Ukrainische Drohnen über Moskau

von Diskurs Hamburg

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In der Nacht zum 1. August 2023 haben mehrere ukrainische Drohnen Moskau erreicht. Trotz massiven Feuers der Luftabwehr traf eine von ihnen ihr Ziel. Zeichnet sich damit ein Paradigmenwechsel in der ukrainischen Kriegführung ab? 

Es waren surreale Szenen, die sich in der Moskauer City abspielten. Wie aus dem Nichts erschütterte eine starke Explosion das elegante Geschäftsviertel der russischen Hauptstadt. Mit schierem Entsetzen haben zahlreiche Passanten und Anwohner das infernale Schauspiel gefilmt. 

Hinter dem Angriff steckt die ukrainische Luftwaffe. Eine ihrer Kamikazedrohnen traf den „Moscow City Tower“, der bereits in der Nacht des 30. Juli 2023 zum Ziel eines Angriffs geworden war. Dabei wurde die Fassade des Wolkenkratzers auf Höhe des 21. Stocks beschädigt und die Verglasung auf einer Fläche von 150 Quadratmetern zerstört. Verletzte oder gar Todesopfer gab es nicht.

Dennoch ließ die Reaktion des Kremls nicht lange auf sich warten. Wenige Stunden nach dem Angriff erklärte das russische Verteidigungsministerium, man habe einen versuchten Terroranschlag des Kiewer Regimes mit unbemannten Flugzeugen gegen Einrichtungen in Moskau und die Region Moskau vereitelt.

Demnach sollen insgesamt drei ukrainische Drohnen an dem Angriff beteiligt gewesen sein. Zwei von ihnen wurden offenbar von der Luftabwehr über dem Gebiet der Bezirke Odintsowo und Narofominsk im Moskauer Gebiet abgeschossen. Die Dritte – so die offiziöse Lesart – sei mit elektronischen Mitteln kampfunfähig gemacht worden und auf einem unbewohnten Gebiet der Stadt abgestürzt. 

Die staatliche Nachrichtenagentur TASS berichtete, die Drohne habe ein Hochhaus im Regierungsviertel getroffen, wo sich die Büros der Ministerien für Digitales, wirtschaftliche Entwicklung sowie für Industrie und Handel der Russischen Föderation befinden. Wie zahlreiche Quellen aus Sicherheitskreisen angeben, befindet sich das russische Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung im 21. Stock des angegriffenen Hochhauses. Sollte das stimmen, wäre Kiew ein präziser chirurgischer Eingriff in der Herzkammer der Russischen Föderation gelungen.

Das Wrack der Drohne, die den Moscow City Tower getroffen hat, konnte mittlerweile geborgen und zur explosionstechnischen Untersuchung geschickt werden. Der Angriff selbst hatte keine schweriegenden Folgen. Die Strukturen des Hochhauses wurden nicht beschädigt. Auch an der umliegenden Infrastruktur wurden keine Schäden festgestellt. Gleichwohl musste der Betrieb des Flughafens Wnukowo vorübergehend eingestellt werden.

Jurij Ignat, Sprecher des ukrainische Luftwaffenkommandos, kommentierte einen weiteren Angriff auf Moskau mit der Frage, was denn mit der glorreichen russischen Luftabwehr passiert sei. Hierzu äußerte er: 

„Das ukrainische Militär hat einige Erfahrung im Abschießen von Drohnen. Die russische Armee hingegen kann mit den Drohnen, die irgendwo da draußen sind und jetzt auf sie zufliegen, nicht mehr fertig werden. Wir hoffen, dass sie keine Erfahrung mit dem Abschuss von Drohnen hat.“

Auch wenn der Drohnenangriff keinen nennenswerten substanziellen Schaden verursacht hat, erweist er sich für Moskau doch in verschiedener Hinsicht als problematisch. 

Zunächst erfolgte er nicht im luftleeren Raum, sondern schließt sich an zahlreiche, ihm vorausgegangene Attacken an. So war das Moskauer Geschäftsviertel bereits zwei Tage zuvor, in der Nacht zum 30. Juli, von Drohnen getroffen worden. Dabei waren zwei Vehikel in verschiedene Bürotürme eingeschlagen und hatten deren Fassaden verheert. In einem der Türme wurde sogar ein Wachmann verletzt.

Noch bedeutender jedoch ist, dass Drohnenangriffe politisch äußerst heikel sind. Die Tatsache, dass der Kreml die Moskauer Bevölkerung offenbar nicht vollständig schützen kann, ist ein Zeichen der Schwäche. Dies gilt umso mehr, als die von der Ukraine eingesetzten Drohnen – sofern sie denn von ihrem Territorium aus gestartet wurden – mehrere Hundert Kilometer Strecke zurückgelegt haben. 

Hinzu kommt, dass gerade die Bevölkerung der Hauptstadt so stark wie möglich vom Kriegsgeschehen in der Ukraine abgeschirmt werden sollte. Nicht zufällig waren in der Vergangenheit immer wieder Filmaufnahmen verbreitet worden, die den normalen Alltag in der russischen Hauptstadt illustrierten. Niemand dort hatte den Eindruck, dass sich das Land seit mehr als einem Jahr in einem verlustreichen Krieg befand. 

Diese Illusion war erst  durch Jewgenij Prigoschins Marsch der Gerechtigkeit getrübt worden, der jedoch in buchstäblich letzter Minute abgebrochen worden war. Entsprechend schnell war die von ihm ausgelöste Panik wieder verflogen. Hinzu kommt, dass eines der zentralen Argumente zur Rechtfertigung des eigenen Versagens nun wegfällt. 

Demnach hatte sich die offenkundige Unfähigkeit, feindliche Angriffe auf das eigene Staatsgebiet zu unterbinden, bislang nur auf die Oblast Belgorod beschränkt. Mehrfach hatten aus der Ukraine vorstoßende Kampfeinheiten mit ihren Attacken auf militärische und politische Ziele hier für Tabularasa gesorgt. Umfassende Evakuierungen waren die Folge.

Neben dem aus russischen Kämpfern bestehenden „Freiwilligenkorps“ und der „Legion Freiheit Russland“ hatte hier zuletzt eine tschetschenische Einheit Anschläge auf militärische Ziele verübt. Die von den genannten Formationen durchgeführten Operationen waren Moskau zwar ein Dorn im Auge, ließen sich aber mit ihrer Nähe zum Nachbarland erklären. 

Bei den Angriffen auf die russische Hauptstadt verfängt dieses Argument allerdings nicht mehr. Stattdessen hat Kiew mit ihnen nun einen giftigen Stachel ins Herz der Russischen Föderation getrieben. 

So nimmt nicht wunder, dass der Kreml die Attacken sofort scharf verurteilte. Am 31. Juli 2023 bezeichnete sie Dmitrij Peskow als „terroristische Angriffe“ und interpretierte sie als Verzweiflungstaten, die vor dem Hintergrund des Versagens des Kiewer Regimes erfolgt seien. 

Sichtlich um Beschwichtigung bemüht, ergänzte Peskow, dass es bisher allerdings keine Pläne gebe, die Terrorbedrohungsstufe in Moskau und der gleichnamigen Region zu erhöhen. Gleichwohl räumte der Kreml am 1. August 2023 gegenüber Hofjournalisten ein, dass die Bedrohung eines weiteren Drohnenangriffes auch weiterhin bestehe, weshalb nun umfassende Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zu ergreifen seien.

Auch wenn die offiziöse Propaganda des Kremls stets das Gegenteil behauptet: Seit dem 24. Februar 2022 ist Moskau immer wieder von Drohnenangriffen erschüttert worden. So zum Beispiel in der Nacht zum 3. Mai 2023. Damals hatten zwei Drohnen die Kuppel des Senatspalastes im Moskauer Kreml angegriffen. Wie zu erwarten, bezeichneten die russischen Behörden den Vorfall als terroristischen Angriff und als den heimtückischen Versuch, Wladimir Putin zu ermorden. 

Am Morgen des 30. Mai 2023 waren dann drei weitere Drohnen in Wohngebäude des Bezirks Neu-Moskau sowie im Stadtzentrum eingeschlagen. Am 21. Juni 2023 konnte die russische Luftabwehr drei ukrainische Drohnen in Neu-Moskau und im Bezirk Naro-Fominsk abschießen. Und am 4. Juli 2023 wurden mehrere Drohnen bei ihrem Anflug auf Moskau zerstört. 

Das war jedoch längst nicht alles. Bereits in der Nacht zum 24. Juli 2023 waren zwei weitere Drohnen in unbewohnte Gebäude in Moskau eingeschlagen. Eine Drohne stürzte dabei in ein im Bau befindliches Geschäftszentrum an der Lichatschow-Allee, die andere auf ein leeres Gebäude der zentralen Militärkapelle des russischen Verteidigungsministeriums an der Komsomolski-Allee. Am 28. Juli 2023 wurde dann eine weitere Drohne im Verwaltungsbezirk Troizk abgefangen.

Die skizzierten Fälle lassen erkennen, dass der ukrainische Generalstab bereits vor vier Wochen den Wechsel zu einer neuen Doktrin eingeleitet zu haben scheint: und zwar von der Bekämpfung feindlicher Ziele auf eigenem Territorium hin zu systematischen Angriffen auf russischem Staatsgebiet einschließlich Moskaus. 

Noch ist unklar, welches Ausmaß die damit in Verbindung stehenden Operationen letztlich annehmen und welche Folgen sie haben werden. Fest steht lediglich, dass man in Kiew entschlossen ist, den Feind an möglichst empfindlichen Stellen zu treffen.

In diesem Zusammenhang muss vor allem die unerwartet hohe Anzahl erfolgter Drohnenangriffe überraschen. Ganze sechzehnmal soll die Ukraine im Laufe des Juli gegen Russland und die annektierte Krim zugeschlagen haben. 

Offiziell bestätigt hat Kiew eine Beteiligung an diesen Angriffen zwar nicht, aber Präsident Selenskij hatte bereits vor einiger Zeit angekündigt, dass der Krieg allmählich auf das Territorium Russlands zurückkehren werde, und zwar in seine symbolischen Zentren und Militärbasen. Mittlerweile kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass genau das passiert ist.

Zum auch im Westen kontrovers diskutierten Thema der Drohnenangriffe hat Michail Podoljak in seiner Funktion als Berater des ukrainischen Präsidialamtes nun ein umfassendes Interview gegeben. Im Hinblick auf seine Ankündigung vom 1. August 2023, wonach ein vollwertiger Krieg bald endgültig in das Territorium Russlands einziehen wird, äußerte er:

„Die Phase der Erprobung russischer Raketenabwehrsysteme ist vorbei. Die Ukraine ist leider nicht in der Lage, sich gegen die Raketen zu verteidigen, mit denen Russland uns angreift […] Aber ebenso offensichtlich verfügt Russland nicht über Luftabwehrsysteme, die mobil genug wären, um solche Angriffe seinerseits wirksam abzuwehren. Der nächste Schritt besteht also darin, die Angriffe zu verstärken.

Unter den Drohnen, die russische Einrichtungen angreifen, gibt es viele handwerkliche Produkte, die von einfachen Menschen hergestellt werden; und viele von ihnen haben einen kleinen Radius und eine kurze Flugzeit. Sie können von der Region Moskau oder von benachbarten Regionen aus gestartet werden.

Ich habe den Eindruck, dass einige Menschen in Russland jetzt zu begreifen beginnen, dass die Machtvertikale im Land schwach ist; es gibt niemanden, der Krisenentscheidungen trifft. Putin ist schwach, und dementsprechend ist es möglich, den Druck auf das Regime zu erhöhen. Das Ergebnis ist die Zerstörung verschiedener Objekte, wie z. B. militärische Rekrutierungszentren und die Zahl der Drohnen. Jede Schwäche provoziert interne Ausschreitungen.“

Auf die Frage, ob Angriffe gegen Ziele in Russland nicht vor allem eine Stärkung des Zusammenhalts in der Gesellschaft zur Folge hätten, entgegnete Podoljak:

„Nein! Denn dieser Krieg hat keinen Sinn. Er ist ein sinnloser Besatzungskrieg. Solche Kriege beruhen auf der Idee, dass man etwas plündern kann und nicht dafür bezahlen muss. Sie werden als vorteilhaft empfunden, wenn die Menschen unterdrückt werden, wenn ihnen das Geld geraubt wird, wenn ihre Möglichkeiten eingeschränkt werden. 

In Russland ist nun ein Prozess in Gang gesetzt worden, der die Loyalität der Bürger zu diesem Krieg völlig aufhebt. Es begann damit, dass Soldaten in die Ukraine gingen, um zu plündern. Jetzt werden sie dort getötet, und zu Hause werden sie unterdrückt und vor nichts mehr geschützt.

Unterstützer der Regierung befürworten diesen Krieg, während sie zu Hause auf ihren Sofas sitzen. Was sie aber gar nicht mögen, ist, weniger Geld zu haben und sich in ihren Gewohnheiten oder ihrer Bewegungsfreiheit einschränken zu müssen. Gleiches gilt, wenn sie zum Militärdienst einberufen werden. Es gibt daher keine Möglichkeit, die Menschen ideologisch in diesem Krieg zu vereinen.“

Obwohl Podoljak Drohnenangriffe auf Ziele in Russland als wirksames Mittel zur Zersetzung der Kriegsbereitschaft beschreibt, erteilt er einem vollumfänglichen Luftkrieg perspektivisch eine Absage:

„Wir werden keinen Angriffskrieg führen und Ziele in Russland angreifen. Das macht für uns keinen Sinn. Für uns ist es wichtig, die Angriffe auf die russische Infrastruktur in den besetzten ukrainischen Gebieten zu intensivieren, was wiederum interne Angriffe in Russland provozieren wird: allerdings nicht mehr von ukrainischer Seite, sondern vonseiten der Regimekritiker, die schon heute immer aggressiver auftreten.

Wir müssen das Ausmaß der Zerstörung in den besetzten Gebieten entlang der Verteidigungslinien erhöhen. Danach werden solche Exzesse innerhalb Russlands erheblich an Dynamik gewinnen.“

Im Hinblick auf die Kräfteverhältnisse für Luftoperationen stellte Podoljak klar:

„Russland hatte viele Raketen, zumindest als es begann, die Energiestruktur der Ukraine anzugreifen. Wir haben einen gewissen Mangel an Raketen und unterliegen einigen Entfernungsbeschränkungen. So hat Russland Raketen mit einer Reichweite von 1,5 bis 3000 Kilometern, während unsere Langstreckenraketen bestenfalls 250 bis 300 Kilometer weit reichen. Das sind völlig unvergleichbare Dinge […]

Gleichwohl hat Russland seine gesamten kampfbereiten Restressourcen in den besetzten ukrainischen Gebieten konzentriert. Indem wir diese Ressourcen zerstören, lassen wir Russland im Wesentlichen schutzlos auf heimischem Gebiet dastehen. Das heißt, jeder kann die Macht im Inneren an sich reißen. Und das wird am Ende auch geschehen. Sie können die Gefühle sowohl des liberalen Teils der Gesellschaft als auch der Ultrapatrioten sehen. Beide sind Putin gegenüber extrem negativ eingestellt.

Übrigens hat sich Prigoschin unerwartet entschlossen gezeigt, als er die Schwächen des Systems aufdeckte. Er hat gezeigt, dass es keine Sicherheitskräfte gibt, die in der Lage sind, fünf- bis achttausend bewaffneten Männern Widerstand zu leisten. Und niemand hat sich zu Putins Verteidigung geäußert. Erst später, als klar wurde, dass Prigoschins Niederschlagung ein wenig überzogen war, begannen innerhalb die vormals Stummen sich innerhalb von 24 Stunden zugunsten des russischen Präsidenten zu äußern.“

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ukrainischen Drohnenangriffe vor allem in politischer Hinsicht eine gewisse Sprengkraft haben. Nicht substanzieller, sondern vor allem reputativer Natur ist daher der Schaden, den sie für die russische Regierung anrichten können. 

Kiew wiederum muss sich gut überlegen, welche Ressourcen sie in materieller Hinsicht für Angriffe auf Moskau und das städtische Umland einzusetzen bereit ist. Diese Überlegung wird immer mit der Erkenntnis verbunden sein, dass der militärische Nutzen praktisch gegen Null tendiert. 

Insofern wird abzuwarten sein, welchen Weg die Ukraine hier in Zukunft einschlagen wird.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN