Das Wort als Medikament – in der Medizin wie in der Politik

von Diskurs Hamburg

Hermann Uhlig[1]

Der Beitrag im PDF-Format findet sich hier.

Es gibt gute, schlechte, wirkungslose Medizin und das Placebo- oder Noceboprinzip. Placebo bedeutet „ich werde gefallen“, Nocebo bedeutet „ich werde schaden“. Wann setzt man Medikamente ein? Wenn es einen Grund, eine Krankheit, schließlich eine Diagnose, also eine Indikation gibt.

Zur Diagnose gelangt man über die Vorgeschichte, den Befund und u.a. oft bildgebende Verfahren. Wenn dieses Vorgehen ordentlich stattfindet, wird man über die qualitätsgerechte Diagnose zur indikationsgerechten Therapie, also dem ordentlichen Einsatz von Medikamenten kommen. Und Medikamente sind in dieser Logik dann nicht nur definierte chemische Stoffe, sondern z.B. auch Operationen bzw. nichtoperative Therapien und immer (!) Worte, gesprochen – oder nicht. Und wenn man will, kann man im Einzelfall über das gesprochene Wort mit einer an sich wirkungslosen Substanz einen positiven, also Placeboeffekt erzeugen. Immer gilt der Grundsatz „primum non nocere, secundum cavere, tertium sanare“ –  „Erstens nicht schaden, zweitens vorsichtig sein, drittens heilen“ – also es niemals zu einem Noceboeffekt kommen zu lassen. Am Ende heißt es, den Verlauf zu beobachten, zu kommunizieren, zu dokumentieren und schließlich einen Bericht – auch wieder in Worten (!) – zu verfassen.

Diese Logik einer evidenzbasierten ((!), Vergleich s.u.)) Medizin lässt sich durchaus in die Politik übertragen. Aktuell sehr prägend ausgedrückt findet sich dazu ein Artikel aus der „WirtschaftsWoche“ Nr.33 vom 9.8.2024 auf den Seiten 42 und 43: Dieter Schnaas, Autor und Textchef der „WirtschaftsWoche“ mit „Tugend und Pflicht: sagen, was ist – Wir reden von „Gefangenenaustausch“, „Wahlen in Iran“ und „Sterben in der Ukraine“ – und genügen der „Zeitenwende“ damit nicht mal mehr rhetorisch“

Da leider am besten der Originaltext – sofern noch nicht gelesen – hier wegen des Copyrights nicht dargestellt werden kann, folgen einige Schlaglichter. Zitat des ersten Absatzes:

In außenpolitisch heiklen Zeiten, in denen die Demokratien angegriffen werden und ein offen befehdetes Deutschland in Europa sich seiner ideellen Werte und moralischen Grundlagen vergewissern muss, ist sprachliche Präzision gefragt. Das fängt damit an, nicht von einem „Ukrainekrieg“ zu sprechen, es sei denn, man wolle ausdrücken, das Land befehde sich selbst, als habe Russland, der Aggressor, nichts damit zu tun. Und das hört noch lange nicht auf damit, ein Positionspapier Chinas als „Friedensplan“ zu bezeichnen – es sei denn, man wollte leugnen, dass China die Invasion der Ukraine als Präventivschlag Russlands gegen die Nato rechtfertigt und Wladimir Putin zur Seite steht bei seinem Vorhaben, die internationale Rechtsordnung zu schleifen.“                                                                                                                                                              

Und so setzt sich mit Worten sezierend der Artikel in starken Gegenüberstellungen fort. Dazu diese Anmerkungen in Kurzform:

–Xi Jinping ein „Staatspräsident“ oder ein „Generalsekretär der Kommunistischen Partei“ mit der Machtfülle eines Paramount Leaders.

–„Wahlen“ in der Islamischen Republik Iran mit der enttäuschten Erwartung an einen     „reformorientierten“ Peseschkian, der schließlich den Hamas-Führer Hanija herzte und zusammen mit den Theokraten auch künftig die Vernichtung Israels und die Ermordung aller Juden vorbereitet.

–„Gefangenenaustausch“ oder „Geisel gegen Mörder“ bzw. „Journalist gegen Killer“ – die Asymmetrie zwischen Rechtsstaat und Unrechtsstaat, zwischen Demokratie und Diktatur,     zwischen Regierung und Regime – eine Selbstverwahrlosung Russlands, die nicht einmal mehr die sonderbegabte Demagogin Sahra Wagenknecht beschönigen kann.

Weiteres Zitat: „BEGRIFFLICHES EIN-VERSTÄNDNIS“ –

Auch dazu Anmerkungen in Kurzform:

–Findung eines gemeinsamen (Sprach-) Grundes, damit es den Polites gelingt und freien Menschen erlaubt, über die res publica zu streiten, kraft Evidenz ((!), Text s.o.)), Argument und Überzeugung, da sonst Populisten und Demagogen Gelegenheit gegeben wird, den Raum der Selbstverständigung zu schrumpfen, Schlagworte zu verwenden und einen großen Teil der Wirklichkeit auszublenden, z.B. mit Viertelwahrheiten und Narrativen.

–Volksverführer fabrizieren exklusive Gemeinschaftsgefühle mit Affektbewirtschaftung, sie wollen nicht reden, streiten, argumentieren, sondern verführen, hassen, spalten.   „Coronadiktatur“ und „Heizungsstasi“ sind nicht Kritik an Angela Merkel und Robert Habeck, sondern Verniedlichung Erich Honeckers und des MfS, eine Verhöhnung der politischen Häftlinge der DDR mit Abschaffung der Agora (demokratischer Begriff aus dem antiken Griechenland).

–Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat die Populisten gestärkt, eine schwere Niederlage für die deutsche Demokratie, weil die „Zeitenwende“ von Bundeskanzler Scholz und Bundespräsident Steinmeier nie ausbuchstabiert wurde, sondern Angstrhetorik, verschämte Verortung von Eskalationsrisiken, permanente Kommunikation roter Linien und zögerliche Waffenlieferungen dominierten.

–Damit ist Kiew in ein verlustreiches Patt geraten und durch den beschriebenen Kleinmut kam es zum Aufstieg des Sozialchauvinismus a la AfD und BSW, so bereiten Mützenichs und Stegners den Weidels und Wagenknechts den Weg – Agenten eines wachsenden Kriegsrisikos in Europa und Sargträger der internationalen Rechtsordnung mit der Bereitschaft, Teile der Ukraine an Putin auszuliefern und eben den „großen Krieg“ in Europa nicht zu vermeiden.

Fazit am Ende des Artikels:

„Das alles deutet nicht nur auf eine politische, sondern auch auf eine sprachliche Realitätsflucht hin: Deutschland vermag seinen politischen und moralischen Selbstansprüchen nicht mehr zu genügen – sie nicht mal mehr zu benennen.“ Um am Anfang zu bleiben: Also zumindest schlechte Medizin bzw. sogar Erzeugung eines Noceboeffektes. Dem muss und kann man eine gute Medizin entgegenstellen!


[1]        Beitrag von Dr. Hermann Uhlig – Orthopäde im sog. „Unruhestand“

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN