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„Frieden ist Arbeit, wirkliche Arbeit. Frieden fällt nicht vom Himmel. Frieden wird uns nicht geschenkt. Frieden ist kein Geschenk des lieben Gottes. Frieden ist ein Produkt sorgfältiger politischer Arbeit“ (S. 141).
Mit diesem Appell endet das Buch, in dem Hamburgs ehemaliger Bürgermeister und Sohn eines ermordeten Widerstandskämpfers gegen die NS-Diktatur Klaus von Dohnanyi (SPD) und der Brigadegeneral a. D. und einstige militärischer Berater von Angela Merkel, Erich Vad (parteilos, vorher 50 Jahre in der CDU) miteinander im Interview Fragen von Krieg und Frieden besprechen und systematisch einordnen. Das Faszinierende an diesem Buch sind die historischen Kenntnisse und Bezüge beider Diskutanten. Sie schlagen den Bogen von den Befreiungskriegen gegen Napoleon über den II. Weltkrieg bis in die Gegenwart des Ukrainekrieges. Gegen Napoleon kämpfte Russland auf Seiten der europäischen Verbündeten, symbolisiert durch den preußischen General Carl von Clausewitz (1780-1831). Er trat in die russische Armee ein, da Preußen anfangs Napoleon unterstützte und wurde später von Preußen rehabilitiert. Allerdings durfte er – Strafe muss sein – als Direktor der preußischen Allgemeinen Kriegsschule nicht unterrichten. Für Erich Vad war dies ein großes Glück, denn so hatte von Clausewitz Zeit, sein berühmtes Buch „Vom Kriege“ zu schreiben (vgl. S. 19), in dem er u.a. feststellte, dass Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei.
Dieser historische Exkurs bietet die Überleitung zu der aktuellen Frage von Krieg und Frieden in Europa. Russland habe, so die beiden Diskutanten, im Befreiungskrieg gegen Napoleon als auch im zweiten Weltkrieg dazu beigetragen, Frieden in Europa zu schaffen. Deshalb sei es vor diesem Hintergrund wichtig, in künftige europäische Friedenskonzepte die Russische Föderation einzubeziehen (vgl. S.23-25). Beide Diskutanten betonen, dass Putin 2021 der NATO und den USA Gespräche über die russischen Sicherheitsbedenken bezüglich einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine angeboten habe, die der damalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg abgelehnt habe (vgl. S.104), was insbesondere Klaus von Dohnanyi für einen großen politischen Fehler hält. Er führt dazu in einem Gedankenexperiment an, dass auch die USA Sicherheitsbedenken geltend machen würden, wenn beispielsweise in Mexiko russische Militärbasen etc. errichtet würden. Deshalb müsse man jetzt mit der Russischen Föderation über ein europäisches Sicherheitskonzept verhandeln: „(…) die empirischen Daten zeigen das ja auch: Die Mehrheit der Deutschen will … ein vernünftiges Verhältnis zu Russland“ (S. 59).
Klaus von Dohnanyi kritisiert im Zusammenhang mit der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine die Behauptung, die immer wieder von Wolodymyr Selenskyj verbreitet werde, die Ukraine habe für den Frieden mit Russland 1994 ihre Nuklearwaffen abgegeben und stünde dadurch jetzt militärisch geschwächt da. „Das ist doch dummes Zeug. Die Ukrainer hatten gar keine. Das ist so, als ob wir sagen würden, wir haben die Waffen, die die Amerikaner hier gelagert haben, abgegeben. Die gehören uns nicht.“ (S. 73). Die Ukraine habe niemals die Verfügungsmacht über diese Nuklearwaffen besessen – der Knopf, um sie abzuschießen, war in Moskau, genauso wie der Knopf zur Betätigung der in Deutschland gelagerten Atomwaffen bei den USA liege. Dennoch sind sich beide Diskutanten einig, dass die NATO ihre militärischen Ressourcen ausbauen und verteidigungsfähiger sein müsse. Dies habe auch Helmut Schmidt damals mit dem Doppelbeschluss zur NATO-Nachrüstung erkannt, jedoch mit einem gravierenden Unterschied: Die Aufrüstungsbemühungen liefen damals parallel zu Abrüstungsgesprächen. Selbst während der Zeit des Kalten Krieges habe es immer einen heißen Draht nach Moskau gegeben, was jetzt nicht der Fall ist. Seit dem Ausspruch von Boris Pistorius, dass Europa kriegstauglich werden müsse, gebe es nur noch Kriegsrhetorik, vom Frieden spreche keiner mehr; es fehlten vertrauensbildende Maßnahmen zwischen der NATO und der Russischen Föderation (vgl. S. 75 und 89). Erich Vad sieht deshalb die Rolle Deutschlands darin “…das wir eine Brücke sind oder sein können – zu den BRICS-Staaten. Das wäre eine schöne, vernünftige Rolle“ (S. 70) für deutsche Friedenspolitik. Bundeskanzler Friedrich Merz könnte bei seiner angekündigten Chinareise die Verbindungen zum globalen Süden stärken. Denn sollte es zu einem Nuklearkonflikt in Europa mit Russland kommen, wäre Deutschland aufgrund seiner geografischen Lage und der hier stationierten amerikanischen Atomwaffen die erste Zielscheibe eines russischen Nuklearschlags. Deshalb liege es in unserem ureigensten Interesse, dass Friedrich Merz ein Friedenskanzler werde und kein „Kriegskanzler“.
Klaus von Dohnanyi hebt zustimmend hervor, dass vor allem die SPD durch das Wirken von Willy Brandt immer als Partei zwei Aspekte in den Vordergrund gestellt habe: die Sozialpolitik und den Frieden. Vom Frieden sei leider gegenwärtig nicht viel übriggeblieben. Das Friedens-Manifest einiger Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten (vgl. Brüning, Diskurs 56) sei auf dem letzten Parteitag abgebügelt worden. Darin wurden u.a. Gespräche mit Russland über die Sicherheitsarchitektur in Europa nach der Beendigung des Ukrainekrieges gefordert.
Am Schluss des Buches plädieren beide Diskutanten – wie schon zu Beginn – für eine Deeskalation im Ukrainekrieg und für Gespräche mit Russland über Abrüstungsverträge. Denn sie haben die Befürchtung, dass sich die militärische Aufrüstung auf beiden Seiten irgendwann „entladen“ und in eine nukleare Katastrophe führen könnte. Und so stellt sich für mich im Sinne des Buches die Frage, ob es angesichts von Luftraumverletzungen durch Drohnen und Jets nicht auch ein Zeichen der Stärke wäre, wenn NATO-Generalsekretär Mark Rutte nach Moskau reisen würde, um mit der russischen Regierung ins Gespräch zu kommen. Denn wer – so wie Mark Rutte – Trump in den Griff bekommt, der kann vielleicht auch Moskau an den Verhandlungstisch bringen. Ein Versuch wäre es zumindest wert.
[1] Kaus von Dohnanyi / Erich Vad: Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung. Neu-Isenburg: Westend Verlag 2025.
