„Zum ewigen Frieden“ – Die Aktualität der Friedensgedanken von Immanuel Kant

von Diskurs Hamburg

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Am 22. April 2024 feiert die Welt den 300. Geburtstag von Immanuel Kant (1724-1804). Der deutsche Philosoph wurde in Königsberg geboren und hat diese Stadt Zeit seines Lebens nie verlassen. Heute heißt Königsberg Kaliningrad und liegt in der Russischen Föderation. Dort gibt es eine baltische Universität mit dem Namen Immanuel Kant, ein großes Kant-Archiv und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die wie in Deutschland und anderswo auch, über das Leben und Wirken Immanuel Kants forschen. Werden wir also ein getrenntes Jubiläum in West und Ost feiern, und vor allem, wäre das im Sinne Immanuel Kants?

Seit dem 24. Februar 2022 wird in Europa wieder Krieg geführt, in der Ukraine. Auf allen Fernsehkanälen laufen Kriegsberichterstattungen; wir sehen Bilder von Flüchtenden, Ster­benden und Leidenden. Was wir allerdings viel zu wenig sehen, sind Bilder, die zeigen, dass sich alle Beteiligten ernsthaft in Europa und der Welt darum bemühen, dass die Kriegspar­teien so schnell wie mög­lich Frieden schließen.

Eine ähnliche Situation gab es auch nach dem 5. April 1795, als in Basel ein Sonderfrieden zwi­schen Preußen und Österreich auf der einen Seite und dem revolutionären Frankreich auf der anderen Seite geschlossen wurde. Immanuel Kant war sich damals nicht sicher, ob dieser Frieden ewig halten würde. Deshalb veröffentliche er noch im gleichen Jahr seine Schrift „Zum ewigen Frieden“, in der er Vorschläge für einen dauerhaften Frieden zwischen den Völkern in Europa unterbreitete. Kant skizzierte darin Möglichkeiten einer europäischen Versöhnung. Seine Schrift wurde ein großer publizistischer Erfolg. Der Philosoph kritisierte darin alle Formen von Despotie und lobte die republikanische Regierungsform, die in Frankreich nach der Revolution verwirklicht werden sollte. Dabei stellte er sich die Frage, die ich mir angesichts des Krieges in der Ukraine heute auch stelle: Unter welchen Bedingungen kann zwischen kriegführenden Staaten Frieden geschaffen werden, der nicht nur ein vorübergehender Waffenstillstand ist, sondern auf Dauer Schluss macht mit dem ewigen Töten und Getötet-Werden?

Immanuel Kant hat sein Friedenskonzept als Philosoph und nicht als Realpolitiker entworfen. Seine Vorschläge sind Visionen und kreisen insbesondere um die Frage, wie Waffen­still­stände in einen wirklichen Frieden verwandelt werden können. Im Mittelpunkt steht dabei die Idee, durch Prinzipien des Staatsbürgerrechts, des Völkerrechts und des Weltbürgerrechts die Macht von Despoten zu kontrollieren.

Bereits in seiner kurzen Einführung meldet Kant Zweifel an, ob die Idee „Zum ewigen Frieden“ auf dem Schild eines holländischen Gastwirts, worauf ein Friedhof gemalt war, die Menschen und insbesondere die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“, wohl erreichen wird? Übertragen auf den Krieg in der Ukraine habe ich den Eindruck, dass die Friedensidee die Staatsoberhäupter keinesfalls erreicht hat, denn niemand hat bisher in Europa auch nur politisch und diplomatisch den Versuch unternommen, eine friedliche Lösung des Krieges, der von Russland begonnen wurde, herbei­führen zu wollen. Die Kantsche Befürchtung, dass nur die Philosophen den „süßen Friedens­traum träumen“, trifft aktuell ebenfalls zu: es sind Philosophen wie Richard David Precht oder der Wissenschafts­journalist Ranga Yogeshwar, die Friedensapelle formulieren und von  Politik und Medien als Romantiker oder Träumer verspottet werden. Kant wusste schon damals, dass unbequeme Gedanken an der Realität abprallen könnten, deshalb hat er sie als Motto seiner Schrift vorangestellt, die er in Form eines Friedensvertrages mit verschiedenen Artikeln formuliert hat.

Im Artikel 6 weist der Philosoph zum Beispiel darauf hin, dass sich kein Staat in einem Krieg derartige Feindseligkeiten erlauben sollte, „welche das wechselseitige Zutrauen im künftigen Frieden unmöglich machen“; als Beispiele benennt er Meuchelmorde oder Anstiftung zum Verrat. Für Kant ist es wichtig, dass irgendein „Vertrauen auf die Denkungsart des Feindes“ auch im Krieg  noch erhalten werden muss, denn sonst könne es zu keinem Friedensschluss kommen. Auch in diesem Punkt werden die Russische Föderation und die Ukraine von unversöhnlicher Feindschaft getrieben. So bezeichnet die russische Regierung die ukrainische Bevölkerung  als „Banderisty“, als Anhänger von Stepan Bandera, der mir den Nazis kollaboriert hat und für den tausendfachen Mord an Juden und Polen mit verantwortlich ist. In der Ukraine wiederum wurde  klassische russische Literatur, sogar von dem Pazifisten Lev Tolstoj, aus dem Stundenplan der Schulen gestrichen, obwohl die Menschen in der Ostukraine größtenteils russischsprachig sind. Hier müsste im Sinne Kants eine Vermittlung zwischen den Kriegsparteien stattfinden. Denn ein Krieg könne in vielen Fällen nur durch Friedens­stiftung beendet werden. Allerdings müssten beide Kriegs­parteien den Willen dazu erkennen lassen.

Für den Aufklärer Kant sind Willensentscheidungen eng mit der Vernunft verknüpft. Denn wir Menschen seien vernunftbegabte Wesen, die die Fähigkeit haben, durch „abwägende Reflexion“ Einsichten zu gewinnen und danach zu handeln. Diese Fähigkeit billigte Kant sogar dem militari­sierten Preußen zu, das jahrelang seine Professur für Philosophie nicht finanzieren wollte, aber Waffen für Kriege kaufte. Letztendlich jedoch willigte auch Preußen in den Sonderfrieden von Basel ein.

Die Befürworter einer militärischen Lösung in der Ukraine werden nun kritisieren, dass Kants Vernunft gegen Hitler auch nicht geholfen habe und die Alliierten eine militärische Kapitulation Deutschlands mit Waffengewalt erkämpfen mussten. Dagegen lässt sich einwenden, dass der II. Weltkrieg und der Holocaust in ihrer verbrecherischen Dimension nicht mit dem Krieg in der Ukraine verglichen werden können. Ein wichtigeres Gegen­argument ist für mich jedoch die Kultur des Dialogs, die sich in Europa in den letzten 75 Jahren entwickelt hat und die ein Hauptargument für die Verleihung des Friedens­nobelpreises an die Europäische Union 2012  gewesen ist. Europa habe einen „erfolgreichen Kampf für Frieden und Versöh­nung« geführt. Daran will sich offenbar zurzeit niemand in der EU erinnern. 

Vor 20 Jahren habe ich den Ethikunterricht in verschiedenen europäischen Ländern wissen­schaftlich untersucht. Ein Thema, das in allen Lehrplänen enthalten ist, sind Konflikte und Konfliktlösung. An vielen europäischen Schulen gibt es darüber hinaus ein Netz an Streitschlichtungsprogrammen und ausgebildeten Mediatorinnen und Mediatoren, denn die Jugendlichen – so steht es in den Ethiklehrplänen – sollen Konflikte friedlich und im Dialog lösen, und nicht mit Gewalt. In diesem Zusammenhang hat mir eine Lehrerin aus Österreich neulich berichtet, dass sich auf ihrem Schulhof kurz vor Unterrichtsbeginn zwei Zehnjährige prügelten und von ihr getrennt werden mussten. Voller Wut habe sie die beiden Jungen angeschrien, ob sie ihre Probleme nicht friedlich beilegen könnten, worauf einer der Jungen antwortete: „Und warum geht das auch nicht in der Ukraine?“ Die Lehrerin war so perplex, dass sie den Kindern darauf keine Antwort geben konnte. Ich hätte übrigens auch nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen. Gedacht habe ich aber, was im Kleinen funktionieren soll, muss auch im Großen möglich sein! Denn Europa wirkt unglaubwürdig, wenn es seine Schülerinnen und Schüler zur Konfliktlösung erziehen möchte, diese im politischen Bereich  jedoch nicht einmal in Ansätzen ausprobiert.  Kant hätte die Frage des Jungen wahrscheinlich begrüßt. Denn in seiner berühmten Pädagogikvorlesung hat er gefordert, Kinder nicht zu dressieren, sondern sie frei und ohne Autoritäten denken zu lassen. Und vermutlich würde er die Hoffnung auf einen Frieden in der Ukraine nicht aufgeben. Es wäre zu begrüßen, wenn sein 300. Geburtstag in Eintracht und nicht in Zwietracht gefeiert werden könnte.

 Zum Weiterlesen/ Nachweis der Zitate

Immanuel Kant: Zum ewigen Frieden. In: Schriften zur Anthropologie, Geschichts­philosophie, Politik und Pädagogik Bd. 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014, 17. Auflage,  S. 195, 200 und 226.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN