Staatliche Subventionierung von Industriestrom ?

von Diskurs Hamburg

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1     Problem: Hohe Strompreise in Deutschland

Die Strompreise gehören in Deutschland sowohl für Haushalts- als auch für Industriekunden zu den höchsten in Europa und der Welt. Dies kann zu einem erheblichen Teil auf politische Entscheidungen zurückgeführt werden. Im Vergleich mit Betrieben in relevanten Konkurrenzländern zahlen deutsche Unternehmen teilweise eine Mehrfaches für Strom.   

Besonders seit einigen Jahren, in denen die Klimapolitik ein wesentlicher Kostentreiber ist, sind die im internationalen Vergleich besonders hohen Energiepreise in Deutschland für Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, jedoch zunehmend untragbar, das heißt sie gefährden ihre Wettbewerbsfähigkeit oder haben diese bereits ruiniert. Seit einiger Zeit reagieren viele Unternehmen darauf mit ihrer Angebots- und Investitionspolitik. Viele wandern ins Ausland ab, planen solche Schritte oder denken ernsthaft und vermutlich folgenreich darüber nach. Dies gilt insbesondere für energieintensive Industrieunternehmen, die einen wesentlichen Kern der deutschen Wirtschaft und damit unseres Wohlstands darstellen.

2     Politische Ursachen der hohen Strompreise  

Die in den letzten zwei Jahren besonders stark gestiegenen Energiepreise haben teils exogene und teils endogene Ursachen. Als exogene Ursache kann man den Krieg Russlands in der Ukraine betrachten,  da Deutschland über viele Jahre        preisgünstiges russisches Erdgas über die Northstream-Pipeline bezogen hat, das in der Folge des Krieges und der Sanktionen gegen Russland weitgehend ausfiel. Allerdings war der Marktanteil des russischen Gases in Deutschlandca 55%, so das die Abhängigkeit der deutschen Gasabnehmer von Russland besonders hoch war. Letzteres ist eine endogene Ursache aufgrund mangelnder Voraussicht und fehlender Risikovorsorge bei einem wichtigen Produktionsfaktor. 

Während in vielen europäischen Ländern zur Diversifizierung der Bezugsquellen bereits seit einigen Jahren LNG-Terminals gebaut wurden, erfolgte dies in Deutschland viel zu spät, nämlich erst ab Ende 2022, was ebenfalls als endogene Ursache zu werten ist. Und LNG (Liquid Natural Gas) ist insgesamt auch deutlich teuer als russisches Erdgas.

Deutsches Fracking-Gas hätte ein relevantes Substitut für russisches Gas sein können, wenn man die dessen Förderung nicht von politischer Seite blockiert, sondern technisch und investiv rechtzeitig entwickelt hätte. Insbesondere in Niedersachsen und NRW sind die bereits bekannten Gasvorräte, die durch Fracking zu gewinnen wären, derartig groß, dass ganz Deutschland damit über mehr als ein Jahrzehnt versorgt werden könnte. Die Entwicklung der Fracking-Förderung, die in anderen Ländern seit Jahren erprobt ist, wurde jedoch voreilig unter Umweltverdacht gestellt und vom Bundestag im Jahr 2017 untersagt, was ebenfalls ein endogener, politisch erzeugter Preissteigerungsfaktor war. Inzwischen weiß man, dass die damals angeführten Umweltargumente gegen Fracking vorgeschoben waren bzw. auf einer Mißachtung wissenschaftlicher und praktischer Erkenntnisse beruhte.

Kernkraftausstieg

Eine gravierende endogene Ursache für den Strompreisanstieg (und die sinkende Versorgungssicherheit) war der deutsche Ausstieg aus der Nutzung der Kernkraft zur Stromerzeugung. Dies war ursprünglich nach dem Tsunami und der folgenden Havarie des Kernkraftwerks Fukushima 2011 eine populistische und polit-taktische Entscheidung der Regierung Merkel. Zu dem Zeitpunkt  glaubte man, sich das noch leisten zu können, da die Versorgungssicherheit als gegeben galt und der Klimawandel noch keine die gesamte Politik dominierende Rolle spielte.  

Mit zunehmender Relevanz der Klimapolitik und nach diversen Fehlentscheidungen deutscher Politiker bezüglich der Gasversorgung zeigt der Kernkraftausstieg jetzt seine fatale Wirkung. Besonders die Stillegung der letzten sechs Kernkraftwerke gehört zu den törichsten politischen Entscheidungen des 21. Jahrhunderts. 

Die Kernkraft gehört zu den wenigen Primärenergien, die gleichzeitig CO2-neutral (das heißt nicht klimaschädlich sind) und grundlastfähig (das heißt jederzeit nach der vernünftigen Entscheidung der Betreiber zur Stromerzeugung fähig) sind.[1] Außerdem haben die funktionierenden und sicherheitserprobten Kernkraftwerke, die bereits (nicht nur buchhalterisch) vollständig abgeschrieben sind, inzwischen sehr geringe Grenzkosten.[2]

Seit einer Reihe von Jahren stehen die CO2-Emissionen im Zentrum der offiziellen Energiepolitik in Deutschland. Wie die jetzige Bundesregierung der Ampel-Parteien dennoch auf die verrückte Idee kommen konnte, die letzten sechs damals noch laufenden deutschen Kernkraftwerke Ende 2021 (Grohnde, Gundremmingen C und Brokdorf) und April 2023 (Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2) abzuschalten, kann man nur mit einer verantwortungslosen Durchsetzung der Ideologie der Alt-Grünen erklären. Dass die heutige Grünen-Parteiführung nicht in der Lage oder willens ist, die altbackene Antiatomkraft-Ideologie ihrer Parteigründer von vor 40 Jahren aufgrund der neuen Sachlage vernünftig zu reformieren, macht sie als Teil einer Bundesregierung untauglich und gefährlich.  

Dass Bundeskanzler Olaf Scholz dabei (mit Ausnahme von 3,5 Monaten Streckbetrieb) nicht vernünftig interveniert hat, lässt sich wohl nur als Unfähigkeit zu politischer Führung interpretieren. Wenn Kanzler Scholz von seiner Richtlinien-Kompetenz Gebrauch gemacht hätte, um die Laufzeit der letzten Kernkraftwerke um (zunächst) drei Jahre zu verlängern, hätten die Grünen dies sicher nicht mit einem Rücktritt aus der Regierung beantwortet. Damit hätten sie nämlich ihren politischen Einfluss auch auf anderen Feldern verloren. Zur Not hätte vermutlich die Union die nötigen Stimmen im Bundestag bereitgestellt, da ihr dies wohl einen Teil der Macht zurückgegeben hätte, die sie 2021 leichtferig verspielt hat. 

Im Ausland versteht so gut wie niemand die deutsche Energie- und Klimapolitik. In der gegenwärtigen Lage die Kernkraftwerke willkürlich abzuschalten, hält man in anderen Ländern für vollständig unvernünftig. Von einer diesbezüglichen Vorbildrolle Deutschlands kann schon lange keine Rede mehr sein. Dies gilt hier inzwischen ebenso wie in vielen anderen Bereichen, in denen Deutschland zweitklassig geworden ist. Je früher unsere Politiker dies merken, desto besser. Die Grünen sind davon noch weit entfernt. Der „deutsche Sonderweg“ ist international wieder ein gängiger Begriff geworden und er ist nicht positiv gemeint. 

Eine direkte Folge des Kernkraftausstiegs ist eine daraus resultierende massive Erhöhung der Stromerzeugung aus Steinkohle und Braunkohle. Damit sind gewaltige, zusätzliche CO2-Emis-sionen verbunden, die die deutsche Klimapolitik völlig unglaubwürdig machen. 

Die unvernünftige Abschaltung der Kernkraftwerke ist heute eine wichtige Ursachen für die stark überhöhten deutschenStrompreise, die ein gravierender Wettbewerbsnachteil für die deutsche Industrie sind. Diese war bisher  —  anders als in den meisten anderen Ländern  —  ein bedeutender Wohlstandsfaktor für die Bürger.   

Um die grundlegenden Zusammenhänge zwischen den Kapazitäten (insb. bei den Kernkraftwerken) und den Marktpreisen für Strom grafisch zu veranschaulichen,[3] sind auf der horizontalen Achse in Abb. 1 in starker Vereinfachung vier Typen von Kraftwerken zur Stromerzeugung eingezeichnet, nämlich die „Erneuerbaren“ (Windkraft- und Solarenergie),  Kernenergie, Kohle und Gas. Diese sind nach steigenden Grenzkosten (vertikale Achse) geordnet und werden bei zunehmender Stromnachfrage (horizontale Achse) in dieser Reihenfolge nach dem Merit-Order-Prinzip zur Stromerzeugung eingesetzt.[4] Die Grenzkosten des letzten eingesetzten Kraftwerks bestimmen grundsätzlich den Marktpreis für Strom. Zur besseren grafischen Veranschaulichung sind die Grenzkosten der Erneuerbaren und der Kernenergie übertrieben hoch eingezeichnet.[5]

Im oberen Teil der Abbildung sind für die vier Kraftwerkstypen vereinfacht jeweils Kapazitäten von 20 eingetragen. Die Einsatzreihenfolgen und die Kapazitäten jedes Typs werden theoretisch durch den Linienzug ABCDEFGH beschrieben, den man als Merit-Order-Linie bezeichnet. Bei einer Stromnachfragemenge von 50 tragen also die Erneuerbaren und die Kernenergie mit ihrer gesamten Kapazität (20+20) und die Kohlekraftwerke mit der Hälfte ihrer Gesamtkapazität (10) zur Produktion bei. Entsprechend des Merit-Order-Prinzips ist der aktuelle Preis     —  bestimmt durch die Grenzkosten der Kohlekraftwerke als die letzten eingesetzten Kraftwerke  —  gleich 2. 

Wenn nun die meisten Kernkraftwerke stillgelegt werden und sich die Kernenergiekapazität von 20 (Linie CD im oberenTeil der Abbildung) auf 5 (Linie CD im unteren Teil der Abbildung) reduziert, verändert sich auch die Merit-Order-Linie, dargestellt durch eine Verschiebung der Kapazitäten von Kohle und Gas um 15 Mengeneinheiten (also die stillgelegten Kern-kraftwerkskapazitäten) nach links. Bei gleichbleibender Stromnachfrage von 50 tragen nun die Erneuerbaren (20), die Kernenergie (5) und die Kohle (20) jeweils mit ihrer gesamten Kapazität und die Gaskraftwerke mit einem Teil ihrer Gesamtkapazität (5 von 20) zur Produktion bei. Damit steigt der Preis (gemäß der Grenzkosten der Stromproduktion von Gas) auf 4. Wenn nun der Gaspreis als Folge der exogenen Knappheit steigen würde, würde auch der Strompreis entsprechend noch weiter ansteigen.

Die Stilllegung einiger Kernkraftwerke würde also dazu führen, dass die dadurch ausgefallene Produktionsmenge jetzt durch Kohle und Gas produziert wird, was klimapolitisch zweifellos kontraproduktiv ist.

Wenn man in den vergangenen Jahren die Produktionskapazitäten von Solar- und/oder durch Windkraft von 20 auf 40 verdoppelt hätte, würde sich auch die Merit-Order-Linie jeweils um 20 Mengeneinheiten nach rechts verschieben. Im unteren Teil der Abbildung (also mit reduzierter KKW-Kapazität) würden in dem Fall die Erneuerbaren im Idealfall 40 Einheiten produzieren, die Kernkraftwerke 5 und die Kohle 5. Der Preis wäre dann 2 (Grenzkosten der Kohle), also die Häfte des Preises im unteren Teil der Abbildung. Im oberen Teil der Abbildung (also mit voller KKW-Kapazität) würden die Erneuerbaren im Idealfall 40 Einheiten produzieren und die Kernkraftwerke 10. Der Preis würde auf 1 (Grenzkosten der Kernkraftwerke) fallen, also auf die Häfte des Preises in der Ausgangsabbildung.  

Dabei muss man allerdings berücksichtigen, dass die Erneuerbaren nicht grundlastfähig sind. Das heißt, dass weder der Wind dauernd ausreichend weht noch die Sonne immer scheint, ohne dass die Betreiber der Erzeugungsanlagen dies beeinflussen könnten. Insofern ist die Darstellung in der Abbildung bezüglich der Erneuerbaren partiell illusorisch. In der Praxis bedeutet das, dass selbst hohe Überkapazitäten bei Solar und Windkraft keine Stromversorgungssicherheit herstellen könnten. Man benötigt dazu Gas-, Kohle- oder Kernkraftwerke, die einspringen können, wenn Solar und Windkraft nicht genügend Strom liefern.

Die Wiederinbetriebnahme mindestens der letzten sechs deutschen Kernkraftwerke ist eine plausible Forderung. Allerdings hängt  —  nachdem die grünen Ideologen mit dem Abbau schon begonnen haben, um Fakten zu schafften  —  die Realisierbarkeit natürlich von einer ganzen Reihe von Bedingungen der technischen Machbarkeit und der wirtschaftlichen Vernunft ab, die von unabhängigen (insbesondere ausländischen) Experten zu  ermitteln wären.

3     Industriestrompreis ?

Um eine Abwanderung von stromintensiven Industrieunternehmen aus Deutschland ins günstigere Ausland zu verhindern bzw. zu reduzieren, ist von Vertretern der Regierungsparteien ein Industriestrompreis von 5 bzw. 6 Cents pro Kilowattstunde vorgeschlagen worden, wobei die erhebliche Differenz zum Marktpreis vom Staat als Subvention gezahlt werden soll. 

Dass die Regierung und vor allem Robert Habeck, der Wirtschafts- und Klimaminister (insbesondere letzteres), eine Subventionierung befürwortet, ist politisch nachvollziehbar, da er selbst einer der Hauptverantwortlichen für die hohen Energiepreise und für den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands ist. Deshalb hat sein Vorschlag den Charakter einer Panikreaktion eines ökonomisch Unbedarften. Allerdings ist das Zuschütten von selbsterzeugten Problemen mit deutschem Steuergeld für Bundesregierungen nicht neu.     

Dass die großen stromintensiven Industrieunternehmen seinen Vorschlag begrüßen, ist ebenfalls leicht verständlich. Wer bekäme nicht gern ein paar Millionen Euro vom Staat geschenkt. Vermutlich haben die Industrielobbyisten schon seit einiger Zeit in diese Richtung im Wirtschaftsministerium Druck gemacht. 

Aus ökonomischer (sprich ordnungspolitischer) Sicht gilt hier wie für die meisten staatlichen Subventionen und staatlichen Preissetzungen in prinzipiell wettbewerblichen Sektoren, dass sie ineffizient sind und zahlreiche Allokationsverzerrungen in konkurrierenden und vor- und/oder nachgelagerten Sektoren zur Folge haben. Viele dieser negativen Effekte treten erst mittelfristig auf und sind damit außerhalb des Blickfeldes der ganz überwiegend kurzfristig orientierten Politiker. Außerdem gibt es fast immer politisch relevante Effekte auf Unternehmen, die gerade finanzielle Probleme haben, im Rest der Volkswirtschaft nach dem Motto: Warum die und nicht wir? Es entspricht einer langen Erfahrung, dass die meisten Staatsinterventionen weitere nach sich ziehen.      

Eine Industriestrom-Subvention würde extrem teuer werden  —  auch teuer, als Robert Habeck jetzt denkt oder mindestens sagt. Das hängt auch damit zusamnmen, dass nach ihrer Einführung immer mehr Anspruchsteller hinzukommen, an die man noch gar nicht gedacht hatte und die auch „gute“ Argumente vorbringen. Das ganze wäre ohnehin nur über eine Erhöhung der Staatsverschuldung zu finanzieren („Schuldenbremse ade“). Wenn man schon neue Schulden aufnimmt, dann doch besser für langfristig produktive Investitionen wie den Ausbau der inzwischen maroden deutschen Infrastruktur(Schienen, Strassen, Kommunikation) sowie Bildung, Innovation etc. 

Würde der Habeck’sche Industriestrompreis die Betriebe in Deutschland halten? Kurzfristig könnte das bei einigen der Fall sein, mittelfristig eher nicht. Die Unternehmen durchschauen die wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Branche für die nächsten zehn o.ä. Jahre natürlich weit besser als die Politiker und die Medien. Auch die politischen Bedingungen antizipieren international konkurrierende Unternehmen besser als die Politiker, weil sie längerfristiger und internationaler denken als die Politiker mit ihren begrenzten Sichtweisen und kurzfristigen Anreizsstrukturen.

Zusätzlich gibt es zahlreiche Probleme im Detail, die mit der Definition der Kriterien der Subventionsgewährung (z.B. Industrie, energieintensiv, internationaler Wettbewerb etc.) zu tun haben sowie mit der Identifizierung der Konkurrenzbeziehungen, die in jeder Branche ebenso unterschiedlich sind wie die Energiekosten an den Standorten der Wettbewerber. Wegen der zum Teil sehr hohen internationalen Preisdifferenzen, würde ein bestimmter Effektivpreis (nach der Subvention) für einige Unternehmen die deutschen Standortnachteile möglicherweise kompensieren, für andere nicht. Politische Einschätzungen sind arbiträr. Vermutlich würden in der Praxis einzelne Unternehmen mit überflüssigen Geschenken auf Kosten der Steuerzahler und der Konkurrenten beglückt werden, während es für andere nicht ausreichen würde, sie von der „Auswanderung“ abzuhalten. 

Die staatliche Stromsubventionierung wäre ein Verstoß gegen das Beihilfeverbot des EU-Vertrages. Das würde die Generaldirektion Wettbewerb in Brüssel feststellen und die EU-Kommission zur Untersagung auffordern. Selbst wenn die deutsche Regierung dies politisch vom Tisch wischen könnte, weil die Generaldirektion Wettbewerb keine unabhängige, sondern eine politisch abhängige Behörde ist, würde dies einen „Preis“ kosten.     

Natürlich würde jedes benachteiligte Konkurrenzunternehmen (im In- und Ausland) sich beklagen  —  und zwar nicht nur vor der Presse, sondern eventuell auch vor Gericht und in internationalen Gremien. Auch in Deutschland sprechen sich viele Unternehmen in verschiedenen Branchen gegen einen Industriestrompreis aus. Auch das bringt für die Regierungpolitische Probleme mit sich, die sie vermutlich mit zusätzlichem Steuergeld zuzuschütten versucht.  

4       Brücken-Strompreis ?

Robert Habeck vermarktet seinen Vorschlag gern unter dem Namen „Brückenstrompreis“. Dieses Wording soll suggerieren, es handele sich nur um eine vorübergehende Maßnahme, bis die deutschen Strompreise ohnehin stark fallen, weil die Erneuerbaren („Sonne und Wind sind gratis“) für eine Preissenkung sorgen werden. Mit Ausnahme von politischen Aussagen der Grünen und ihren NGO-Anhängseln kenne ich keine seriöse Prognose für eine absehbare und längere Zeitspanne, die das fundieren würde. Vermutlich entstünde auf diese Weise eine teure Dauersubvention. Die Argumente der Industrieunternehmen blieben die gleichen. Ohnehin ist es politisch generell ziemlich leicht, Steuergelder zu verteilen, aber schwer, dies wieder zu beenden.

Zu der in Deutschland dominierenden Anti-Fossil-Politik gehören die Bestrebungen der einschlägigen Politiker, im Verkehr Verbrenner durch Stromer und bei der Gebäudeheizung Öl und Gas durch elektrisch betriebene Wärmepumpen zu substituieren. Dies wird auch als All-electric-Politik bezeichnet. In allen Anwendungsbereichen erhöht es zunächst einmal die Elektrizitätsnachfrage gravierend. Dies hat die Konsequenz, dass sich die Stromnachfrage in Abb. 1 nach rechts verschiebt und damit gegebenenfalls der Preis steigt. Wie hoch dann der CO2-Nettoeffekt ist, hängt davon ab, wie groß der Fossilanteil bei der Stromerzeugung ist.

Die Lieblingsvorstellung grüner Klimapolitiker ist die Stromerzeugung durch Wind- und Solar-Energie. Das klingt tatsächlich gut. Theoretisch käme man dieser Vorstellung näher, wenn die Erzeugungskapazitäten für Wind- und Solarenergie so groß wären, dass sie die gesamte Nachfragemenge befriedigen könnten. In Abb. 1 würde dies durch eine Verlängerung der Strecke AB so weit nach rechts dargestellt werden, dass es die gesamte Stromnachfrage abdeckt.

Allerdings bestünde dann immer noch das Problem der Ersetzung unzureichender Stromproduktion bei Dunkelflaute (d.h. in Zeiten mit zu wenig Wind und Sonne). Da weder Wind- noch Solar-Kraftwerke grundlastfähig sind, benötigt man selbst im besten Fall summarisch ausreichender Wind- und/oder Solar-Kapazitäten noch gewaltige Reservekapazitäten mit fossilen Energieträgern (solange keine Kernkraftwerke verfügbar sind). Dies erhöht sowohl die realistischen Produktionskosten über das versprochene Level („Die Sonne ist gratis“) hinaus als auch die CO2-Emissionen. Außerden: Wenn Grundlastkraftwerke nur noch als Lückenbüßer eingesetzt werden, was klimapolitisch erwünscht wäre, müssten deren höhere Kapazitätskosten pro Produktionseinheit im Strompreis abgedeckt werden.

Bisher sind die Erzeugungskapazitäten für Wind- und Solarenergie allerdings noch viel zu gering. Schon bei der derzeitigen Stromnachfrage liegt der summarische Anteil der Erneuerbaren unter 50%. Wenn die Nachfrage durch Wärmepumpen und Elektroautos dazukäme, würde der Anteil noch weiter sinken, wenn die Kapazitäten nicht gravierend ausgebaut werden. Die erforderliche  —  und versprochene  —  gewaltige Steigerung von Wind- und Solar-Kapazitäten ist ein ungedeckter Wechsel auf die Zukunft. Bisher sind die Fortschritte eher gering, gemessen an den erforderlichen Zielgrößen. 

Nach der erfolgten Abschaltung der Kernkraftwerke und unzureichender Wind- und Solar-Stromproduktion bleibt zur Erhöhung der Produktionsmenge, die für die Absenkung des Preises und damit des erforderlichen Subventionbedarfs „am Ende der Brücke“ erforderlich ist, das weitere Hochfahren der fossilen Kraftwerke. Als Folge steigen die CO2-Emissionen. Sofern aus Kapazitätsgründen Gaskraftwerke genutzt werden müssen (die nach dem Ausfall von russischem Gas zu einem großen Teil durch LNG-Importe befeuert werden), steigen auch die Erzeugungskosten.

Bei der Einführung eines staatlich subventionierten Industriestrompreises handelt es sich bei realistischen Annahmen (und nicht parteipolitischem Wunschdenken) vermutlich nicht um einen Brücken-Strompreis, sondern um eine weitere Dauersubvention. Die später erforderliche Beendigung derselben überlassen die gegenwärtigen Politiker aber wie üblich gern ihren Nachfolgern.  


[1]   Die fossilen Primärenergieträger Steinkohle, Braunkohle, Erdöl und Erdgas sind nicht CO2-neutral. Die sog. erneuerbaren Primärenergien Wind- und Solarverstromung sind nicht grundlastfähig, weil weder die Sonne immer scheint noch der Wind immer ausreichend weht. Sie müssen also durch grundlastfähige Kraftwerke ergänzt werden. Strom aus Wasserkraft ist ebenfalls CO2-neutral und grundlastfähig, in Deutschland aus geografischen Gründen (zu wenig Berge) aber quantitativ nicht sehr ergiebig. Letzteres ist in Österreich, der Schweiz, Norwegen etc anders.

[2]   „Grenzkosten“ (oder Inkrementalkosten) sind die zusätzlichen Kosten zusätzlicher Produktionsmengen. Sie enthalten also nicht die Fixkosten, zu denen u.a. die kalkulatorisch periodisierten Investitionskosten gehören. Diese müssen zur Erreichung der Eigenwirtschaftlichkeit durch die Summe aller Deckungsbeiträge gedeckt werden. Die „Durchschnittskosten“ (Stückkosten) erfassen dagegen sämtliche Kosten pro Outputeinheit, also einschließlich der Fixkosten (und damit auch der Investitionen). Die Nichtbeachtung dieser sehr wesentlichen Unterscheidung in der politischen Diskussion führt gelegentlich zu argumentativer Verwirrung. Entscheidungsrelevant sind kurzfristig vor allem die Grenzkosten.      

[3]   Die Darstellung ist entnommen aus Diskurs D24-1 Ideologie statt Vernunft. Ruinieren die Grünen unseren Wohlstand?

[4]   Beide Achsen sind hier zur Vereinfachung nicht in realen Termini (Euro und Gigawatt) definiert, sondern in theoretischen Zahlenwerten. 

[5]   Dass die Grenzkosten innerhalb jedes Kraftwerkstyps als gleich hoch eingezeichnet werden (horizontale Linien) ist ebenfalls eine Darstellungsvereinfachung. In der Praxis werden diese sich zwischen den Kraftwerken häufig unterscheiden, so dass eine realistischere Merit-Order-Linie auch innerhalb der Typen stufig wäre.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN