Warum die kapitalgedeckte Rente nicht funktioniert

von Diskurs Hamburg

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Mancher Irrtum offenbart sich erst durch Nachrechnen. Die geneigten Leser sind deshalb herzlich gebeten, sich einmal für einen Moment auf den Umgang mit Zahlen einzulassen, auch wenn sie sonst in der politischen Debatte den Umgang mit dem Wort bevorzugen mögen.

Manche Erkenntnisse gehen wieder verloren

Als der Autor in den 1970er Jahren in Hamburg Volkswirtschaftslehre studierte, zog der Fachbereich in ein neu errichtetes Gebäude um, dessen großer Hörsaal sich wegen seiner flachen Decke durch eine mangelhafte Akustik auszeichnete. Da eröffnete der akademische Lehrer des Autors Harald Scherf (1933-2008) seine Vorlesung mit den Worten: „Seit der Antike ist bekannt, wie man Auditorien baut. Aber manche Erkenntnisse der Menschheit gehen anscheinend wieder verloren.“ Diese Art von Verlust kommt wohl nicht nur in der Architektur, sondern auch in der Sozialpolitik vor, hat doch die FDP in ihrem Programm zur Bundestagswahl 2021 – wieder einmal – die „gesetzliche Aktienrente“ propagiert.

Nach dem Kieler Bevölkerungswissenschaftler Gerhard Mackenroth (1903-1955), der die großen Sozialreformen der 1950er Jahre maßgeblich beeinflusst hat, ist das Mackenroth-Theorem benannt worden. Es besagt: Aller Sozialaufwand wird immer(!) aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt. Der Sozialaufwand ist deshalb nach dem gegenwärtigen Einkommen zu bemessen, und ein Ansparen in vorherigen Perioden ist nicht möglich.

Eine kapitalgedeckte Rente wird damit ebenfalls zur umlagefinanzierten Rente: Die Kapitalanteile der Rentner werden zu Entgeltpunkten für den Bezug von Vermögenseinkommen. Bei Renten mit Kapitalverzehr wechselt das Kapital den Eigentümer; die neuen Eigentümer zahlen aus ihrem Einkommen(!) an die Veräußerer deren Rente aus Kapitalverzehr. „Volkswirtschaftlich gibt es immer nur ein Umlageverfahren“, formulierte Mackenroth vor bald siebzig Jahren. Was hier abstrakt einleuchtet, wollen wir konkret nachvollziehen:

Die entnahmefähige Kapitalrendite für Renten beträgt 2,5 Prozent

Die Unternehmens- und Vermögenseinkommen (abzüglich Abschreibungen gerechnet) betragen in Deutschland rund 700 Mrd. €.

  • Davon werden rund 100 Mrd. € für Nettoinvestitionen zur Erweiterung des Kapitalstocks gebraucht, was für eine Volkswirtschaft im internationalen Wettbewerb unverzichtbar ist.
  • Weitere rund 100 Mrd. € sind als Arbeitseinkommen der Selbständigen und nicht als Kapitaleinkünfte anzusehen, z.B. die Überschüsse der Kleinunternehmer und Freiberufler.
  • Rund 150 Mrd. € werden bereits als Alterseinkommen aus Kapital verwendet: für die betriebliche und private Altersversorgung sowie für berufsständische Versorgungswerke.
  • Der Rest von 350 Mrd. € stünde als zusätzliche Alterseinkommen aus Kapitalerträgen zur Verfügung, wenn sich nicht der deutsche Kapitalexport mit 350 Mrd. € in gleicher Größenordnung bewegte. Diese Gewinne werden im Ausland reinvestiert.

Von den 700 Mrd. € Gewinneinkommen sind also 200 Mrd. € für die Aufrechterhaltung der Produktion notwendig: 100 Mrd. € für Erweiterungsinvestitionen und 100 Mrd. € für die Arbeit der Selbständigen. Der Rest von 500 Mrd. € steht potenziell  für Alterseinkommen zur Verfügung, und davon werden bereits 150 Mrd. € so verwendet. Mit dem deutsche Kapitalstock von rund 20.000 Mrd. € wird ein Potential von 500 Mrd. € für kapitalgedeckte Alterseinkommen erwirtschaftet, was einer entnahmefähigen Rendite von 2,5 Prozent entspricht. (Mit 500 Mrd. € Gesamtinvestition wächst das „deutsche“ Vermögen von 20.000 Mrd. € dann mit einer Rate von 2,5 Prozent p.a., siehe unten zur realen Aktienkursentwicklung.)

Eine vollständig kapitalgedeckte Rente verlangte eine weitgehende Sozialisierung …

Die Ausgaben der gesetzlichen Rentenversicherung betragen rund 325 Mrd. € jährlich. Davon sind 250 Mrd. € durch Umlagebeiträge finanziert, 75 Mrd. € aus Steuermitteln. Dividiert durch die Rendite von 2,5 Prozent ergibt das für die Kapitaldeckung der umlagefinanzierten Renten ein erforderliches Kapital von 10.000 Mrd. € oder 50 Prozent des deutschen Kapitalstocks (einschl. des steuerfinanzierten Anteils sogar von 13.000 Mrd. €). Das liefe auf eine Sozialisierung der deutschen Wirtschaft zugunsten der Deutschen Rentenversicherung hinaus. Auch wenn man das Kapital im Ausland anlegte, bliebe das gigantisch unrealistisch.

Übersicht gesamtwirtschaftliche Größen Deutschland, Durchschnitt 2016-2019 geglättet, in Mrd. €

Übersicht gesamtwirtschaftliche Größen Deutschland, Durchschnitt 2016-2019 geglättet, in Mrd. €

Nun ist es zweckmäßig, kapitalgedeckte Renten mit Kapitalverzehr zu konzipieren, denn am Ende des Rentenbezugs muss kein Kapital übrig bleiben. Die nicht aus Kapitalrenditen, sondern aus Kapitalverzehr erwirtschafteten Rentenzahlungen würden dann aus den Anlagebeiträgen der Aktiven finanziert. Ein Rentenfonds mit Kapitalverzehr würde auf der einen Seite die Kapitalbeiträge einsammeln und anlegen und auf der anderen Seite diese Anlagen im Rentenfall wieder veräußern. So wird das aber in der Praxis nicht gehandhabt, sondern ein Rentenfonds saldiert intern die Einzahlungen und Auszahlungen. Wir würden also nichts anderes als ein in die Zukunft verlagertes Teil-Umlagesystem bekommen.

Nur zum Ersatz der 250 Mrd. € umlagefinanzierten Rentenzahlungen bräuchte man bei einer realen Rendite von 2,5 Prozent und der derzeit durchschnittlichen Rentenbezugsdauer von 21 Jahren ein zusätzliches Kapital von rd. 4.000 Mrd. €1)bzw. die Kleinigkeit von 20 Prozent des deutschen Kapitalstocks (einschl. des steuerfinanzierten Teils über 5.000 Mrd. €), die den Eigentümer wechseln müssten. Eine derartig gigantische Zusatznachfrage nach rentierlichen Vermögenstiteln, ob im In- oder Ausland, würde die Vermögenspreise erheblich erhöhen und die Renditen dementsprechend senken. Die 4 oder 5 Bio. € würden also gar nicht ausreichen.

… und würde von den heute Aktiven als Rentner nicht mehr erlebt werden

Nehmen wir einmal an, es ließe sich politisch durchsetzen, die Rentenbeiträge und die entsprechenden umlagefinanzierten Rentenzahlungen von heute 250 Mrd. € um 10 Prozent bzw. 25 Mrd. € zu kürzen, um diese dann jährlich als Kapitalbeitrag in einen Rentenfonds einzuzahlen. Genau das schlagen die beiden FDP-Bundestagsabgeordneten Johannes Vogel und Christian Dürr in ihrem Konzeptpapier vom 15.02.20214) vor. Dann dauerte es 65 Jahre2), um bei 2,5 Prozent Rendite die (nicht ausreichenden) 4 Bio. € anzusparen, von denen man zwischendurch aber nichts entnehmen darf. „Liberale Politik ist das Bohren dicker Bretter“, hat der sozialliberale FDP-Politiker Karl-Hermann Flach (1929-1973) einmal gesagt. 

Eine Rendite von 2,5 Prozent auf ein Kapital von 4.000 Mrd. € ergibt in 65 Jahren 100 Mrd. € Renten und nicht die benötigten 250 Mrd. €. Die Differenz von 150 Mrd. € würde weiterhin im Umlageverfahren finanziert, jetzt zwischen Kapitalanlegern und Kapitalverzehrern. Das bedeutete zwar (derzeit durchschnittlich) 35 Beitragsjahre lang einen Vorteil von 100 Mrd. € = 3.500 Mrd. €, für den die vorherigen Generationen 65 Jahre lang auf 25 Mrd. € Renten = 1.625 Mrd. € verzichten müssten;  das sind 1.625/250 = 6,5 Jahresrenten. Erst in 100 Jahren wäre der Vorteil niedrigerer Beiträge dann voll zum Tragen gekommen.

Erst einmal noch weniger Netto vom Brutto, liebe FDP-Freunde! Das mag der liberalen Vorstellung von Selbstverantwortung entsprechen: Die heute Aktiven sollen für ihre Rente von morgen vorsorgen, indem sie das Kapital ansparen. Aber gleichzeitig sollen sie auch die umlagefinanzierte Renten der heutigen Rentnergeneration bezahlen.

Schon die Einstiegsdroge „2 Prozentpunkte“ bereitet Kopfschmerzen

Die FDP-Abgeordneten Vogel und Dürr schlagen in ihrem Konzeptpapier vor, von den derzeit 18,6 Prozentpunkten Rentenbeitrag 2,0 Prozentpunkte für den Aufbau eines Aktienfonds einzubehalten und nur noch den Rest von 16,6 Prozentpunkten in die umlagefinanzierte Rente fließen zu lassen – um dann etwa die umlagefinanzierten Renten entsprechend abzusenken oder durch Haushaltszuschüsse auszugleichen? Darüber erfahren wir dort nichts.5)

Was kann man mit 2,0 von 18,5 Prozentpunkten Beitrag (entspricht ca. 10 Prozent des Beitragsvolumens von 250 Mrd. €) anstellen? Und ab wann kann man von dem jährlich angelegten Betrag von 25 Mrd. € eine Rente in gleicher Höhe ausschütten? Es lässt sich bei geeigneter Wahl des Betrachtungszeitraums eine langfristige Aktienrendite einschl. Kursgewinnen von real(!) 5 Prozent darstellen. Das reflektiert die reale Rendite von 2,5 Prozent plus 2,5 Prozent Wachstum des volkswirtschaftlichen Kapitalstocks (im internationalen Anlageraum). Aber Kursgewinne auszuschütten, also auch Aktien teilweise wieder zu verkaufen, empfiehlt sich wegen der Aktienvolatilität nicht. Simulationen zeigen, dass zu hohe Ausschüttungen den Aktienbestand gerade bei tiefen Kurseinbrüchen wie 2001, 2008 oder 2020 vorzeitig aufzehren können. Es bleibt somit bei einer entnahmefähigen Rendite von real 2,5 Prozent.

Bei dieser Rendite brauchte man ein Aktienkapital von 1.000 Mrd. €, um Ausschüttungen in Höhe des jährlich einbehaltenen Anlagebetrages von 25 Mrd. € zu erreichen. Das Ansparen dauerte 28 Jahre3). Solange könnte sich die FDP wohl nicht an der Regierung halten, denn die umlagefinanzierten Renten werden ja um 10 Prozent gekürzt, was die Kapitalrendite erst nach 28 Jahren ausgleicht. Die kumulierten Rentenkürzungen betrügen 1,25 Jahresrenten. Vogel und Dürr fordern überdies einen „Systemwechsel“. Die gesetzliche Aktienrente soll zur „ersten Säule“ werden, und die 2,0 Prozentpunkte sind nur der Einstieg, Rest siehe oben.

Die Aktienvolatilität drückt auf die entnahmefähige Rendite, und es ist überhaupt die Frage, ob man die Versorgung alter Menschen solchen Risiken aussetzen soll. Eine Milliarde Beitragseinnahme ist im Umlagesystem eine sichere Milliarde Rentenzahlung. Im kapitalgedeckten System ist diese Milliarde nur 25 Millionen Rendite und unter vielen Unsicherheiten und erheblichen Rentenkürzungen in 28 Jahren gerade einmal mit gleicher Rente äquivalent zum Umlagesystem. Warum sollte man dann so einen Systemwechsel anstreben, wenn einem nicht die Sozialisierung der deutschen Wirtschaft ein Anliegen ist?  

Übersicht behandelter Rentenkonzepte, Beträge in Mrd. €

Übersicht behandelter Rentenkonzepte, Beträge in Mrd. €

Eine kapitalgedeckte Rente ist die Ausnahme – für Kapitaleigner

Das schließt alles nicht aus, dass Teile der Altersversorgung oder die für Teile der Bevölkerung kapitalbasiert sein können, was ja der Fall ist. Das Brot, das der Rentner heute isst, muss heute und nicht vor zwanzig oder dreißig Jahren gebacken worden sein. Das Haus, in dem der Rentner heute wohnt, kann gern in der Vergangenheit gebaut worden sein, soweit es auch heute instandgehalten wird – wenn er denn ein Haus besitzt, sonst muss er aus seiner Rente Miete zahlen. Das sind die ökonomischen Leitplanken, zwischen denen sich eine kapitalbasierte Rentenpolitik bewegen kann.

1,2,3 Die finanzmathematischen Berechnungen des Autors können geübte Leser leicht selbst anstellen.

4 siehe https://www.fdpbt.de/sites/default/files/2021-02/210215_Duerr_Vogel_Gesetzliche_Aktienrente.pdf

5 Die FDP-Bundestagsfraktion hat dem Lehrstuhlinhaber für Sozialpolitik und Öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum, Martin Werding, eine Studie zum Konzept der Aktienrente in Auftrag gegeben. Danach sollen anfänglich die Bundeszuschüsse zur Anschubfinanzierung des Rentenfonds erhöht werden und die Gesamtrente aus Umlage- und Aktienrente erst 2045 das Niveau der heutigen Umlagerente ohne Reform überschreiten (Abbildung 5 b)). Von der 35-seitigen Studie erwähnt ein Absatz (Seite 13) das Thema des Kapitalbedarfs, der dort bei einer anstatt mit 2,5% mit 6,5% angenommenen Rendite 60% des in 2080 mit real 1% p.a. auf rund 6.350 Mrd. € angewachsenen BIP, also rund 3.800 Mrd. € betragen soll – wohlgemerkt bei einer rund 2 ½-fach höheren Rendite – und damit im Bereich der hier geschätzten Größenordnungen liegt. siehe https://www.fdpbt.de/sites/default/files/2021-02/RUB-Studie_Aktienrente.pdf

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN