Immer wieder! Eine Replik auf Nina Goll: „Nie wieder?“

von Diskurs Hamburg

„Es handelt sich um eine Bestrebung insbesondere unserer Bundeskanzlerin, die unangenehmen Begleiterscheinungen der von ihr zu verantwortenden unkontrollierten Zuwanderung zu verharmlosen“, schreibt Nina Goll in Ihrem Beitrag „Nie wieder?“ für den DISKURS Nr. 8 zu den Demonstrationen gegen Israel nach dem kriegerischen Zusammenprall mit der Hamas im Mai 2021. „Der importierte islamische Antisemitismus und dessen Organisationen müssen in Deutschland mit aller Härte bekämpft beziehungsweise verboten werden“, erklärt die AfD-Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch am 20. Mai auf ihrem Presseportal mit Bezug auf dieselben Ereignisse, zu denen sie am Vortag im Bundestag geredet hatte.

Das Narrativ lautet also: Die Einwanderungspolitik der Bundeskanzlerin Merkel hat islamischen Antisemitismus importiert, und die Verantwortliche(n) dieser Politik verharmlosen jetzt diesen Antisemitismus. Einmal abgesehen davon, ob dieses Narrativ zutrifft, ist dessen demagogische Absicht klar: Die rechtsradikal dominierte AfD, die zu Teilen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes steht, will nicht in die Nähe des „heimischen“ (im Gegensatz zum „importierten“) Antisemitismus gerückt werden, wie er sich etwa beim Anschlag vom 9. Oktober 2019 auf die Synagoge in Halle gezeigt hat. Die AfD verbreitet dieses Narrativ nicht ohne Grund: Infolge der Flüchtlingskrise von 2015 ist es zu einer ausgreifenden politischen Radikalisierung am rechten Rand gekommen mit eben vermehrten Auswüchsen des heimischen Antisemitismus. Die AfD betreibt hier ein offenkundiges „Haltet den Dieb!“

Man kann sich über Einwanderungspolitik beklagen oder über Antisemitismus. Man sollte aber nicht den Sack anstelle des Esels schlagen, denn so löst man keines der beiden Probleme. Hier wollen wir uns hier mit Antisemitismus beschäftigen, nicht mit Einwanderungspolitik. Man sollte auch die beiden Ausprägungen des Antisemitismus auseinanderhalten, die wir mit den hier gleichbedeutenden Gegensatzpaaren heimisch–importiert, christlich–islamisch oder rechts–links benennen. Beide haben unterschiedliche Traditionen, Ursachen und vor allem: unterschiedliche Vertreter. Sie müssen also auf unterschiedliche Weise angegangen werden.

Der heimische Antisemitismus des christlichen Abendlandes hat eine lange, bis ins Mittelalter zurückreichende, und von der damaligen christlichen Mehrheit durchaus akzeptierte Tradition, die mit Ausgrenzungen, Vertreibungen und Pogromen verbunden war und die in der nationalsozialistischen Perversion des Holocaust kulminierte – und so erst seine gesellschaftliche Akzeptanz einbüßte. Man sollte allerdings erwähnen, dass es immer wieder Bestrebungen zur Judenbekehrung besonders nach der lutherischen Reformation und der gesellschaftlichen Integration etwa im aufgeklärten Preußen gab. Theologischer Kern des christlichen Antisemitismus war die Anklage des „Christusmordes“ gegen die Juden.

Die theologische Gegenposition dazu findet sich im Koran: „… und nicht töteten sie [die Juden ihn [Christus in Wirklichkeit, sondern es erhöhte Allah ihn zu sich.“ (Sure 4, Vers 156, Reclam-Ausgabe) In einer anderen Übersetzung heißt es dort: „… es wurde ihnen [den Juden nur vorgetäuscht.“ In der Entstehungszeit des Islam war das Christentum im Oströmischen Reich Staatsreligion und im spätsassanidischen Reich toleriert und weit verbreitet. Christen, nicht Juden, waren die Adressaten der islamischen Lehre, dass ihr Heiland nicht am Kreuz gestorben sei – später ausgeschmückt durch das Barnabas-Evangelium, wonach ein anderer, nämlich Judas am Kreuz gestorben sei.

In vormoderner Zeit waren die Juden der islamischen Welt „Schutzbefohlene“, die zwar ausgegrenzt aber weitgehend unbehelligt toleriert wurden, wenn sie ihre Sondersteuer zahlten, die sogar ihre neuen islamischen Herrscher freudig begrüßten, da ihnen von den alten christlichen Verfolgung und Vertreibung drohte. Für den Islam waren die Juden im Gegensatz zur christlichen Welt keine nennenswerten Gegner. Erst mit der zionistischen Besiedlung Palästinas Ende des 19. Jahrhunderts und mit der Bekanntschaft mit den „modernen“, rassistischen Stereotypen des Westens entwickelte sich auch in der islamischen Welt ein dem westlichen verwandter Antisemitismus. Aber Judenpogrome oder gar einen Holocaust kannte und kennt die islamische Welt nicht.

Der heutige islamische Antisemitismus entzündet sich am palästinensisch-israelischen Konflikt, ohne den er keine Grundlage hätte. Sicherlich werden dabei auch soziale Probleme in den islamischen Ländern oder von hiesigen Einwanderern aus diesen Ländern auf diesen Konflikt projiziert. Aber noch einmal: ohne den palästinensisch-israelischen Konflikt gäbe es keinen islamischen Antisemitismus.

Die Vertreter des heutigen, heimischen Antisemitismus hingegen, die kaum je einen Juden erlebt haben, knüpfen in ihrer Rechtsradikalität an den Nationalsozialismus an. Für die Gründe ihrer Radikalisierung ist manches angeführt worden: Das vermeintliche Abgehängtsein der ostdeutschen Bundesländer, die Erfahrung früherer Arbeitslosigkeit und damit die Angst vor erneuter sozialer Deklassierung (so Phillip Manow: Die politische Ökonomie des Populismus) oder die soziale Spaltung der postindustriellen Wissensgesellschaft, in der nicht mehr alle mitgenommen werden. Der heimische Antisemitismus hat – wie auch schon während des Aufstiegs der NSDAP – eine sozialökonomische Grundlage.

Zur Lösung des palästinensisch-israelischen Konfliktes oder zur Behebung deutscher sozialer Probleme einschließlich der Integration von Einwanderern gibt es mannigfache Vorschläge. Es ist hier nicht der Platz dafür. Es geht lediglich darum zu verstehen, dass es nichts bringt, die beiden Ausprägungen des Antisemitismus in einen Topf zu werfen – wenn man denn ernsthafte und keine demagogischen Absichten verfolgt.

Frau Goll bemüht auch das Narrativ von der eingeschränkten Meinungsfreiheit: „In Deutschland kann nicht offen über diesen neuen Antisemitismus geredet werden, da dann auch über die Einwanderungspolitik … debattiert werden müsste, Doch das ist ein Tabu …“ Tatsächlich? Man könnte das Narrativ fortsetzen: „Aber wir von der AfD brechen das Tabu und sagen Euch, dass Deutschland umgevolkt werden soll.“ Was trägt das aber zur Lösung des Nahost-Konflikts bei, der die Grundlage des importierten Antisemitismus ist? Frau Goll will gar nicht über Antisemitismus reden, sondern sie will dessen Importeure loswerden. Und wenn der Antisemitismus keinen Grund dafür hergibt, dann eben die „Ereignisse in der Kölner Silvesternacht 2015/16“, die auch „verharmlost wurden“. Waren denn die Medien nicht voll davon?

Nun gehört es aus guten Gründen zur deutschen Staatsräson, sich zum Existenzrecht Israels zu bekennen, wozu sich Außenminister Heiko Maas besonders verpflichtet fühlt, der „wegen Auschwitz“ in die SPD eingetreten ist. Wegen unserer Geschichte haben wir als international verflochtenes Land auch immer gut daran getan, jeglichen rechtsradikalen Bestrebungen immer wieder sofort und entschieden entgegenzutreten. Wenn man sich auch nicht vorstellen mag, dass es in Deutschland wieder Konzentrationslager geben könnte, in denen Juden interniert und gar umgebracht werden könnten, so muss man doch die Hetze von Rechtsradikalen beachten, die vom „Tag der Abrechnung“, von „Kameltreibern“  und von der „Entsorgung in Anatolien“ reden. Dem muss entgegen getreten werden, immer wieder!  

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN