Wie besiegt man einen Tyrannen? Ferdinand von Schirach erzählt ein modernes Märchen

von Diskurs Hamburg

Der Beitrag im PDF-Format findet sich hier.

Der deutsche Bestsellerautor Ferdinand von Schirach hat sich in seinen Büchern öfter auch mit ethisch-gesellschaftlichen Themen beschäftigt. So stellte er in seinem Theaterstück „Terror“, das lange Zeit auch im Hamburger Schauspielhaus gespielt wurde, die Frage, ob die Menschewürde teilbar ist: Darf ein Flugzeug, in dem 164 Passagiere sitzen, abgeschossen werden, um das Leben von 70 000 Menschen zu retten, die sich in einem Stadion befinden und von Terroristen, die das Flugzeug gekapert haben, getötet werden sollen? Ist die Menschenwürde von 70 000 Menschen mehr wert als die von 164 Menschen?

In dem 2026 erschienen Märchen „Alexander“ geht es auch um das Thema Menschenwürde.[1] Ein Tyrann hat in der fiktiven Stadt Kaliste einen Krieg gegen eine andere Stadt begonnen und Alexander seinen Vater genommen. Nun droht Kaliste erneut ein Krieg, wenn es dort wieder einen Tyrannen geben sollte. Der Junge Alexander wird deshalb von den Bewohnern ausgewählt, sich auf den Weg in die Hauptstadt zu machen und herauszufinden, ob man durch gerechte Gesetze einen neuen Tyrannen und einen neuen Krieg verhindern kann. Das Buch ist also eine „kleine Lehrstunde“ zum Thema Demokratie für Kinder, denn es beschreibt die Grundwerte unserer Demokratie wie Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde und ist aus meiner Sicht wirkmächtiger als so manches Demokratieprojekt. Doch, was hat ein solches Märchen, mit uns Erwachsenen und der komplizierten Weltlage zu tun?

Man sollte meinen, dass die Tyrannen, zumindest in westlichen demokratischen Staaten, ausgestorben sind. Wer davon ausgeht, wird durch Donald Trump eines Besseren belehrt. Da wird ein Immobilienmakler 2025 zum zweiten Mal Präsident der Vereinigten Staaten und hebelt in nur einem Jahr die 250 Jahre alte Demokratie in den USA aus: die Menschenwürde gilt nicht für Einwanderer, Wissenschaftsfreiheit gilt nicht für kritische Universitäten, die das Selberdenken lehren und die Meinungsfreiheit ist nur willkommen, wenn sie Donald Trump schmeichelt. Dies musste auch Friedrich Merz erleben, der dem Präsidenten erst schmeichelte, um ihn für die Ukraine an Bord zu halten, aber mit seiner Kritik am Iran-Krieg aneckte und nun mit dem Truppenabzug aus Deutschland und keinen Mittelstreckenraketen zur Abschreckung gegen Russland bestraft wird. Wann, so fragt man sich, wächst der Widerstand in den USA?

In Ferdinand von Schirachs Buch gelingt es durch den Mut des kleinen Alexander, einen neuen Tyrannen in Kaliste zu verhindern. Doch wo sind die Mutigen in den USA? JD Vance und Marco Rubio, die Macht und Einfluss auf den Präsidenten hätten, belauern sich gegenseitig, wer wohl den ersten Fehler macht und dann die Kandidatur um die nächste Präsidentschaft verspielt. Ob Donald Trump nicht selbst noch einmal antreten will und dafür die Verfassung aushebelt, steht zurzeit in den Sternen. Der Kongress wehrt sich auch nach 60 Tagen Iran-Krieg nicht dagegen, über die Weiterführung des Krieges mitbestimmen zu dürfen, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Man hat den Eindruck, dass die Republikaner Donald Trump nicht widersprechen, obwohl sie die Macht dazu hätten. Und auch die Demokraten wirken wie gelähmt und widmen sich lieber der Selbstvergewisserung. Da denkt Kamela Harris laut darüber nach, ob sie bei den nächsten Präsidentschaftswahlen noch einmal antreten sollte, obwohl u.a. ihre Überzeugungskraft und Ausstrahlung bei den Wählerinnen und Wählern nicht angekommen sind, was der Geheimbericht, den die Demokraten erst nicht veröffentlichen wollten, klar und deutlich formuliert. Wann, so frage ich mich, versammeln sich die Demokraten endlich hinter Gavin Newsom, um frühzeitig einen Anti-Trump aufzubauen. Die Menschen in Kaliste haben sich übrigens hinter Alexander gestellt, der den fremden Tyrannen überzeugen konnte, Kaliste nicht anzugreifen und von den Bewohnern dabei unterstützt wurde. Und was passiert im Buch mit den Tyrannen? Einer von ihnen muss in der Badewanne sitzen und Schaum schlagen, zum Gespött der Leute. Dies ist bei Donald Trump gar nicht nötig. Denn der stellt sich öffentlich hin, wie die Heute-Show im ZDF zu berichten wusste, und erklärt, dass er der einzige Präsident der USA sei, bei dem ein kognitiver Test durchgeführt wurde. Und den hätte er bestanden, denn er sei in der Lage gewesen, verschiedene Tiere zu unterscheiden. Bei verschiedenen Staaten fällt ihm das offensichtlich schwerer, denn da werden Länder wie Kuba und Venezuela auf der Landkarte des Weißen Hauses schon mal mit der amerikanischen Flagge versehen, sozusagen als Geschenk für die 250-Jahr-Feier der Vereinigten Staaten. Denn bisher hat es mit Grönland noch nicht geklappt, obwohl Trump jetzt auf True Social ein wahrscheinlich mit KI erstelltes Foto gepostet hat, das ihn in Überlebensgröße auf einem Berg zeigt, von dem er auf die bunten Häuser Grönlands herunterschaut. Wenn das kein böses Omen ist!

Nach meiner Ansicht sollte das Buch „Alexander“ von Ferdinand von Schirach so schnell wie möglich ins Englische übersetzt werden, damit die Mutigen in den USA ermutigt werden, gegen Donald Trump Widerstand zu leisten. Noch ist es nicht zu spät, aber die Rettung der Demokratie duldet keinen Aufschub. Das ist in dem Märchen so und auch in der Realität.


[1]      Ferdinand von Schirach: Alexander. München: Penguin JUNIOR 2026.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN