„Wann wird aus dem Atmen ein Aufatmen?“ Zur Aktualität von Heribert Prantls Buch „Den Frieden gewinnen“

von Diskurs Hamburg

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Viele reden von Kriegstüchtigkeit, Heribert Prantl spricht vom Frieden. Er stellt in seinem Buch immer wieder die Frage „Wie wird wieder Frieden?“ in einer apokalyptischen Welt, die insbesondere von zwei großen Kriegen in der Ukraine und in Gaza herausgefordert wird. Gleich zu Beginn im Vorwort gibt der Autor eine wesentliche Antwort: Für den Frieden braucht es Gespräche, denn es sei vor allem für Europa nicht gut, wenn alle politischen Weichen nur auf militärisches Handeln gestellt werden. Aber wie kann es Gespräche geben, fragt Heribert Prantl weiter, wenn Begriffe wie Kompromiss, Waffenstillstand oder Friedensverhandlungen als „Sympathiekundgebungen für Putin bewertet und so ausgesprochen werden, als wären sie vergiftet“ (S. 151/152).

Aktuell haben bereits in der Schweiz erste Friedensgespräche zur Beendigung des Krieges in der Ukraine stattgefunden. Allerdings wurden dort zwei wesentliche Kriterien nicht erfüllt, die bereits Immanuel Kant in seiner 1795 erschienen Schrift „Zum ewigen Frieden“ gefordert hatte:  Es sollten beide Kriegsparteien am Tisch sitzen und ihre Verhandlungen müssten mithilfe eines Vermittlers stattfinden, denn es brauche einen Blick von außen auf den Frieden. Bisher wurde ein Vermittler jedoch noch nicht gefunden.

Heribert Prantls Buch ist vor allem auch deshalb lesenswert, weil er im dritten Kapitel einen systematischen Überblick über den Pazifismus, insbesondere des 20. Jahrhunderts gibt. Neben bekannten Vertretern der Gewaltlosigkeit wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King wird auch Bertha von Suttner vorgestellt, die mit ihrem Buch „Legt die Waffen nieder“ Ende des 19. Jahrhunderts einen Welterfolg erzielte und 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Bertha von Suttner nannte den Krieg einen „Irrzustand“ und den Frieden einen „Normalzustand“. In den gegenwärtigen medialen Debatten scheint mir der Krieg jedoch eher als ein Normalzustand dargestellt zu werden, was Kants These aus der Einleitung zum „ewigen Frieden“ bestätigt, dass die „Staatsmänner in Europa nicht müde werden, vom Krieg zu reden“. In ihrer Nobelpreisrede forderte Bertha von Suttner u.a. einen internationalen Gerichtshof, in dem Kriegsverbrechen angeklagt werden – diese Forderung haben wir 100 Jahre später erfüllt. 

In Heribert Prantls exzellentem Pazifismus-Rekurs, der auch die Bergpredigt einschließt, habe ich einen wichtigen Vertreter vermisst – den britischen Philosophen Bertrand Russell. Seine Unterscheidung zwischen absolutem und relativem Pazifismus zeigt, dass Pazifisten doch nicht die idealistischen „Gutmenschen“ sind, als die sie immer verspottet werden. Russell, der während des Ersten Weltkrieges als Wehrdienstverweigerer im Gefängnis saß, hatte angesichts des Massenmordes der Nationalsozialisten erkannt, dass Kriege gerechtfertigt werden können, wenn ohne eine militärische Intervention „zivilisiertes und menschen­würdiges Leben kaum fortbestehen kann“. Dennoch empfahl er der Politik eine Orientierung an gewaltlosen Lösungen durch Verhandlungen. Bertrand Russell erlangte vor allem 1966 internationale Bedeutung durch das Russell-Tribunal zur Verurteilung von amerikanischen Kriegsverbrechen während des Vietnam-Krieges.

Heribert Prantl ist auch aktuell noch politischer Kolumnist und deshalb wird es in seinem Buch nach dem philosophischen Pazifismus im fünften Kapitel dann auch politisch. Er analysiert die Entstehung der Friedensbewegung in Deutschland, die sich 1972 nach dem damaligen NATO-Beschluss der atomaren Nachrüstung mit US-Atomwaffen auf deutschem Gebiet entwickelte. Als Resultat der damals in dieser Frage „zerrissenen SPD“ traten die Grünen als Friedenspartei auf die Agenda. Sie führten die Gespräche, die nach Ansicht des Autors friedensstiftend sein können, sogar während und nach ihrem dramatischen Parteitag 1999, auf dem es um Pro und Contra von NATO-Raketen auf Serbien ging. Joschka Fischer setzte das Pro durch, aber danach gingen die Debatten weiter. Starke Friedensanhänger wie Christian Ströbele hielten die Grünen diskursfähig. Die heutigen Grünen, so Heribert Prantl, hätten sich von der Friedensbewegung, in der sie einst ihre Wurzeln fanden, komplett abgenabelt. Bellizismus anstelle von Diskurs sei nun die Devise, was die ehemalige Vizepräsidentin des Bundestages Antje Vollmer kurz vor ihrem Tod kritisiert habe. Sie erkenne nicht mehr die grüne Seele in ihrer Partei, die jetzt auf einen „waffenstarken Abgrund zwischen zwei Machtblöcken“ setze. Diese Kritik an der europäischen Politik übte Bertrand Russell bereits während des Kalten Krieges. Er hat wiederholt darauf hingewiesen, dass mit der Bildung unversöhnlicher Blöcke die Welt angesichts der atomaren Aufrüstung gefähr­licher werde. 

Die Schweizer Friedenskonferenz hat seine Befürchtungen Jahrzehnte später bestätigt: Während vorwiegend die westlichen Staaten, die NATO und die EU die Abschlusserklärung der Schweizer Friedenskonferenz unterzeichnet haben, verweigerten sich die BRICS-Staaten. Der Vatikan und die UN haben als Beobachter auch nicht unterschrieben.  Warum sie sich dazu entschlossen hatten, nur als Beobachter auf der Konferenz zu agieren, wurde in den deutschen Medien nicht thematisiert. Dennoch war die Konferenz mit den Schwerpunkten Gefangenenaustausch und sichere Schiffskorridore ein erster Schritt in Richtung Frieden. Die deutsche Außenpolitik hat bisher jedoch leider nichts in Richtung Deeskalation und Gespräche beigetragenSie sei, so Prantl, teilweise aggressiv und undiplomatisch. Jüngstes Beispiel dafür ist die vom Außenministerium öffentlich verbreitete Beschuldigung gegen das Kanzleramt, das angeblich eine „Ungari­sierung“ der europäischen Sanktionen gegen Russland fördere, nur weil es in Rücksprache mit der deutschen Wirtschaft Wettbewerbsnachteile für Deutschland verhindern wollte. Zur Erinnerung: Die EU-Sanktionen sollen eigentlich Russland schaden und nicht der europäischen Wirtschaft.

Mein Fazit: Bisher gibt es leider keinen öffentlichen Diskurs über Wege zum Frieden in der Ukraine. Es gibt aber mutige Publizisten und Politiker wie Heribert Prantl, Rolf Mützenich und Michael Kretschmer, die ihn trotz aller Widerstände führen. Sie tragen dazu bei, dass aus dem Atmen vielleicht ein Aufatmen werden könnte, und sie motivieren uns mitzudenken und mitzudiskutieren.

Quellenangaben und Bücher zum Weiterlesen

– Heribert Prantl: Den Frieden gewinnen. Die Gewalt verlernen. München: Heyne Verlag 2024.

– Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. Stuttgart: Reclam 2022 (siehe hierzu auch: Barbara Brüning: Frieden, Menschenwürde und das Gastrecht bei Immanuel Kant, www.cornelsen. de/Magazin).

– Olaf Müller: Pazifismus. Eine Verteidigung. Stuttgart: Reclam 2022, 2. Auflage.

– Bertrand Russell: Die Zukunft des Pazifismus. Stuttgart: Reclam 2023.

– Bertha von Suttner: Legt die Waffen nieder. Der Roman für den Frieden. Königswinter: Heel Verlag 2022.

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