Die Regenbogenflagge auf dem Reichstag

von Diskurs Hamburg

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Zum diesjährigen Christopher Street Day wurde auf dem Reichstagsgebäude in Berlin die Regenbogenflagge gehisst. Ich möchte das zum Anlass nehmen, Ihnen eine kleine Geschichte zu erzählen.

Im Jahre 2012 beschloss die Bezirksversammlung von Hamburg-Wandsbek, zum Christopher Street Day die Regenbogenflagge auf dem Wandsbeker Rathaus zu hissen. Ich gehörte damals dieser Bezirksversammlung an und stimmte ohne Absprache mit meiner Fraktion (damals FDP) gegen die Hissung der Regenbogenflagge auf dem Rathaus. Nach der Sitzung sprach mich ein Kollege aus der Grünen-Fraktion, ein bekennender Homosexueller, auf mein Abstimmungsverhalten an und fragte mich, ob ich etwas gegen Homosexuelle hätte. Nein, das hätte ich keineswegs, antwortete ich ihm, aber ich wollte ihm eine Geschichte erzählen, die mein Abstimmungsverhalten bestimmt hätte:

Mein Großvater väterlicherseits war 1933 Landgerichtspräsident in einer deutschen Stadt und übte in dieser Funktion auch das Hausrecht über das Gerichtsgebäude aus. Am 1. Februar 1933, kam ein Trupp SA-Männer zu ihm und verlangte von ihm die Hissung der Hakenkreuzfahne auf dem Gerichtsgebäude. wie es auf anderen öffentlichen Gebäuden der Stadt bereits geschehen war. Mein Großvater schreibt in seinen Lebenserinnerungen, er habe entgegnet, seines Wissens sei die Reichsflagge immer noch schwarz-rot-gold. Als die SA-Männer daraufhin zudringlich wurden, habe er seinen Vorgesetzten, den Oberlandesgerichtspräsidenten, angerufen und um Weisung gebeten. Der habe ihn angewiesen, den Schlüssel zur Bodenkammer herauszugeben, der Flaggenhissung aber nicht beizuwohnen.

Ich ergänzte dann gegenüber meinem Kollegen von der Grünen-Fraktion, nach meiner Auffassung gehörten auf öffentliche Gebäude nur die staatlichen Hoheitssymbole wie die Nationalflagge oder die Landesflagge. Da könnte nicht einfach jeder mit einem Flaggenwunsch kommen, auch wenn das Anliegen anerkannt und berechtigt sei, am 8. März nicht die Frauenbewegung, an Ostern nicht die Kirchen und am 1. Mai nicht die Gewerkschaften, selbst wenn es ein gesetzlicher Feiertag sei. Der Kollege von den Grünen wurde etwas nachdenklich und erkannte immerhin an, dass er meine sehr persönlichen Gründe verstehe.

Ich habe die Geschichte von meinem Großvater im Zusammenhang mit der Regenbogenflagge später einem Kollegen aus der SPD-Fraktion erzählt, ebenfalls ein bekennender Homosexueller. Der entgegnete darauf mit der Redensart „Nicht alles, was ein Vergleich ist, hinkt.“

Welcher Auffassung neigen Sie zu? Meiner, der des Grünen oder der des SPD-Mannes?

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN