Die Bestechungsaffäre Putin-Seipel

von Diskurs Hamburg

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Der Journalist Hubert Seipel, bekannt für seine Arbeit zu Wladimir Putin, steht im Mittelpunkt einer Bestechungsaffäre. Grund dafür sind erhebliche finanzielle Zuwendungen aus dem Umfeld des Kremls, die seine Glaubwürdigkeit als Biograf des russischen Präsidenten in Frage stellen.

„Eine freie Presse kann nur für Gauner, Finanzdiebe und Kriminelle ein Feind sein; für eine Regierung aber, die dem Volk dient, kann es eine solche Situation nicht geben“ – mit diesen Worten kommentierte Wladimir Putin am schon 2016 den Zustand der Pressefreiheit in Russland, als er auf dem Mediaforum ONF eine Rede hielt. 

Es ist eine ironische Wendung des Schicksals, dass nun ausgerechnet die im Umgang mit Moskau sonst so resoluten Sender des ÖRR in eine ernsthafte Vertrauenskrise geraten, nachdem ihr Russlandexperte zugegeben hat, hunderttausende Euro aus Russland erhalten zu haben – und zwar für seine Arbeit über Wladimir Putin.

Am 14. November 2023 wurde ein zuvor geheimer Sponsorenvertrag, datiert auf den 16. März 2018, enthüllt, der Hubert Seipel eine Gesamtzahlung von 600.000 Euro zusicherte. Diese Summe wurde später in zwei Tranchen aufgeteilt: zunächst 200.000 Euro im April 2018 und dann weitere 400.000 Euro im April 2019. 

Es ist erwähnenswert, dass beide Zahlungen von der „Sovcombank“ flossen, einer russischen Privatbank, die eng in die Aktivitäten des Kreml involviert ist. Aufgrund dieser Verbindungen wurde die Bank bereits am 24. Februar 2022 von den USA sanktioniert und in die SDN-Liste (Specially Designated Nationals and Blocked Persons) aufgenommen. 

Das Geld stammte von dem russischen Oligarchen Alexej Mordaschow, einem Vertrauten von Wladimir Putin. Die finanzielle Unterstützung erfolgte über die Scheinfirma „De Vere Worldwide Corporation“ mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln. 

Die Zuwendungen hatten das Ziel, Seipel dazu zu bewegen, ein Buch über die politische Landschaft in der Russischen Föderation zu verfassen. Das Ergebnis dieses Auftrags liegt seit 2021 vor: und zwar in Form eines Buches, dessen Titel aus heutiger Sicht besonders perfide wirkt. Er lautet: Putins Macht: warum Europa Russland braucht.

Laut dem Katalog der Deutschen Nationalbibliothek ist das Buch in dem Hamburger Verlag „Hoffmann und Campe“ erschienen. 2022 kam sogar eine aktualisierte Taschenbuchausgabe auf den Markt. Das Werk gilt mittlerweile als Bestseller. 

Hubert Seipel ist ein Journalist, der Wladimir Putin mehrfach sehr nahegekommen ist. In den Jahren 2011 und 2012 hatte er den russischen Präsidenten über mehrere Monate für die Dokumentation „Ich Putin – ein Porträt zur russischen Präsidentschaftswahl 2012“ begleitet, die in der ARD ausgestrahlt wurde. Und am 14. November 2014 hat er in Wladiwostok ein umfassendes Interview mit Putin geführt, welches zwei Tage später bei Günther Jauch ausgestrahlt wurde.

In der Folgezeit betonte Seipel in den Medien auf eine besonders selbstgefällige Weise, dass er mit Wladimir Putin Urlaub gemacht habe. Seine Bemerkungen waren durch eine spürbare Arroganz gekennzeichnet, und er schien entschlossen zu sein, besonders cool zu wirken. Trotz des Überfalls auf die Ukraine weigerte sich Seipel hartnäckig, sich öffentlich von dem russischen Präsidenten zu distanzieren.

Die nun enthüllten Anschuldigungen gegen ihn reichen allerdings weit über das Jahr 2018 hinaus. Eine handschriftliche Notiz auf Seipels Vertrag mit „De Vere Worldwide Corporation“ lässt vermuten, dass es Ähnlichkeiten zu einem vergleichbaren Vertrag von 2013 gibt, der wohl als Grundlage für seine Putin-Biografie diente. Dort ist zu lesen: „Similar Deed signed by […] (08/2013): Putin biography.” 

Als das ZDF-Magazin „Frontal“ versuchte, Seipel telefonisch zu den Vorwürfen zu befragen, reagierte er aggressiv und bezeichnete die Anschuldigungen wütend als „Schwachsinn“. Auch einen Annäherungsversuch der Journalisten auf der Straße wies er zurück. Diese Methode sei unseriös. 

Kurze Zeit später bestätigte Seipel dann doch den Abschluss von zwei Verträgen in den Jahren 2013 und 2018 sowie den Bezug von Geldern von Mordaschow. Das ist insofern bemerkenswert, als er Fragen zum Erhalt etwaiger Zuwendungen aus Russland bislang energisch zurückgewiesen hatte. 

Während eines Interviews in der Radiosendung „SWR1 Leute“ vom 2. Juni 2021 wurde Hubert Seipel gefragt, ob er jemals Gelder aus Russland erhalten habe. Seine erste Reaktion auf die Frage kam sarkastisch mit „Honorar aus Russland?! Sie meinen direkt? Geht’s noch?“, und er weigerte sich zunächst, sie zu beantworten. Nach weiterem Nachhaken gab er jedoch ein eindeutiges „Nein“ als Antwort. 

In besagter Sendung vom 16. November 2014 erkundigte sich Günther Jauch bei Seipel auch nach der Rolle von Wladimir Putin im Zusammenhang mit einem Interview, das jener zuvor mit dem in Russland lebenden Whistleblower Edward Snowden geführt hatte. Auf diese Frage reagierte Seipel ebenfalls sarkastisch und äußerte: „Natürlich hat Putin mich instrumentalisiert und mir eine Million in die Schweiz überwiesen.“

Seipel behauptet zwar, dass es trotz der beiden Sponsorenverträge zu keiner Einflussnahme gekommen sei, doch wirkt diese Aussage wenig überzeugend. Das Belügen der Öffentlichkeit, der Erhalt von Geld über Offshore-Firmen und das Endergebnis seiner Arbeit zu Wladimir Putin stellen ihn in der gegenwärtigen Situation als äußerst unglaubwürdig dar.

Wie schwerwiegend Seipel mit seinem letzten Buch zudem auch journalistische Standards verletzt hat, geht aus der Rezension des Politologen Dr. Arno Mohr (Portal für Politik-wissenschaft) hervor.

Darin kritisiert Mohr Seipels Buch als selbstgerechte Anklageschrift, die Putin vorwiegend positiv darstellt und die westlichen Staaten als Feinde Russlands diffamiert. Ferner rügt er Seipel für mangelnde Objektivität und kritische Analyse. Beispiele wie die Bewertung des Syrienkonflikts, die Darstellung von Oppositionspolitiker Alexej Nawalny und die Beurteilung der Ukraine-Krise würden als einseitig und verklärt dargestellt. 

Mohr bemängelt, dass Seipel Putin zu unkritisch gegenüberstehe und nicht ausreichend auf die negativen Aspekte von dessen Regierung eingehe. Der Fokus auf Seipels wohlwollendes Verhältnis zu Putin wird als Tragik des Buches betrachtet, da dies zu einer mangelnden Wahrheitsfindung und objektiven Analyse führe.

Das hat jetzt Konsequenzen für Seipel, dessen Deutscher Fernsehpreis von 2014 sich ausgerechnet auf die Kategorie „Beste Information“ bezog. So hat der Verlag Hoffmann und Campe den Verkauf seiner Bücher über den russischen Präsidenten gestoppt. 2015 war dort bereits der biographische Titel „Putin. Logik der Macht“ erschienen.

„Der Verlag Hoffmann und Campe hat sich entschlossen, die Bücher von Hubert Seipel im Zusammenhang mit dem Bericht von Spiegel und ZDF nicht zum Verkauf anzubieten“, teilte die Verlagsleitung in einer Erklärung gegenüber der Nachrichtenagentur DPA mit. Ein Sprecher sagte ferner, man habe zwar nichts über aus Russland an Seipel geflossene Gelder gewusst, behalte sich aber rechtliche Schritte vor, sollten sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen.

Wie aber ist der nun enthüllte Sachverhalt ans Licht gekommen?

Am 14. November 2023 hatten Journalisten unter der Schirmherrschaft des „International Consortium of Investigative Journalists“ und der deutschen „Paper Trail Media“ die Untersuchung „Cyprus Secrets“ veröffentlicht. Sie basiert auf der Durchsicht von 3,6 Millionen Dokumenten von sechs zypriotischen Unternehmen, die in der Unternehmensregistrierung und -beratung tätig sind. 

Die Untersuchung enthüllte unter anderem, dass der Milliardär Roman Abramowitsch Putins Freunden half, eine Beteiligung an „Video International“, einer großen Werbeholding, zu erwerben.

Ebenfalls wurde aufgedeckt, dass Hubert Seipel von der besagten „De Vere Worldwide Corporation“ gesponsort wurde, die auf den Britischen Jungferninseln ansässig ist. Das Unter-nehmen ist auf Igor Woskresenskyj registriert, einen der Direktoren des Maschinenbaukonzerns „Power Machines“, welcher von Alexej Mordaschow kontrolliert wird. Gleichzeitig floss das Geld für die Zahlungen an Seipel über Offshore-Gesellschaften an „De Vere Worldwide“, deren Begünstigter Mordaschow selbst war.

Wie erwähnt, hat Seipel mittlerweile zugegeben, dass seine Bücher über Putin von dem russischen Milliardär gesponsert wurden. Um sich zu entlasten, verwies er auf Artikel 1.3 in seinem Vertrag mit „De Vere Worldwide“, wonach er dem Sponsor gegenüber keine Verpflichtungen hinsichtlich „der Zusammensetzung und des Inhalts des Buches“ hat. 

Wenn Seipel glaubt, sich damit aus der Affäre ziehen zu können, dürfte er schon bald eines Besseren belehrt werden. Die Idee, den genannten Passus zu seiner Entlastung anzuführen, erscheint ungefähr genauso absurd wie der Versuch, die Einschränkung der Pressefreiheit in Russland durch Verweis auf das Anfangszitat von Putin als abwegig zu entkräften.

In dieser Situation könnte daher nur noch Alexej Mordaschow Seipel entlasten – z.B. indem sich für ihn keinerlei Verbindungen zum Kreml nachweisen ließen. Stattdessen ist aber das Gegenteil der Fall. So gehört Mordaschow zum Leningrader Zirkel, also jenem Unterstützer-kreis, dessen Angehörige Wladimir Putins Aufstieg von Anfang an begleitet haben.

Diese Affiliation kam in Putins Heimatstadt Leningrad zustande, wo Mordaschow bis 1988 ein Studium an der Togliatti-Hochschule für Wirtschaft und Technik absolvierte. In dieser Zeit lernte er auch den späteren russischen Premierminister Anatoli Tschubais kennen, der damals an der Hochschule lehrte. Tschubais, der zu einem engen Vertrauten Putins wurde und Mordaschow so in die hohe Gesellschaft einführte, hat Russland nach dem Überfall auf die Ukraine verlassen und lebt seither im Exil.

Wie die meisten treuen Paladine des russischen Präsidenten ist auch Mordaschow heute Milliardär. In der Forbes-Rangliste der reichsten Unternehmer Russlands steht er an fünfter Stelle. Seine Firmen besaßen große Anteile an der Rossiya Bank und der National Media Group (NMG), die einen bedeutenden Teil des russischen Fernseh- und Medienmarktes kontrolliert. 

Und wie es sich für gute Freunde gehört, fungierte Mordaschow auch als einer der Sponsoren für den Bau von Putins Palast in der Nähe von Gelendschik. So nimmt nicht wunder, dass nach dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine schließlich auch westliche Sanktionen gegen ihn verhängt wurden.

Es gibt keinen Zweifel daran, dass Hubert Seipel aktiv das Umfeld des russischen Präsidenten aufgesucht hat, um persönlichen Gewinn zu erzielen. Sein Fall illustriert somit beispielhaft die Anfälligkeit von Journalisten für Korruption. Es scheint, dass diese Affäre bald die bisher prominenteste ihrer Art werden und sogar die Angelegenheit um Claas Relotius übertreffen könnte. Seipel fügt sich in eine lange Liste von Individuen ein, die den Verlockungen der Mächtigen erlegen sind, nachdem die Gesellschaft ihnen eine besondere Verantwortung anvertraut hatte.

Dieses menschliche Versagen mag zwar keinen singulären Tatbestand darstellen. Für einen renommierten Journalisten, dem mithilfe von Rundfunkgebühren jahrelang eine Bühne geboten und seitens der Öffentlichkeit ein immenser Vertrauensvorschuss entgegengebracht wurde, können die nun enthüllten Anschuldigungen jedoch nur das berufliche Aus zur Folge haben. 

Denn ein Journalist, der die ethischen Leitlinien des Deutschen Presserates, insbesondere den dort verbrieften Grundsatz der „Wahrhaftigkeit und Achtung vor der Wahrheit“, ernst nimmt, büßt jede Glaubwürdigkeit ein, wenn er tendenziöse Auftragsarbeiten zugunsten seiner Auftrag-geber veröffentlicht. 

Diese Aussage gewinnt im Falle Seipels zusätzlich an Bedeutung, da es sich bei seinem Mandanten um einen Staatschef handelt, der die Pressefreiheit in seinem eigenen Land aufgehoben hat: und zwar im selben Jahr, als Seipel ihn für seinen Dokumentarfilm begleitete. So verabschiedete die russische Staatsduma am 14. Juli 2012 Gesetz 255-F3, das es Nicht-regierungsorganisationen und Medienunternehmen, die Finanzmittel aus dem Ausland erhielten, vorschrieb, sich als „ausländische Agenten“ zu registrieren. 

Hubert Seipels Annahme russischer Bestechungsgelder dürfte nicht nur das Ende seiner eigenen Karriere bedeuten, sondern hat auch erheblichen Schaden für seinen Berufsstand und den gesamten Pressebetrieb verursacht. Eine unverzügliche Korrektur dieser Situation ist daher im Interesse aller Betroffenen erforderlich.

Das gilt insbesondere im Hinblick auf den deutschen Kulturbetrieb, dessen führende Vertreter sich in den letzten Jahren scharf gegenüber Russland positioniert und Personen mit einer aus ihrer Sicht mangelnden Distanz zu Moskau konsequent boykottiert haben.

George Orwell sagte einmal, die Macht der Presse liege darin, Wahrheiten ans Licht zu bringen, die sonst verborgen blieben. Das mag stimmen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass dieselbe Macht das Potenzial umfasst, die Öffentlichkeit zu manipulieren und heimlich zu beeinflussen.

Der renommierte Journalist und Fernsehpreisträger Hubert Seipel hat mit seiner Arbeit der letzten Jahre einen erheblichen Beitrag zur Erfüllung dieser unheilvollen Prophezeiung geleistet. Damit ist er in Zukunft weder als Experte noch als kritischer Beobachter von Nutzen. 

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN