Das Brandmauer-Spiel – Strategische Optionen von Union und AfD

von Diskurs Hamburg

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Die Unionsparteien CDU und CSU (kurz: die Union) haben sich auf die „Brandmauer“ zur AfD festgelegt. Jegliche Zusammenarbeit mit der AfD soll ausgeschlossen bleiben, darunter insbesondere eine parlamentarische Tolerierung einer Minderheitsregierung durch die AfD oder gar eine Koalition mit der AfD. Angesichts der zunehmenden Wähleranteile der AfD stellt sich die Frage, ob diese Brandmauer-Politik der Union durchzuhalten ist und ob sie strategisch klug ist. 

Durch die Festlegung auf die Brandmauer bindet sich die Union an Koalitionspartner links von ihr. Nach aktuellen Umfrageergebnissen wäre die Union im Bund nicht nur auf die SPD, sondern auch noch auf die Grünen angewiesen, und in Thüringen braucht die Union sogar die Tolerierung der Linkspartei. Dadurch kann die Union ihre bürgerliche Politik kaum durchsetzen und muss Kompromisse eingehen, die ihr Profil verwässern. Das führt dazu, dass die AfD als Alternative zur an die linken Parteien gebundene Union weiter Zulauf erhält.

Auch die AfD wäre im Bund auf einen Koalitionspartner angewiesen sein, als der nur die Union denkbar wäre. Irgendwann wird das Protestpotential als Oppositionspartei ausgeschöpft sein, und die AfD muss eine Regierungsbeteiligung anstreben. Die AfD wird irgendwann dazu übergehen müssen, sich koalitionsfähig zu machen. 

Das Brandmauer-Spiel

Wir wollen uns der strategischen Frage von Union und AfD, wie sie künftig ihr Verhältnis zueinander bestimmen sollten, mithilfe eines einfachen spieltheoretischen Modells nähern. Eine Situation, in der in diesem Modell kein Spieler seine Situation verbessern kann, heißt Nash-Gleichgewicht (nach dem amerikanischen Mathematiker John F. Nash, 1928-2015). In einer sehr einfachen Form lässt sich das für unser Problem wie folgt darstellen:

Es gebe zwei „Spieler“, AfD und Union, die jeweils zwei strategische Optionen haben. Die AfD habe die beiden Optionen „radikale“ Politik und „gemäßigte“ Politik. Unter „radikaler“ Politik wollen wir die gegenwärtige Politik der AfD verstehen und unter „gemäßigt“ eine Politik, die für die Union koalitionsfähig ist. Die Union habe die beiden Optionen „Brandmauer“ und „Öffnung“. Unter „Öffnung“ wollen wir die Bereitschaft der Union verstehen, sich von der AfD parlamentarisch tolerieren zu lassen oder mit ihr eine Koalition einzugehen. 

Das langfristige Spielziel von Union und AfD sei es, die eigenen politischen Vorstellungen möglichst umfangreich in der Regierungspolitik umzusetzen. Die kurzfristigen Ziele der Parteien können davon abweichen: etwa einen möglichst hohen Wähleranteil als Oppositionspartei zu erlangen, der aber nur der Vorbereitung eines späteren Übergangs als Regierungspartei dient. Solche kurzfristigen Ziele lassen wir bei unserer strategischen Betrachtung außer Acht.

Für jede der vier Kombinationen von Spielern und Strategien gibt es – in Bezug auf das Ziel des maximalen Regierungseinflusses – eine „Auszahlung“, die wir hier als Rangfolge ausdrücken. Der ungünstigsten Situation für einen Spieler geben wir den Rang 1 und der besten Situation den Rang 4. Dann ergeben sich (siehe Diagramm: Das Brandmauer-Spiel)

  • für die AfD: Wenn die AfD ihre Politik von derzeit „radikal“ auf „gemäßigt“ umstellt und das von der Union nicht durch eine Öffnung honoriert wird, ist das für die AfD am ungünstigsten (1). Wenn die Brandmauer bestehen bleibt, ist es besser, radikal zu bleiben und sich als Opposition zu profilieren (2). Die Öffnung der Brandmauer ist für die AfD in jedem Fall besser, auch wenn sie die Option einer „gemäßigten“ Politik nicht wahrnimmt (3). Am besten ist es für die AfD – unter der gegebenen Zielsetzung maximaler Regierungseinfluss – jedoch, sich mit einer „gemäßigten“ Politik an einer Regierung mit einer geöffneten Union beteiligen zu können (4).
  • für die Union: Wenn die Union ihre Politik von derzeit „Brandmauer“ auf „Öffnung“ umstellt und das von der AfD nicht durch eine politische Mäßigung honoriert wird, ist das für die Union am ungünstigsten (1). Wenn die AfD radikal bleibt, ist es besser, die Brandmauer aufrecht zu erhalten und sich als staatstragende Partei zu profilieren (2). Eine gemäßigte Politik der AfD ist für die Union in jedem Fall besser, auch wenn sie die Option einer „Öffnung“ nicht wahrnimmt (3). Am besten ist es für die Union jedoch, nach einer „Öffnung“ ihre politischen Vorstellungen mithilfe einer gemäßigten AfD im Regierungshandeln umsetzen zu können (4).
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Es ist eindeutig, dass die Situation mit „gemäßigter“ AfD-Politik und „Öffnung“ der Union diejenige Situation ist, in der sich kein „Spieler“ durch eine Veränderung seiner Strategie verbessern kann. Diese Situation wird als Nash-Gleichgewicht bezeichnet.

Unsicherheiten bei Strategiewechsel

Die Existenz eines Nash-Gleichgewichts bedeutet jedoch nicht notwendig, dass es sich auch einstellt. Beiden Spielern werden Strategiewechsel – von „radikal“ zu „gemäßigt“ bzw. von „Brandmauer“ zu „Öffnung“ – abverlangt, die mit Unsicherheiten belegt sind:

Die AfD könnte bei einer Mäßigung ihrer Politik befürchten, Wähler am rechten Rand und aus ihrem radikalisiertem Protestwählerpotential zu verlieren. Die Etablierung einer Partei rechts von der AfD ist jedoch unwahrscheinlich. Auf der anderen Seite könnte die AfD darauf rechnen, für oder SPD-Wähler wählbar zu werden. Aber warum sollten sich Unions-Wähler zur AfD bewegen, wenn sich die Union der AfD geöffnet hat? Und bei noch 15 Prozent SPD-Wähleranteil ist das Abtrünnigen-Potential für die AfD hier wohl ausgeschöpft. Beide Effekte sind als gering einzuschätzen, und der Netto-Effekt dürfte für die AfD unbedeutend sein.

Die Union könnte bei einer Öffnung zur AfD befürchten, Wähler an die SPD oder an die Grünen zu verlieren. Auch dieser Effekt sollte nicht überschätzt werden, denn die linken Parteien SPD, Grüne, Linkspartei und BSW haben ihr Potential mit ca. 40 Prozent ausgeschöpft; Veränderungen finden eher innerhalb des linken Lagers statt. Auf der anderen Seite könnte die Union darauf rechnen, AfD-Wähler zurückzugewinnen, die die „radikale“ AfD nur mangels Alternativen gewählt haben und die sich bei einem Politikwechsel wieder der Union zuwenden. 

Auch für die Union ist der Netto-Effekt vermutlich gering, aber die Unsicherheiten eines Strategiewechsels sind für die Union größer als für die AfD, weshalb sich die Union damit schwerer tun würde als die AfD. Man muss sich jedoch einen Strategiewechsel nicht als disruptiv vorstellen, sondern als einen inkrementellen Prozess, in dem die bisherigen Wähler mitgenommen werden. Das wäre auf beiden Seiten so, bei der Union wie bei der AfD.

Voraussetzungen für einen Strategiewechsel

Das ermittelte Spielergebnis bzw. die ermittelten „Auszahlungen“ im Nash-Modell hängen von ein paar Voraussetzungen ab, deren Plausibilität wir überprüfen wollen:

  1. Es reicht bei allen Unsicherheiten auch nach Strategiewechseln beider Seiten immer noch zu einer parlamentarischen Mehrheit für Union und AfD

Diese Voraussetzung scheint gegeben zu sein. Nach den in den letzten Wochen recht stabilen Umfragewerten auf Bundesebene erreichen Union und AfD zusammen 50 Prozent der Stimmen (Durchschnitt von INSA und Forsa, 24.02.2026). Nach Abzug der unter die Fünfprozent-Klausel fallenden Stimmen (einschließlich FDP und BSW) von insgesamt 12,25 Prozent, reicht es ab rund 44 Prozent der Wählerstimmen für eine parlamentarische Mehrheit. Union und AfD müssten also gegenüber den derzeitigen Umfragewerten zusammen mehr als sechs Prozent verlieren, damit es nicht mehr zu einer parlamentarischen Mehrheit reicht.

  • Es reicht in keinem Fall zu einer parlamentarischen Mehrheit einer Linkskoalition von SPD, Grünen und Linkspartei

Diese drei linken Parteien kommen nach den unter 1. zitierten Umfragewerten auf 37,25 Prozent und müssten um 6,75 Prozentpunkte zulegen, um auf die für eine parlamentarische Mehrheit errechneten 44 Prozent der Wählerstimmen zu kommen. Das ist unwahrscheinlich.

  • Beiden Parteien, BSW und FDP, gelingt nicht wieder der Einzug in den Bundestag.

Beide Parteien werden in stabilen Umfragen der letzten Wochen mit Werten von 3,0 oder 3,5 Prozent angegeben.

  • Wenn die Union nicht mit der AfD koaliert oder sich von der AfD tolerieren lässt, ist eine Dreier-Koalition von Union, SPD und Grünen wahrscheinlicher als eine Koalition von Union und SPD mit der Folge, dass die Union ihre politischen Vorstellungen mit einer „gemäßigten“ AfD nicht schlechter umsetzen kann als mit einer Dreier-Koalition. 

Union und SPD erreichen nach den zitierten Umfragewerten zusammen 40,25 Prozent. Die Überwindung der Differenz von 3,75 Prozent zu 44 Prozent ist zwar nicht ausgeschlossen, jedoch sehr unsicher. Die Union hätte sowohl in einer schwarz-rot-grünen „Kenia-Koalition“ als auch in einer Koalition mit der AfD annähernd das gleiche Gewicht wie ihre Koalitionspartner. Es kommt dann also sehr auf die programmatische Übereinstimmung an.

Was ist eine „gemäßigte“ AfD-Politik?

Während klar ist, was ein Wechsel von „Brandmauer“ zu „Öffnung“ ist, sind ein paar, hier nicht ausbuchstabierte Anmerkungen erforderlich, was eine „gemäßigte“ AfD-Politik inhaltlich bedeutet, die wir als „für die Union koalitionsfähig“ definiert haben:

  1. Die AfD muss ihre russlandfreundliche, im Ergebnis landesverräterische Haltung ablegen und sich klar zu einer Bündnisverteidigung im Rahmen der NATO oder in einem sich ggf. bildenden europäischen Verteidigungsbündnis bekennen. 
  2. Die AfD muss sich zu einer Politik der europäischen Einigung im Rahmen der EU bekennen, wobei der AfD durchaus zuzubilligen ist, dass es in der EU Reformbedarf gibt, etwa bei der Kompetenzabgrenzung zwischen europäischer und nationaler Ebene.
  3. Die AfD und ihre Sprecher müssen sich von dem verfassungswidrigen völkischen Volks- bzw. Deutschen-Begrifftrennen, der zwar nicht offizielle AfD-Programmatik ist, aber in den Reihen der AfD immer wieder toleriert wird. Auf der anderen Seite muss die Union darüber nachdenken, ob das Asylrecht in unserer Zeit das immer noch massenhaft gewährt werden muss. (Zweifel daran, ob die AfD überhaupt verfassungswidrig ist, sind durch die Kölner Verwaltungsgerichtsentscheidung vom 26. Februar 2026 erneut genährt worden.[1]
  4. Die AfD muss ihre wirtschafts- und sozialpolitische Programmatik so klären, dass aufseiten der Union überhaupt eine inhaltliche Motivation entsteht, mit der AfD eine Koalition einzugehen.[2]Dazu gehören eine unternehmensorientierte Wirtschaftspolitik, die zu Wettbewerbsfähigkeit und Investitionen führt, sowie eine an der demographischen Entwicklung orientierte Sozialpolitik, die den Bundeshaushalt nicht stärker als notwendig belastet.
  5. Die AfD muss das Vertrauen der Union dafür gewinnen, dass sie nicht wie die PiS-Regierung in Polen, Orban in Ungarn oder Trump in den USA eine Politik gegen Öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Justiz und andere Institutionen der Demokratie betreibt, um sich dieser zu bemächtigen. Dieses Vertrauen zu gewinnen, wird für die AfD die höchste Hürde einer Politik der Mäßigung darstellten. Voraussetzung dafür dürfte aber auf der anderen Seite ein Ende der Ausgrenzungen sein, etwa AfD-Vertreter nicht in parlamentarische Gremien zu wählen.

Die neue Mitte liegt zwischen Union und AfD

Nach dem bekannten Downs-Theorem aus der Ökonomischen Theorie der Politik werden in einem eingipflig verteilten Wählerspektrum Wahlen in der Mitte gewonnen. Man kann die Veränderung der deutschen Parteienlandschaft trotz der Wählerzunahme am rechten Rand nicht als zweigipflig, sondern als scheinbare Rechtsverschiebung eines eingipfligen Spektrums interpretieren.[3]Dann liegt die Mitte nicht mehr zwischen den bürgerlichen Parteien Union und FDP und den linken Parteien SPD, Grüne und Linkspartei, sondern zwischen den von der AfD als „Altparteien“ bezeichneten Parteien und der Alternative dazu, der AfD. Mit dem Downs-Theorem kommt man also zum selben Ergebnis wie über das Nash-Gleichgewicht: Union und AfD müssen aufeinander zugehen, um jede für sich das Optimum zu erreichen.

Die Union könnte durch eine Öffnung zu einer gemäßigten AfD noch einen weiteren strategischen Vorteil erlangen. Sie könnte sich in der Mitte zwischen gemäßigter AfD und linken Parteien den Koalitionspartner aussuchen und die möglichen Partner gegeneinander ausspielen, um ihre politischen Vorstellungen in einer Regierung umzusetzen. Dazu muss die Union aber in dem nach rechts verschobenen Wählerspektrum von links in die Mitte rücken.Ein Strategiewechsel ist wie erwähnt nicht als disruptiv sondern allenfalls als inkrementell zu erwarten. Der Wechsel muss auch nicht von den derzeitigen Führungspersönlichkeiten vollzogen werden, die sich öffentlich anders festgelegt haben. Aber beide Seiten sind gut beraten, wenn ihre strategischen Köpfe die jeweiligen Strategiewechsel ausbuchstabieren und sich einander – wenn auch indirekte oder verdeckte – Signale nach dem Motto zusenden: „Wenn ihr euch mäßigt, öffnen wir uns.“ bzw. „Wenn ihr euch öffnet, 


[1]   Siehe auch: Jan Thieme, Die AfD verbieten? Oder endlich mal bekämpfen? diskurs-hamburg D54-3.

[2]   Genau das hat Beatrix von Storch Anfang Juli 2025 in ihrem der AfD-Bundestagsfraktion vorgelegten Strategiepapier Deutschland politisch gestalten – Das Ende der Brandmauer und der Weg in die Regierungsverantwortung mit der „Wirtschaftswende“ gefordert, vgl. Jan Thieme, Die neue AfD-Strategie. Erfolgsaussichten und Gegenstrategie. diskurs-hamburg D57-2.

[3]   Ebenda. Die Rechtsverschiebung des Wählerspektrums ist scheinbar und bleibt eingipflig, weil nicht die Wähler nach rechts gewandert sind, sondern die Union unter Angela Merkel ist nach links gewandert und hat Positionen rechts für die AfD geräumt..

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN