Strategisches Wählen bei der Bundestagswahl – Revisited

von Diskurs Hamburg

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Der Autor hatte in der Ausgabe D8-2 dieses Diskursforums einen Beitrag zum strategischen Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2021 mit dem paradoxen Ergebnis veröffentlicht, dass bürgerliche Wähler die Grünen wählen sollten. Der Autor hatte am Ende seines Beitrages jedoch auch festgestellt: „Wenn sich der Bezugsrahmen von Umfragen und wahrscheinlichen Koalitionsbildungen ändert, ändert sich auch das strategische Wahlverhalten.“ Gegenüber Mitte Mai 2021 hat sich nun, knapp zwei Wochen vor der Wahl, die Umfragelage so erheblich verändert, dass eine erneute Befassung mit dem Thema angebracht ist.

Rechnerisch mögliche Koalitionsbildungen

Beginnen wir wieder mit den letztverfügbaren Umfrageergebnissen:

ParteiStimmenMandate
AfD        11,3           12,1  
FDP        12,8           13,7  
Union        21,8           23,4  
Grüne        15,5           16,7  
SPD        25,5           27,4  
Linke           6,3              6,7  
Sonstige           7,0                 –   

Umfrageergebnisse (Durchschnitt GMS 8.-13.9.21 und INSA 10.-13.9.21)

Die Komplikation der bei dieser Wahl vielfältig möglichen Stimmen- und Koalitionsergebnisse wird jetzt durch ein stark vereinfachtes Simulationsmodell abgebildet:

  1. Der Anteil der „Sonstigen“ wird vorab um 1,5 Prozentpunkte reduziert (bei der Bundestagswahl 2017: 5,0 Prozent) und zu zwei Dritteln der Union und einem Drittel der SPD zugerechnet, da unterstellt wird, dass diese Parteien ihr Potential nicht ausgeschöpft haben.
  • Die Stimmenanteile der Union werden alternativ um -15%, 0%, und +15%, also auf 18,5%, 21,8% und 25,1% variiert. Eine darüber hinausgehende Variationsspannweite würde über den eingangs erwähnten Bezugsrahmen für ein strategisches Wahlverhalten hinausgehen. Die Differenz zum Umfragewert wird jeweils zu gleichen Teilen auf die FDP und die SPD verteilt: Die Hälfte der Stimmen wechselt im bürgerlichen Lager, die andere zwischen den Parteien der hauptsächlich konkurrierenden Kanzlerkandidaten.
  • Die Stimmenanteile der Grünen werden ebenso alternativ um -15%, 0%, und +15% variiert, und die Differenz wird zu gleichen Teilen aus denselben Gründen wie unter 2. auf die Union und die SPD verteilt.
  • Die Anteile der nicht entscheidenden Parteien AfD und Linke werden nicht variiert.
  • Für die Variationen (-15%, 0%, +15%) werden für Union wie Grüne die Wahrscheinlichkeitsverteilungen (20%, 60%, 20%) angenommen. Da die Ereignisse als voneinander unabhängig angenommen werden (Das Ansehen der Kanzlerkandidaten Laschet und Baerbock hängt nicht voneinander ab.), sind die Wahrscheinlichkeiten miteinander zu multiplizieren, also z.B. für den Fall, dass die Stimmenergebnisse sowohl der Grünen als auch der Union um -15% von den Umfragewerten abweichen: 20% x 20% = 4%.

Unter diesen Voraussetzungen errechnet sich für die neun Fälle die nachstehende Tabelle:

Mandatsverteilungen und Koalitionswahrscheinlichkeiten (Angaben in Prozent)

Abweichung vom Umfragewert (gelb) für Union nach Spalten, für Grüne nach Zeilen; dazu Wahrscheinlichkeit violett unterlegt. Wahrscheinlichkeit für neun Variationen im orangen bzw. blauen Feld jeweils links oben, darunter Koalitionswahrscheinlichkeit. z.B. Abweichung Grüne  -15%/Union -15% (Variation 1.1), Wahrscheinlichkeit für Große Koalition mit 52,3% der Mandate = 100%.

Summation in der Randspalte, z.B. für Große Koalition: 4%x100% + 12%x100% + 4%x100% = 20% (Varianten 1.1+1.2+1.3.)

Zur Wahrscheinlichkeit der Koalitionsbildungen siehe den entsprechenden Abschnitt.

Annahmen über das Parteienverhalten

Schließlich rufen wir uns die Annahmen über das Parteienverhalten aus dem Beitrag D8-2 in Erinnerung, wobei die Annahmen in dieser Reihenfolge priorisiert sind:

A1 Kanzleramt: Parteien, die das Kanzleramt besetzen könnten, bevorzugen eine Koalition, in der sie das Kanzleramt auch besetzen.

A2 Regieren: Parteien wollen möglichst viele Regierungspositionen besetzen, also lieber regieren als in die Opposition gehen. Und sie ziehen eine Koalition vor, in der ihr relatives Gewicht höher ist, z.B. eine 2er- vor einer 3er-Koalition.    

A3 Stabilität: Parteien, die das Kanzleramt besetzen können, bevorzugen die stabilere Koalition: 2er- vor 3er-Koalitionen und wahrscheinlicher eine andere vor einer Linkskoalition.

A4 Programm: Parteien bevorzugen eine Koalition mit programmatisch näher stehenden Parteien gegenüber anderen Koalitionen.

Koalitionsbildungen

Für Schwarz-Grün reicht es rechnerisch in keinem Falle, noch nicht einmal, wenn Union und Grüne beide ihre Stimmenanteile um 15 Prozent gegenüber dem Umfrage-Ergebnis auf  42,9% der Mandate verbessern würden. Deshalb ist diese Koalition in der Tabelle auch gar nicht mehr dargestellt worden. Das gilt jedoch entgegen allen bisherigen Erwartungen nicht für die derzeit amtierende, sog. Große Koalition aus SPD und Union. Es sind nun mehrere Fallkombinationen möglich:

  1. Wenn eine Rote Große Koalition (Große Koalition unter Kanzlerschaft der SPD () ist möglich ist (Fälle 1.1, 1.2, 2.2),  wird sie wegen A2 (Regieren) und A3 (Stabilitität) auch zustande kommen. Für die Union wäre die Große Koalition wegen A2 geradezu eine zwingende Option. Die SPD kann die Große Koalition in diesen Fällen gegen eine Rote Ampel abwägen, sofern sich die FDP dazu bereitfindet. Inhaltlich werden beide Optionen für die SPD ungefähr gleichwertig sein, so dass zu erwarten ist, dass sich die beiden Partner trotz Bedenken zusammenfinden werden, die schon über eine langjährige gemeinsame Koalitionserfahrung verfügen, diesmal eben unter sozialdemokratischer Kanzlerschaft. Die in den Fällen 1.1 und 2.2 auch mögliche Linkskoalition wird wegen A3 nicht zustande kommen.
  • Wenn eine Schwarze Große Koalition möglich ist (Fälle 1.3, 2.3, 3.3) möglich ist, wird sie zustande aus denselben Gründen wie unter 1. Zustande kommen, da die SPD wegen A1 (Kanzleramt) nicht darauf eingehen und sich die FDP wegen A2 (Regieren) eher einer Roten Ampel anschließen wird. Eine Linkskoalition ist in diesen Fällen nicht möglich. Eine Jamaika-Koalition wird in diesen Fällen nicht zustande kommen, da die Grünen wegen A4 (Programm) nicht zur Union überlaufen werden. Wenn eine Große Koalition möglich ist, macht eine Deutschland-Koalition keinen Sinn mehr.
  • In den Fällen 2.1, 3.1, 3.2 sind eine Rote Ampel und eine Linkskoalition möglich. Die ebenfalls möglichen Jamaika- oder Rote Deutschland-Koalitionen kommen nicht zustande, da wegen A4 (Programm) weder Grüne noch SPD diese Option angesichts „besserer“ Alternativen verfolgen werden. Es kommt dann hier auf das Verhalten der FDP bzw. auf die Zugeständnisse der Ampel-Partner an die FDP an. Das Ergebnis ist unbestimmt, und die Wahrscheinlichkeit einer Roten Ampel wird als dreimal höher als die einer Linkskoalition (75% zu 25%) angenommen.

Rechnerisch wäre in jedem Fall noch eine schwarz-rot-grüne Kenia-Koalition möglich. Da die SPD aber in jedem Fall Alternativen mit einem höheren relatives Gewicht hätte, wird sie nicht zustande kommen.

Daraus errechnen sich die Wahrscheinlichkeiten der verschiedenen Koalitionsbildungen in den Fußzeilen der Tabelle. Die Rote Große Koalition dominiert mit 52,0 Prozent, gefolgt von einer Roten Ampel mit 41%. Den Kanzler würde in allen wahrscheinlichen Koalitionen die SPD stellen. Eine etwas breitere Wahrscheinlichkeitsverteilung (30%, 40%, 30%) der Abweichungen für Union und Grüne von den Umfragewerten würde das Verhältnis der errechneten Wahrscheinlichkeiten umkehren: Rote Große Koalition 37,0% und Rote Ampel 54,75%.

Strategisches Wahlverhalten

Wenn die eher bürgerlichen Wähler erwarten, durch ein höheres Relativgewicht der Union in einer Großen Koalition den sozialdemokratischen Einfluss begrenzen zu können, sollten sie strategisch die die Unionsparteien wählen. In jedem Fall verringern sie so noch weiter die Wahrscheinlichkeit für eine Linkskoalition. Eine Stimme für die FDP machte hingegen Sinn, wenn bürgerliche Wähler erwarten, dass es für eine Große Koalition unter SPD-Führung nicht reichen wird. Eine Stimme für die AfD würde in welcher Koalition auch immer das bürgerliche Gewicht schwächen.

Eher linke Wähler, die eine Große Koalition erwarten, sollten umgekehrt die SPD wählen, um deren relatives Gewicht zu stärken. Wenn sie erwarten, dass es für eine Große Koalition unter SPD-Führung nicht reichen wird, könnten sie die Grünen wählen, wenn ihnen in einer Roten Ampel die umweltpolitischen Anliegen wichtiger als die sozialpolitischen sind. Eine Stimme für die Linke würde an den Koalitionsoptionen nichts ändern.

Bei einem derartig unbestimmten Ausgang der Koalitionsbildung nach der Wahl rückt ein strategisches Wahlverhalten in den Hintergrund, und es wird sinnvoller, nicht nach den Koalitionspräferenzen, sondern nach den Pateipräferenzen zu wählen.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN