Die große demographische Umkehrung: “The future will be nothing like the past”

von Diskurs Hamburg

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Der Autor hatte in Ausgabe D08 das Buch Bürger an die Macht aus der Feder des Mitherausgebers dieses Diskursforums Jörn Kruse besprochen. In dieser Ausgabe möchte der Autor ein Buch besprechen, das nach seiner Überzeugung das Potential birgt, als Erklärungsmuster der politischen und ökonomischen Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte zu dienen. Es handelt sich um das bereits viel zitierte Werk der britischen Ökonomen Charles Goodhart und Manoj Pradhan: The Great Demographic Reversal. Ageing Societies, Waning Inequality, and an Inflation Revival. Palgrave Macmillan 2020.

Bisher gab es Arbeitskraft im Überfluss

Seit der Integration Chinas und Osteuropas in den Weltmarkt vor rund 30 Jahren, auch als Globalisierung bezeichnet, „the world was swimming in labour“, was sich nicht so sehr durch Migrationsströme sondern eher durch Produktionsverlagerungen in und durch Importe aus den neuen Märkten zeigte. Der Überfluss des Arbeitsangebots hielt die Lohanstiege in den entwickelten Ländern niedrig; gewerkschaftlicher Organisationsgrad und Streiktage gingen zurück, wie die Autoren in Schaubildern für USA, UK, Deutschland, Frankreich oder Japan zeigen. Das weltweit produzierte und beständig ausgedehnte Warenangebot hielt die Preise unten, und die Inflation wurde so auch nicht durch eine Lohn-Preis-Spirale angetrieben. Soweit ist diese Erklärung für den Rückgang bzw. das Ausbleiben der Inflation trotz expansiver Geldpolitik in den USA und in Europa mittlerweile herrschende Meinung unter Ökonomen. Inflation bzw. Deflation als reales, nicht als monetäres Phänomen.

Nun befinden wir uns am Ende dieser globalen demographischen Entwicklung und sind an deren Umkehrpunkt angelangt. Seit Mitte der 2010er Jahre geht die arbeitsfähige Bevölkerung (15 bis 64 Jahre) in den entwickelten Ländern und in China absolut zurück. Die Wachstumsrate der Weltbevölkerung ohne Afrika wird 2040 bei null angelangt sein; aber auch die Wachstumsrate der afrikanischen Bevölkerung hat dieser Tage ihren Zenit überschritten. Die Autoren berufen sich auf UN-Daten; es gibt sogar Vorhersagen, dass der Rückgang der Weltbevölkerung noch schneller als die UN-Prognosen voranschreiten wird.[1]

Die Autoren erwägen auch Gegenargumente. Die Perspektive, dass Indien oder Afrika mit je 1,4 Mrd. Einwohnern die globale demographische Arbeitskräftelücke füllen können, wird als unwahrscheinlich eingeschätzt. Diese Regionen sind sozial (Indien) bzw. politisch (Afrika) zu zerklüftet, und es mangelt an Good Governance (Afrika) bzw. einheitlicher Führung (Indien), um eine Entwicklung wie in China zu wiederholen.

Rückläufiges Arbeitsangebot treibt die Inflation

Diese künftigen demographischen Entwicklungen werden tiefgreifende Konsequenzen haben: “The future will be nothing like the past.” Das globale Arbeitsangebot wird zurückgehen, aber nach Auffassung der Autoren nicht die Konsumnachfrage. Denn die Ausgaben für medizinische Versorgung alter Menschen und für Altenpflege – ökonomisch Konsumausgaben – werden den möglichen Konsumrückgang der arbeitenden Bevölkerung nicht nur ausgleichen, sondern mutmaßlich noch übertreffen, und das in allen entwickelten Ländern sowie in China. Das allein reicht schon als Antreiber der Inflation bei rückläufigem Arbeitsangebot aus.

Die Last des ansteigenden Abhängigkeitsquotienten (Kinder und Alte  je Erwerbsperson) wird nach Goodhart und Pradhan unausweichlich zu Steuererhöhungen führen (Anm. des Rezensenten: und/oder zu Erhöhungen der Sozialbeiträge), denn das Renteneintrittsalter lässt sich nicht im Maße des Anstiegs der Lebenserwartung erhöhen, und eine Senkung des Versorgungsgrades der Alten lässt sich politisch nicht durchsetzen, weil keine Mehrheiten gegen die Alten zustande kommen. Wenn nun aber die Arbeitseinkommen durch höhere Steuern, auch indirekte Steuern, (und Sozialbeträge) stärker belastet werden, wird bei knapperem Arbeitsangebot eine Kompensation bei den Lohnerhöhungen durchgesetzt werden (können), was via Lohn-Preis-Spirale die Inflation weiter anheizt.

Die geschwächte Arbeiterbewegung fand ihr Ventil in der Wahlkabine

Während der lohndrückenden globalen Konkurrenz mit Auswüchsen in der Gig Economy und der De-Industrialisierung kam es in den USA und Europa zum Anstieg des Rechtspopulismus mit Trump, Brexit, Le Pen oder AfD. Die Arbeiter haben sich eher immigrationsfeindlichen rechten als linken Parteien zugewandt – ohne zu sehen, dass die Immigration nur einen kleinen Teil der globalen Lohnkonkurrenz ausmachte, siehe oben. In allen entwickelten Ländern hat sich nach allen üblichen Messgrößen die Einkommens- und Vermögensungleichheit erhöht. Die Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital habe sich „from the wage bargaining table into the voting booth“ verlagert. Die Autoren geben dazu zwar keine Prognose ab, aber konsequent wäre es, auch hier eine Umkehrung der Verhältnisse zu erwarten.

Die Alten sparen weniger & Kapital ersetzt fehlende Arbeit => Steigende Zinsen

Wie wirkt sich die demographische Umkehrung nun auf Sparen, Investieren und letztlich auf den langfristigen realen Zins aus? Die Autoren betrachten den „langfristigen realen Gleichgewichtszins“, der nicht durch eine kurzfristig wirksame Notenbankpolitik, sondern durch das Kapitalangebot der Sparer und die Kapitalnachfrage der Investoren bestimmt wird. Die privaten Haushalte (in den entwickelten Ländern und in China) werden mit steigendem Altersquotienten aus ihren für das Alter angelegten Vermögen entsparen, also Ersparnisse in Konsum überführen und damit das Kapitalangebot verringern. Die vom ehemaligen US-Notenbank-präsidenten Ben Bernanke so bezeichnete „savings glut“ wird ein Ende finden. Die Unternehmen werden der Verknappung und Verteuerung der Arbeit durch eine Erhöhung der Kapital/Arbeit-Relation begegnen, um so auch Produktivitätsfortschritte zu realisieren. Die Autoren erwarten einen allgemeinen Produktivitätsschub durch die Hebung ungenutzter Potentiale bei Automatisierung, Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz etc. Also, sowohl der Rückgang des Kapitalangebots der privaten Haushalte als auch der Anstieg der Kapitalnachfrage der privaten Unternehmen werden den Realzins treiben.

Der öffentliche Sektor wird das Entsparen bzw. Verschulden der privaten Sektoren nicht ausgleichen (können), da seine Ausgaben für Alterspflege und Renten mit dem steigenden Altersquotienten absolut steigen werden. „Cutting expenditures and raising taxation are always … politically hard to do.“ Denn nur einen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften, würde öffentliches Sparen bedeuten. Da die Haushaltsdefizite in den vergangenen 30 Jahren nicht ausgereicht haben (d.h. zu gering waren!), um die Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, mussten die Notenbanken die Zinsen senken. Für die Zukunft erwarten die Autoren umgekehrt einen Anstieg der Realzinsen, der die Wirtschaft ins Gleichgewicht bringt, da nun umgekehrt die (autonome) Sparleistung des öffentlichen Sektors nicht ausreichen wird.

Staatshaushalte bei steigenden Zinsen in der Schuldenfalle

Die historisch niedrigen Zinsen der Vergangenheit haben den privaten wie öffentlichen Verschuldungsgrad in historische Höhen getrieben, was aber niemand als besonders schmerzhaft empfunden hat, weil mit den sinkenden Zinsen gleichzeitig der Schuldendienst konstant blieb. Wenn nun aber die realen Zinsen (aufgrund realer Ursachen) steigen, geraten die Schuldner und darunter besonders der öffentliche Sektor in eine von den Autoren so bezeichnete Schuldenfalle. Sie müssen wegen höherer Zinsen ihre Schulden reduzieren (= Sparen), können es aber aus genannten politischen Gründen nicht. (Anm. des Rezensenten: Auch wenn die Notenbanken zu niedrigen Zinsen Geld verleihen, werden die Märkte die Zinsen mit rückläufigem Kapitalangebot uns. ansteigender Kapitalnachfrage über dieses Niveau anheben.) Auch Zinsen als reales, nicht als monetäres Phänomen.

Die Aussichten, der Schuldenfalle zu entkommen, schätzen die Autoren zurückhaltend bis pessimistisch ein: Das Wirtschaftswachstum ist durch die rückläufiger Arbeitsbevölkerung beschränkt. Unerwartete (nicht in den Nominalzins eingepreiste) Inflation, die die Schulden entwertet, wird es bei gestiegener Inflationserwartung kaum geben. Schuldenschnitte oder -ausfälle sind wegen ihrer Nebenwirkungen nicht zu empfehlen. Es bleiben Vorschläge zur Stärkung der Eigenkapitalquoten der Unternehmen, die nach dem Eindruck des Rezenten allerdings etwas halbherzig vorgetragen werden und das Problem der Staatverschuldung nicht lösen. Dem schließen sich dann noch einige (bekannte) Vorschläge für indirekte Steuern an, deren Inzidenz am Ende doch direkt den einzelnen Bürger trifft.

Perspektive für Deutschland: Mehr Inlands- statt Auslandsinvestitionen

Mit der Globalisierung haben die Direktinvestitionen im Ausland zugenommen, besonders solcher Exportüberschussnationen wie China, Japan oder Deutschland, weil die Renditen auch aufgrund der Arbeitskosten im Ausland höher  waren. „If so, the curtailment of globalization will bring some boost to domestic investment.“ Das wäre tröstlich. Eine international immer wieder angemahnte Reduzierung unseres deutschen Exportüberschusses reduzierte unsere Auslandsforderungen, mit denen dann inländische Schulden beglichen werden könnten. Oder eine Reduzierung der Auslandsinvestitionen (das Pendant des Exportüberschusses) würde nicht nur die heimischen Investitionen stärken, sondern auch direkt die heimische Verschuldung reduzieren. Auslandsinvestitionen werden aus heimischen Gewinnen (= Eigenkapital) finanziert. Über das investitionsgetriebene heimische Wachstum bestünde die Chance, der Schuldenfalle zu entkommen. Für Deutschland sieht die Zukunft also gar nicht so düster aus.

Das Buch hat wissenschaftliches Niveau. Auch vom ökonomisch vorgebildeten Leser verlangt es etwas Konzentration, wenn etwa die Verschiebung der Phillips-Kurve und die Veränderung der „natürlichen Arbeitslosenquote“ erörtert werden. (Ganz grob: Wenn mit der Verknappung von Arbeit das Lohnniveau steigt, stellt sich eine lohngetrieben höhere und von der Arbeiterschaft akzeptierte Arbeitslosenquote ein, so wie in den 1970er Jahren. Die Gewerkschaften sind eben die Vertretung der Beschäftigten und nicht der Arbeitslosen.) Mit 81 Schaubildern und 22 Tabellen auf 218 Seiten bleibt das Buch jedoch auch für Nichtökonomen nachvollziehbar und erhellend. Der Unterschied ihres Werkes zum wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream – so die Autoren – liegt darin, dass sie langfristige Trends, eben die Demographie in ihre Analyse integrieren. Damit liefern sie in der Tat den Schlüssel für eine langfristige Erklärung von Ökonomie und Politik. Die aktuelle Politik daran und nicht an ideologisch verfestigten Denkmustern zu messen, erscheint dem Rezensenten dringend geboten, siehe auch den Beitrag des Autors in dieser Ausgabe Die Fortschrittskoalition.

In ihrem kurz nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie angefügten Nachwort sagen die Autoren voraus, dass die Pandemie die vorhergesagte De-Globalisierung und Inflation noch verstärken wird. Wenn sich die ersten Anzeichen von Inflation zeigten, würde die erste Reaktion darauf sein, dass das nur als ein einmaliges Aufflackern („once-and-for-all blip“) anzusehen sei. Zumindest insoweit ist die Vorhersage der Autoren bereits eingetroffen.


[1] D. Bricker and J. Ibbitson: Empty Planet. The Shock of Global Population Decline. 2019

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN