Das 49 Euro-Ticket: Ein Reisebericht

von Diskurs Hamburg

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Das 49 Euro-Ticket ist bekanntlich der fiskalisch limitierte Nachfolger des 9 Euro-Tickets, den die Ampel-Koalition wegen der Energiepreisexplosion vom Frühjahr 2021 als kombiniert sozial- und umweltpolitische Maßnahme eingeführt hatte. Jüngst war zu lesen, dass der Marktanteil der Schiene an der Personenbeförderung durch das 49 Euro-Ticket um 2,5 Prozentpunkte zugenommen habe. Ökonomen mögen daraus eine Preiselastizität für Schienenbeförderungsleistungen berechnen. Aber werden mit dem veranschlagten Steueraufwand von jährlich drei Milliarden Euro auch die angestrebten sozial- und umweltpolitischen Ziele erreicht?

Sozialpolitisch ist das 49 Euro-Ticket genauso ein Nonsens wie die Aussetzung der Mehrwertsteuer zu Corona-Zeiten. Es wird mit der Gießkanne jeder begünstigt, unabhängig von seiner sozialen Situation. Und die Einkommensschwächeren, die vor dem 49 Euro-Ticket mit dem Auto zur Arbeit gefahren sind, hätten es auch vorher schon mit öffentlichen Verkehrsmitteln billiger haben können. Bestimmend für die Wahl zwischen Auto und Bahn sind die Verkehrsverhältnisse und das verfügbare Angebot an ÖPNV. Die absolute Verkehrsleistung auf Deutschlands Straßen nimmt trotz 49 Euro-Ticket weiter zu, was jeder Autofahrer im Stau bemerkt. Der Umwelteffekt des 49 Euro-Ticket ist minimal. Die konstatierte Verlagerung auf die Schiene ist nicht nur ein Preiseffekt, sondern auch eine Reaktion auf unser überlastetes Straßennetz.

Ich habe kein 49 Euro-Ticket. Meine persönliche Nachfrage nach Schienenbeförderungsleistungen ist preisunabhängig. Ich fahre fast nie mit der Bahn, und wenn ich es doch einmal tue, dann gibt es dafür andere Gründe als die Preisdifferenz zu anderen Verkehrsmitteln. Einen derartigen Grund hatte ich im August 2023, denn ich bin seit vielen Jahren passionierter Radwanderer (mit Zelt im Gepäck). Ich bin eine Woche lang mit dem Rad von Stralsund an der Ostsee entlang nach Polen hinein, dann nach Stettin und zurück über die Feldberger Seenlandschaft nach Neustrelitz gefahren. Ich führe von meinen Touren ein Reisetagebuch und gebe daraus hier die Teile über meine Bahnfahrten nach Stralsund und zurück von Neustrelitz zum Besten.

Hinfahrt 12.8.2023: Hamburg – Stralsund 

Morgens mit dem Zug um 8.21 Uhr vom Hamburger Hauptbahnhof zunächst nach Rostock. Ich war in Hamburg schon um 8.00 Uhr auf dem Bahnsteig und fand in dem noch nicht so vollen, bereitstehenden Zug Platz für mich und mein bepacktes Rad. Der Zug füllte sich bald, und die Fahrt verlief im überfüllten, immer stickigeren Zug. Viele Fahrgäste mussten stehen, und es gab an den Zwischenhaltestellen Probleme mit dem Rangieren der Fahrräder. 

In Rostock klappte das Umsteigen auf demselben Bahnsteig in den Anschlusszug nach Stralsund. In Stralsund musste ich jedoch den Bahnsteig wechseln. Wegen 10-minütiger Verspätung und Wartezeit am Aufzug verpasste ich den Anschlusszug nach Anklam um eine halbe Minute und sah ihn nur noch davonfahren. Diese Überfüllung der Züge sei seit dem 49 €-Ticket ganz normal, bestätigten mir mitreisende Fahrgäste. Es war überdies ein Samstag.

Es war mittlerweile nach 12 Uhr geworden, und ich hatte keine Lust, auf den nächsten Zug zu warten, und änderte deshalb meinen Plan etwas: Nicht über Anklam, sondern über Wolgast auf die Insel Usedom.

Rückfahrt 18.8.2023: Neustrelitz – Hamburg 

Ich komme pünktlich am Bahnhof Neustrelitz an, kaufe mir noch ein paar belegte Brötchen und erreiche bequem den Zug um 12.06 Uhr nach Güstrow. Der Zug ist wieder voll, es ist Freitag. Ich muss mit meinem bepackten Rad zwischen den Türen quer stehen bleiben und es festhalten. Es kam wegen der Fülle auch kein Schaffner durch, der mich hätte maßregeln können. 

In Güstrow musste ich von Gleis 3 nach Gleis 4 nach Bützow umsteigen. Die Gleise 3 und 4 liegen in Güstrow aber nicht am selben Bahnsteig. Also Aufzug runter, Aufzug rauf, Drängelei mit anderen Fahrgästen und – scheiße: der Zug nach Bützow ist weg. Wir hatten von Neustrelitz 10 Minuten Verspätung. Mein Smartphone sagt mir, dass die nächste Verbindung nach Hamburg vom selben Gleis über Lübeck ging. Ich verbringe die knappe Stunde mit Zeitunglesen. 

Der Zug nach Lübeck ist ebenfalls proppenvoll. Die resolute Schaffnerin scheucht die Fahrgäste von den Klappsitzen hoch, damit noch mehr Fahrräder hineinpassen, und sie befiehlt mir, die Packtaschen vom Rad abzunehmen, was ich widerwillig befolge. Da andere Radfahrer vor Lübeck aussteigen wollen, kommt mein Rad ohne Gepäck ganz an den Rand. Aber Lübeck ist ja Endstation; es wird schon irgendwie klappen.

Der Zug fährt von Güstrow fast zwei Stunden lang nach Lübeck. Vor den Bedarfshaltestellen wird über Lautsprecher dazu aufgefordert, den Bedarfshalteknopf zu drücken. Ich frage meine Sitznachbarin, ob sie irgendwo so einen Knopf sieht, was sie verneint. Der Zug hält trotzdem. 

In Lübeck angekommen drängen zuerst die Fahrgäste ohne Fahrrad hinaus. Auf dem Bahnsteig steht ein dichter Pulk von Fahrgästen, die in den Zug hineinwollen (Endstation?!). Bevor die ersten Fahrgäste den Zug verlassen, drängeln sich zwei rüpelhafte junge Burschen in den Zug, der eine mit einem Bart wie der Tschetschenenführer Kadyroff; sie feixen auf Russisch und setzen sich auf die Klappsitze neben meinem Rad. Es gelingt mir, mein abgepacktes Fahrrad unter Brüllen „Ihr seid noch nicht dran!“ durch die vom Bahnsteig hereindrängenden Fahrgäste hindurchzustoßen. Danach muss ich wieder in den Zug hinein, um noch drei schwere Packtaschen herauszuholen, denn die Schaffnerin hatte mir ja zuvor das Abpacken befohlen hatte. Unter rücksichtslosem Rempeln und Brüllen gelingt es mir irgendwie, durch die hereindrängenden Massen aus dem Zug zu meinem Fahrrad auf dem Bahnsteig zu gelangen. 

Ich bepacke mein Rad wieder und schiebe es zum Aufzug, wo mich eine Spanholzwand mit der Aufschrift „Wir erneuern für Sie den Aufzug“ empfängt. Da Rad und Gepäck zusammen zu schwer für die Treppe hinauf sind, packe ich das Rad wieder ab und schicke mich an, zuerst das Gepäck hinaufzutragen. Da erbietet sich mir ein junger Asiate liebenswürdig, mir das leere Rad die lange Treppe hinaufzutragen, was ich herzlich dankend annehme.

Schließlich am Gleis für die Züge nach Hamburg angekommen, ist der geplante Anschlusszug natürlich wieder weg. Aber die Züge nach Hamburg fahren alle halbe Stunde. Ich setze mich auf eine Bank neben eine junge Dame afrikanischer Hautfarbe (Darf man das so sagen? Die Herkunft der Dame ist mir ja unbekannt geblieben) und packe mein letztes halbes Brötchen aus Neustrelitz aus. Just danach zündet sich meine Sitznachbarin eine Zigarette an. Es war dort keine Raucherzone ausgewiesen. 

Im Zug werde ich kontrolliert und weise mein im Internet gebuchtes „Mecklenburg-Ticket“ für 23 Euro vor. „Wir sind hier aber nicht in Mecklenburg“, sagt die Kontrolleurin, akzeptiert aber meine Erklärung, warum ich über Lübeck gereist bin. Ich muss wie auf dem Hinweg eine Fahrradkarte für 5 Euro nachlösen, die man auch ohne Reservierung nicht im Internet buchen kann und mit meiner altersbedingt reduzierten Intelligenz auch nicht am Fahrkartenautomaten erhält. 

Schlussendlich komme ich gegen 18.00 Uhr unversehrt, unrasiert und sonnengebräunt zuhause an, wo meine Frau mit dem Abendbrot auf mich wartet. Und meine persönliche Preiselastizität für Schienenbeförderungsleistungen ist unverändert geblieben.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN