Strategisches Wählen bei der Bundestagswahl 2021

von Diskurs Hamburg

Wie es am 26. September kommen könnte

Die letzten Umfragen zur Bundestagswahl 2021 lassen viele Koalitionsoptionen möglich erscheinen. Wenn man jedoch ein paar einfache Annahmen über das Parteienverhalten macht, erscheinen nur noch wenige Optionen als realistisch. Diese bieten einen Anreiz zu strategischem Wählerverhalten. Das daraus hergeleitete Ergebnis ist paradox.

Die seit der Kür der Kanzlerkandidaten Baerbock und Laschet einigermaßen stabilen Umfragen werden hier durch eine Projektion fortgeschrieben. bei der vermutet wird, dass es zwischen Union und Grünen bei einem polarisierenden Kopf-an-Kopf-Rennen bleiben wird und dass der Anteil der sonstigen Stimmen wie bei der Bundestagswahl 2017 liegen wird:

Wie verhalten sich die Parteien?

Für die Parteien werden vier Verhaltensannahmen (VA1 bis VA4) getroffen. Bei Widersprüchen priorisieren die Parteien entsprechend der Reihenfolge. Für VA1 und VA3 wird unterstellt, dass deren Befolgung doppelt so wahrscheinlich ist wie die Abweichung davon.

VA1-Regieren: A:Parteien wollen lieber regieren als in die Opposition gehen (67%). B: Wenn die Zugeständnisse in der Koalition so weit gehen müssen, dass Stimmenverluste drohen, gehen Parteien in die Opposition (33%).

VA2Kanzleramt: Parteien, die das Kanzleramt besetzen könnten, bevorzugen eine Koalition, in der sie das Kanzleramt auch besetzen (100%).

VA3Stabilität: A:Parteien, die das Kanzleramt besetzen können, bevorzugen die stabilere Koalition: 2er- vor 3er-Koalitionen, andere vor einer Linkskoalition (67%). B: Wenn die Zugeständnisse in der Koalition so weit gehen müssen, dass Stimmenverluste drohen, bevorzugen Parteienprogrammatisch näher liegende vor der stabileren Koalitionen (33%).

VA4Programm: Parteien bevorzugen eine Koalition mit programmatisch näher stehenden Parteien gegenüber anderen Koalitionen (100%).

Zu welchen Koalitionsbildungen kann es dann kommen?

Wir unterscheiden dazu die vier möglichen Fallkombinationen, die jede mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% x 50% = 25% eintritt. Wir beginnen mit den Koalitionspräferenzen.

Fallkombination I: Schwarz-Grün & Linkskoalition möglich (25%)

Union:           Schwarz-Grün vor       Deutschland

Grüne:           Ampel vor  Linkskoalition vor       Schwarz-Grün

SPD:               Linkskoalition  vor       Ampel               vor       Deutschland

FDP:               Deutschland    vor       Ampel                                                

DieGrünen werden nicht in Schwarz-Grün eintreten, da sie mithilfe alternativer Optionen das Kanzleramt besetzen können; Zugeständnisse der Union werden das nicht ausgleichen. Die von den Grünen wegen der Stabilität bevorzugte Ampel kommt zustande, wenn auch die SPD sich dafür anstatt für eine Linkskoalition entscheidet. Der SPD kommt so die Schlüsselrolle und eine entsprechende Verhandlungsposition zu. Wenn VA1auchfür die FDP zutrifft, kommt es tatsächlich zur Ampel (67%). Wenn die FDP  aussteigt, dann kommt es zur Linkskoalition (33%), weil diese von der SPD gegenüber Deutschland wegen VA4 bevorzugt wird. Entweder steigt die SPD oder die FDP aus Ampel-Verhandlungen aus (je 33%). In beiden Fällen käme es zur Linkskoalition. Die bedingte Wahrscheinlichkeit für eine Ampel beträgt also 67%. Die Schlüsselrolle nimmt letztlich die FDP mit ihrer Entscheidung ein, in welchen sauren Apfel sie beißen will: In einer linkslastigen Ampel mitregieren oder das Land einer Linkskoalition überlassen und gegen diese mitopponieren.

Fallkombination II: Schwarz-Grün & keine Linkskoalition möglich (25%)

Union:            Schwarz-Grün vor       Deutschland

Grüne:         Ampel              vor       Schwarz-Grün

SPD:               Ampel              vor       Deutschland

FDP:              Deutschland    vor       Ampel                                               

DieGrünen werden aus denselben Gründen wie in Fallkobination I nicht in Schwarz-Grün eintreten, Der SPD wird sich zwischen Ampel und Deutschland wegen VA4 für eine Ampel entscheiden. Die FDP wird sich dem anschließen, was ihr hier leichter fallen wird, da weder Grünen noch SPD die Linkskoalition offensteht, und sie der FDP so weniger leicht Zugeständnisse abringen können. Die Fallkombination II läuft auf eine Ampel  hinaus (100%).

Fallkombination III: Grün-Schwarz & Linkskoalition möglich (25%)

Union:             Deutschland    vor       Grün-Schwarz

Grüne:           Grün-Schwarz vor       Ampel              vor       Linkskoalition

SPD:               Linkskoalition  vor       Ampel             vor       Deutschland

FDP:              Deutschland    vor       Ampel                                               

DiePräferenzen der Grünen ergeben sich aus VA3 (Stabilität des erreichten Kanzleramtes). Die Option der Union auf das Kanzleramt mit Deutschland wird an der SPD scheitern, die programmatisch eine Linkskoalition oder eine Ampel bevorzugt. Da die Union wegen VA1 regieren will, wird sie sich zu Grün-Schwarz bereitfinden. Jetzt steht die Union vor der Entscheidung, in welchen sauren Apfel sie beißen will: Als Juniorpartner in Grün-Schwarz mitregieren oder gegen eine Ampel oder gar Linkskoalition mitopponieren. Die Fallkombination III läuft auf Grün-Schwarz hinaus (100%).

Fallkombination IV: Grün-Schwarz & keine Linkskoalition möglich (25%)

Union:            Deutschland    vor       Grün-Schwarz

Grüne:           Grün-Schwarz vor       Ampel 

SPD:              Ampel               vor       Deutschland

FDP:              Deutschland     vor       Ampel                                               

Die Fallkombination IV unterscheidet sich von III nur dadurch, dass die SPD der Union nur mit einer Ampel und nicht noch mit einer Linkskoalition drohen kann. Bevor die Union in die Opposition gedrängt wird, kommt es in Fallkombination IV zu Grün-Schwarz (100%).

Wir bekommen zu 100 Prozent eine grüne Kanzlerin!

Wenn die Union vor den Grünen liegt, ist eine Ampel mit grüner Kanzlerin das wahrscheinlichere Ergebnis. Nur wenn dann auch noch eine Linkskoalition rechnerisch möglich ist und die FDP doch lieber in die Opposition geht, kann es auch zu einer Linkskoalition kommen. Wenn die Grünen vor der Union liegen, kommt es zu Grün-Schwarz. Die Union wird also in keinem Fall das Kanzleramt besetzen. Die SPD kommt dafür ohnehin nicht in Betracht.

Die Koalitionen unter grüner Führung werden sich nach den Partnern der Grünen unterscheiden: Union, SPD/FDP oder SPD/Linke. In jedem Fall wird die grüne Programmatik ein hohes Gewicht haben. Die Alternative Grün-Schwarz oder Ampel wird keinen wesentlichen programmatischer Unterschied ausmachen; einzig wäre das mit einer Linkskoalition der Fall. Unter den angenommenen Wahrscheinlichkeiten (Je 50%: Union oder Grüne liegen vorn. Je 50%: Linkskoalition möglich oder nicht. 33%: entweder FDP oder SPD steigt aus Ampel-Verhandlung aus) errechnen sich für die Koalitionen insgesamt die Wahrscheinlichkeiten:

Linkskoalition     8,3% =  25% x   33%

Ampel               41,7% =  25% x   67% + 25% x 100%

Grün-Schwarz   50,0% =  25% x 100% + 25% x 100%       

Koalitionspräferenzen sind nicht Parteipräferenzen

Daraus ergeben sich nun Anreize zu strategischem Wahlverhalten, das nicht den Parteipräferenzen der Wähler, sondern den Koalitionspräferenzen entspricht. Diese können wir auf „Linkskoalition/linke Politik“ oder „keine Linkskoalition/bürgerliche Politik“ reduzieren.

Wen sollte diejenigen wählen, die eine linkePolitik präferieren?

Prima facie eine der drei linken Parteien Grüne, SPD oder Linke. Wenn man jedoch die Grünen wählt und ihnen so zum Vorsprung vor der Union verhilft, schließt man die Bildung einer Linkskoalition aus, weil es so zu Grün-Schwarz kommt (Fallkombinationen III und IV). Wer die Linke wählt, verhilft den drei linken Parteien zwar überhaupt zu einer rechnerischen Mehrheit. Die Linke hat jedoch keinen Einfluss auf das Zustandekommen einer Linkskoalition, denn Sie wird nur eingeladen, wenn Grüne und SPD diese Koalition auch wollen. Die Schlüsselrolle kommt der SPD zu. Nur wenn es ihr gelingt, die FDP aus Ampel-Verhandlungen zu vergraulen, kann eine Linkskoalition zustande kommen. Wer eine linke Politik präferiert, sollte also die SPD wählen. Das stimmt mit der Linie der Partei- und Fraktionsführungen sowie der absehbaren Bundestagsfraktion überein. Der Kanzlerkandidat der SPD, der nicht Kanzler geworden sein wird, wird eine Linkskoalition nicht mehr abwenden.

Wen sollten diejenigen wählen, die eine bürgerliche Politik präferieren?

Prima facie die bürgerlichen Parteien Union und FDP, aber prima facie ist nicht strategisch. Wenn man die Union wählt und ihr damit zum Vorsprung vor den Grünen verhilft (Fallkombinationen IundII), kommt es zur Ampel oder zur Linkskoalition. Die Union regiert dann nicht mit und von den bürgerlichen Parteien allenfalls die FDP. Wenn man hingegen die Grünen wählt und ihnen so einen Vorsprung vor der Union verschafft, kommt es zu Grün-Schwarz. Da Grüne und Union etwa gleich stark sein werden, wird das Gewicht bürgerlicher Politik in dieser Koalition erheblich größer sein als in einer Ampel. Wer eine bürgerliche Politik präferiert, sollte also die Grünen wählen. Das ist paradox, aber strategisch. Dazu passt, dass die Grünen eine Linkskoalition machtpolitisch wegen der Stabilität ihrer Kanzlerschaft und programmatisch wegen ihrer linksbürgerlichen Klientel nicht präferieren,

Wen sollten bürgerliche Wähler wählen, die ihre Risikoneigung leitet?

Bürgerliche Wähler könnten daran denken, die FDP zu wählen; das würde das FDP-Gewicht in einer Ampel erhöhen, sofern es dazu kommt (immerhin 41,7%). Mit der Wahl der FDP könnten sie auch versuchen, die Union hinter die Grünen zu platzieren und so die Fallkombination I und damit die Möglichkeit einer Linkskoalition überhaupt auszuschließen; der sicherere Weg dorthin wäre allerdings, den Grünen direkt vor die Union zu verhelfen.   

FDP-Wähler gehen zwei Risiken ein:. Erstens nehmen sie den Grünen Stimmen, um vor die Union zu gelangen, und verhindern so Grün-Schwarz (50%).Zweitens gehen sie in diesem Fall das Risiko ein, dass die FDP durch Ausschlagen der Ampel– eine Linkskoalition zulässt (33%), insgesamt 16,7% = 50% x 33%. Dagegen steht die Chance, mit der FDP-Stimme die Mehrheit einer Linkskoalition zu verhindern (50%). Die Gewinnchance dieser „Lotterie“ ist 50%:16,7% = 3:1. Risiko-geneigte Wähler, die 25% Verlustchance in Kauf nehmen, können die FDP wählen. Ihr „Einsatz“ ist das Zustandekommen einer Linkskoalition. Risiko-aversen Wählern sind 25% Risiko zu hoch; ihre Alternative ist Grün-Schwarz.

Wen sollten diejenigen wählen, die eine Politik der Mitte präferieren?

Unter einer Politik der Mitte wollen wir den Kompromiss zwischen bürgerlichen und linken Parteien verstehen, also Koalitionen wie Schwarz-Grün, Grün-Schwarz, Ampel, Deutschland und die sog. Große Koalition. Das sind (ohne Große Koalition) diejenigen, die nach Lage der Dinge auch von bürgerlichen Wählern bevorzugt werden. Wer also eine Politik der Mitte präferiert, sollte sich also genauso wie ein bürgerlicher Wähler verhalten. Diese Verhaltensidentität ist dadurch bedingt, dass eine bürgerliche Regierungsmehrheit nicht mehr möglich ist. Das für eine bürgerliche Mehrheit nötige Wählerspektrum ist von der AfD beschnitten.

Grenzen strategischen Wählens

Die Wirkung strategischen Wählens beruht darauf, dass sich die große Mehrheit der Wähler nach ihren Parteipräferenzen verhält und nur eine kleine Minderheit davon abweicht. Es geht ja auch nur um kleine Abweichungen von einem insgesamt nach Parteipräferenzen festgelegten Wahlergebnis. Es geht nur um knappe Ergebnisse: Liegen die Grünen vorn, oder liegt die Union vorn? Hat eine Linkskoalition eine Mehrheit, oder hat sie keine Mehrheit?

Wenn eine Mehrheit oder gar alle Wähler sich strategisch verhalten würden, wäre dieses Verhalten kontraproduktiv. Wenn eine Mehrheit die SPD wählen würde, gäbe es keine Regierungsbeteiligung der Linkspartei. Wenn eine Mehrheit die Grünen wählen würde, gäbe es keine Regierungsbeteiligung bürgerlicher Parteien. Strategischen Wahlverhalten basiert darauf, dass die Wahlergebnisse nur hinsichtlich der knappen Fallunterscheidungen strategisch beeinflusst werden können. Wenn sich der Bezugsrahmen von Umfragen und wahrscheinlichen Koalitionsbildungen ändert, ändert sich auch das strategische Wahlverhalten.

Zum strategischen Verhalten gehört auch, dass man es geheim hält. Man stelle sich vor, Olaf Scholz erklärte: „Wählt uns! Wir haben es in der Hand, dass es eine Linkskoalition gibt!“, Annalena Baerbock: „Wählt uns, wenn Ihr Euch noch einen Regierungseinfluss der Union sichern wollt!“, Armin Laschet: „Wählt uns, wenn Ihr uns aus der Regierung entfernt sehen wollt. Und nur wenn wir stärkste Partei werden, ist eine Linkskoalition überhaupt möglich!“ oder Christian Lindner: „Wählt uns! Es ist aber nicht sicher, dass wir, auch wenn wir es könnten, eine Linkskoalition in jedem Fall verhinderten.“

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN