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Anfang April 2025 las ich in verschiedenen Medien eine kurze Notiz, dass der von mir sehr geschätzte deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm, der in den USA lehrt, nicht die Gedenkrede zur 80jährigen Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald halten darf, wie ursprünglich geplant. Die israelische Botschaft hatte beim Leiter der Gedenkstätten Christian Wagner gegen Boehm interveniert. Und aus Rücksicht auf die anreisenden Überlebenden, die in diesen unwürdigen Streit hineingezogen worden wären, wurde Beohm, der 2024 auf der Leipziger Buchmesse den Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhalten hatte, nicht wie geplant eingeladen. Warum, so fragt man sich, hat der israelische Botschafter Ron Prosor Boehms Auftritt verhindern wollen? Ich kann nur mutmaßen, dass Omri Boehms Buch „Israel – eine Utopie“ der Grund dafür sein könnte. In dieser Utopie skizziert Boehm u.a. die Vision eines konföderativen binationalen Zusammenlebens von Israelis und Palästinensern in Israel (1).[1] Er ist also kein Vertreter einer Zweistaatenlösung, wie die meisten Mitgliedsstaaten der EU, die von der israelischen Regierung abgelehnt wird. Im Übrigen haben 145 von 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen Palästina bereits als eigenen Staat anerkannt.
Im Fall Omri Boehm hat die israelische Regierung den Auftritt eines israelischen Staatsbürgers verhindert. Die Deutsch-Iranerin Natalie Amiri berichtet in ihrem Buch „Der Nahostkomplex“ (2) darüber,[2] dass eine gezielte Einflussnahme der israelischen Regierung auch auf die mediale Berichterstattung im Gaza-Konflikt in Deutschland stattgefunden habe. So kritisiert Amiri den „unverhältnismäßigen Fokus auf israelisches Leid“, während palästinensisches Leid häufig als „Kollateralschaden“ dargestellt wurde (Amiri, S. 194), obwohl jeder auf den Fernsehbildern sehen könne, dass in Gaza fast nur noch Ruinen stehen. Die Medien hätten teilweise eins zu eins die Kommunikation der israelischen Regierung bzw. der IDF (israelische Verteidigungskräfte) übernommen. Die Militäraktionen Israels seinen immer „Vergeltungsschläge“ gewesen, auch wenn offensichtlich war, dass die Bombardements Frauen und Kinder getroffen hätten. Und in keinem Land der Welt seien so viele Journalistinnen und Journalisten getötet worden, wie in Gaza, was aber nicht zu einem Aufschrei in der Branche geführt habe. Auch die Sichtbarkeit palästinensischer Stimmen in Talkshows sei gering gewesen. „In insgesamt 15 ARD-Talksendungen zum Thema Gaza-Krieg traten drei Gäste mit palästinensischem Hintergrund auf. Deutlich häufiger vertreten waren hingegen Gäste mit israelischer Staatsangehörigkeit.“ (Amiri, S. 198). Dies sei auch in Nachrichtensendungen der Fall gewesen. Während Netanjahu häufig zu Wort gekommen sei, waren Auftritte palästinensischer Politiker eine Rarität. Man muss aus meiner Sicht keine Vertreter der Hamas auftreten lassen, die eine Terrororganisation sind, aber es gibt auch die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland, die Kommentare zum Gaza-Krieg hätte abgeben können. Und nicht zu vergessen: Netanjahu führt eine rechtsgerichtete Regierung und steht auf der Fahndungsliste des Internationalen Strafgerichtshofes wegen Kriegsverbrechen in Gaza. Und trotzdem wollte der Bundeskanzler und Jurist Friedrich Merz „Mittel und Wege finden“, ihn nach Deutschland einzuladen.
Natalie Amiri kritisiert auch den Druck, der auf journalistische Redaktionen ausgeübt werde, die ihrerseits Angst hätten, bei einer israelkritischen Berichterstattung sich dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen. So zitiert Amiri die deutsche Nahost-Expertin Kristin Helberg: „Der Druck auf Journalisten, Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens ist so groß, weil die Bild-Zeitung, unterstützt von der israelischen Botschaft, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und von anderen, ihre Macht nutzt, um Wissenschaftler, Journalisten und Politiker anzugreifen, als „Antisemiten“ und „Israelhasser“ zu diffamieren und mundtot zu machen (Amiri, S. 201)“.
Genau dieses Procedere lief ab, als die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann, die seit 2021 aus Israel berichtet und sich bemühte und bemüht, ausgewogen über die Geiseln, ihre Familien und die politische Situation in Israel zu informieren, wie auch über das Leid der Zivilbevölkerung im Gaza-Streifen. Als sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für hervorragende journalistische Leistungen 2025 gemeinsam mit Katharina Willinger erhielt, die aus der Türkei und dem Iran berichtet, brach ein Sturm der Entrüstung über sie herein. So bezeichnete sie der Sprecher der IDF Arye Shalicar als „das Gesicht vom neu-deutschen Israel- und Judenhass“ (3).[3] Auch die israelische Botschaft nahm wie im Fall von Omri Boehm, an einer gezielten Kampagne teil, um Druck auf das Preiskomitee auszuüben. Daraufhin veröffentlichten 72 Nahost-Korrespondenten einen offenen Brief, in dem sie die „Diffamierungskampagne“ gegen Sophie von der Tann kritisierten. Die ARD ist standhaft geblieben und hat die Journalistin nicht von ihrem Posten abgezogen, was wahrscheinlich das Ziel der Kampagne gewesen ist.
Ich halte den Versuch, Kritik an der rechtsgerichteten israelischen Regierung mit Antisemitismus gleichzusetzen, für sehr gefährlich, auch in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen. Wer jegliche Kritik an der aus meiner Sicht unverhältnismäßigen israelischen Kriegsführung im Gaza-Streifen mit Antisemitismus gleichsetzt, fördert den Nährboden für diesen. Es muss auch 80 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland möglich sein, die Politik einer rechtsgerichteten israelischen Regierung zu kritisieren, sowohl ihre Kriegsführung als auch ihre Siedungspolitik. Letztere erhielt Anfang Februar 2026 eine neue Dimension. Denn das israelische Sicherheitskabinett beabsichtigt, mit einem großen Maßnahmenpaket die Kontrolle über das besetzte Westjordanland auszuweiten. Das Ziel besteht wahrscheinlich darin, vollendete Tatsachen gegen einen eigenständigen palästinensischen Staat zu schaffen, denn die Regierung billigte die Aufhebung eines Verbots des Landverkaufs an jüdische Siedler. Zudem sollen Grundbucheinträge im Westjordanland freigegeben werden, um Landkäufe zu forcieren, was von der EU und zahlreichen arabischen Staaten als ein Bruch des Völkerrechts verurteilt wird (tagesschau.de vom 9. 2. 2026). Deshalb verstehe ich auch nicht, warum Bundestagspräsidentin Julia Klöckner bei ihrem Aufenthalt im Gaza-Streifen während ihres Israelbesuchs nicht mit palästinensischen Vertretern gesprochen hat.
Angesichts der israelischen Siedlungspolitik stellt sich die Frage, wie bzw. ob überhaupt jemals Frieden im Nahem Osten erreicht werden kann. Natalie Amiri zitiert am Schluss ihres Buches zunächst die palästinensische Politikwissenschaftlerin Rula Hardal. Sie verfolgt im Sinne des Philosophen Omri Boehm einen integrativen binationalen Friedensansatz: „…zwei Staaten, aber mit offenen Grenzen, gemeinsamen Institutionen und geteilter Verantwortung. Eine Konföderation, die die Realität auf dem Boden anerkennt – statt sie weg zu verhandeln (Amiri, S. 401). Abschließend kommt noch die 2025 verstorbene Holocaustüberlebende Margot Friedländer zu Wort, mit der Natalie Amiri befreundet war. Sie äußerte sich zwar nicht dezidiert zu dem aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikt, wird aber mit dem Ausspruch zitiert: „Es gibt kein jüdisches, kein muslimisches, kein christliches Blut. Es gibt nur menschliches Blut!“ (Amiri 406). Und dieses Blut sollte nach meiner Ansicht nicht in sinnlosen Kämpfen vergeudet werden.
Zu guter Letzt eine Buch-Empfehlung: Wer die Überzeugungskraft des israelischen Philosophen Omri Boehm kennen lernen möchte, sollte sein Gespräch mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann lesen: Der bestirnte Himmel über mir. Ein Gespräch über Kant. Das Buch erschien 2024 im Propyläen Verlag in Berlin anlässlich des 300. Geburtstages des Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Interessant ist vor allem der achte Teil (Der Mensch darf nie bloß Mittel sein, sondern immer Zweck).
[1] Omri Boehm: Israel – eine Utopie. Eine hoffnungsvolle Vision für den Nahen Osten. Berlin: Propyläen Verlag 2020.
[2] Natalie Amiri: Der Nahost-Komplex. Von Menschen, Träumen und Zerstörung. München: Penguin 2025.
[3] Vgl. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/artikel/pressemitteilungen/4148/einschuchterungsversuche-gegen-sophie-von-der-tann-kolleginnen-zeigen-sich-solidarisch
