Der Standort Deutschland verliert an internationaler Wettbewerbsfähigkeit

von Diskurs Hamburg

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Zur Zeit erfreuen sich viele Journalisten, Politiker und Bürger daran, dass die Krisen der deutschen Industrie als Folge von Pandemie, Ukraine-Krieg, Lieferkettenproblemen und politischen Fehlentscheidungen (Energiekrise, Atomausstieg, etc.) kurzfristig offenbar weit geringere Negativfolgen haben als viele erwartet hatten. Solche guten Nachrichten konsumieren alle immer gern und lehnen sich zurück.

Tatsächlich verbirgt sich dahinter jedoch mittel- und längerfristig eine weitere deutliche Verschlechterung der deutschenWettbewerbsfähigkeit, die eine gravierende Minderung des Wohlstandes und der Arbeitsplätze der Bürger zur Folge haben wird. Zur relativen Standortqualität von 21 Ländern, die Handelspartner und Konkurrenten deutscher Unternehmen auf zahlreichen internationalen Märkten sind, hat das renommierte wissenschaftliche Forschungsinstitut ZEW (Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung) in Mannheim im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen zum neunten Mal eine Studie durchgeführt.[1] Bei der Studie im Umfang von 315 Seiten handelt es sich keineswegs nur um eine Befragung, die von subjektiven Einschätzungen und Interessenlagen beeinflusst sein könnte, sondern um die Erfassung objektiver, standortrelevanter Daten. Als seriöses wissenschaftliches Institut, das aus dem Bundeshaushalt grundfinanziert wird, ist das ZEW auch darüber erhaben, Gefälligkeitsergebnisse zu produzieren. 

Standort-Qualität von 21 Ländern

Die wichtigsten Ergebnisse  sind in Abb. 1 zusammengefasst. Das markanteste Ergebnis ist der erneute Absturz Deutschlands auf inzwischen nur noch Platz 18 von 21 Ländern (Spalte 1). Eine hohe Wettbewerbsfähigkeit deutscher Standorte galt früher einmal und wir alle haben davon profitiert  —  und es uns darin bequem gemacht. Letzteres gilt vor allem für unsere Klasse.  

Die ZEW-Ergebnisse haben nur sehr wenig mit den Fernsehnachrichten über solche kurzfristigenEffekte wie IfO-Geschäftsklimaindex, Quartalsprognosen von Instituten,Verbänden oder der Bundesregierung zu tun. Solche Daten stehen im Fokus von demokratischen Politikern, die meistens kurzfristig und selten langfristig denken.

Unternehmen (und insbesondere mittelständische und Familienunternehmen) denken fast immer längerfristiger als Politiker. Sie treffen ihre Investitions- und Standortentscheidungen nach mittel- und längerfristigen Standortvor- und nachteilen einzelner Länder und Regionen. Insofern sind die ZEW-Ergebnisse (auch im Vergleich mit den früheren Studien) schlechte Nachrichten für deutsche Arbeitsplätze, Wohlstand und Steueraufkommen in der Zukunft.           

Abb. 1 Standort-Qualität von 21 Ländern

2020 (Spalte 2) war Deutschland noch auf Platz 14, was seinerzeit schon der damalige Tiefpunkt eines kontinuierlichen Abstiegs seit der ersten ZEW-Studie von 2006 war. In Spalte (2) sind die einzelnen Länder mit rot markiert, wenn sie von 2020 bis 2022 um drei oder mehr Plätze abgestiegen sind, und mit blau, wenn sie von 2020 bis 2022 um drei oder mehr Plätze aufgestiegen sind. Die Rangveränderungen von der ersten Studie in 2006 bis zur jetzigen Studie für 2022 sind in Spalte (3) aufgelistet. Kein Land hat einen so gravierenden Absturz erlebt wie Deutschland, gefolgt von Großbritannien. Polen und die USA sind in der Rangtabelle von 2006 bis 2022 am stärksten nach oben gestiegen. 

Bemerkenswert ist, dass mit Schweden, Schweiz und Dänemark drei Länder zeitlich stabil ziemlich weit vorne (Plätze 3 bis 5) liegen, die ein hohes Niveau sozialer Absicherungen für ihre Bürger bieten. Das gelegentlich zu hörende Argument, eine hohe Standortqualität, also eine hohe Wettbewerbsfähigkeit, erhöhe die Gewinne der Unternehmen zu Lasten der Bürger, findet insoweit keine Bestätigung.  Eher gilt die Gegenthese: Eine international wettbewerbsfähige Wirtschaft erzeugt die finanziellen Mittel, die zur Schaffung und Aufrechterhaltung eines hohen sozialen Sicherungsniveaus erforderlich sind.

Einzelne Teilkriterien der Standortqualität 

In Abb. 2 sind die Rangplätze der Indexwerte für die einzelnen Teilkriterien der Standortqualität angegeben.[2]

Infrastruktur  und Institutionen  

Der einzige Standortbereich, bei dem Deutschland noch relativ gut abschneidet, ist „Infrastruktur und Institutionen“ (Spalte 7). Dieser Index umfasst einerseits die Leistungsfähigkeit der unternehmensnahen Infrastruktur und andererseitsdas rechtlich-institutionelle Umfeld. Warum so unterschiedliche Sachverhalte in einem einzigen Index zusammengefasst wurden, ist nicht sofort einsichtig. 

Zur unternehmensnahen Infrastruktur zählen die Transportinfrastruktur und die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur. Die zugrundeliegenen Werte für die Transportinfrastruktur basieren auf Kennzahlen zum Ausbau und zur Qualität der Straßen-, Eisenbahn- und Fluginfrastruktur. Gut ausgebaute und verlässliche Transportmittel sind nicht nur für den Transport von Gütern, sondern auch für Dienstreisen und Wegezeiten von zentraler Bedeutung. Staus, lange Wartezeiten, Umwege, Ausfälle und Verspätungen erhöhen die Kosten der Unternehmen. 

Die Informations- und Kommunikationsinfrastruktur umfasst die Leistungsfähigkeit der Internet-Infrastruktur und bewertet die Verfügbarkeit sicherer Internet-Server, die Verschlüsselungstechnologien benutzen, und den Ausbau der Breitbandnetze. 

Beim rechtlich-institutionellen Umfeld werden Fragen der Rechtssicherheit, Korruptionskontrolle, Kriminalität und politischen Stabilität näher betrachtet. Dies umfasst auch Kennzahlen zur Unabhängigkeit und Effizienz des Rechtssystems sowie der Ausgestaltung und Durchsetzbarkeit von materiellen und geistigen Eigentumsrechten. Auch die Verbreitung von Korruption in Politik, Verwaltung und Justiz ist für Standortüberlegungen von Bedeutung. Im Teilindikator „Kriminalität und politische Stabilität“ werden Faktoren wie Diebstähle, Einbrüche, Überfälle auf Transport- und Reisewegen, genereller Vandalismus, terroristische Anschläge, groß angelegte Streiks und politische Unruhen erfasst.

Abb. 2 Subindices einzelner Standortfaktoren der 21 Länder

Wie nicht anders zu erwarten sind die Veränderungen der Rangplätze der einzelnen Länder 2022 gegenüber 2020 nur sehr gering. Spitzenreiter in diesem Standortbereich sind die Schweiz, die Niederlande, Dänemark, Finnland, Japan und Deutschland. 

Arbeitskosten, Produktivität, Humankapitel

In Spalte (4) sind die Ergebnisse für den Subindex „Arbeitskosten, Produktivität, Humankapitel“ erfasst. Das Humankapital wird durch die Höhe der Bildungsausgaben, die PISA-Ergebnisse und das Bildungsniveau der Erwerbsbevölkerung (Anteil mit tertiärem Bildungsabschluss) repräsentiert. An der Spitze dieses sehr bedeutsamen Subindex befinden sich Irland und Kanada, gefolgt von Großbritannien, den USA, Japan, Finnland, Schweden und Dänemark. Irland punktet mit einer weiterhin hervorragenden Entwicklung der Arbeitsproduktivität bei nur durchschnittlichen Arbeitskosten und sehr guten Resultaten bei den Bildungsindikatoren. Kanada verdankt seine gute Position den hervorragenden Ergebnissen bei den Bildungsindikatoren, insbesondere dem hohen Anteil hochqualifizierter Erwerbspersonen und den sehr guten PISA-Ergebnissen.

Deutschland ist in der aktuellen Rangliste für den Subindex „Arbeitskosten, Produktivität, Humankapitel“ auf Rang 19 platziert, das heißt gegenüber 2020 um zwei Ränge verschlechtert. Wie schon in den vergangenen Jahren resultiert die ungünstige Platzierung Deutschlands in diesem Subindex vor allem aus hohen Arbeitskosten, niedrigen Investitionen in Bildung und einem geringen Anteil hoch qualifizierter Erwerbspersonen. Die letzten beiden Kategorien dürften in Deutschland, das sich immer viel auf ein hohes Bildungsniveau zugute hält, überraschen und hoffentlich politische Entscheidungen zur Folge haben. Günstiger fallen die Resultate bei den PISA-Ergebnissen und der Arbeitsstundenproduktivität aus.

Ein Unternehmen kann ohne Weiteres hohe Löhne zahlen, wenn die Produktivität der Mitarbeiter besonders hoch ist, was in der Praxis von einer ganzen Reihe von Faktoren abhängt. In den ersten drei oder vier Jahrzehnten der Bundesrepublik waren hohe Produktivitätsfortschritte, die auch von einem  intensiven nationalen und internationalen Wettbewerb induziert wurden („Produktivitätspeitsche“), der wesentliche Grund für ein schnell wachsendes Pro-Kopf-Einkommen nach einem verlorenen Krieg mit vielen zerstörten Städten und Infrastruktur. Seit einiger Zeit ist jetzt das Verhältnis von Arbeitskosten und Produktivität jedoch für Deutschland ein nachteiliger Standortfaktor. Die Studienautoren urteilen, dassDeutschland in der aktuellen Rangliste nunmehr der Schlussgruppe im Subindex „Arbeitskosten, Produktivität, Humankapital“ zuzurechnen ist. Dahinter folgen nur noch die Slowakei und Italien. Diese Ergebnisse müssten in Deutschland schlaflose Nächte verursachen.  

Steuern

Bei den Standortfaktoren in den Spalten (5) und (6) geht es um Sachverhalte, die von der Politik bestimmt werden und die beide auch relativ kurzfristig verändert werden könnten, wenn ein hinreichendes Problembewussstsein existierte.      

Bei den Steuern (Spalte 5)  insgesamt liegt Deutschland auf Platz 20, weist also eine besonders hohe Steuerbelastung auf. Bei einer Differenzierung in verschiedene Kriterien zeigen sich folgende Rangplätze: Steuerbelastung bei nationaler Geschäftstätigkeit (Platz 14), Steuern bei grenzüberschreitender Geschäftstätigkeit“, (Platz 14), Steuerbelastung im Erbfall (Platz 20) und Komplexität des Steuersystems (Platz 16).

Die Spitzenreiter beim Subindex Steuern (Slowakei, Tschechien, Polen) fallen dadurch auf, dass sie zwar eine geringe Steuerbelastungen bei nationaler Geschäftstätigkeit aufweisen, aber hohe bei grenzüberschreitender Geschäftstätigkeit. Eine hohe Steuerbelastung haben auch die Unternehmen in Japan, USA, Frankreich, Spanien und Dänemark. 

Regulierung

Das Themengebiet „Regulierung“ Spalte (6) beschäftigt sich mit Hemmnissen durch Regulierungen auf dem Arbeitsmarkt, im Außenhandel, bei der Gründung neuer Unternehmensstandorte und in der täglichen Geschäftstätigkeit. 

Der Teilindikator „Arbeitsmarkt und Tarifrecht“ setzt sich zusammen aus einem OECD-Indikator zur Messung der Restriktivität von Kündigungsregulierungen sowie einem Maß der Ausfallzeiten durch Streiks und Aussperrungen. Im Teilindikator „Außenhandel“ wird die Einschränkung des Freihandels durch tarifäre (Zölle) und nicht-tarifäre Handelshemmnisse erfasst. Letztere umfassen z.B. Kontingente und indirekte protektionistische Maßnahmen, die nicht explizit auf den Außenhandel gerichtet sind, diesen jedoch beeinträchtigen (z.B. Umwelt-, Gesundheits- und Sozialstandards). Der Teilindikator „Geschäftsgründung“ bildet Regulierungen bei Unternehmensverlagerungen oder Eröffnungen neuer Standorte in einem anderen Land ab (Zeit- und Kostenaufwand für die Unternehmensgründung, gesetzliche Vorschriften zu Mindestkapitaleinlagen etc.) Ein weiterer Teilindikator „Regulierungen im laufenden Geschäftsbetrieb“ bildet den Aufwand und die Risiken ab, die durch die Einhaltung von Vorschriften sowie durch die Abwicklung der Regulierungen seitens der öffentlichen Verwaltung entstehen. 

Die geringste Regulierungsintensität besteht weiterhin in den USA, insbesondere wegen Arbeitsmarkt und Tarifrecht sowie Außenhandel. Die nächsten Plätze belegen wiederum Kanada und Irland, gefolgt von Japan und Großbritannien.  

Deutschland befindet sich auf Rang 19, um fünf Ränge verschlechtert gegenüber der Vorperiode 2020. Die günstigsten Ergebnisse werden im Bereich „Arbeitsmarkt und Tarifrecht“ erzielt, wo sich Deutschland im Mittelfeld der Länderauswahl befindet. Vergleichsweise schlecht sind die Resultate hingegen in den Bereichen „Geschäftsgründung“, „Regulierungen im laufenden Geschäftsbetrieb“ und vor allem in der betrieblichen Mitbestimmung. Mit diesem Resultat befindet sich Deutschland in der aktuellen Rangliste unter den drei am stärksten regulierten Ländern und ist hinter das traditionell in der Schlussgruppe zu findende Italien zurückgefallen.

Energie

Spalte (8) zeigt die Ergebnisse im Subindex „Energie“, der durch die Teilindikatoren „Stromversorgungssicherheit“, „Energieimportrisiko“, „Klimaziele“, „Strompreise“ und „Gas- und Kraftstoffpreise“ gebildet wird.

An der Spitze der aktuellen Rangliste befinden sich erwartungsgemäß die USA, die sich vor allem durch günstige Energiepreise und geringe Importrisiken für Öl, Gas und Kohle auszeichnen. Im Hinblick auf die Stromversorgungssicherheit und das Erreichen der Klimaziele hingegen liegen die USA in der Schlussgruppe der jeweiligen Rangliste. Auf dem zweiten Platz befindet sich Schweden, das sich durch eine sehr gute Position bei den Klimazielen sowie durch eine gute Versorgungssicherheit sowohl im Hinblick auf die Stromversorgung als auch in Bezug auf Importrisiken bei Öl, Gas und Kohle auszeichnet. Dagegen befindet sich Schweden bei den Gas- und Kraftstoffpreisen auf dem letzten Rang. 

Deutschland liegt bei „Energie“ auf Rang 18, um drei Ränge verschlechtert gegenüber dem Jahr 2020. Die besten Ergebnisse erzielt Deutschland im Bereich der Stromversorgungssicherheit. Wenn man die Folgen der jüngeren politischen Fehlentscheidungen, insbesondere der ideologisch getriebene Atomausstieg und der mangelnde Stellenwert der Versorgungssicherheit bei den gegenwärtig verantwortlichen Politikern, für die nächsten Jahre prognostiziert, dürfte Deutschland beim Kriterium der Stromversorgungssicherheit vermutlich deutlich abstürzen. Ungünstig ist schon jetzt die Position Deutschlands bei den Strompreisen, bei den Klimazielen und im Teilindikator „Energieimportrisiko“. Die Gas- und Kraftstoffpreise sind im Betrachtungszeitraum, deren Daten überwiegend noch aus der Zeit vor dem Ukraine-Krieg stammen, hingegen noch vergleichsweise günstig.

Gegenüber der Vergleichsrechnung 2020 ist es im Subindex „Energie“ zu erheblichen Veränderungen gekommen. Zurückzuführen ist dies zum einen auf die bereits im zweiten Halbjahr 2021 beginnenden Anstiege bei den Energiepreisen. Ein zweiter wichtiger Faktor ist die nach dem Einmarsch in die Ukraine deutlich erhöhte Risikobewertung Russlands im Teilindikator „Energieimportrisiko“, die dazu führt, dass bei Ländern, die in hohem Maße auf Importe aus Russland angewiesen sind, die Importrisiken sprunghaft angestiegen sind. 

Am meisten verbessert hat sich gegenüber der Vergleichsrechnung 2020 Japan, dass sich von Platz 21 auf Platz 6 verbessert hat. Verursacht ist dies durch eine vergleichsweise sehr günstige Entwicklung sowohl bei den Strom- als auch bei den Gas- und Kraftstoffpreisen sowie eine verbesserte Position im Hinblick auf die Erreichung der Klimaziele. 

Etliche Plätze gutmachen konnte auch Portugal, das von 10 auf 3 stieg. Den stärksten Absturz von Platz 2 auf 11 musste Dänemark hinnehmen, verursacht durch eine vergleichsweise sehr ungünstige Entwicklung der Energiepreise sowie einen deutlich schlechteren Zielerreichungsgrad bei den Klimazielen. Rangabstiege erlebten auch Großbritannien,  Tschechien und die Niederlande. 

Strompreise

Der Teilindikator „Strompreise“ (Spalte 9) [3] weist die Elektrizitätskosten für mittelgroße Industriebetriebe aus.[4] Die günstigsten Strompreise, gemessen in Euro,[5] sind in den USA und Kanada vorzufinden, gefolgt von Finnland, Frankreich und Schweden. In den USA betrugen die Elektrizitätspreise im Betrachtungszeitraum weniger als sieben Cent je Kilowattstunde, in Kanada und Finnland immer noch weniger als acht Cent je Kilowattstunde. 

Deutschland befindet sich im Länderindex 2022 für Strompreise auf Rang 19, um einen Rangplatz verschlechtert gegenüber der Vorperiode. Mit mehr als 16 Cent musste im Betrachtungszeitraum für die Kilowattstunde in Deutschland mehr als das Doppelte als in den Ländern mit den niedrigsten Stromkosten bezahlt werden. 

Gegenüber der Vergleichsperiode zwei Jahre zuvor sind die Strompreise gemessen in Euro in allen Ländern mit Ausnahme Japans und Kanadas gestiegen. Hierbei waren die Slowakei, die USA und Frankreich mit Preisanstiegen von weniger als einem Cent pro Kilowattstunde am wenigsten von Preiserhöhungen betroffen. In Deutschland fiel der Preisanstieg mit knapp drei Cent pro Kilowattstunde vergleichsweise moderat aus. Besonders stark betroffen waren Dänemark, Spanien und Irland mit Preiserhöhungen von mehr als fünf Cent pro Kilowattstunde.

Fazit

Die für ein Exportland besonders desaströsen ZEW-Ergebnisse für Deutschland kann man als Quittung dafür interpretieren, dass in Deutschland das Bewusstsein für die Relevanz der Standortqualität immer mehr abgenommen hat. Diesbezüglich ist die Ampel-Regierung noch schlechter zu bewerten als die sogenannten großen Koalitionen unter Angela Merkel. Da die ökonomische Fachkompetenz in der Politischen Klasse stark unterentwickelt ist, ist Besserung nicht in Sicht. Viele glauben offensichtlich, dass unser Wohlstand vorgegeben ist und nicht mehr erarbeitet werden muss.       

Deutschland fällt es sehr schwer, qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Global mobile high-potentials kommen kaum noch zu uns. Überbordende Bürokratie und eine hohe Steuerbelastung für Gutverdiener sind zwei der wichtigsten Hemmnisse. Aus den gleichen Gründen wandern hochqualifizierte Deutsche aus  —  in einzelne Nachbarländer oder gleich über den Atlantik.

Seit Albert O. Hirschman kennen wir zwei Reaktionsweisen auf eine sich verschlechternde Situation bei abnehmender Loyalität: Abwanderung und Widerspruch.[6] Letzteres können deutsche Automobil- und andere Großkonzerne praktizieren, die (bzw. deren Verbände) das Ohr der Bundesregierung hatten und haben. Kleine Unternehmen (Familienunternehmen und Mittelständler), die von der Politik leicht übersehen werden, reagieren eher mit Abwanderung  —  ins Ausland. 


[1]   Vgl. Stiftung Familienunternehmen (Hrsg.), Länderindex Familienunternehmen, 9. Auflage. Erstellt vom ZEW – Leibnitz-Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung GmbH Mannheim, München 2023, www.familienunternehmen.de.

[2]   Die Ausführungen zu den Subindices basieren direkt auf denjenigen in der angegebenen ZEW-Studie.

[3]   Die Angaben beziehen sich für den Länderindex 2022 für die EU-Länder und das Vereinigte Königreich auf die zweite Jahreshälfte 2021, für Japan, die Schweiz und die USA auf das vierte Quartal 2021 und für Kanada auf den Jahresdurchschnitt 2021. Für die Vergleichsrechnung 2020 beziehen sich die Angaben für die EU-Länder und das Vereinigte Königreich auf die zweite Jahreshälfte 2019, für Japan, die Schweiz und die USA auf das vierte Quartal 2019 und für Kanada auf den Jahresdurchschnitt 2019.

[4]   Die Datenbasis stammt für die EU-Länder von Eurostat, für Japan, Kanada, die Schweiz, die USA und das Vereinigte Königreich von der Internationalen Energieagentur IEA beziehungs weise vom britischen Department for Business, Energy & Industrial Strategy. Verwendet werden die Elektrizitätspreise (in Euro je Kilowattstunde) für industrielle Abnehmer mit einer Abnahmemenge von 2.000 bis 20.000 Megawattstunden jährlich. Die in Landeswährung angegebenen Preise wurden auf Basis der jeweils gültigen Wechselkurse in Euro umgerechnet.

[5]   Zu beachten ist, dass die folgenden Resultate in beträchtlichem Maß durch Wechselkurseffekte beeinflusst sind. So war der Preisrückgang in Japan ausschließlich wechselkursbedingt; gemessen in Landeswährung sind die Strompreise gegenüber der Vergleichsperiode in Japan um mehr als sechs Prozent angestiegen. Einen deutlichen Einfluss haben Wechselkurseffekte auch in Polen, Ungarn und den USA, wo die Preissteigerungen in Landeswährung erheblich größer ausfallen

[6]        Albert O. Hirschman (1974), Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten, Tübingen, deutsche Übersetzung von Albert O. Hirschman (1970), Exit, Voice and Loyalty. Responses to Decline in Firms, Organizations and States. Harvard University Press, Cambridge

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN