Die große Energiekrise oder: Eine andere Klimaschutzstrategie Das neueste Buch von Fritz Vahrenholt

von Diskurs Hamburg

Der Beitrag im PDF-Format findet sich hier.

Die deutsche wie die europäische Energiepolitik strebt CO2-Neutralität an. Das wird jedoch mit der Umstellung auf erneuerbare Energieträger nicht funktionieren, denn der Anteil der fossilen Energieträger an der globalen Primärenergie beträgt 84 Prozent (2021). In Deutschland sind es 77 Prozent, und der Anteil von Wind- und Solarenergie beträgt gerade einmal 5 Prozent (2021) – wohlgemerkt nicht an der Stromerzeugung, sondern am gesamten Energieverbrauch. Die totale Umstellung auf die Erneuerbaren würde wegen der Verknappung und Verteuerung von Energie nach dem neusten Buch von Fritz Vahrenholt Die große Energiekrise und wie wir sie bewältigen können (Langen Müller Verlag 2023, 205 S., 22,- €) zu einer De-Industrialisierung Deutschlands mit erheblichen Wohlstandsverlusten führen, und diese totale Umstellung wäre überdies auch noch im Sinne des Klimaschutzes überflüssig.

Der promovierte Chemiker Vahrenholt war hamburgischer SPD-Umweltsenator unter Henning Voscherau und Vorstand bei Shell, dem Windanlagenbauer REpower sowie der RWE-Tochter für erneuerbare Energien Innogy. Seine energiepolitische Kompetenz wird von niemandem bestritten. Er ist einer der wenigen deutschen Experten, die das Thema in dieser Tiefe technisch, wirtschaftlich und politisch durchdringen. Doch vertritt er alles andere als den politisch korrekten Mainstream. Das sollte zu denken geben.

Vahrenholt ist kein „Klima-Leugner“; er erkennt die Erderwärmung durch CO2-Ausstoß durchaus an. Aber er bezweifelt die verwendeten Prognosemodelle über den Zusammenhang von CO2-Ausstoß und Erderwärmung. Die verwendeten Szenarien seien irreal, Rückrechnungen älterer Modelle führten nicht zu den heutigen realen Ergebnissen, und Vahrenholt nennt neuere Studien, dass die CO2-Aufnahme der Ozeane um in Drittel höher ist als bisher angenommen. Andere Einflüsse wie zyklische Veränderungen der Meeresströme oder verringerte Wolkenbildung würden unzulässigerweise dem CO2-Effekt zugerechnet. Über dem entsprechenden Kapitel steht: „Die Welt wird in den nächsten Jahren nicht untergehen.“ 

Auch wenn Vahrenholt seine Behauptungen mit einem umfangreichen Quellenverzeichnis belegt, können sie von einem interessierten Laien kaum nachgeprüft werden. Aber lassen wir das dahingestellt, denn das Kernanliegen ist ein anderes. Vahrenholt fordert eine Lösung für den Klimaschutz ohne radikale Umstellung auf erneuerbare Energien. 

Er sieht den Ausweg aus der viel zu teuren Umstellung auf Erneuerbare in der weiteren Nutzung Fossiler mit CO2-Abscheidung und anschließender Tiefenverpressung des CO(Sequestierung). Die CO2-Abscheidung ist ein chemisches Verfahren, das in einer deutschen Pilotanlage bereits erprobt war. Die CO2-Abscheidung und Tiefenverpressung sind in Deutschland seit 2012 verboten, und die Technologie wird in Europa außer in Norwegen nicht angewandt und weiterentwickelt. Jedoch in einigen arabischen Golfstaaten, in China sowie in den USA setzt man durchaus auf diese Zukunftstechnologie. Die CO2-Sequestierung gibt es zwar nicht zum Nulltarif, aber die Kosten der CO2-Vermeidung und Verstromung von Erneuerbaren seien weitaus höher – einschließlich des Ersatzes von Gebäudeheizungen und Verbrennerfahrzeugen. Die Umweltbedenken gegen die Tiefenverpressung entkräftet Vahrenholt mit dem Hinweis auf geeignete Lagerstätten in 2.600 m Tiefe unter der Nordsee vor Norwegen.

Um sich das Irreale des politisch beabsichtigten Energieträgerwechsels vorzustellen, muss man sich die Größenordnungen vor Augen halten: Wenn sich die Erzeugung von Wind- und Solar-Energie verdoppeln ließe, betrüge deren Anteil am deutschen Primärenergieverbrauch immer noch nur 10 Prozent. Die Nordsee-Anrainerstaaten haben jüngst vereinbart, bis 2030 ihre Offshore-Windparks auf insgesamt 120 Gigawattstunden auszubauen. Allein der deutsche Stromverbrauch liegt bei jährlich rund 500.000(!) Gigawattstunden. Man muss Vahrenholt angesichts dieser Größenverhältnisse auch ohne tiefere Kenntnis der Materie zustimmen, dass ein Verzicht auf fossile Energieträger unmöglich ist.

Vahrenholt weist auf das große Potential an Schiefergas unter der norddeutschen Tiefebene und anderen Regionen Europas hin. Er beschreibt das Frackingverfahren in 1.500 m Tiefe detailliert als ungefährlich, zumal Grundwasser in einer maximalen Tiefe von 200 m vorkommt. Weil Russland als Gas-Lieferant für Europa ausfällt, auch weil China sich diesen Lieferanten erschließen wird, und weil sich die LNG-Lieferanten angesichts der deutschen Ansage, Gas sei nur ein Übergangsenergieträger, mit Investitionen zurückhalten, könne  Deutschland nicht auf seine Fracking-Potentiale verzichten. Vahrenholt beschreibt überdies neue Kernkraftwerke der dritten Generation mit inhärenter Sicherheit, mit denen weder die Kraftwerk in Wyhl noch in Fukushima vergleichbar sind – wohlgemerkt konventionelle Kernkraftwerke, keine Kernfusionskraftwerke. 

Es wird hier zum Teil sehr detailliert und technisch, und der Leser mit geringen Vorkenntnissen muss sich dabei etwas konzentrieren. Das gilt auch für die Zerstörung der Illusionen, die mit Wind- und Solarenergie verbunden sind. Das Ausmaß an Flächenverbrauch, Landschafts- und Naturzerstörung für den geplanten Ausbau ist derartig gigantisch, dass es verwundert, dass das nicht die Grünen oder andere Umweltschützer auf den Plan ruft. Auch die Speicherung der von Wind und Sonnenschein abhängigen, volatilen Energieerzeugung durch Wasserstoff sei begrenzt, so dass es immer noch fossiler Reservekraftwerke zur Erhaltung der Netzstabilität bedürfe. Auch wenn der naturwissenschaftlich-technisch weniger gebildete Leser hier auf die Kompetenz des Autors vertrauen muss, bleibt doch sein Vorwurf plausibel, dass die Politik uns Bürgern nicht alle Optionen und Risiken darstellt.

Es bleibt der Vorwurf im Raum, dass insbesondere die Grünen in der Energie- und Klimaschutzpolitik mit ideologischen Scheuklappen behaftet sind. Da die CO2-Vermeidungspolitik aber mittlerweile politisch korrekter Mainstream ist, der von anderen Parteien geteilt wird, muss man wohl auch den Medienvertretern vorhalten, dass sie sich nicht gründlich genug mit technischen Alternativen auseinandersetzen und so dem viel einfacheren, ideologischen Denken den Weg gebahnt haben. Die Vorwürfe Vahrenholts gegen die Politik, darunter gegen den zuständigen Bundesminister Habeck, wegen fachlicher Inkompetenz und ideologischer Starsinnigkeit fallen deutlich aus.

Wenn wir in Deutschland die Energie nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen erzeugen wollen, können wir sie aus dem Ausland importieren, wo die ideologischen Scheuklappen vielleicht weniger eng sind. Billiger wird die Energie dadurch für uns nicht werden. Die Folgen sind dann in der Tat De-Industrialisierung und Wohlstandsverluste, die auch nicht wie jetzt beim Gebäudeenergiegesetz durch Sozialtransfers ausgeglichen werden können, denn auch die müssen real erwirtschaftet werden. Es bleibt zu hoffen, dass die Wähler angesichts der auf sie zukommenden Kosten andere energiepolitische Mehrheiten schaffen und dass dabei die Grünen in die Tiefen der politischen Bedeutungslosigkeit verpresst werden.

Einen aktuellen Beitrag in Wirtschaftsdienst zum besagten Thema finden Sie hier.[1]


[1]                https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2023/heft/4/beitrag/klimapolitik-mehr-sachlichkeit.html

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN