Gefährdet die Macht des Wissens die Demokratie? Das Gegenteil ist richtig. Aber wir haben ein gravierendes Übersetzungsproblem

von Diskurs Hamburg

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Als ich auf das Buch des Soziologen Alexander Bogner mit dem Titel „Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet“, Stuttgart (Reclam) 2021, aufmerksam wurde, hat der offenbar programmatische Untertitel bei mir solches Kopfschütteln ausgelöst, das ich das Buch gekauft und gelesen habe. Wenn es die Absicht des Autors und/oder des Verlages gewesen sein sollte, mit dem verfehlten Untertitel den Absatz anzukurbeln, hatten sie damit mindestens bei mir Erfolg.

Allerdings rechtfertigt der Inhalt des Buches, das eigentlich eher ein Essay ist, meine Empörung nicht. Alexander Bogner schreibt in gut lesbarem Text über manche Zusammenhänge zwischen Wissen, Wissenschaft und Demokratie in einer Weise, dass man ihm auf vielen Seiten zustimmen kann. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass es sich über weite Strecken nicht um stringente Argumentationen handelt, sondern eher um lockere Ausführungen, die zügig geschrieben wurden. Die angerissenen Beispiele, die offenbar seiner Erfahrung auf dem Gebiet der Technikfolgen-Abschätzung entstammen, haben lediglich anekdotische Evidenz. Seine Schlussfolgerungen machen den Leser nicht viel klüger. Vor allem begründen sie nicht den inkriminierten Untertitel seines Buches.

1      Einleitung: Wissen in und für die Politik

Meine Gegenthese zu Alexander Bogner lautet: Auch in einer Demokratie, die ihrerseits in der Konkurrenz mit anderen politischen Systemen steht, ist eine „gute“ Politik, das heißt eine solche im Sinne der Präferenzen der Bürger, nur dann möglich, wenn das gesellschaftlich vorhandene Wissen und die Erkenntnisse der Wissenschaft adäquat umgesetzt werden.

Das ist allerdings weit schwieriger als es klingt, weil allein die Erkenntnisgewinne seit der Aufklärung einen so gewaltigen Wissensbestand erzeugt haben, dass nur noch einschlägig spezialisierte Experten ihren Teilbereich davon überblicken können. Gleichzeitig dürfte klar sein, dass wohl niemand eine Transformation unserer Demokratie in eine Expertokratie präferieren würde. Entscheiden sollten immer die gewählten Volksvertreter. Das heißt, die Erkenntnisse der spezialisierten Wissenschaftler müssen den politischen Entscheidungsträgern bei konkreten Problemen so vermittelt werden, dass diese rationale Entscheidungen für die Bürger treffen können. Dies findet wiederum in einer gesellschaftlichen und medialen Umwelt statt, in der Partialinteressen, Ideologien und Illusionen präsent sind, die ihrerseits den politischen Diskurs beeinflussen.  

Die genannten Sachverhalte sind allerdings auf den verschiedenen Politikgebieten und Problemfeldern sehr unterschiedlich ausgeprägt. Entsprechend ist auch der Wissensabstand zwischen den spezialisierten Erkenntnisträgern und den Politikern in Parlamenten und Regierungen unterschiedlich groß. Auf einzelnen Feldern überblicken letztere die Implikationen der konkreten Handlungsalternativen  ziemlich gut — oder glauben das zumindest, was gegebenenfalls auch auf „Politikillusion“ beruhen könnte.[1]

Da die persönlichen Fachkenntnisse für die Rekrutierungs- und Karriereprozesse in den Parteien, die allein über die Kandidaturen zu den Parlamenten entscheiden, weitgehend irrelevant (oder mindestens nachrangig, abgesehen von juristischen Kenntnissen) sind, setzt auf vielen Politikgebieten die Nutzung des einschlägigen State-of-the-art-Wissens die Beratung der Politiker durch spezialisierte Mitarbeiter von Ministerien, Fachinstitutionen oder externe Experten voraus.

Ein weiteres Problem betrifft den Informationsstand und das Problemverständnis des eigentlichen Souveräns in einer Demokratie, nämlich die Bürger, die nicht nur als Wähler, sondern auch als Teilnehmer gesellschaftlicher Diskurse von Bedeutung sind. Ähnliches gilt für die Journalisten, von denen man idealerweise erwarten könnte, dass sie die politisch relevanten Informationen und Wissensbestände in verständlicher Form für ihre Leser aufbereiten.

Es stellt sich immer auch die Frage, in welchem Maße seriös erzeugtes Wissen durch Fehlinformationen, Fake News, Verschwörungstheorien, interessengeleitete Narrative von Lobbyisten etc. relativiert oder verdrängt wird. Je mehr das der Fall ist, desto höher ist das Risiko, dass auch wohlinformierte Politiker aufgrund von populären und/oder populistischen Fehlinformationen in der prävalenten Diskurs-Landschaft in Probleme geraten. Diese Gefahr ist als Folge der (unmoderierten) sozialen Netzwerke, bei denen die Urheber der Aussagen keinerlei Verantwortung übernehmen, deutlich angewachsen.

2      Erzeugung und Verbreitung von politisch relevantem Wissen  

Im historischen Verlauf basieren die gewaltigen Erkenntnisfortschritte der Wissenschaft erstens darauf, dass adäquate Institutionen und Anreizstrukturen sich entwickelt haben bzw. geschaffen wurden, die dies ermöglicht und gefördert haben. Dabei haben weitgehend staatlich finanzierte Universitäten und Forschungsinstitute in verschiedenen Ländern die finanziellen Grundlagen geschaffen. Dies betrifft auch die Einkommen für die Forscher, so dass diese sich auf ihre wissenschaftliche Arbeit konzentrieren und ihre Karrieren erkenntnis- und leistungsorientiert organisiert werden konnten.

Es wurde zweitens dadurch gefördert, dass ehedem mächtige Institutionen (Kirchen, autoritäre Herrscher und Regierungen etc.) immer weniger in die Inhalte der Forschung eingriffen bzw. eingreifen konnten. Dies gilt vor allem für solche Länder, die heute zu den ”Demokratien westlicher Prägung” gezählt werden. Deren Führungspersonen haben die Relevanz der Wissenschaft für die Lebensqualität ihrer Bewohner und für ihre eigene Bedeutung erkannt. Auch heute ist die Freiheit der Wissenschaft, die ein Kernelement erfolgreicher Forschung ist, in vielen Ländern nicht gewährleistet, was diese häufig mit Wohlstandsverlusten bezahlen.

Drittens kam ein Kommunikationssystem in Form von wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern (und später das Internet) hinzu, das im Wesentlichen auf dem Gratiskonsum durch die einschlägigen Forscher im In- und Ausland beruhte. Schon vor der Verbreitung des Internet konnte jeder interessierte Wissenschaftler an den Erkenntnisfortschritten seiner Kollegen teilhaben, wenn er die Universitätsbibliotheken aufsuchte, die ebenso wie die Anschaffung der Bücher und Zeitschriften aus staatlichen Budgets finanziert wurden. Auf diese Weise konnte man deren Gratiskonsum ermöglichen, was insbesondere für die wenig zahlungsfähigen jungen Wissenschaftler eine wichtige Voraussetzung war (und ist), um die Verbreitung von Wissen zu ermöglichen. In Zeiten ubiquitären Internets, dessen Konsum ebenfalls weitgehend gratis erfolgt, ist dies offensichtlich noch viel einfacher.

Viertens: Die Produktion der fachlichen Erkenntnisse als den eigentlich relevanten Gütern unterlag damals wie heute einem wissenschaftsendogenen Anreizmechanismus. Die Reputation und die Karriere der Wissenschaftler hängt von ihren Publikationen und deren Qualität, Verbreitung und Wahrnehmung unter Kollegen ab. Die wissenschaftlichen Autoren haben deshalb auch kein Interesse an der Anwendung eines kommerziellen Preismechanismus, der in den meisten anderen Bereichen der Gesellschaft für die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen sehr gut funktioniert, da dieser die weite Verbreitung ihrer Erkenntnisse hemmen würde.

Die Nichtanwendung des preislichen Ausschlussprinzips ist hier auch ausnahmsweise ökonomisch effizient, da die Grenzkosten der Weitergabe einer erzeugten Erkenntnis an weitere Nutzer technisch gleich null sind und das Fehlen eines spezifischen Erlöses keine negativen Anreizwirkungen auf die zukünftige Gewinnung von Erkenntnissen hat, da diese von anderen Anreizmechanismen (wissenschaftliche Reputation und Karriere) gesteuert werden, die in der Regel gut funktionieren.   

Kommerziell erzeugtes Wissen, bei dem das finanzierende Unternehmen darauf Wert legt, es nicht gratis zu verbreiten, weil es sich (a) von der exklusiven Nutzbarkeit Wettbewerbsvorteile auf seinen  Märkten verspricht, oder (b) weil es das Wissen an andere potentielle Nutzer verkaufen will, bleibt im Folgenden zur Vereinfachung außer Betracht.   

3      Probleme wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Nutzung durch die Politik

Die Wissenschaft und die Politik sind zwei gänzlich unterschiedliche Sphären, die ganz verschieden funktionieren, und deren Akteure unterschiedlich sozialisiert und motiviert sind. Wissenschaftler suchen nach neuen Erkenntnissen, die unter Fachkollegen möglichst eine längerfristige positive Beachtung finden, da dies die Reputation und die Karriere fördert. Politiker denken dagegen in den eher kurzfristigen mehrheits- und machtpolitischen Kategorien ihrer Rolle, für die eine fachwissenschaftliche Rationalität allenfalls eine instrumentelle Funktion hat. Diverse Unterschiede erzeugen nicht selten Verständnis-, Akzeptanz und Kommunikations-Probleme zwischen beiden Sphären.    

(a) Die Wissenschaft unterliegt einem unendlichen Prozess. Das heißt, die einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen entwickeln sich fortwährend weiter, so dass neue Ergebnisse von Wissenschaftlern die früheren Erkenntnisse von Fachkollgen eventuell relativieren oder widerlegen können. Der State-of-the-art der Erkenntnisse über bestimmte Sachverhalte und Zusammenhänge ist insofern immer nur vorläufig und der kritischen Überprüfung zukünftiger Forscher unterworfen. Dies internalisieren Wissenschaftler im Zuge ihrer Ausbildung und Fachsozialisation quasi automatisch. Es wirft jedoch nicht selten Akzeptanzprobleme für Politiker auf, die wissenschaftliche Ergebnisse zur Grundlage ihrer Entscheidungen (z.B. für Freiheitsbeschränkungen während einer Pandemie) machen wollen oder müssen, aber nicht sicher sein können, ob die Forschungsergebnisse in drei Monaten eventuell etwas anderes sagen.    

(b) Ein zentrales Element der gesellschaftlichen Weiterentwicklung von Wissenschaft ist der dezentrale streitige Diskurs. In den Ergebnissen und Publikationen anderer Wissenschaftler nach inhaltlichen oder methodischen Schwächen zu suchen (und gegebenenfalls darüber an die Community zu berichten) ist kein  Charaktermangel eines eifersüchtigen Kollegen, sondern ein unverzichtbarer Bestandsteil der Wissenschafts-Kommunikation. Eventuell widersprechende Ergebnisse verschiedener Forscher zu vergleichbaren Fragestellungen machen die Nutzung wissenschaftlicher Aussagen für die Politiker allerdings deutlich schwieriger, da sie die Validität selbst nicht beurteilen können. Trotz vieler Kontroversen gibt es jedoch in allen Disziplinen einen breiten Fundus von Tatsachen und Erkenntnissen, über deren Validität sich die meisten Fachvertreter einig sind.

(c) Der Satzanfang ”Die Wissenschaft hat festgestellt …”  eignet sich nur als Partywitz. Es gibt ”die Wissenschaft” für eine inhaltliche Aussage nicht im Singular, sondern nur als Plural vieler Wissenschaftsdisziplinen, die sich im Zeitablauf immer stärker differenziert und zum Teil unterschiedliche Methoden und Kommunikationsformen entwickelt haben. Dennoch können die praxisbezogenen Problemfelder verschiedener Disziplinen gleich, ähnlich oder benachbart sein.

Wenn der Forscher ”die Wahrheit” sucht und sie nicht gleich findet, kann er gegebenenfalls noch ein paar Jahre weitersuchen. Ein Politiker muss jedoch entscheiden, eventuell ganz kurzfristig. Die meisten Praxisprobleme warten nicht auf die Ergebnisse aus Laboren und Studierstuben. Wenn ein Forscher von seinen früheren Aussagen abweichende Erkenntnisse hat, kann er sich in einer neuen Publikation revidieren. Politische Entscheidungen lassen sich dagegen oft nicht mehr korrigieren, in einigen Fällen allerdings schon.   

Viele relevante Praxisprobleme, mit denen sich Politiker befassen müssen und für deren Behandlung sie gelobt oder  — meistens eher  —  kritisiert werden, betreffen mehrere Fachgebiete, bei denen sie auch mal einzelne übersehen und damit eventuell auch problemrelevante Wirkungen der eigenen Politik. Es war z.B. ein Problem der ersten zwei Jahre der Corona-Pandemie, dass anfangs nur die Virologie im Blick der Politiker und der Öffentlichkeit war und erst später weitere Fachgebiete einbezogen wurden. Man kann davon ausgehen, dass die praktizierte Pandemie-Bekämpfung Probleme erzeugt hat, die üblicherweise von der Psychologie, Soziologie, Ökonomie, Erziehungswissenschaften, oder von anderen medizinischen Teilgebieten außerhalb der Virologie und der Epidemiolgie etc. bearbeitet werden. Solche wurden aufgrund fachlicher Einseitigkeit teilweise vernachlässigt, weil die Politiker nicht auch noch weitere Zusammenhänge und Wissensgebiete einbeziehen wollten oder konnten.

4      Nutzung durch Politiker, Journalisten und andere Interessierte    

Die eigentliche Rohproduktion des betrachteten Wissens erfolgt typischerweise durch Wissenschaftler, die aus Qualifikations- oder Reputationsgründen Vorträge halten sowie Bücher und Aufsätze schreiben, die grundsätzlich jeder Bürger in Bibliotheken oder als Download weitgehend gratis nutzen kann. Insoweit könnte man den Eindruck gewinnen, dass solche wissenschaftlich erzeugten Erkenntnisse problemlos nutzbar wären. Diese Annahme wäre allerdings verfehlt, weil das Lesen eines wissenschaftlichen Aufsatzes die meisten Bürger noch nicht viel weiterführt.

Die Wissenschaftler schreiben originär für die akademische Community ihres Faches, deren Anerkennung sie erlangen wollen, nicht aber für die breite Öffentlichkeit. Das heißt, die Texte sind (wenngleich nach Fächern und Problemlagen unterschiedlich) oft für Laien nicht ohne Weiteres zu verstehen, sondern erfordern einen einschlägigen Sachverstand.

Außerdem adressieren sie in aller Regel nicht die aktuellen politischen Probleme direkt, sondern die betreffende fachwissenschaftliche Fragestellung. Die Fachgebiete sind stark ausdifferenziert in Fächer, Teilfächer, Spezialgebiete, Einzelfragen etc. Die Funktionslogik wissenschaftlicher Prozesse und Karrieren befördert diese Spezialisierung – und senkt gleichzeitig die Verständlichkeit für „jedermann“.

Auf vielen Gebieten gibt es zahlreiche Forscher in diversen Ländern der Welt. Fast alle Wissenschaftler  haben aus Reputations- und Karrieregründen systematische Anreize, viel zu publizieren, so dass eine unüberschaubare Vielzahl von Publikationen vorhanden ist. Bei einem einzelnen Text – aus einer Menge tausender anderer Texte – müssen die enthaltenen Informationen und Argumentationen nicht nur inhaltlich verstanden, sondern auch ihre Relevanz und Verlässlichkeit beurteilt werden können, was für Laien schwer bis unmöglich ist.[2] Ist er inhaltlich zutreffend oder evtl. durch neuere Erkenntnisse überholt? Reflektiert er den Mainstream oder eine Minderheitenmeinung? Ist der Autor um eine möglichst objektive Darstellung bemüht oder ist seine Sichtweise verzerrt?

5      Übersetzungprobleme

Ein wesentliches Problem besteht darin, die Verwendung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, die für die Politik relevant sind, für die Politiker, die Behörden, die Medien und die Gesellschaft insgesamt dadurch zu ermöglichen bzw. zu erleichtern, dass die Aussagen in eine leichter lesbare, verständliche Form und Sprache übertragen werden, die von einem größeren Leserkreis verstanden werden, ohne dass die Nutzer ihrerseits einschlägige Wissenschaftler sein müssen. Dies wird im Folgenden als Übersetzung bezeichnet.  

Die Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, das heißt die  adressatengerechte Aufbereitung wissenschaftlicher Ergebnisse für Nichtfachleute erfordert einen spezifischen Arbeitsaufwand von einschlägigen, unabhängigen Experten. Diese haben jedoch meistens kaum Anreize, solche für jedermann verständlichen Texte zu erarbeiten und zur Verfügung zu stellen. Damit erlangt ein Wissenschaftler gegenwärtig keine Reputation unter seinen Fachkollegen. Wenn dagegen eine renommierte, seriöse Institution ihn beauftragt und somit sichtbar hervorhebt, kann die Motivlage anders sein.

6      Zentrales Problem: Qualitäts-Unsicherheit      

Für einen Nutzer ist die Richtigkeit, Qualität und Relevanz von Informationen zunächst meistens unsicher, solange er nicht weiß, ob die Informationsquelle eine hohe Reputation für zutreffende, kenntnisreiche, relevante und hochwertige Informationen hat oder nicht. Wenn der Nutzer dagegen solche Eigenschaften der Information inhaltlich selbst beurteilen könnte, bräuchte er die Information gar nicht mehr. Diese Qualitätsunsicherheit ist vom Prinzip her ähnlich gelagert wie bei einigen anderen Gütern, die jemand eventuell konsumieren möchte, falls diese bestimmte, erwünschte Eigenschaften aufweisen.   

Man unterscheidet insbesondere bei Konsumgütern zwischen Such-, Erfahrungs- und Vertrauenseigenschaften. Bei einem Apfel auf dem Wochenmarkt kann man die ansprechende Farbe und Größe sofort selbst erkennen (Such-Eigenschaft). Den Geschmack kann man durch den eigenen Praxistest des Apfelessens feststellen (Erfahrungseigenschaft). Die fehlende Belastung mit Schwermetallen oder Pestiziden kann man allerdings auch durch den Konsum nicht ermitteln. Dafür benötigt man (wenn man das wissen will) z.B. ein unabhängiges Labor, das die Äpfel professionell und objektiv testet, als zuverlässige Informationsquelle oder man vertraut dem Anbieter und/oder der staatlichen Regulierung des Pflanzenschutz- und Düngemitteleinsatzes etc., dass die Äpfel die gewünschten Eigenschaften haben (Vertrauenseigenschaft).

Bezüglich politisch relevanter wissenschaftlicher Informationen aus unbekannter Quelle besteht für Nichtfachleute (z.B. Politiker, Journalisten, normale Bürger) ebenfalls fast immer eine Qualitätsunsicherheit. Für politische Informationen trifft das in besonderer Weise zu, da man immer damit rechnen muss, dass die unbekannte Informationsquelle andere Absichten verfolgt als den Nutzer gut zu informieren. Man weiß nicht, ob die Informationen zutreffend oder fehlerhaft sind. Ist der Autor um eine neutrale Darstellung bemüht oder verfolgt er bestimmte wirtschaftliche oder politische Anliegen, möglicherweise im Auftrag bestimmter Interessen, die de facto die Nutzer manipulieren wollen.

Auch bei Publikumszeitschriften, Zeitungen, und den meisten Webseiten etc. kann man nur hoffen, aber nicht sicher sein, dass die Artikel von fachkompetenten Journalisten mit dem ernsthaften Bemühen um objektive Darstellung geschrieben wurden. Will der Autor eventuell den Lesern seine eigene Meinung aufdrängen oder steht er womöglich unter dem Einfluss von Lobbyisten?

7        Herausgeber mit Reputation für Qualität und Unabhängigkeit  

In diesem Abschnitt soll ein Vorschlag gemacht werden, wie es institutionell organisiert werden könnte, wissenschaftliche Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger, Journalisten, interessierte Bürger etc. nutzbar zu machen. Dabei kann es natürlich nicht darum gehen, letzte Wahrheiten zu formulieren, sondern “nur” darum, den Informationsstand und die einschlägige Fachkompetenz der Nutzer bestmöglich und zeiteffizient zu erhöhen.

Für die Zwecke dieses Beitrages wird die dafür verantwortliche Institution “WissPool” genannt. Dabei handelt es sich um eine Organisation, die von vielen deutschen und internationalen Universitäten und Forschungseinrichtungen  getragen wird. Diese gewährleisten die Qualitätssicherung nach wissenschaftlichen Standards.

WissPool verfügt über ein Budget, das im Wesentlichen aus öffentlichen Haushalten gespeist wird, die auf die Inhalte keinerlei Einfluss nehmen. Auch Finanzmittel von gemeinnützigen Organisationen, Stiftungen etc. sind möglich, solange ein Einfluss auf Themen und Ergebnisse ausgeschlossen ist. Gemessen an den gesellschaftlichen Kosten falscher politischer Entscheidungen kann die finanzielle Belastung öffentlicher Haushalte durch WissPool als marginal betrachtet werden. Außerdem spart der Staat dadurch Beratungskosten an anderer Stelle.      

Das Prozedere dafür, welche Autoren die Überblicksstudien verfassen, folgt der üblichen Methode einer Gutachtenvergabe in einem Wettbewerbsverfahren. Für relevante Probleme, die nach der Auffassung von WissPool eine wissenschaftliche Beratung erforderlich machen,       beauftragt dieser die fachlich einschlägigen Ausschüsse seiner eigenen Organisation damit, ein Ausschreibungsverfahren für eine Überblicksstudie durchzuführen. Die Studie beinhaltet in Kurzform:[3] 

(a) Die Erstellung eines Überblickstextes zum Stand der Forschung zu einem definierten Problem, der die wichtigen Sachverhalte und Ergebnisse zusammenfasst.

(b) Die Studie muss in deutscher Sprache allgemeinverständlich formuliert und auch für Nichtfachleute verständlich sein. Es soll für diese lohnend und attraktiv sein, den Text zu lesen und zu nutzen.

(c) Die Studie soll sich in einem Extraabschnitt mit populären Meinungen, Fehlinformationen, interessengeleiteten Aussagen etc. auseinanderzusetzen, die im medialen Diskurs und in den sozialen Medien herumschwirren.

(d) Die Studie soll kommentierte Literaturhinweise für verschiedene Nutzergruppen  enthalten, über die sich Interessierte weiter informieren können.

Das Budget und der Zeitrahmen werden so angesetzt, wie es für die Aufgabe (Umfang, Schwierigkeitsgrad, etc.) angemessen und mit vergleichbaren Gutachtenaufträgen etc. konkurrenzfähig ist. Verschiedene einschlägige Universitätsinstitute und Forschungseinrichtungen aus dem In- und Ausland können sich um den Auftrag bewerben, indem sie ihre und die spezifischen Qualifikationen und Erfahrungen derjenigen Mitarbeiter aufführen, die den Auftrag erfüllen sollen. WissPool entscheidet sich dann auf der Basis von Bewertungen unabhängiger Gutachter für eine der Bewerbungen (in besonderen Fällen eventuell auch für zwei oder mehr).

Nach Abgabe der Studie werden mehrere fachlich einschlägige Gutachter damit beauftragt, die Qualität der Studie zu prüfen und gegebenenfalls mit Korrekturmonita zu versehen. Das heißt der Text wird einem fachlichen Reviewprozess unterzogen, wie es z.B. bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift üblich ist. Dabei ist die Allgemeinverständlichkeit ein wichtiges Kriterium. Als Ergebnis wird die Studie entweder angenommen, mit Korrekturmonita zur Überarbeitung zurückgegeben oder gegebenenfalls für untauglich erklärt.

Wenn das Produkt schließlich angenommen ist, wird es auf der Webseite von WissPool unter den Namen der Autoren und deren wissenschaftlichen Institutionen gratis zur Verfügung gestellt. Durch letztere erfolgt in der Regel schon vor der Abgabe eine interne Qualitätskontrolle, da keine wissenschaftliche Institution durch eine eventuell schwache Studie ihr Renommee beschädigen möchte.

Das Produkt wird dann von der einschlägigen Wissenschafts-Community kritisch gelesen und gegebenenfalls mit Kommentaren versehen, von denen die seriösen auf der WissPool-Webseite veröffentlicht werden. Auf diese Weise werden einzelne Studien gegebenenfalls zum Gegenstand der Diskussion in einschlägigen Fachgebieten und in der Öffentlichkeit. Die Antizipation der Kommentierung durch einschlägige Fachkollegen und die daraus resultierende Rückwirkung auf den Ruf der Autoren sind wesentliche Anreize zur Erstellung eines hochwertigen Textes. Eventuelle fachliche Schwächen und anfechtbare Sichtweisen werden durch die öffentliche Diskussion offenbart und korrigiert.

Mit einer guten Studie werden die Verfasser eine entsprechende Reputation erwerben, die für ihre Karriere als Hochschullehrer oder andere Berufsperspektiven relevant sein kann. Dies liefert (mehr als das gezahlte Honorar) starke Anreize, exzellente Texte zu produzieren.

Die Institution WissPool erwirbt sich im Laufe der Zeit eine entsprechende Reputation und Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit. Dies gilt sowohl für die Verwendung der Studien in der öffentlichen Diskussion und bei den Politischen Institutionen als auch für die Bereitschaft exzellenter Wissenschaftler, sich an der Erstellung solcher Studien zu beteiligen.   

Erläuterungen

Zu (a) Die Studien werden von ausgewiesenen wissenschaftlichen Experten produziert. Die genannten Anreizstrukturen sorgen für eine hohe Qualität. Wenn von einem Problem mehrere Fachgebiete tangiert sind, können ggf. auch Autoren aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen  beauftragt werden. Wenn unterschiedliche Sichtweisen von Bedeutung sind, werden diese pluralistisch dargestellt.

Zu (b) Neben der fachlichen Qualität müssen die Studien, die auf der Webseite von WissPool publiziert werden, allgemeinverständlich formuliert sein, damit sie möglichst weitverbreitet gelesen werden. Dies erfordert gegebenenfalls die Einbeziehung journalistisch geschulter Wissenschaftsredakteure. Die Studien müssen soviel gesicherten Erkenntnisgewinn für normale Leser bringen, dass sie tatsächlich zahlreich genutzt werden.

      Außerdem werden die Studien den Publikumszeitschriften etc. gratis zur Verfügung gestellt, die diese in eigenen Publikationen kommerziell verwerten können. Damit soll eine weitere Gelegenheit gegeben werden, die Studien journalistisch weiter aufzubereiten, um die Nutzungsattraktivität noch zu erhöhen.[4]

Zu (c) Ein gesonderter Abschnitt der Studie befasst sich mit der Kommentierung, Bewertung und Einordnung gängiger Meinungen zum betreffenden Thema. Es gibt in nahezu jedem relevanten Problembereich unterschiedliche Kategorien von Aussagen:

      1. Einerseits existieren theoretische Erklärungszusammenhänge, Fakten, empirische Befunde, etc., über die sich die meisten Fachvertreter einig sind und die zum „gesicherten Bestand“ eines Faches gehören.

      2. Andererseits gibt es Tatsachen, Theorien etc. , über die auch unter Experten unterschiedliche Auffassungen bestehen, die jeweils fachkompetent begründet werden können. Solche werden in wissenschaftlichen Publikationen und auf wissenschaftlichen Konferenzen kontrovers diskutiert und jeweils von ausgewiesenen Fachleuten vertreten.

      3. Weiterhin hört oder liest man Aussagen interessierter Personen oder Gruppen, die sich von deren Verbreitung Vorteile für das Marketing der eigenen Produkte oder für bestimmte politische Entscheidungen versprechen. Dies betrifft den großen Bereich von Interessengruppen, Lobbyisten, Politik-PR, Produktwerbung etc.

      4. Manchmal trifft man auf Behauptungen, die bei ernsthafter Prüfung keinen Bestand haben und die von Fachkennern als Spinnereien, Blödsinn o. ä. beurteilt und gegebenenfalls als Fake-News bezeichnet werden. Gelegentlich handelt es sich dabei um ideologisch motivierte Aussagen, die manche Menschen selektiv wahrnehmen, weil sie ihre Vorurteile unterstützen. Die gegenwärtige Online-Welt, die durch ein unmoderiertes Nebeneinander von Wahrheiten, selektierten Halbwahrheiten und Lügen gekennzeichnet ist, ermöglicht manchen Fake-News durch eine populistische Diktion eine Reichweite, die sie bei vernünftiger Betrachtung nie haben würden.

      Die fachliche Einordnung bestimmter Aussagen in eine der vier Kategorien hat für viele Nutzer in Politik und Öffentlichkeit einen erheblichen Erkenntniswert und provoziert ihrerseits möglicherweise Widerspruch. Eine Studie kann dazu beitragen, dass es für die Öffentlichkeit transparenter wird, in welche der vorgenannten Kategorien bestimmte Aussagen eingeordnet werden können.

Zu (d) Das kommentierte Literaturverzeichnis dient zwei Zielen. Einerseits können die Leser der Studien sich zusätzliche Informationsquellen erschließen. Andererseits bietet es Lesern mit einer höheren Vorinformation die Möglichkeit, die Aussagen der Studie kritisch zu reflektieren. Hierzu können auch von Seiten von WissPool zusätzliche Quellen angeführt werden, die eventuell eine abweichende Sichtweise und Bewertung aufweisen.  

Die Autoren der Studien bewirken damit, dass die Fachkompetenz von wissenschaftlichen Instituten und anderen Experten für die politischen Diskurse in der Öffentlichkeit leichter verfügbar gemacht wird.

8        Probleme der wissenschaftlichen Politikberatung    

Es existiert schon gegenwärtig eine umfangreiche Politikberatung bezüglich wissenschaftlicher Sachverhalte, bei der eine politische  Institution (z.B. die Regierung)  einzelne Wissenschaftler oder Institute mit der Beratung auf einem bestimmten Gebiet oder zu einem spezifischen Problem beauftragt. Dies ist grundsätzlich vernünftig und zielführend.

Allerdings präferieren Politiker und Politische Institutionen, die in der Regel über umfangreiche Budgetmittel verfügen, tendenziell solche Berater, von denen sie antizipieren können, dass die Beratung inhaltlich dem entspricht, was sie selbst für politisch opportun halten. Eine solche Antizipation ist oft relativ einfach, weil die Wissenschaftler bereits einschlägig publiziert und damit gegebenenfalls ihre inhaltlichen Positionen öffentlich gemacht haben.

Das wäre dann eventuell keine echte Beratung, sondern quasi nur ein affirmatives Expertensiegel für die Entscheidungen der Politiker, die ohnehin getroffen worden wären. Auch das kann jedoch die Entscheidungsqualität erhöhen. Nicht zufällig sind das oft diejenigen Wissenschaftler, die anschließend auch in Interviews  und Talkshows  überproportional vertreten sind.

Die diesbezüglichen Probleme sind geringer, wenn ein Beratungsgremium mehrerer unabhängiger Wissenschaftler installiert wird, die unterschiedliche Ausrichtungen haben. Aber auch dann stellt sich die Frage, wer die Mitglieder im einzelnen ausgewählt hat und nach welchen Kriterien.

Wenn der Staat ein solches Beratungsgremium für zweckmäßig hält, wäre es für die Gesellschaft vernünftig, wenn die Mitglieder des Gremiums von einer einschlägigen wissenschaftlichen Fachgesellschaft benannt werden. Auf diese Weise erhielte man mit größerer Wahrscheinlichkeit ein Gremium mit exzellenter wissenschaftlicher Qualität und die Politikempfehlungen hätten nicht nur einen affirmativen Charakter.

Das Gleiche gilt auch für die Besetzung staatlicher Fachinstitutionen. Über deren Vorstandspositionen sollte nicht von Parteipolitikern entschieden werden, sondern von einschlägigen Fachleuten. Solange kein parteien-unabhängiges Gremium (wie der Bürgersenat)[5] existiert, der fachkundige Berufungskommission ohne Politik-Bias einsetzen kann, eignen sich auch hierfür insbesondere einschlägige wissenschaftliche Fachgesellschaften.           


[1] Der Begriff Politikillusion kennzeichnet den Sachverhalt, dass die politischen Entscheidungsträger glauben, die Implikationen ihrer potentiellen Handlungsalternativen überblicken und inhaltlich einschätzen zu können, dies aber tatsächlich nicht der Fall ist. Die Politikillusion kann auf zufälligen oder systematischen Irrtümern beruhen. Beispiele für letzteres sind häufig die Zeitinkonsistenzen in der Wirtschaftspolitik. Oft sind die kurzfristig präferierten Alternativen längerfristig nachteilig für die Gesellschaft. Die längerfristig rationalen Entscheidungen sind of kurzfristig politisch unpopulär. Vgl. zum „politischen Nachhaltigkeitsproblem“  Kruse, Jörn (2021), Bürger an die Macht. Wie unsere Demokratie besser funktioniert, S. 196ff.             

[2] Diese erscheinen in Zeitschriften unterschiedlicher Reputation für verschiedene Gebiete. Diese  Reputation hängt unter anderem von der Qualitätsbeurteilung im Reviewprozess ab. Dieser benötigt Zeit, den Wissenschaftler in der Regel haben (müssen), politische Entscheidungsträger jedoch oft (Corona) nicht. Aber auch reputierliche Zeitschriften sind noch sehr zahlreich.

[3] Erläuterungen weiter unten.

[4] Dabei bedarf jede Änderung (z.B. Kürzungen, Hinzufügungen von  Grafiken, Tabellen, Fotos, Beispielen etc.) die die Attraktivität des Beitrages erhöht, der Zustimmung von WissPool. Dabei wird geprüft, ob die Aussagen weiterhin korrekt sind und die Texte nicht selektiv gekürzt wurden. Ein eigenständiger Kommentar über die Studie ist natürlich jedermann möglich.

[5] Der Bürgersenat ist (im Rahmen der Demokratischen Reformkonzeption) ein parteienunabhängiges Gremium, das von den Bürgern gewählt wird. Der Bürgersenat installiert Berufungskommissionen aus einschlägigen Fachleuten, die geeignete Personen auswählen. Vgl. dazu Kruse, Jörn (2021), Bürger an die Macht. Wie unsere Demokratie besser funktioniert, S. 177ff.        

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN