Die chinesische Kuli-Ökonomie. Warum uns Chinas Exportüberschuss nützt

von Diskurs Hamburg

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Wo soll das noch hinführen?

„China-Geschäft eingebrochen“, „Gewinneinbruch bei VW und Porsche“, „Überholt uns China?“ So oder ähnlich lauten die alarmierenden Schlagzeilen dieser Tage, die suggerieren, dass China Deutschland weltwirtschaftlich abgehängt hätte und uns hierzulande eine düstere Zukunft drohte. Unser lange erfolgreiches, exportbasiertes Geschäftsmodell würde durch die chinesische Wettbewerbsfähigkeit untergraben. Die USA mit ihrem gewaltigen Handelsbilanzdefizit wären der chinesischen Konkurrenz ohnehin unterlegen und wüssten sich nur noch mit Präsident Trumps Zollpolitik zu wehren. Der chinesischen Bedrohung, der Deutschland und die USA ausgesetzt sind, wären die anderen EU-Länder bzw. die EU in ihrer Gesamtheit allemal ausgesetzt. „Wo soll das noch hinführen?“, lautet da die besorgte Frage.

Chinas Exportüberschuss größer als der aller Überschussländer zusammen

Um uns einer Antwort zu nähern, sehen wir uns zunächst ein paar Zahlen an. Nachstehende Tabelle zeigt die prozentualen Anteile großer Exportnationen bzw. -regionen am Welthandel. Dabei ist der sog. EU-Intrahandel, also der Außenhandel zwischen den EU-Ländern nicht berücksichtigt, sondern nur der Handel des „EU-Binnenmarktes“ mit den Ländern außerhalb der EU. Da 98 Prozent des Außenhandels von Hong Kong aus Importen aus China besteht, die über Hong Kong an dritte Länder weiterexportiert werden, ist auch Hong Kongs Import hier nicht berücksichtigt. Die gezeigten Anteile am Welthandel beziehen sich also auf den um den innerregionalen Handel verkürzten Welthandel.

In dieser Betrachtung zeigt sich, dass die drei Regionen China mit Hong Kong, EU und USA nahezu die Hälfte der externen Exporte der Welt auf sich vereinigen, und die sieben nächst-exportstarken Länder rund ein Viertel. Der Exportüberschuss Chinas ist größer als die Exportüberschüsse aller gezeigten exportstarken Länder und mutmaßlich auch größer als die Exportüberschüsse aller Überschussländer der Welt zusammen. 

Chinas Exporte betragen mehr als 160 Prozent seiner Importe. Umgekehrt betragen die Importe der USA über 150 Prozent ihrer Exporte. Die externe Handelsbilanz der EU sieht dagegen fast ausgeglichen aus, und die nächsten sieben exportstärksten Länder weisen zusammen auch nur einen geringen relativen Exportüberschuss aus. Die EU und die aufgeführten sieben exportstarken Länder importieren für ihre Exporterlöse also wiederum andere Waren, auch wenn es zum Teil Vorleistungen für ihre Exportproduktion sind. Spiegelbildlich zu den Exportüberschüssen stehen nicht nur das Handelsbilanzdefizit der USA, sondern auch die Handelsbilanzdefizite des „Rest der Welt“ von rund zehn Prozent gemessen an dessen Importen. Dieser weniger exportstarke „Rest der Welt“ von rund 180 Ländern umfasst auch den sog. Globalen Süden mit seinen nicht so wettbewerbsfähig entwickelten Exportindustrien.

(Da die Summen der weltweiten Exporte und Importe gleich sind, bedeuten ein höherer bzw. niedrigerer Exportanteil als Importanteil am Welthandel einen Export- bzw. Importüberschuss)

Externe Welthandelsanteile (Warenhandel) 2024, 
Quelle: Bundesministerium Wirtschaft, eigene Berechnungen

Die Handelsbilanzen bzw. die Anteile am Welthandel mit Waren zeigen nur einen Teil der Wahrheit. Hinzu kommt der Außenhandel mit Dienstleistungen wie Tourismus, Finanzen, Transport, Beratung und IT, der sowohl bei der EU und den USA jeweils einen hohen Anteil ausmacht, aber im Ergebnis nichts daran ändert, dass die USA auch mit Waren und Dienstleistungen zusammen ein Defizit und China einen Überschuss aufweisen.

Die USA zahlen mit selbst gedrucktem Geld

Ein dauerhaftes Dienstleistungs- und Warenhandelsbilanzdefizit führt zwangsläufig zu einer dauerhaften Verschuldung des Defizitlandes. Wenn die Importe nicht mehr durch Exporteinnahmen bezahlt werden, muss sich irgendwer dafür verschulden. Das kann der Staat sein, der Schuldscheine (Bonds) im Ausland verkauft, oder es können Unternehmen sein, deren Anteile (Aktien) von Ausländern gehalten werden. 

Für das in dieser Größenordnung langjährig anhaltende Handelsbilanzdefizit der USA gibt es nun eine einfache Erklärung: Die USA bezahlen ihre Schulden einfach in US-Dollar, einer überall akzeptierten Weltwährung, die sie selbst nahezu beliebig herausausgeben („drucken“) können und die dennoch akzeptiert wird. Die USA brauchen für ihre Importe gar nicht in derselben Höhe Waren und Dienstleistungen erzeugen und exportieren. Das ist eine sehr komfortable Lage für die US-Amerikaner, die auf diese Weise billig Autos und viele andere Konsumgüter einst aus Japan und heute aus China importieren. (Ebenso war die niedrige Inflationsrate der 2010er Jahre in Europa trotz Geldmengenausweitung der EZB in der Finanzkrise auch eine Folge der billigen Konsumgüterimporte aus China und aus anderen asiatischen Ländern.)

China muss seine Exportüberschüsse als Kapitalexporte anlegen

Andersherum exportiert China Güter und erhält dafür kaum zwei Drittel an Güterwert als Importe zurück. Der chinesische Handelsüberschuss spiegelt sich zwangläufig im chinesischen Kapitalexport, der in US-amerikanische Staatsschuldverschreibungen oder in Unternehmens-käufe im Ausland investiert wird. Auch die Investitionen in die Neue Seidenstraße oder in die Erschließung von Bodenschätzen in Afrika und Südamerika sind alles die Kehrseite des chinesischen Handelsüberschusses. 

Irgendwo müssen die im Export erwirtschafteten Überschüsse angelegt werden, wenn dafür keine Importgüter gekauft werden. Aber was haben die den Chinesen im Gegensatz zu den US-Amerikanern davon? Das sieht man in China an Jugendarbeitslosigkeit, fehlendem Zugang der Wanderarbeitermassen zu öffentlichen Leistungen wie Bildung oder Gesundheit, einem nur rudimentär ausgebildeten Sozialstaat, neu errichteten, aber leerstehenden Wohnblöcken und einer verbreiteten Armut auf dem Lande, das von den Metropolen wie Shanghai abgekoppelt ist.

Die Renditen aus den durch Exportüberschüsse erwirtschafteten Auslandsinvestitionen werden auch nicht für den Import insbesondere von Konsumgütern eingesetzt. Die Renditen werden im Ausland reinvestiert oder in die militärische Aufrüstung gesteckt. (Die nukleare Aufrüstung Chinas hat ein Ausmaß erreicht, dass sich Experten fragen, ob die chinesische Nukleardoktrin des Verzichts auf einen Erstschlag noch glaubwürdig ist.) Der chinesische Export sichert und schafft zwar inländische Beschäftigung, aber die Beschäftigten arbeiten zu deutlich geringeren Reallöhnen als ihre Wettbewerber in den europäischen oder amerikanischen Importländern. 

Die Kehrseite der Reallohndifferenz Chinas zu seinen Exportpartnern ist der Exportüberschuss, der nicht mit Konsumgüterimporten für die chinesischen Beschäftigten aufgefüllt wird.

Das ist die chinesische Kuli-Ökonomie:

Die Europäer und mehr noch die US-Amerikaner genießen die wohlfeile Reichlichkeit chinesischer Importwaren, für die chinesische Arbeiter – nennen wir sie einmal Kulis – für geringen Reallohn arbeiten müssen. „Als Kuli wurden überwiegend chinesische … ungelernte Lohnarbeiter im 19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die für ein Unternehmen als Kontraktarbeiter oder Tagelöhner arbeiteten. Ihr Einsatz erfolgte … auf Plantagen, in Kohleminen, als Lastenträger oder für andere gering bezahlte körperliche Tätigkeiten. …. Die Mehrzahl der Betroffenen wurde in britische Kolonialgebiete Südostasiens sowie Mittel- und Südamerikas verbracht.“, lesen wir bei Wikipedia über den Begriff Kuli. Die chinesischen Wanderarbeiter sind nichts anderes als nicht dauerhaft beschäftigte Kontraktarbeiter. Sie selbst werden nicht mehr in andere Erdteile verbracht, dafür aber die von ihnen erzeugten Waren.

Diese Kritik an der merkantilistischen Außenwirtschaftspolitik Chinas ähnelt der Kritik etwa eines Oskar Lafonaine (Die Linke) und seines ehemaligen Staatssekretärs im Bundesfinanzministerium, dem Ökonomen Heiner Flassbeck, am „Exportweltmeister“ Deutschland: Die Löhne und die (schuldenfinanzierten) Staatsausgaben sollten erhöht werden, um die Importnachfrage zu erhöhen (und den Handelsüberschuss zu reduzieren) und den Reallohnanstieg warenmäßig zu unterfüttern. Ähnliche Vorhaltungen gegen Deutschland wurden beizeiten auch aus dem europäischen Ausland, insbesondere aus Frankreich vorgebracht. Dagegen stand dann das Argument, zu hohe Löhne gefährdeten die deutsche Wettbewerbsfähigkeit und die Beschäftigung. 

Nun liegen die deutschen Importe im Durchschnitt bei 90 Prozent der Exporte und nicht wie die chinesischen Importe bei nur gut 60 Prozent der Exporte. Die deutsche Binnennachfrage nach Importwaren ist im Vergleich zu China hoch, und der besonders aus dem EU-internen Handel resultierende deutsche Exportüberschuss ist das Ergebnis deutscher Wettbewerbsfähigkeit – und das bei im Vergleich zu China im EU-Raum bzw. zwischen der EU und den USA angenäherten Reallöhnen. Das Reallohngefälle zwischen China (rd. 15.000 € p.a.) einerseits und dem EU-Durchschnitt (rd. 40.000 € p.a.) bzw. Deutschland (rd. 50.000 € p.a.) und den USA (rd. 75.000 € p.a.) andererseits ist jedoch viel größer.

„Wenn China immer mehr europäische Branchen ruiniert“

Damit kommen wir zu unserer Eingangsfrage: „Wo soll das noch hinführen?“ Wo soll es noch hinführen, wenn China mittels geringerer Reallöhne immer mehr europäische Branchen in den Ruin konkurrenziert und dort dann die Beschäftigung und letztlich die Nachfrage nach chinesischen Importwaren schwinden? Wem sollen die Chinesen dann noch etwas verkaufen können, wenn es keiner mehr bezahlen kann? Denn spätestens seit Keynes´ berühmter Schrift The Economic Consequences of the Peace“ (1919) wissen wir, dass der eigene Wohlstand immer auch vom Wohlstand des Nachbarn abhängt (Better thy neighbour!). Auf unsere Frage hält die ökonomische Theorie drei Antworten bereit:

  1. Europa kann sich ständig neu erfinden. 

Dafür, dass europäische Branchen im internationalen Wettbewerb unterliegen, entstehen dort neue Branchen, die im internationalen Wettbewerb überlegen sind. Entscheidend dafür, dass das auch geschieht, ist die sog. Transformationskapazität, also die Fähigkeit, neue Produkte und Produktionsverfahren zu entwickeln. In dieser Hinsicht ist Europa und insbesondere Deutschland im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. 

Man beachte, dass gerade die Automobilproduktion schon lange eine „ausgemusterte Verlustproduktion“ ist; so wurde der VW Käfer seit 1978 nur noch in Mexiko gebaut. China kopiert immer noch mehr fremde Industrien, als dass es eigene, neue Industrien schafft. Der Hase läuft zwar schneller als der Igel, aber der Igel ist trotzdem immer vorher am Ziel.

  • Auch weniger produktive Industrien haben Handelsvorteile

Auch wenn China eines Tages in allen Industrien produktiver geworden sein sollte als Europa, bedeutet das nicht, dass das in allen Branchen unproduktivere Land nichts mehr exportieren würde und seine Beschäftigung vollkommen verlöre. Es kommt nach der Theorie der komparativen Kosten auf die relativen, nicht auf die absoluten Produktivitätsverhältnisse an. Wenn sich das insgesamt unproduktivere Land auf die Exportbranchen spezialisiert, in denen es im Vergleich zu den Importbranchen relativ produktiver ist, und das produktivere Land genauso verfährt, findet immer noch Außenhandel statt. 

Aber wir sind weit entfernt davon, dass China in allen Branchen produktiver ist als Europa. Es mag billiger sein, da die Reallöhne niedriger sind, aber das ist gerade die Kuli-Ökonomie oder in marxistischer Diktion: Die Ausbeutung durch nichtäquivalenten Tausch ungleich bewerteter Arbeit.

  • Wenn die Nachfrage nach chinesischen Waren sinkt, sinken auch deren Preise

Wenn es denn so käme, dass die europäischen Branchen von den chinesischen in den Ruin konkurrenziert würden und damit die europäische Importnachfrage schwände, weil die europäischen Einkommen schwänden, dann hätte das nur eine Folge: Die rückläufige Nachfrage senkt die Preise für chinesische Importe und damit die chinesischen Einkommen bzw. die Löhne der chinesischen Beschäftigten, eben Kuli-Ökonomie: Die Europäer, die dann zwar nicht mehr viel für den Export produzieren, genössen immer noch die nun noch wohlfeileren chinesischen Importwaren. 

Irgendwann sinken die Preise für chinesische Importwaren dann auf ein Niveau, dass sich für China die Exporte nicht mehr lohnen und nicht mehr als Konkurrenz zu den europäischen Branchen auftreten. Dann wäre in der Sprache der Ökonomen ein neues „Gleichgewicht“ erreicht, dass für die Europäer wegen der niedrigeren Importpreise nicht notwendig ein niedrigeres Realeinkommen bedeuten müsste.

Das Ende Kuli-Ökonomie

Irgendwann wird auch die chinesische Kuli-Ökonomie mit ihren, auf niedrige Reallöhne gestützten Exportüberschüssen zum Erliegen kommen. Die staatlich getriebene Expansion der Exportindustrien wird die Nachfrage nach (qualifizierten) Arbeitskräften und deren Löhne erhöhen, die dann mit Importwaren unterfüttert werden müssen. Der wegen der Ein-Kind-Politik wachsende Altenquotient wird die von der demographisch begrenzten Labour Force zu befriedigende Binnennachfrage erhöhen. Als Folge steigen die Reallöhne, und es sinkt die Wettbewerbsfähigkeit. Das zeigt sich bereits jetzt, wenn Länder wie Vietnam mit geringeren Löhnen ihren Konkurrenten China auf den Exportmärkten ablösen. Dann wird es vorbei sein mit der guten, alten Zeit, in der uns chinesische Kulis billig mit Waren versorgten und wir wenig an Exporten gegenleisten mussten.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN