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Eine erschreckende Prognose …
Bereits im September 2025 schreckte der Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die deutsche Öffentlichkeit mit der Prognose auf, dass Russland die NATO bis 2029 militärisch testen könnte. Diese Warnung wurde am 18. Mai 2026 vom Generalinspekteur der Bundeswehr General Carsten Breuer zusammen mit dessen britischem Amtskollegen Air Chief Marshal Sir Richard Knighton wiederholt. Worauf gründet sich diese Prognose, dass Russland die NATO bis 2029 militärisch testen könnte?
Die Begründungen, die dazu von offizieller Seite gegeben werden und von den Medien recherchiert werden können, sind eher allgemeiner Art. Die Jahresangabe 2029 erscheint danach zwar möglich, ist aber nicht zwingend nachvollziehbar. Wer es genauer wissen möchte, stößt an eine Argumentationswand von „geheimdienstlichen Analysen des Bundesnachrichtendienstes sowie nicht-öffentlichen NATO-Informationen“. Aber die Prognose „2029“ wird dazu genutzt, um die Notwendigkeit einer schnellen und umfassenden militärischen Erneuerung Deutschlands bzw. zur Schließung von „Fähigkeitslücken“ zu begründen.[1]
…auf geheimer Grundlage …
Die Prognose „2029“ basiert im Wesentlichen auf drei Säulen:[2]
- Hochfahren der Rüstungswirtschaft: Geheimdienste analysierten fortlaufend die Produktionskapazitäten der russischen Rüstungsindustrie. Russland habe seine Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft umgestellt und stelle massenhaft Waffen und Munition her. Rechne man den aktuellen Materialverbrauch im Ukraine-Krieg ab, ergäbe sich diese mathematische Projektion. Analysen zeigten, dass Russland bei gleichbleibendem Rüstungstempo seine Bestände bis spätestens 2029 so weit regeneriert und ausgebaut haben würde, dass ein großangelegter Angriff auf NATO-Territorium materiell möglich wäre.
- Personeller Aufwuchs und Kampferfahrung: Russland baue seine Streitkräfte personell massiv aus. Bis 2029 solle die russische Armee auf eine geplante Truppenstärke von 1,5 Mio. Soldaten anwachsen und würde dann über jahrelange Kampferfahrung aus dem Ukraine-Krieg verfügen. Zudem formiere Russland neue Militärstrukturen, die insbesondere auf Finnland und das Baltikum gerichtet seien.
3. Hybride Kriegsführung: Ein „Testen“ der NATO müsse kein klassischer, offener Kriegsausbruch sein. Russland agiere in einer Grauzone zwischen Frieden und Krieg. Ein Testen der NATO-Beistandspflicht könne bis 2029 durch Nadelstiche erfolgen wie Sabotageakte gegen kritische Infrastruktur, Verletzungen des Luftraums und maritime Provokationen in der Ostsee sowie massive Cyberangriffe und gezielte Desinformationskampagnen.
… und die seit drei Jahren unverändert
Bereits nach der erstmaligen Veröffentlichung der Prognose „2029“ im September 2025 wurde aufgedeckt, dass diese Einschätzung im Wesentlichen auf einer gemeinsamen Bedrohungsanalyse der NATO aus dem Jahre 2023 beruhte (die zu diesem Zeitpunkt wegen ihres Vorlaufs auch schon nicht mehr ganz aktuell gewesen sein konnte). Nun wird drei Jahre später diese selbe Prognose wiederholt, nachdem sich die Situation im Ukraine-Krieg heute deutlich anders darstellt und Russland erhebliche Verluste an Menschen und Material zu erleiden hatte, die 2023 gar nicht absehbar waren, Auch die heutige, eigenständige Fähigkeit der Ukraine, Ziele tief im Hinterland Russlands zu treffen, war vor drei Jahren überhaupt noch nicht entwickelt.
Vielmehr kann man erwarten, dass, solange der Krieg mit der derzeitigen Intensität anhält, nicht mit einem massiven Angriff Russlands auf die NATO zu rechnen ist – mit weiteren hybriden Nadelstichen allerdings. Russland bewegt sich mit seiner Kriegsführung auf seine personelle Kapazitätsgrenze zu und ist mittlerweile von der Ukraine waffentechnologisch überholt worden. Ein Angriff auf europäische NATO-Länder, der deutlich mehr russische Kräfte als im Februar 2022 voraussetzte, erscheint während des derzeit tobenden Ukraine-Krieges – nach rein militärischem Kalkül, aber eben nur nach militärischem Kalkül – ausgeschlossen.[3]
Ein NATO-Abenteuer Russlands nur, wenn es den Krieg gewinnt
Nach einem Ende des Ukraine-Krieges mag es möglich sein, dass Russland militärische Kräfte entwickelt, die ihm das Wagnis eines Angriffs auf die NATO als aussichtsreich erscheinen lässt – wenn denn die derzeitigen Fähigkeitslücken des europäischen NATO-Teils nicht geschlossen werden. Es bleibt aber bei aller Hybris des russischen Regimes fraglich, ob es sich nach den Verlusten im Ukraine-Kriege noch einmal und in ein noch größeres Abenteuer stürzen würde.
Ein Ende des Krieges ist nicht absehbar; er kann auch noch bis 2029 oder länger dauern. Das derzeitige russische Regime wird ihn nicht ohne Sieg beenden wollen, weil das sein eigenes Ende bedeuten würde, möglicherweise sogar das physische Ende seiner Protagonisten. Um das Regime von dem Abenteuer eines NATO-Angriffs abzuschrecken, darf Russland den Ukraine-Krieg nicht gewinnen, denn das würde Russland zu weiteren Abenteuern ermutigen. Und der europäische NATO-Teil muss seine militärischen Fähigkeitslücken schließen und glaubhaft abschrecken, militärisch wie auch politisch. Dazu trägt gerade auch die europäische Unterstützung der Ukraine bei.
Nun räumt die Bundesregierung ein, dass das Jahr 2029 kein unumstößliches Zieldatum sei, sondern auch als politisches Kommunikationsmittel diene. Es solle der Bevölkerung und der Politik die Dringlichkeit verdeutlichen, da die Beschaffung von Material und die Rekrutierung von Personal mehrere Jahre Vorlaufzeit benötige. Man wolle sicherstellen, dass die NATO bis zu diesem potenziellen Wendepunkt abschreckungsfähig und „kriegstüchtig“ sei. Möglicherweise muss man „2029“ dann eher als eine Zielmarke des europäischen NATO-Teils deuten.
Die Absicht ist berechtigt aber das Kommunikationsmittel nur begrenzt tauglich, weil es angreifbar ist. Es verleitet vielmehr zu einem Trugschluss. Denn auch wenn die Prognose „2029“ nicht zwingend nachvollziehbar ist, bleibt ihre Konsequenz jedoch richtig: Der europäische NATO-Teil muss seine Fähigkeitslücken schließen und insbesondere eine militärtechnologische Überlegenheit sowie eine europäische Verteidigungsautonomie ohne die USA erlangen. Wenn diese Ziele nicht erreicht werden, wäre das in der Tat eine Einladung an das aggressive russische Regime, die westliche Verteidigungsfähigkeit 2029 oder wann auch immer zu testen.
Entscheidend sind nicht die Zahlenspielereien, …
Von den selbsternannten „Friedensfreunden“, und hier insbesondere von der politischen Linken wird den, von diesen „Friedensfreunden“ so benannten „Kriegsfreunden“ der Unterschied der Militärbudgets von NATO-Ländern und Russland entgegengehalten.[4] Allein schon aufgrund dieser monetären Zahlenverhältnisse könne Russland keine Bedrohung für die NATO darstellen, heißt es. In der Tat, nach SIPRI-Angaben beliefen sich 2025 die Ausgaben der NATO-Länder auf 1.580 Mrd. US$ und die Ausgaben Russlands auf nur 190 Mrd. US$.[5]
Von den Gesamtausgaben der NATO-Länder sollte man allerdings die Ausgaben der USA von rd. 1.050 US$ abziehen, weil sich das US-Militär militärisch nur teilweise und politisch vielleicht gar nicht mehr auf die Verteidigung Europas ausgerichtet ist. Zudem muss man die Währungsverzerrung wegen der höheren Kaufkraft des US$, z. B. wegen geringerer Personalkosten in Russland einrechnen. Dann schmilzt der Unterschied schnell zusammen. Derartige Budgetzahlen sind auch deshalb wenig vergleichbar, weil militärische und zivile Ausgaben unterschiedlich abgegrenzt werden. Und Russland hat seine Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft mit erheblichen Kapazitäten zur Rüstungsproduktion umgestellt. Nur in einer Diktatur kann man die Militärausgaben kurzfristig auf einen Anteil von 7,5 Prozent des BIP hinauffahren.
… sondern der aggressive Charakter des russischen Regimes
Entscheidend für die Bedrohungseinschätzung ist jedoch der aggressive Charakter des russischen Regimes, nicht das Militärbudget und nicht eine aufschreckende Jahreszahl 2029. Dieses Regime trägt mit völliger Unterdrückung der Opposition bis hin zum Mord, mit einer bis in die Kindererziehung hinein militarisierten Gesellschaft und mit seinem fanatisch reaktionären Nationalismus sowie völkerrechtlich ungerechtfertigten Expansionsansprüchen faschistische Züge. Es ist ein Regime, das durch seine aggressive Politik mit hybrider Kriegsführung gegen den Westen, Bedrohung von Georgien, Armenien, Moldau und anderer Länder, die sich nach Westen orientieren wollen, sowie mit der faktischen Donbass-Annexion und der Krim-Annexion 2014 und schließlich mit dem kriegsverbrecherischen Ukraine-Überfall 2022 seinen aggressiven und rechtlosen Charakter völlig außer Zweifel stellt.
Die keineswegs perfekten westlichen Demokratien in Europa lassen hingegen Opposition und Meinungsfreiheit in Fragen der Sicherheitspolitik zu. Ihre Armeen sind größtenteils und in einigen Ländern vollständig in die NATO integriert und sie unterliegen nationaler demokratischer Kontrolle demokratisch gewählter Regierungen und Parlamente. Sie können schon allein aufgrund der nationalen und internationalen (NATO-Rat) politischen Mechanismen keinen aggressiven Charakter entwickeln. Die europäischen, demokratischen Gesellschaften, nicht nur in Deutschland, sind so ausgelegt, dass eine militärisch basierte Sicherheitspolitik immer im Wettbewerb mit dem Streben nach einer Friedensdividende gestanden hat und steht.
Der Ukraine-Krieg führt auch die entsetzliche Rücksichtslosigkeit des russischen Aggressors gegenüber seinen eigenen Verlusten an Menschen vor Augen, die in einer westlichen Demokratie, weder in Europa noch in den USA, innenpolitisch durchzuhalten wäre. Die russische Risikobereitschaft ist viel höher als die Westliche und deshalb so gefährlich.
Teile der deutschen Linken, die sich an dieser Stelle mit dem rechtsextremen Flügel der AfD die Hand geben, verschließen vor alledem die Augen, so wie sie schon immer zweierlei Maß angelegt haben, ob einst bei Stalin, Mao, Honecker, Chomeini oder Ortega[6] und heute bei Putin.
[1] siehe dazu auch den Beitrag des Verfassers in dieser Ausgabe des diskurs-hamburg: Europäische Verteidigungsautonomie? Yes, we can!
[2] Die nachfolgend aufgeführten drei Säulen sind in Anlehnung an die Antwort der Google-KI vom 18.05.2026 auf die Frage „Worauf gründet sich die Prognose, dass Russland die NATO bis 2029 mi-litärisch testen könnte?“ formuliert worden.
[3] Das russische Desaster zu Beginn des Ukraine-Krieges mit der massenhaften Vernichtung von Pan-zerkolonnen war für westliche Militärbeobachter vor dem Einmarsch absehbar, so Konteradmiral Roland Obersteg vor der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft am 26.02.2025 in Hamburg.
[4] so etwa Jürgen Dommert: Der Russe im Anmarsch, wieder einmal, in: overton, 2. August 2025, siehe https://overton-magazin.de/top-story/der-russe-im-anmarsch-wieder-einmal/
[5] hier nach Statista zitiert bzw. errechnet; https://de.statista.com/statistik/daten/studie/157935/umfrage/laender-mit-den-hoechsten-militaerausgaben/
[6] diese u.a.m., nachzulesen in den Erinnerungen von zwölf Autoren in Uli Kulke/Reinhard Mohr (Hrsg.): Wenn das Denken die Яichtung ändert. Warum wir nicht mehr links sind, Stuttgart 2026
