Brexit, revisited?

von Diskurs Hamburg

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Der epochale britische Roman Brideshead revisited (Wiedersehen mit Brideshead) ist ein Buch der sentimentalen Erinnerungen; ein Versuch, glückliche Zeiten zurückzuholen, und damit auch ein Buch über das Vergehen der Zeit. Letztlich jedoch scheitern die Hauptcharaktere des Romans daran, die Uhren der Zeit zurückzudrehen.

Auch wenn die Romanhandlung in den Zwischenkriegsjahren bzw. am Ende des Zweiten Weltkriegs spielt, so lassen sich doch einige Gedanken auf unsere heutige Auseinandersetzung in und mit dem Vereinigten Königreich übertragen. Von deutscher Seite ist in den vergangenen Wochen vielfach die Hoffnung geäußert worden, dass sich die Brexit-Entscheidung noch einmal revidieren lasse. Insbesondere, so wird vielfach gesagt, führten die zunehmende Energiekrise im Vereinigten Königreich, die Bilder von leeren Supermarktregalen sowie der Mangel an Fernfahrern zu einem Meinungswandel in der Bevölkerung. Versorgungsengpässe aufgrund der schärferen Einwanderungsregeln sowie mehr Zölle und Bürokratie, so die Argumentation, hätten die Lage in Großbritannien seit dem Brexit verschärft.

Ich bin überzeugt davon, dass diese Vorstellungen eine typisch romantisierende Wahrnehmung auf der europäischen Seite des Kanals sind, die mit der Wirklichkeit auf der Insel nichts zu tun haben.

Erstens sind die beschriebenen ökonomischen Probleme weitgehend Folge der Pandemie, und hängen allenfalls indirekt mit Brexit zusammen. Viele Lastwagenfahrer aus der EU mussten während des Wirtschaftseinbruchs durch die Pandemie in ihre Heimatländer zurückkehren und können nach dem Brexit nicht ohne Weiteres wieder in Großbritannien leben und arbeiten. Außerdem sind Fahrer schlicht ausgefallen, weil sie sich in Quarantäne begeben mussten.

Zweitens sind derzeit viele andere europäische Länder, einschließlich Deutschlands, in ganz ähnlichem Maße von ökonomischen Schwierigkeiten betroffen. Auch in Deutschland klagen wir über Inflation und insbesondere steigende Energiekosten. Es muss uns jedoch klar sein, dass diese Phänomene in gewisser Weise unumgänglich sind, ja in gewisser Weise positive Anzeichen einer wiederanspringenden Wirtschaft nach einer langen Pandemie sind. Nachholeffekte treten derzeit überall auf, und die Wirtschaft muss sich erst wieder global neu justieren. Historisch ist belegt, dass es nach jeder größeren Pandemie zu Nachholeffekten, anziehenden Preisen und auch zu Logistikproblemen kommt.

Drittens ist es natürlich nicht von der Hand zu weisen, dass auch die Trennung von der Europäischen Union zur Verschärfung der wirtschaftlichen Lage (mit) beiträgt. Es ist doch natürlich und erwartbar, dass das Herauslösen einer ganzen Volkswirtschaft aus einem Handelsblock nicht ohne Umstellungsschwierigkeiten ablaufen kann. Handelsströme müssen umgestellt werden, neue Hindernisse tun sich auf, aber zugleich entstehen auch neue Chancen. Mit anderen Worten: ohne Kinderkrankheiten geht es leider nicht.

Aber – wie sagte Hermann Hesse so schön: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Auf Englisch gilt die Grundparole des Optimismus: Every cloud has a silver lining. Großbritannien ist bereits sehr erfolgreich dabei, seine Volkswirtschaft umzustellen, und sobald die Folgen der Pandemie überwunden sind, wird die neue Architektur in vollem Glanz zu bewundern sein. Downing Street hat bereits einige neue Freihandelsabkommen ausgehandelt; neue kommen hinzu. Auch außenpolitisch hat man neues Gewicht gewonnen, wie der kürzliche Coup einer Indopazifik-Allianz mit den USA und Australien (unter Düpierung Frankreichs) gezeigt hat.

Innenpolitisch ist nach meinem Eindruck die Unterstützung für den Brexit ungebrochen, und alle Hoffnungen deutscher Medien, einen Stimmungswandel herbeizudeuten, dürften mit dem Überwinden der Pandemie von der Macht des Faktischen erledigt sein. Insbesondere der harte, herrische Kurs aus Brüssel in der Nordirland-Frage trägt viel zu Verhärtung der Stimmung bei und spielt den Brexit-Befürwortern in die Hände. Viele Briten aus meinem Bekannten- und Freundeskreis fühlen sich durch die unflexible Haltung der EU darin bestätigt, dass sie eine solche Herrschaft der Bürokratie schlicht nicht wollen und dass die Entscheidung für eine Unabhängigkeit die einzig richtige war.

Bleibt das Problem der Fernfahrer. Was geschieht hier? In typisch englischer Weise lässt sich das Problem oft einfach mit den Kräften der Marktwirtschaft lösen. In den letzten Tagen zeigt sich, dass viele ehemals Busfahrer jetzt auf dem Brummi umsatteln, da die Löhne für die LKW-Fahrer gestiegen sind. Manchmal lösen sich die Dinge doch einfach von (ganz) alleine.

Stephanie von Wellinghoff ist eine deutsche-britische freie Journalistin und lebt in Hamburg.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN