerisiken ab. Sichere Anlagen wie deutsche Staatskredite haben die niedrigsten Zinsen. Alle anderen Anlagen müssten darüber liegende Erträge abwerfen. Aber ist das wirklich so?

Das „Generationenkapital“ soll breit diversifiziert und global angelegt werden, heißt es, also nach einer risikominimierenden Anlagestrategie. Im theoretischen Idealfall gelingt es, mit dieser Strategie genau die oben erwähnte (globale) volkswirtschaftliche reale Rendite zu erreichen. Dann ist aber jedes unternehmensindividuelle Anlagerisiko ausgeschlossen, da genau der Durchschnitt aller Unternehmensgewinne und -verluste erreicht wird. Das Anlagerisiko wird dann zu einem reinen Konjunkturrisiko, und jede unternehmensindividuelle Risikoprämie verliert ihre Berechtigung. Die Rendite fällt dann auf das Niveau sicherer Anlagen. 

Von der Zinsseite her kommen wir zum selben Ergebnis: Auch wenn die Zinsen nicht nur durch den Markt, sondern auch von der Geldpolitik bestimmt werden, bilden die Zinsen für sichere Anlagen die Untergrenze der durchschnittlichen Dividendenrendite. Fallen die Dividendenrenditen darunter, sinken die Aktienkurse, weil die Anleger in sichere Anlagen gehen, und die Dividendenrenditen steigen wieder. Steigen die Dividendenrenditen, steigen auch die Aktienkurse, und die Differenz von Dividendenrenditen und Zinsen auf sichere Anlagen schmilzt auf das Niveau der Risikoprämie für den Analageunterschied zusammen. Aber bei risikominimierender, diversifizierter Anlagestrategie schmilzt das Risiko zusammen und auch die von den Sandmännchen gestreute Illusion, man könne aus den Dividendenüberschüssen des „Generationenkapitals“ nach Schuldzinsen die Rentenkasse wesentlich auffüllen.

Eine global diversifizierte Anlagestrategie verbessert die Verhältnisse gegenüber unserer auf den DAX abgestellten Betrachtung nicht. Im Gegenteil, die weitere Minimierung des Anlagerisikos durch Globalisierung nähert Anlagerendite und Zinssatz auf sichere Anlagen weiter aneinander an.

Hinter „Dummheit“ steckt Methode: 

Die schuldenfinanzierte Rente kommt

Die politische Verantwortung für das Rentenpaket II und damit für das „Generationenkapital“-Konzept trägt der zuständige Bundesminister für Arbeit und Soziales Hubertus Heil. Spiritus Rector des Konzepts ist jedoch die FDP mit Ihrem Vorsitzenden und dem Finanzminister Christian Lindner, dessen Haus die Schuldenfinanzierung ins Werk setzt. Diesen beiden Herren vorzuhalten, sie seien ignorant oder gar dumm, wäre beleidigend und auch ungerechtfertigt. Denn es steht eine politische Absicht hinter diesem widersprüchlichen und dysfunktionalen „Generationenkapital“-Konzept. „Mit Darlehen aus dem Bundeshaushalt und der Übertragung von Eigenmitteln vom Bund [Hervorhebg. d. Verf.] soll ein Kapitalstock aufgebaut werden“, heißt es in den Erläuterungen der Bundesregierung.[5]

Was jetzt aus Haushaltsgründen noch nicht ist, kann und soll noch werden: Der Einstieg in die schuldenfinanzierte Rentenversicherung. Denn wie sollen diese „Eigenmittel“ des Bundes in nennenswerter Größenordnung finanziert werden, wenn nicht über Schuldenaufnahme? Nein, es geht langfristig nicht nur um den schuldenfinanzierten Aufbau einen „Generationenkapitals“, sondern es geht um die Schuldenfinanzierung der unter demographischen Druck geratenen Rentenversicherung. Wie sonst konnte man mit dem Rentenpaket II auch den von der rot-grünen Schröder-Regierung eingeführten Nachhaltigkeitsfaktor aus der Rentenformel wieder herausnehmen, der das sich verändernde Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern berücksichtigt? Das Wort „Nachhaltigkeit“ scheint ebenfalls so ein Euphemismus zu sein.

Hier treffen sich Sozialdemokraten und Liberale

Das ist der Schlag, der den Gordischen Knoten aus demographischer Entwicklung sowie unverändertem Beitrags- und Rentenniveau durchtrennen soll: Nicht das spätere Renteneintrittsalter, nicht die Aufhebung des Äquivalenzprinzips zwischen Beiträgen und Renten,[6] nicht höhere Rentenbeiträge, nicht abgesenktes Rentenniveau. Nein: Die schuldenfinanzierte Rente! Die Traumdroge erkaufen die Sozialdemokraten ihrer Klientel für den Preis eines geringen Anteils an Aktienrente, Die Liberalen machen das mit für ihren ideologischen Erfolg zum Einstieg in eine vorgeblich kapitalgedeckte Rente.

Was macht es dann irgendwann noch für einen Unterschied, ob das aufgenommene Geld über den Umweg der Aktiendividende oder direkt in die Rentenkasse fließt, wenn mit dem „Generationenkapital“ erst einmal die Tür zur schuldenfinanzierten Rente aufgestoßen ist? Volkswirtschaftlich bedeutet dieser Umweg ohnehin nur eine zeitliche Verlagerung: Ob die Rente aus Beiträgen oder aus Anlagebeträgen der Sparer finanziert wird, es bleibt volkswirtschaftlich ein Umlagesystem – allerdings bei letzterem mit Verteilungswirkungen aus Zinsen zugunsten der Sparer.

Welche Tür der Finanzminister und der Sozialminister aufgestoßen haben, haben uns diese Sandmännchen nicht erklärt, denn sie halten uns für Träumer. Das Sandmännchen ist eine so freundliche und harmlose Figur, dass wir sie sogar unseren Kindern nahebringen. Eine Beleidigung kann diese Bezeichnung nicht sein. 


[1]   Gute Zusammenfassungen der Kritikpunkte findet man bei Thomas Hagemann: Das Generationenkapital wird die Rente nicht retten unter https://www.mercer.com/de-de/insights/hagemanns-bilanzen/generationenkapital/ und im ARD-Interview vom 06.03.2024 mit Marcel Fratzscher unter https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/generationenkapital-rente-diw-fratzscher-100.html

[2]   Jan Thieme: Warum die kapitalgedeckte Rente nicht funktioniert, in Diskurs-Hamburg.de, August 2021, /

[3]   Zitiert nach Thomas Hagemann, a.a.O.

[4]   Siehe Jan Thieme, a.a.O.

[5]   siehe https://www.bundesfinanzministerium.de/Web/DE/Themen/Internationales_Finanzmarkt/Altersvorsorge/Generationenkapital/generationenkapital.html

[6]   Vgl. den entsprechenden Vorschlag des Sachverständigenrates Wirtschaft, kommentiert von Jan Thieme: Das Äquivalenzprinzip der Rentenversicherung aufgeben? in Diskurs-Hamburg.de, November 2023, https://diskurs-hamburg.de/das-aequivalenzprinzip-der-rentenversicherung-aufgeben/

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN