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1 Einleitung
Die Nutzung von Social-Media (primär über Smartphones) gehört inzwischen zu den meist konsumierten Medien in Deutschland und anderswo. Dies hat für die Nutzer zahlreiche Vorteile, bringt aber gegebenenfalls auch einige Nachteile mit sich, deren sich viele Nutzer aber nicht immer hinreichend bewusst sind. Wegen Letzterem werden in einigen Ländern die Nutzungen von Social Media (oder gleich von Smartphones) für Kinder und Jugendliche unterhalb eines bestimmten Alters und/oder in bestimmten Kontexten (z.B. in der Schule) inzwischen eingeschränkt oder verboten. Auch mehrere EU-Staaten (vor allem Frankreich, Spanien, Griechenland, Österreich) haben schon angekündigt, ein Social Media-Verbot für Minderjährige bis zu einem bestimmten Alter einzuführen.
Grundsätzlich gibt es dabei mindestens zwei Kernprobleme, die im ersten Absatz bereits angeklungen sind.
Erstens : Ambivalenz von Social Media
Einerseits handelt es sich um komfortable Kommunikationsmittel, die die Nutzer jederzeit bei sich tragen und verfügbar haben können. Ein Handy ermöglicht die Nutzung von wertvollen Diensten (Telefonieren, E-mails, Informationsbeschaffung verschiedener Art, Navigation und zahlreiche weitere, wie eben auch die Nutzung von Social-Media), die im Vergleich mit der Vor-Smartphone-Zeit einen deutlichen Zuwachs an Informations- und Kommunikations-Möglichkeiten und Lebensqualität mit sich bringen.
Andererseits bringt es für einen Teil der Kinder und Jugendlichen und deren Schulbildung und Sozialisation zu „denkenden Menschen“ Risiken mit sich, die mit Zeitvergeudung, Handy-Sucht, Verdummung, unkontrollierte Beeinflussung, Psychostress, kriminelle Anbahnungen etc. beschrieben werden können.
Zweitens : Staatlicher Regulierungsbedarf ?
Da solche Probleme und Risiken für einen Teil der Kinder und Jugendlichen bestehen, stellt sich die Frage, ob zu deren Verhinderung oder Minderung wirklich der Staat (in Form von Verboten oder Regulierungen) gefordert ist, oder ob es sich um eine Aufgabe der jeweiligen Erziehungsberechtigten handelt. Von diesen sind allerdings viele unkundig und/oder naiv, weil zu deren eigener Jugendzeit die genannten Techniken und Medien noch gar nicht exististierten und sowohl deren Vorteile als auch deren potentiellen Nachteile entsprechend unbekannt waren. In vielen Fällen sind die Jugendlichen auf den fraglichen Feldern auch viel kompetenter als ihre Eltern und können deren Vorgaben gegebenenfalls leicht austricksen.
Gerade auch wegen dieses Informationsmangels sind viele Eltern froh, dass der Staat für sie durch Regeln Probleme löst, die sie selbst kaum zu erkennen in der Lage sind. Staatliche Regulierungen sind für eine Familie exogene Vorschriften, die gegenüber den Kids nicht detailliert begründet werden müssen. Dies ist insbesondere dann für problembewusste und „mutige“ Eltern (familiäre Restriktionen schaffen Distanz, Diskriminierungsgefühle etc.) wertvoll, wenn die anderen Jugendlichen in ihren sozialen Bezugsgruppen (Klassen, Vereine etc.) solchen Restriktionen nicht in ähnlicher Weise unterliegen, so dass das eigene Kind sich benachteiligt fühlt und entsprechende Reaktionen erlebt. Dies hat starke soziale und bildungsmäßige Komponenten.
Da viele potentielle Regeln in diesem Kontext grundsätzlich staatliche Eingriffe in die freie Informationsbeschaffung und Meinungsbildung (also in hohe normative Güter in einer liberalen, rechtsstaatlichen, demokratischen Gesellschaft) darstellen, müssen die Regeln inhaltlich gut begründet, demokratisch beschlossen und gegebenenfalls rechtsstaatlich durchsetzbar sein.
„Die Politiker“ (genauer jeweilige Teile von diesen) ärgern sich zwar über über die stark gewachsene Relevanz von Social Media und empören sich auch über einzelne Inhalte, haben es aber bisher nicht als regelungsbedürftiges Problem, für das sie sich zuständig fühlen, betrachtet. Das ist zwar nachvollziehbar, weil es nicht nur neu, sondern inhaltlich auch komplex ist und das Potential hat, sich neue politische Gegner zu schaffen (was ängstliche Parteipolitiker am wenigsten mögen), aber kein Grund für Ignoranz und Tatenlosigkeit. Mindestens die (vermutlich kontroverse) Diskussion muss in der politischen Öffentlichkeit in Deutschland geführt und gegebenenfalls auch gehandelt werden, wenn diese einen staatlichen Handlungsbedarf nahelegt.
Deshalb ist es verdienstvoll, das die CDU-Bundesbildungs- und Familienministerin, Karin Prien, das Problem jetzt offiziell angepackt hat. Sie hat zunächst eine unabhängige Expertenkommission eingesetzt, die im April 2026 eine Bestandsaufnahme unter dem Titel „Kinder – und Jugendschutz in der digitalen Welt“ vorgelegt hat. Diese ist verfügbar über
20260420-exertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-bestandsaufnahme-data.pdf
und eine Synopse
20260420-exertenkommission-kinder-und-jugendmedienschutz-bestandsaufnahme-synopse-data.pdf
2 Vielfältige Social Media
Die Vielfalt von Social Media ist riesig, so dass schon eine Auflistung und Charaktersierung den Umfang dieses Beitrags sprengen würde.[1] Kurz gefasst lassen sich Social Media als digitale Medienangebote verstehen,[2] die Kommunikation sowie den Austausch von Informationen zwischen Menschen und Organisationen ermöglichen und es insbesondere erlauben, soziale Beziehungen zu knüpfen und zu pflegen. Das Angebot an Social Media ist dabei kaum noch zu überschauen und reicht von klassischen Social Network Sites wie Facebook über Angebote zum fachlichen und beruflichen Austausch wie LinkedIn, Xing oder in der Wissenschaft ResearchGate, bis zu foto- oder videobasierten Diensten wie Instagram, YouTube oder TikTok. Auch Dienste, die eher als Messenger oder Chatprogramme anzusehen sind, wie Telegram, WhatsApp oder auch Discord, bieten mittlerweile Funktionen, die Social Network Sites ähneln.
In ökonomischer Sicht sind Social Media Beispiele für eine Netzwerk-Ökonomie. Der (ökonomische) Wert eines Netzwerks (hier einer Social Media Plattform), steigt mit dem Marktanteil seiner Nutzer*innen. Für Nutzer*innen ist ein soziales Netzwerk besonders wertvoll, wenn man sich mit möglichst vielen anderen verbinden kann. Will ich mich mit Freund*innen und Familie vernetzen, dann lohnt es sich, wenn möglichst viele davon den gleichen Dienst nutzen. Will ich nutzergenerierte Videos sehen und mich darüber austauschen, wie z. B. bei YouTube, dann lohnt es hier er den „Marktführer“ mit dem größten Angebot zu nutzen, weil sich dort die meisten Videos, aber auch die meisten Nutzer*innen zum Austausch finden.
Digitale Plattformen umfassen eine große Bandbreite an Diensten, die im Internet verfügbar sind. Dies schließt z. B. digitale Marktplätze, Suchmaschinen, App-Stores, Zahlungsdienste, Mobilitäts- und Unterkunftsdienste und auch Social Media ein. Social Media können also als eine spezifische Form von Internet-Plattformen verstanden werden. Plattformen beschreiben allgemein digitale Infrastrukturen, die (personalisierte) Interaktionen zwischen zwei oder mehreren Nutzer*innen (Organisationen und Einzelpersonen) erleichtern und gestalten. Diese Interaktion wird durch die systematische Sammlung, algorithmische Verarbeitung und Monetarisierung von Daten organisiert.Zur Auflösung der Fußnote[3]
Plattformen bieten hierbei die technische und organisatorische Infrastruktur, die es Nutzer*innen, Werbetreibenden und Dienstleister*innen ermöglicht, in Austausch miteinander zu treten. Häufig treten mehr als zwei Parteien in Austausch miteinander, so dass von mehrseitigen Märkten gesprochen wird. Zentraler Bestandteil des Geschäftsmodells von Plattformen ist die Erfassung und Vermarktung von Nutzungsdaten.
Diese Daten umfassen Informationen über Interessen, Verhaltensweisen, demografische Merkmale der Nutzer*innen ebenso wie standortbezogene Informationen, die beispielsweise gezielt lokalisierte Werbung ermöglichen. Zudem wirken auf Plattformen die oben skizzierten direkten (Wert steigt mit Anzahl der Interaktionspartner*innen) und indirekten Netzwerkeffekte (Wert für andere Marktteilnehmer steigt mit der Größe des Netzwerks), die wiederum zu einer Konzentration auf wenige, in ihren Funktionen gleichwertige Angebote führen.
3 Bildung von Kindern und Jugendlichen
Nutzung von Social Media Plattformen von 11-17-Jährigen in Österreich

Die folgenden Ausführungen beschränken sich auf den Bereich der Bildung, Ausbildung und Sozialisation zu „denkenden Menschen“ von Kinder und Jugendlichen.[3] Dies ist nicht nur von essentieller Bedeutung für den weiteren Lebensweg der Individuen. Die meisten werden später nur das erwerben und konsumieren können, was sie durch eigene Arbeit erwirtschaften werden. Dies ist in hohem Maße von der Kompetenz abhängig, die sie auf der Basis einer guten Schul- und Berufsausbildung erworben haben. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Einzelnen hängt in hohem Maße von ihrer Bildung und Einsichtsfähigkeit ab, die sie sich in der Schule und als deren Folge angeeignet haben.
Auch volkswirtschaftlich ist die Bildung und Ausbildung in den ersten zwei bis drei Lebensjahrzehnten von zentraler Bedeutung für die Produktivität, die Innovation und die Lebensqualität der Menschen einer Gesellschaft. Dies gilt insbesondere für alle Länder (also die weitaus meisten), die ihren Lebensstandard nicht auf reichlichen Rohstoffvorkommen (z.B. Öl und/oder Gas) gründen können. Der im Weltmaßstab immer noch hohe Lebenstandard in Deutschland, den die heutigen Jugendlichen und ihre Eltern genießen können, basiert vor allem auf einer hervorragenden staatlichen Schulausbildung, die seit dem 19. Jahrhundert von klugen Politikern und ihren Beratern entwickelt worden ist und noch für den größten Teil des 20. Jahrhunderts aufrechterhalten werden konnte.
Social Media können für die Bildung von Kindern und Jugendlichen eine positive Rolle spielen, wenn sie adäquat genutzt werden. Sie können aber auch den gegenteiligen Effekt haben, wenn die „falschen Dienste“ exzessiv genutzt werden. Die Unterscheidung zwischen beiden und deren Umsetzung sind (je nach Alter und kognitiver Reife) vor allem eine Verantwortung der Kinder und Jugendlichen selbst und ihrer Eltern, soweit diese dazu in der Lage sind. Staatliche Unterstützungen und Regeln können die Unterscheidung und die Umsetzung erleichtern, wenn sie adäquat konzipiert sind. Eine politisch motivierte Furcht vor der Implementierung von geeigneten Restriktionen gegen über Dienstebetreibern und Inhalten wäre eine falsch verstandene Liberalität, wenn die reale Gefahr einer Verdummung eines erheblichen Teils einer ganzen Generation von Kindern und Jugendlichen besteht.
4 Motive von Plattform- und Inhalte-Anbietern und Geschäftsmodelle
1 Personalisierte Werbung
Durch Analyse der Nutzer-Präferenzen und deren psychische Ansprechbarkeit und Empfänglichkeit für Inhalteverschiedener Art. Die einzelnen Nutzer offenbaren dies durch die Art ihrer Nutzung
2 Datenhandel
Die Daten (Analyse-Ergebnisse) über die Nutzer-Präferenzen und psychische Ansprechbarkeiten werden an Dritte vermarktet (insb. Werbetreibende, andere Webseiten etc.)
3 Pay-Inhalte und Shopping verschiedener Art
4 Ideologische, politische, religiöse und andere (nicht primär finanzielle) Motive
Politische Parteien nutzen Social Media Plattformen (eigene und andere) für politische Informationen und politische Propaganda. Dies gilt insbesondere für links- und rechtsextreme Parteien, die dort auch besonders erfolgreich sind (in Deutschland AfD und Linke).
Islamistische Gruppen nutzen Social Media für interne und externe Kommunikation. In etlichen Fällen waren Social Media ein Instrument der eigenen Radikalisierung oder der anderer.
Ausländische Geheimdienste (insb. aus Russland, China etc.) nutzen vorhandene Social Media für diverse konspirative Zwecke, Beeinflussungen der öffentlichen Meinungen in anderen Ländern, direkte Wahlbeeinflussung etc. Dies ist naturgemäß ein Dunkelfeld, dessen Wirkung deshalb leicht unterschätzt wird.
Fast alle Social Media-Plattformen haben das Interesse, die einzelnen Nutzer möglichst lange und möglichst oft auf ihrer Plattform zu haben. Sie nutzen mittels ihrer Algorithmen psychologische „Tricks“, um dies zu ereichen, was aufgrund der Individualisierung schnell getestet und je nach „Erfolg“ intensiviert oder modifiziert werden kann.
Dies kann im Ergebnis zu Suchteffekten führen, die bezüglich der Verhaltensbeeinflussung mit Drogen verglichen werden können. Social Media aktivieren das Belohnungssystem und können strukturelle Gehirnveränderungen auslösen.
Fühlen/Empfinden ist weniger anstrengend als Denken, erfordert weniger Vorkenntnisse und verschafft mehr Konsumlust (oder das Gegenteil). Social Media-Konsum stellt per se keine intellektuellen Anforderungen, um keine Nutzungsbarrieren zu erzeugen.
Dies mindert evtl. die Bereitschaft, sich für Sachverhalte, Kompetenzerwerb, Lesen etc. (z.B. in der Schule) überhaupt noch anzustrengen, wenn so vieles einfach und easy-going auf dem Smartphone verfügbar ist. Wissensillusion: Dauer-Googeln vermittelt Wissenstrug, ersetzt aber keine echte Bildung.

5 Einzelne potentielle Effekte
(1) Zeitvergeudung und Behinderung der Sozialisation zu denkenden Menschen
Social Media Inhalte sind meistens leicht konsumierbare Unterhaltung. Dies ist als solches natürlich grundsätzlich unproblematisch, vor allem wenn es sich in einem vertretbaren zeitlichen Umfang erfolgt. Viele Nutzungen erfolgen bei Kindern und Jugendlichen jedoch über viele Stunden täglich. Dies ist dann eine Vergeudung von Zeit, die für den Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten fehlt, die Gegenstand des Schulstoffes sind oder darüber hinausgehend zur Bildung beitragen können.
Es fehlt dann die Zeit und zunehmend auch das Interesse, seriöse Fachliteratur und/oder Belletristik (von Karl May bis Thomas Mann) zu lesen, was vor dem Smartphone-Zeitalter ein Teil der Bildungssozialisation junger Menschen war. Dies ist (auch bei leicht lesbarer Unterhaltungsliteratur in Form von Kurzgeschichten und populären Romanen) für das Gehirn immer anstrengender (und erfordert mehr Konzentration) als das Wischen auf dem Smartphone.
Letzteres ist (vor allem bei täglich mehrstündigem Konsum) eine Behinderung der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zu denkenden Menschen. Die Entwicklung einer kognitiven Struktur für zielgerichtetes kritisches Denken ist die Basis dessen, womit die allermeisten Jugendlichen später ihren Lebensunterhalt verdienen müssen und wollen. Man muss nicht unbedingt die zugespitzte Formulierung des Suchtmediziners Yazdi-Zorn teilen, dass die Kinder durch TikTok verblöden.[5] Die Richtung dürfte aber stimmen.
Social Media und Schulleistungen
Diverse internationale Bildungsvergleichsstudien zeigen,[6] dass die Leistungen deutscher Schüler in den letzten 2 bis 3 Jahrzehnten in internationalen Vergleichen (grob gesprochen) immer schlechter geworden sind (während die Schulnoten tendenziell immer besser wurden).
Diesen Leistungsverfall von deutschen Kindern und Jugendlichen kausal auf exzessiven Social Media-Konsum zurückzuführen, wäre sicher (auch angesichts einer bisher dürftigen Datenlage bei Social Media) zu pauschal und spekulativ, zumal Social Media auch in den Vergleichsländern genutzt werden. Dennoch wäre es wohl nicht überraschend, wenn internationale Querschnittsstudien wissenschaftlicher Art einen statistischen Zusammenhang zwischen den Schulleistungen und der Art und dem Umfang von Social Media Nutzungen von einzelnen Kindern und Jugendlichen aufzeigen würden.
(2) Mangel an Quellen-Kritik
In einem normalen Prozess des jugendlichen Aufwachsens und der Sozialisation zu einem denkenden Menschen gehört die Entwicklung der Fähigkeit, schriftliche und mündliche Informationsquellen und einzelne Informationen bezüglichihres jeweiligen Wahrheitsgehalts, ihrer Interessenlastigkeit, ihres Suggestions-Charakters, der dabei entstehenden Konsumlust und der Relevanz für die eigene berufliche oder private Handlungsorientierung. Bei Konsumgüterwerbung weiß fast jeder, was er davon zu halten hat.[7] Bei vielen anderen „Informationen“ ist es viel schwieriger, aber nicht weniger wichtig.
Die kritische Einschätzung von Informationen und Informationsquellen wird erschwert, wenn sich die Informationsaufnahme auf das Smartphone konzentriert. Dann ist ein Inhalt tendenziell „gut“ und „wahr“, wenn er z.B. in der Klasse in Mode ist. Quellenkritik ist dort dann unpopulär. Man will schließlich kein Außenseiter sein. Konformismus ist immer bequemer — hier wie auch sonst in gesellschaftlichen Zusammenhängen.
(3) Input-Overload und Konzentrationsfähigkeit
Im Alter von zehn bis zwölf Jahren besitzen 86 Prozent ein eigenes internetfähiges Smartphone, und dieses wird täglich mehrere Stunden genutzt. An einem gewöhnlichen Tag eines Teenagers konsumiert dieser durchschnittlich 6 bis 8 Stunden digital.
Die selbstbestimmte Zeit von Jugendlichen ist nicht smartphonefrei bzw. digitalfrei. Sie wird bei den meisten stark mit Social Media gefüllt – also passiv bespielt. Das hat diverse negtive Folgen, auch für die Psyche. Junge Menschen, die etwa 8 Stunden auf Social Media sind, sind im Schnitt wesentlich unzufriedener, unglücklicher und ängstlicher als jene, die nur knapp 5 Stunden auf Social Media sind. Außerdem kann man feststellen, dass es jungen Menschen immer schwerer fällt, sich für eine längere Zeit zu konzentrieren – was Psychologen als „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ bezeichnen. Ein fatales Faktum für die Ausbildung.
Einen Effekt nennen empirische Forscher FOMO, das heißt „Fear Of Missing Out“. Es bezeichnet das subjektive Gefühl, etwas zu verpassen. Dies erklärt zum Teil, dass Jugendliche täglich neunzehn Mal ihre bevorzugte Social Media Plattform Tik Tok aufrufen. Einige Forscher haben festgestellt, dass Kinder und Jugendliche, die täglich mehrere Stunden auf dem Smartphone Social Media nutzen, mit der Zeit das Volumen der grauen Substanz in ihrem jeweiligen Nucleus accumbens verändern.[8] Je häufiger die Social-Media-Apps geöffnet werden, desto eher verändert sich die graue Substanz im Nucleus accumbens.
(4) Ist die Social-Media-Generation dümmer ? [9]
Der Neurowissenschaftler und Bildungsexperte Jared Horvath sagte in einer Anhörung im US-Senat: „Seit wir seit Ende des 19. Jahrhunderts die kognitive Entwicklung standardisieren und messen, hat jede Generation ihre Eltern übertroffen. …. Die Generation Z ist die erste Generation in der modernen Geschichte, die bei praktisch allen kognitiven Messgrößen schlechter abschneidet als wir.“
Das gelte sowohl für die grundlegende Aufmerksamkeit als auch für Gedächtnis, die Lese- und Schreibfähigkeit und die Rechenfähigkeit bis hin zum allgemeinen IQ. Als Grund vermutet Horvath den flächendeckende Einzug von Bildungstechnologie (Educational Technology, kurz EdTech) an den Schulen. Digitale Geräte nähmen heute einen erheblichen Anteil der Lernzeit der Schüler ein. Aber nur eng begrenzte Anwendungen, zum Beispiel Übungssoftware, zeigten tatsächlich messbare Vorteile.
Horvath: „Die verfügbaren Belege aus internationalen Vergleichsstudien, groß angelegten wissenschaftlichen Untersuchungen und Meta-Analysen zeigen, dass eine erhöhte Bildschirmnutzung im Unterricht im Allgemeinen mit schlechteren Lernergebnissen verbunden ist – nicht mit besseren“. Seine Schlussfolgerung: „Unsere Aufgabe besteht nicht darin, die Bildschirmzeit zu maximieren, sondern die kognitiven Fähigkeiten und das langfristige Gedeihen der nächsten Generation zu fördern.“
Auch andere aktuelle Studien und Berichte deuten darauf hin, dass die kognitiven Fähigkeiten jüngerer Generationen (insbesondere der Gen Z, geboren ca. 1997 bis 2012) im Vergleich zu früheren Generationen in bestimmten Bereichen abnehmen. Dies wird oft als Kehrseite des sogenannten Flynn-Effekts diskutiert, der über Jahrzehnte hinweg steigende IQ-Werte beschrieb.
Die Studien deuten darauf hin, dass die Gen Z die erste Generation in der modernen Geschichte sein könnte, deren kognitive Leistungen hinter denen der Vorgängergenerationen zurückbleiben. Der Rückgang zeigt sich besonders in den Bereichen Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Leseverständnis, Mathematik und Problemlösung.
Als Gründe werden die exzessive Nutzung digitaler Medien, ein verändertes Lernverhalten (weniger langes Lesen), Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die Bildung sowie eine generelle Beschleunigung des Alltags durch Technologie diskutiert. Es wird betont, dass sich kognitive Fähigkeiten nicht zwangsläufig verschlechtern, sondern verändern. Es handelt sich eher um eine Anpassung an veränderte Lebenswelten, wobei Fähigkeiten, die für den Alltag mit Technologie benötigt werden, steigen können, während andere (wie tiefgründiges Lesen) abnehmen.
Auch wenn die Generation Z, denen geringere kognitive Fähigkeiten als früheren Generationen attestiert werden, eine starke Überlappung mit der Social Media Generation aufweist, kann man daraus natürlich keine Kausalität für den Social-Media-Konsum ableiten.
(5) Starke Social-Media-Nutzung als Sucht ?
Viele Psychologen und Ärzte betrachten eine exzessive Social-Media-Nutzung als Sucht. Als Beispiel dazu hier nur einige Ausschnitte eines Interviews mit Kurosch Yazdi-Zorn, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin am Kepler-Universitätsklinikum Linz.[10]
„Eine Plattform wie TikTok bedient das Belohnungssystem. Videos wechseln zwischen Aufregung und Beruhigung. Das erinnert an andere Suchtpatienten, die abwechselnd Cannabis und Kokain konsumieren. Man kann die Social Media mit Nikotin vergleichen, weil beide für jedes Gefühl einsetzbar sind. Jugendliche nutzten TikTok, wenn sie einsam, gelangweilt, traurig oder aufgeregt sind. Dadurch verlernen sie, Emotionen selbst zu regulieren. …..
Zu uns kommen jene, die 14 Stunden pro Tag TikTok konsumieren, die nicht mehr in die Schule gehen oder ihre Lehstelle verloren haben und die ganze Nacht nicht mehr schlafen. …..
Spannend ist, dass die chinesische Version von TikTok ganz andere Inhalte hat. Dort gilt es eher als Bildungsplattform. Dort gibt es nicht diese dümmlichen Inhalte, die bei uns ausgespielt werden. Es gibt den Verdacht, dass der Algorithmus den Konsumenten im Westen generell stupidere Inhalte ausspielt als der eigenen Bevölkerung. ……
Die Jugendlichen kommen zu uns ausschließlich über die Eltern oder die Schulen. Ich glaube nicht, dass ich nur einen einzigen Jugendlichen hatte, der von sich aus kam — im Unterschied zu anderen Süchten. Die Jugendlichen haben keinen Leidensdruck. Sie empfinden die Nutzung nicht als Problem. Sie sagen: Mir geht’s gut, solange ich am Handy sein kann. Das unterscheidet diese Suchtform von Alkohol oder Heroin. Und es macht die Therapie unendlich schwer: Wir können psychotherapeutisch nur erfolgreich sein, wenn jemand selbst etwas an seinem Verhalten ändern will. ….
Ständig am Handy zu sein, ist kulturadäquat geworden, sprich: Alle machen das. Das haben wir bei Alkoholabhängigen teilweise auch, dass sie in einem Milieu sind, in dem alle trinken. Aber bei der Sucht nach Social Media gibt es keine objektiven Marker wie Leberversagen oder Führerscheinentzug, die als Warnsignal taugen. Nichts zwingt sie zur Therapie. ……
Eine Abhängigkeit entsteht sehr schnell. Zwischen dem ersten Smartphone und massiven Konflikten mit den Eltern liegt oft nur ein Jahr. Im Gegensatz zu Alkohol, wo sich eine Abhängigkeit über Jahrzehnte entwickeln kann, eskaliert Mediensucht rasch. ……
Die Elterngeneration ist — wenn überhaupt — zwar mit dem Internet aufgewachsen, aber nicht mit Social Media. Das macht einen Unterschied. Die meisten Eltern haben Erfahrungen mit Nikotin und Alkohol, sie riechen es zum Beispiel, wenn ihr Kind Bier getrunken hat. Bei Social Media fehlt ihnen die Erfahrung am eigenen Leib, und das macht die richtige Erziehung schwierig. ………..
Ich begrüße ein Handy-Verbot an Schulen. Nicht nur, damit die Lehrer in Ruhe unterrichten können, sondern auch, damit die Kinder verstehen, dass sie nicht sterben, wenn sie für ein paar Stunden kein Handy mehr haben. Viele Kinder haben wirklich das Gefühl, sie haben kein Leben mehr, wenn sie nicht auf ihr Smartphone schauen.
6 Staatliche Regulierung ?
Noch weit schwieriger als eine Beschreibung der Phänomene der Social-Media-Nutzung von Kindern und Jugendlichenist die Konzipierung einer staatlichen Regulierung, die nicht „das Kind mit dem Bade ausschüttet“. Regulierungen dieser Bereiche haben immer mit Restriktionen zu tun, die einer guten Begründung bedürfen.
Die Einschränkung der Informationsbeschaffung und Meinungsbildung, die auf dem gleichen Smartphone erfolgt wie das Problemverhalten, ist bei Kindern und Jugendlichen mit pädagogischen Argumenten zwar eher zu begründen als bei erwachsenen Bürgern, aber dennoch problematisch genug und immer paternalistisch.
Dies hängt erstens mit dem bivalenten Charakter von Handies als Kommunikations- und Informationsmittel und zweitens mit den unterschiedlichen intellektuellen und psychischen Verfassungen der einzelnen Kindern und Jugendlichen zu tun. Dieser Beitrag beschränkt sich hierzu auf die Wiedergabe eine Meinungsumfrage:[11] Staatliche Regulierung in der Meinung der Bürger

Evident dürfte es sein, dass
1. die Zusammenhänge noch weit präziser und umfassender erforscht werden müssen,
2. die Möglichkeiten zu prüfen (und gegebenenfalls technisch zu entwickeln) sind, um die für Kinder und Jugendlichen eher positiven von den eher negativen Plattformen zu unterscheiden und regulatorisch differenziert behandeln zu können,
3. die Plattform-Anbieter unter Jugendschutz-Gesichtspunkten inhaltlich zu regulieren,
4. den Eltern bessere Informationen, Schulungen und Handlungsempfehlungen für den pädagogischen Umgang mit dem Thema anzubieten, da diese bisher meistens deutlich weniger Knowhow haben als ihre Kinder
[1] Vgl. ausführlicher z.B. Nick Srnicek (2020), „Plattform-Kapitalismus“; und Monika Taddicken und Jan-Hinrik Schmidt (Hrsg) (2017) Handbuch Soziale Medien, Wiesbaden (Springer Fachmedien). Für eine Übersicht über die weltweite Verbreitung von Social-Media-Plattformen sowie deren Einbindung in Werbung und Marketing vgl. https://wearesocial.com/wp-content/uploads/2023/03/Digital-2023-Global-Overview-Report.pdf
[2] Das Folgende ist teilweise entnommen aus Bundeszentrale für politische Bildung, Geschäftsmodelle von Social Media-Unternehmen
[3] Weitere Effekte psychologischer oder krimineller Art, z.B. Mobbing, Einsamkeit, Anbahnung von Mißbrauchskriminalität, etc. bleiben hier unbeachtet.
[4] Befragung von 1200 Jugendlichen in Deutschland (durch Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest 2024), entnommen aus Pragmaticus Dezember 2025.
[5] Vgl. Yazdi-Zorn zu TikTok: „Die Kinder verblöden“, in: Pragmaticus September 2025.
[6] Vgl zu internationalen Bildungsvergleichsstudien verschiedener Art z.B. ZIB (Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien, inkl. PISA Programme for International Student Assessment), DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation), IPN (Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik), IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen).
[7] Selbst dümmlichste Fernsehspots, die nahezu keinen objektiven Informationsgehalt haben, entfalten ihre Wirkung auf das Verhalten der TV-Zuschauer. Das kann man schon daraus schließen, dass auch nervtötende Spots zur teuersten Sendezeit (z.B. vor der „Tagesschau“ und „Heute“) über Monate wiederholt werden. Die Werbeleute sind nicht so dumm wie die Inhalte ihrer Spots und kennen deren Zielerreichung genau.
[8] Der Nucleus accumbens ist der Teil des Gehirns, der das Belohnungssystem des Menschen steuert. Zudem befinden sich in ihm Dopamin-Rezeptoren, die ihn bei der Entstehung von Motivation, Glücksgefühlen und Süchten beteiligen.
[9] Auf der Basis diverser Internetquellen.
[10] Unter dem Titel „Die Kinder verblöden“ in Pragmaticus, Dezember 2025
[11] Befragung von 800 Österreichern durch Unique Research, in Peter Hayek „Bitte verbieten“, in Pragmaticus Dezember 2025
