Taugen die USA noch als Bündnispartner?

von Diskurs Hamburg

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König Donald beleidigt? Blödsinn!

Da hat sich der deutsche Bundeskanzler zum wiederholten Mal kritisch über das Strategie-Defizit der USA im gegenwärtigen Krieg mit dem Iran geäußert, zuletzt vor Schülern in seiner sauerländischen Heimat. Wegen dieser Majestätsbeleidigung hat König Donald diesen unbotmäßigen Bundeskanzler, der nicht wisse, wovon er rede, tüchtig bestraft, indem er jetzt 5.000 Infanterie-Soldaten aus der Oberpfalz abzieht und nicht wie noch mit seinem Vorgänger Präsident Biden verabredet, Tomahawk-Mittelstreckenraketen in Deutschland aufstellt.

Dieser Zusammenhang, der von manchen Medien suggeriert wird, ist Blödsinn. Die Verlegung von 5.000 Infanteriesoldaten ist eine militärisch unbedeutende Routine-Angelegenheit, die im Rahmen der üblichen Schwankungsbreite der US-Truppenstärke in Deutschland liegt, und sie war lange vorher geplant und erwartet worden. In der mit dem Waffenstillstand am 8. April 2026 beendeten Operation Epic Fury gegen den Iran haben die USA jedoch rund die Hälfte ihrer relevanten Raketenmunition verschossen, innerhalb von nur 39 Tagen! Die USA haben derzeit gar keine Tomahawk-Raketen mehr, die sie für Europa entbehren könnten. Sie haben auch keine Tomahawks mehr, die sie vielleicht den Europäern oder Deutschen verkaufen könnten, damit diese sie in eigener Regie aufstellen könnten.

König Donald steht wegen des von ihm begonnen Iran-Krieges innenpolitisch unter Druck, weil er damit nichts erreicht hat, außer der Sperrung der Straße von Hormuz mit ihren weltwirtschaftlichen Folgen: In Vietnam, Malaysia und anderswo in Ostasien wird der durch fossile Energie erzeugte Strom knapp, was sich auf die Industrie dort und auf die Lieferketten bis nach Amerika auswirken wird. Aber König Donald ist ein großer Propagandist, der das Instrumetarium der alternativen Wahrheit und der der Fakenews meisterhaft beherrscht. Seine Lügen richten sich mit Blick auf die Midterm-Wahlen aber auf seine einfältigen Landsleute; im Ausland glaubt ihm ohnehin niemand mehr. Noch einmal: Einen Zusammenhang zwischen europäischem bzw. deutschem Selbstbewusstsein und amerikanischem militärischen Rückzug aus Europa sehen zu wollen, ist Blödsinn.

König Donalds Munition verschossen? Leider!

Das Aussetzen der Tomahawk-Mittelstrecken-Raketen, die sowohl konventionell als auch atomar bestückt werden können, ist für Europa und besonders für Deutschland allerdings eine ernste Angelegenheit. Die NATO hat als Ergebnis ihres Doppelbeschlusses vom 12. Dezember 1979 (Nachrüstung und Verhandlungen) 1987 das INF-Abkommen zur beiderseitigen Beseitigung von atomaren Mittelstreckenraketen in Europa erreicht. Putin-Russland hat sich daran nicht gehalten und in der Enklave Königsberg derartige Raketen aufgestellt, die Deutschland erreichen können. Als Konsequenz zur Schließung dieser „Fähigkeitslücke“ hatte die Biden-Administration 2024 für 2026 die Aufstellung von Tomahawk-Raketen in Deutschland zugesagt. Diese Zusage hat die Trump-Administration jetzt zurückgezogen, weil sie sie nicht mehr einhalten kann, denn die Raketen müssen für eine vorhersehbare Fortsetzung des Iran-Krieges oder – was der liebe Gott verhüten möge – für einen ostasiatischen Kriegsschauplatz zurückgehalten werden. Das ist die wahre Geschichte.  

Was ist denn das für ein Bündnispartner, auf den wir uns da verlassen haben, der schon nach 39 Tagen Angriffskrieg in die Knie geht, ohne den Gegner Iran mit israelischer Unterstützung besiegt zu haben? Können wir uns auf den überhaupt militärisch verlassen? Von der politischen Zuverlässigkeit einmal ganz abgesehen. Auch bei einem russischen Angriff auf NATO-Europa ist trotz aller rhetorischen Drohung eine atomare Eskalation unwahrscheinlich, da sie auch ohne US-Beteiligung in gegenseitiger Zerstörung enden würde. Es stellt sich also die Frage, welchen konventionellen militärischen Schutz uns dieser Bündnispartner bietet. Den, den wir gerade im Iran-Krieg erleben? Oder den, den wir in Afghanistan erlebt haben? Ganz nebenbei sollten wir uns fragen, ob wir den offen feindseligen, handelskriegerischen Attacken der USA im Tausch gegen vorgebliche militärische Sicherheit noch nachgeben sollten, wenn Zusagen auf keinem der beiden Felder eingehalten werden.

Was kann König Donald, was wir nicht können? Nicht viel!

Wir Europäer und wir Deutsche im Besonderen müssen uns überhaupt fragen, wie ein „unkonventioneller konventioneller Krieg“ der Zukunft aussieht, um ein entsprechendes kriegsverhinderndes Abschreckungspotential zu entwickeln. Wir lernen dazu einiges aus dem Ukraine-Krieg, ohne dass daraus bereits immer die notwendigen Konsequenzen gezogen werden. Dazu hier nur ein paar Stichworte, keine vollständigen Antworten:

  • Die Zeit der Panzer-Armeen ist vorbei. Erfolgsentscheidend sind Drohnen, Roboter, Kommunikationssysteme, KI-Unterstützung und Satelliten-Aufklärung mit eigenen(!) Systemen.
  • Hinzu kommen ausreichende Luftabwehr und die Fähigkeit präziser Schläge auf strategische Ziele durch Fernwaffen, eben auch Tomahawk-Raketen, aber nicht nur.
  • Die Zeit hierarchischer und bürokratischer Armee-Strukturen ist ebenfalls vorbei. Auch allein die preußische „Auftragstaktik“ reicht nicht mehr aus. Wir brauchen flexible, agile, kreative Einheiten, die insbesondere Taktik und Technologie selbständig fortentwickeln (dürfen). Improvisationstalent der Frontsoldaten statt Bundeswehrbeschaffungsamt. Fortschritt, soweit er denn nicht Aufhol-Fortschritt war, sondern bekannte Grenzen hinausgeschoben hat, brauchte immer Freiheit und Dezentralität. Darauf ist die Deutsche Bundeswehr derzeit nicht eingerichtet. Sie kann aber aus der Ukraine lernen, und sie sollte endlich auf den Potsdamer Militärhistoriker Sönke Neitzel hören.
  • Verteidigung ist Gesamtverteidigung. Dazu gehören auch Zivilschutz und logistische Infrastruktur, aber ganz besonders militärindustrielle Kapazitäten, die auf Abruf vorzuhalten sind und nicht erst im Krieg aufgebaut werden müssen. Sonst geht es uns so wie den USA im Iran-Krieg.
  • Die Zeit der Blitzkriege ist vorbei. Die Kriege in Afghanistan, in der Ukraine und im Iran zeigen die Überlegenheit der Defensive. Vermeintlich weit überlegene Angreifer bleiben stecken. Erster Weltkrieg statt Zweiter Weltkrieg. Und ein Volk ist auch durch Bombenterror nicht niederzuringen, nicht im Zweiten Weltkrieg in Deutschland, nicht in Vietnam, nicht in der Ukraine. Diese Überlegenheit der Defensive muss dem Gegner in abschreckender Weise deutlich gemacht werden. Das ist Kriegstüchtigkeit.

Und was kann uns nun der Bündnispartner USA von alledem bieten, was wir Europäer nicht selbst entwickeln und aufbauen können? Nicht: was will er. Sondern: was kann er?

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Literaturempfehlungen zum Thema: 

     Carl Benedikt Frey: Wie Fortschritt endet. Technologie, Innovation und das Schicksal der Nationen, Campus Verlag 2026, 547 S.

     Stig Förster: Deutsche Militärgeschichte. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, C.H. Beck 2025, 1294 S.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN