Wladimir Putin und seine potentiellen Nachfolger

von Diskurs Hamburg

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In Abu Dhabi wird über Frieden gesprochen, während gleichzeitig Raketen einschlagen. Der scheinbare Widerspruch verweist weniger auf Täuschung als auf die Funktionsweise des Systems, in dem diese Verhandlungen stattfinden. Vertreter Russlands, der Ukraine und der Vereinigten Staaten sprachen mehrere Stunden über Waffenstillstandslinien, Austauschlisten, Kontrollmechanismen und technische Fragen der Überwachung. Beide Seiten entsandten hochrangige Militär- und Geheimdienstvertreter — ein deutlich höheres Niveau als bei früheren Gesprächsrunden, zu denen Moskau häufig niedrigere Delegationen geschickt hatte.

Die Stellungnahmen blieben vorsichtig optimistisch. Der ukrainische Verhandlungsführer Kyrylo Budanow sprach von „wirklich konstruktiven“ Gesprächen, der russische Unterhändler Kirill Dmitrijew bestätigte Fortschritte. Trumps Sondergesandter Steve Witkoff warnte zugleich vor verbleibenden Hürden. Ein greifbares Ergebnis gab es dennoch: Beide Seiten vereinbarten den Austausch von jeweils 157 Kriegsgefangenen.

Erstmals seit dem Amtsantritt von Präsident Trump vor einem Jahr setzte Washington den Verhandlern nun eine Frist. Die USA erwarten von Moskau und Kiew bis Juni eine Einigung über Friedensbedingungen. Als nächster Schritt sollen bald weitere Gespräche in den Vereinigten Staaten beginnen; als Austragungsort ist Miami im Gespräch.

Dass dieser Zeitplan eher ambitioniert als realistisch ist, zeigte sich noch in derselben Nacht: Russische Raketen trafen ukrainische Städte. Energieanlagen wurden getroffen, Wohngebäude beschädigt, Tote und Verletzte gemeldet. Russische Unterhändler erklärten später, nicht alle Einheiten hätten den Befehl rechtzeitig erhalten — eine Erklärung, die angesichts der hohen Vernetzungsdichte des russischen Militärs wie eine Provokation wirkt.

Es blieb nicht bei Einzelfällen. Im unmittelbaren Umfeld der Gespräche setzte Russland seine Luftangriffe fort. Kyjiw, Dnipro, Charkiw, Sumy und Odessa gerieten unter Beschuss durch Hunderte Drohnen und Dutzende Raketen, während die Temperaturen unter minus zwanzig Grad Celsius fielen. Zuvor hatte Moskau informell signalisiert, mehrere Tage auf Angriffe gegen große Städte verzichten zu wollen. Noch während darüber öffentlich diskutiert wurde, erklärte Kremlsprecher Dmitri Peskow, eine Pause könne allenfalls ein Wochenende dauern.

Die ukrainische Führung wertete dies bemerkenswerterweise nicht als Scheitern der Diplomatie, sondern als deren Begleiterscheinung. Außenminister Andrij Sybiha erklärte, weder Gespräche noch Zusagen gegenüber den Vereinigten Staaten hätten Russland je davon abgehalten, zivile Infrastruktur anzugreifen. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte offen, ein russischer Waffenstillstand bedeute häufig lediglich, Raketen zu sammeln und anschließend gezielt zuzuschlagen. Die Bevölkerung habe gelernt, diese Abfolge als vorhersehbar zu betrachten.

Gleichzeitig berichteten amerikanische und ukrainische Teilnehmer von einem veränderten Ton der Gespräche. Russische Vertreter arbeiteten detaillierter an technischen Fragen, Geheimdienstoffiziere konzentrierten sich stärker auf praktische Regelungen statt auf politische Grundsatzreden. Selbst skeptische Beobachter hielten die Gespräche erstmals für ernsthaft geführt. Gerade diese Kombination — ernsthafte Verhandlungen bei gleichzeitig ausgeweiteten Angriffen — verlangt nach einer Erklärung.

Tatsächlich lässt sich in den aktuellen Ereignissen eine wiederkehrende Sequenz erkennen. Seit 2014 zeigt sich dasselbe Muster: Minsk I, Minsk II, der Gefangenenaustausch vom September 2019, die Istanbuler Gespräche im März 2022, humanitäre Korridore im Frühjahr 2022, das Getreideabkommen im Juli 2022, Austauschabkommen 2023 — und nun Abu Dhabi. Auf jede Phase operativer Verständigung folgte eine militärische Eskalation.

Doch was steckt dahinter? Die gängige westliche Deutung lautet Täuschung: Moskau wolle nie Frieden, sondern Zeit gewinnen. Die Konstanz des Musters deutet jedoch auf etwas anderes hin. Russland verhandelt tatsächlich, allerdings innerhalb eines Systems, in dem Frieden politisch riskanter ist als die Fortsetzung des Krieges.

Die Fehleinschätzung beginnt beim Bild des russischen Präsidenten. In der westlichen Wahrnehmung erscheint Wladimir Putin als absolutistischer Autokrat, der frei entscheidet. Dieses Bild mag ausreichen, um die formale Befehlskette zu beschreiben; zur Erklärung der Dynamik innerhalb des russischen Machtapparats greift es jedoch zu kurz. Putins Macht ist stark personalisiert, doch personalisierte Macht bedeutet keine unbegrenzte Entscheidungsfreiheit. Sie bildet die Spitze eines Gleichgewichtssystems: Der Präsident steuert die Kräfteverhältnisse innerhalb eines Apparats, dessen Bestandteile nicht austauschbar sind.

Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass die russische Führung kein monolithischer Block ist. Sie besteht aus unterschiedlichen Funktionsgruppen mit teils gegensätzlichen Interessen, deren Einfluss weniger aus formalen Institutionen als aus ihrer Bedeutung für die Stabilität des Regimes erwächst. Der Kreml gleicht keiner Pyramide, sondern einem Gefüge konkurrierender Funktionen, in dem Macht aus Nähe, Funktion und persönlicher Verlässlichkeit entsteht. Diese Struktur ist entscheidend für die Frage, inwieweit sich Wladimir Putin mit Hardlinern arrangieren muss.

Den innersten Kreis bilden Personen aus der persönlichen Umgebung des Präsidenten. Ihre Macht liegt weniger in formalen Entscheidungen als darin, Zugang zu organisieren, Informationen zu filtern und Wahrnehmung zu strukturieren. Wer bestimmt, was Putin sieht, bestimmt indirekt, was als Bedrohung gilt — und damit, welche Entscheidungen überhaupt denkbar werden. Ein illustratives Beispiel für diese Wirkung bot die Coronakrise: Aus Angst vor einer Infektion schottete sich Putin systematisch ab. Davon profitierten jene, die weiterhin Zugang zu ihm hatten.

Zu diesem inneren Kreis zählen keine klassischen Politiker, sondern Funktions­träger: der Leiter der Präsidialadministration Anton Waino, Sprecher Dmitri Peskow, Mitarbeiter der Präsidialkanzlei und Adjutanten des Föderalen Schutzdienstes. Viele kennen Putin aus jahrelanger persönlicher Zusammenarbeit im Alltag; ihre Loyalität ist biographisch, nicht ideologisch. Der Präsident nutzt diese Umgebung zugleich als Kaderreservoir — mehrere ehemalige Leibwächter wurden später Gouverneure oder Minister. Die Gruppe liefert daher nicht primär Objektivität, sondern Vertrauen: nicht die Genauigkeit der Lage, sondern die Kohärenz der Wahrnehmung.

Die nächste Gruppe bilden ressourcenbasierte Unterstützer — staatsnahe Großunternehmen und wirtschaftliche Machtzentren. Dazu gehören Manager wie Igor Setschin (Rosneft), Alexei Miller (Gazprom), Sergej Tschemesow (Rostec) oder German Gref (Sberbank). Ihr Aufstieg geht oft auf frühe Zusammenarbeit mit Putin zurück; heute prägen funktionale Rollen das Verhältnis stärker als persönliche Nähe.

Sie sichern die materielle Stabilität des Systems: Haushaltsströme, Exporterlöse und strategische Industrien. Gerade deshalb bevorzugen sie berechenbare Rahmenbedingungen — Sanktionen, Kriegsfinanzierung und Isolation treffen ihre Interessen unmittelbar. Ihr Verhältnis zum Präsidenten bleibt loyal, aber nicht symbiotisch; zunehmend treten sie als Bittsteller gegenüber dem Staat auf. Putin nutzt ihre Ressourcen, vertraut ihnen jedoch weniger als früher, weil Unternehmensinteressen nicht immer mit geopolitischen Zielen übereinstimmen.

Drittens existiert eine administrative Stabilisierungsgruppe — Staatsmanager und politische Vertraute aus Putins früherer Karriere, etwa Dmitri Medwedew, Alexei Kudrin oder Dmitri Kosak. Sie kennen den Präsidenten seit Jahrzehnten und genießen biographisches Vertrauen, besitzen jedoch schwindende operative Bedeutung. Ihre Funktion besteht darin, institutionelle Kontinuität zu sichern, Übergänge zu organisieren und Konflikte innerhalb der Elite zu moderieren. Gerade deshalb werden sie zunehmend aus operativen Machtpositionen herausgelöst: Sie bleiben in der Nähe des Präsidenten, ohne den Kurs zu bestimmen.

Die vierte Gruppe bilden politische Technokraten. Ihre Stellung verdanken sie weniger persönlicher Nähe als nachweisbarer Leistungsfähigkeit — etwa Sergej Kirijenko (Innenpolitik), Sergej Lawrow (Außenpolitik), Sergej Schoigu (Militär), Anton Siluanow (Haushalt) oder Elwira Nabiullina (Zentralbank). Diese Akteure stellen die operative Funktionselite des Systems.

Ihr Verhältnis zu Putin beruht auf Zuverlässigkeit. Sie handeln, solange sie Ergebnisse liefern, und verlieren Einfluss, sobald ihre Funktion entfällt. Der Präsident bevorzugt sie zunehmend gegenüber alten Weggefährten: Sie besitzen selten eine eigene Agenda, widersprechen kaum und stabilisieren die Entscheidungsfähigkeit. Das System wird dadurch weniger personalistisch, zugleich stärker funktional abhängig.

Schließlich existiert eine fünfte Gruppe — die Hardliner im Sicherheitsapparat. Ihr Einfluss speist sich weniger aus unmittelbaren Gewaltmitteln als aus der Definition von Bedrohung. Zu ihr gehören Sicherheitsratssekretär Nikolai Patruschew, Auslandsgeheimdienstchef Sergei Naryschkin, Ermittlungschef Alexander Bastrykin oder Rosgwardija-Chef Viktor Solotow.

Diese Gruppe verbindet den Präsidenten am stärksten mit seiner Herkunft aus den Sicherheitsorganen. Ihr Verhältnis zu Putin ist nicht nur loyal, sondern weltanschaulich kompatibel. Sie liefern keine Verwaltung und keine Ressourcen, sondern Deutung: die Interpretation der Wirklichkeit als permanenter Konfliktzustand. Dadurch bestimmen sie den Rahmen dessen, was politisch als notwendig erscheint. Ihre Macht liegt darin, Risiken zu definieren. Während andere Gruppen Stabilität verwalten, erzeugt diese Fraktion die Legitimation für Ausnahmezustände — und gewinnt deshalb in Phasen äußerer Konfrontation systematisch an Gewicht. Zentrales Instrument dieser Deutung ist der Inlandsgeheimdienst FSB.

Anders als westliche Nachrichtendienste ist er kein beobachtendes Organ neben Staat und Regierung, sondern ein strukturbildendes Machtzentrum innerhalb dieses Gleichgewichtssystems. Er vereint Funktionen, die in anderen Staaten getrennt wären: Ermittlungsbehörde, politischer Sicherheitsdienst, wirtschaftliche Kontrollinstanz und innerstaatlicher Nachrichtendienst zugleich. Strafverfahren können Eigentumsverhältnisse verändern, Ermittlungen Karrieren beenden, Sicherheitsbewertungen politische Entscheidungen verhindern.

Bereits in der Sowjetunion bildete der KGB die zentrale Säule der Hardliner. Dieses Erbe integrierte Putin in seine Machtarchitektur. Mit ihm geriet nicht nur ein ehemaliger Geheimdienstoffizier an die Spitze des Staates; auch der FSB gewann strukturell an Gewicht. Der Präsident erhält seine Lagebilder nicht allein über den Behördenleiter, sondern über mehrere direkte Kommunikationskanäle aus unterschiedlichen Einheiten des Dienstes. So entsteht ein mehrstufiges Informationssystem, in dem rivalisierende Gruppen konkurrierende Wirklichkeitsbeschreibungen liefern.

Politik basiert damit auf der Auswahl zwischen Bedrohungsdefinitionen: Wer den Gefahrenrahmen setzt, bestimmt den Handlungsspielraum. Der formale Entscheider wird zum Schiedsrichter eines Apparats, dessen Wahrnehmungen er selbst nicht vollständig überblickt.

Seit den 2000er-Jahren hat der Dienst schrittweise andere Institutionen überlagert. Ermittlungsbehörden, Staatsanwaltschaft, Innenministerium und Teile der Justiz wurden faktisch abhängig — damit wuchs nicht nur Putins Macht, sondern auch der Einfluss des Geheimdienstes. Wirtschaftliche Konflikte werden über Strafverfahren geregelt, politische Rivalitäten über Ermittlungen ausgetragen, Eigentumsfragen über Sicherheitsbewertungen entschieden. Außenpolitik erscheint so als Fortsetzung innerer Sicherheitsprozesse, militärisches Handeln als operative Umsetzung interner Lagebilder, Diplomatie als Regulierung ihrer Folgen nach außen.

Ein Waffenstillstand würde diese Struktur verändern. Er erzwingt eine eindeutige Lagebewertung, also die Entscheidung, welche Bedrohungsdefinition gilt. Solange der Krieg andauert, können widersprüchliche Einschätzungen parallel bestehen. Frieden hingegen würde eine davon delegitimieren und damit ein inneres Machtgleichgewicht auflösen.

Damit erklärt sich das Paradox der Verhandlungen: Gespräche sind möglich, weil sie das Gleichgewicht nicht festlegen. Begrenzte Vereinbarungen funktionieren, weil sie reversibel bleiben. Ein stabiler Frieden würde die innere Struktur entscheiden, deshalb entsteht während ernsthafter Gespräche zugleich militärischer Druck.

Der Krieg stärkt den Sicherheitsapparat unmittelbar. Seit der Invasion 2022 stieg der Militärhaushalt deutlich, zugleich erhielten Sicherheitsorgane erweiterte Kompetenzen. Andere Elitegruppen verlieren dagegen: Staatsunternehmen verzeichnen Gewinneinbrüche, wirtschaftspolitische Technokraten stabilisieren die Wirtschaft unter Sanktionen. Es entsteht eine asymmetrische Anreizstruktur: Frieden nützt Teilen der Wirtschaft, bedroht jedoch die Funktion des Sicherheitslagers. Der Krieg hat dessen Einfluss auf Politik und Wirtschaft auf ein zuvor unerreichtes Niveau gehoben; ein Machtverlust liegt daher nicht in seinem Interesse.

Präsident Putin kann diese Gruppen nicht austauschen, ohne die Balance des Systems zu gefährden. Ein dauerhafter Frieden würde festlegen, welche Bedrohungsdiagnose falsch war und damit Gewinner und Verlierer bestimmen. Der Konfliktzustand erlaubt dagegen parallele Wirklichkeiten und stabilisiert die Eliteordnung. 

Vor diesem Hintergrund widersprechen sich Verhandlungen und Angriffe nicht. Gespräche bedienen jene Teile des Systems, die Berechenbarkeit benötigen; militärischer Druck stabilisiert jene, deren Macht aus Bedrohung erwächst. So wird auch die Episode von Abu Dhabi erklärbar: Während Diplomatie reguliert, hält militärische Gewalt den Ausnahmezustand aufrecht. 

Dass russische Unterhändler erklären, Einheiten hätten Befehle zu spät erhalten, passt in dieses Bild eines fragmentierten Entscheidungsapparats. Autorität ist zentralisiert, die Ausführung verteilt — Generalstab, Teilstreitkräfte, regionale Kommandos und Sicherheitsorgane verfügen über eigene operative Ebenen. Die Folge ist ein charakteristisches Muster: Begrenzte Vereinbarungen funktionieren, umfassende Friedensregelungen scheitern. 

Bereits 1947 beschrieb George F. Kennan diese Logik, indem er darauf hinwies, dass die Organe der Unterdrückung, in denen die sowjetische Führung Sicherheit vor rivalisierenden Kräften gesucht hatte, zu den Herren derjenigen geworden seien, denen sie eigentlich dienen sollten.

Diese Einsicht gilt bis heute. Der Krieg erscheint damit nicht als irrationaler Widerspruch zur Diplomatie, sondern als Bedingung ihrer Möglichkeit. Vor diesem Hintergrund verhandelt in Abu Dhabi nicht ein einheitlicher Staat mit klar definierten Interessen. Sichtbar wird vielmehr die Handlungslogik eines Systems, in dem die Bedrohungswahrnehmung des Sicherheitsapparats den politischen Handlungsspielraum bestimmt. Wladimir Putin wird demnach nicht von Hardlinern getrieben, er balanciert zwischen ihnen — und stabilisiert damit ein System, das Konflikt nicht nur führt, sondern benötigt.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN