In Moskau wird als Triumph gefeiert, dass Donald Trump die Lieferung amerikanischer Tomahawk-Raketen an die Ukraine gestoppt hat

von Diskurs Hamburg

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Donald Trump hat die Lieferung amerikanischer Tomahawk-Raketen an die Ukraine gestoppt – ein Schritt, der in Moskau als Triumph gefeiert wird. Doch wer glaubt, damit den Frieden zu fördern, verkennt die Dynamik dieses Krieges.

Man stelle sich vor: Sommer 1940. Deutsche U-Boote versenken britische Frachtschiffe im Atlantik, während in Washington die Übergabe von fünfzig amerikanischen Zerstörern an London vorbereitet wird. Da richtet Adolf Hitler ein diplomatisches Ersuchen an Präsident Roosevelt: Man möge doch von der Lieferung absehen – andernfalls drohe der Konflikt mit dem Königreich zu einem Weltkrieg zu eskalieren. Roosevelt, beeindruckt von der Mahnung aus Berlin, gibt seinen Unterstützungsplan auf und teilt Churchill mit, dass die Kriegsschiffe nicht kommen werden.

Ein historisch wie moralisch groteskes Szenario. Und doch drängt sich die Parallele zur Gegenwart auf: Wladimir Putin appelliert öffentlich an den amerikanischen Präsidenten, der Ukraine keine Langstreckenraketen zu liefern. Damals wie heute geht es um die strategische Reichweite westlicher Waffenhilfe – und um die Frage, wie klug es ist, ein entscheidendes Momentum vorschnell aus der Hand zu geben.

Nach vier  Jahren Krieg befindet sich Russland in einer weitaus prekäreren Lage, als gemeinhin angenommen wird. Die Zwischenbilanz lässt sich nur als desaströs bezeichnen. Moskau ist nicht nur daran gescheitert, seine territorialen Ziele – die „Befreiung“ der im September 2022 annektierten ukrainischen Oblaste Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson – zu erreichen, sondern hat dafür auch enorme materielle Verluste hinnehmen müssen.

Seit Kriegsbeginn hat der Kreml gewaltige Mengen an Kriegsmaterial eingebüßt. Ob Schwarzmeerflotte, nukleare Triade, Luftwaffe oder Heer – alle Teilstreitkräfte sind betroffen. Zwischen Januar 2024 und April 2025 verlor Russland fast 9.000 Fahrzeuge und Waffensysteme – das Äquivalent mehrerer Panzerdivisionen. Besonders schwer wiegen rund 1.950 zerstörte Panzer und über 3.200 Schützenpanzer, ergänzt durch mehr als 1.200 gepanzerte Fahrzeuge und über 300 Artilleriesysteme der Typen Grad, Uragan und Smerch.

Auch die Logistik ist schwer getroffen: Der Verlust von über 1.100 Transportfahrzeugen schwächt Nachschub und Verwundetentransport. Diese Bilanz zeigt, wie rasch Russland seine materielle Substanz aufzehrt – in einem Tempo, das selbst für eine Kriegswirtschaft dieser Größenordnung kaum tragbar ist. Der Schaden geht in den dreistelligen Milliardenbereich.

Der ruinöse Eindruck setzt sich auf personeller Ebene fort. Seit Beginn der Invasion am 24. Februar 2022 haben russische Streitkräfte, paramilitärische Einheiten und prorussische Formationen rund 1,1 Millionen Verluste – Tote und Verwundete – erlitten. Allein bis Oktober 2025 kamen laut britischem Verteidigungsministerium etwa 332.000 Soldaten hinzu; im Jahr 2024 waren es rund 420.000. Im Durchschnitt verliert Russland derzeit 950 bis 1.000 Soldaten pro Tag – etwa ein Bataillon täglich. Den Höchstwert erreichten die Verluste im Dezember 2024 mit 1.570 Gefallenen und Verwundeten pro Tag, den niedrigsten im Juni 2022 mit 172.

Seit März 2025 ist zwar ein leichter Rückgang der monatlichen Verlustrate zu beobachten, doch die Armee bleibt offensiv aktiv und erzielt nur begrenzte Geländegewinne. Trotz kleiner Fortschritte befindet sich Russland strategisch in einer Phase der Erschöpfung. Die Verluste übersteigen das Fünffache der ursprünglichen Invasionsarmee – ein Maß, das zeigt, wie weit Putins „Sonderoperation“ militärisch wie politisch hinter ihren Zielen zurückgeblieben ist.

Die geringen territorialen Gewinne, die Russland zu diesem Preis erzielt, stehen militärökonomisch in einem historischen Missverhältnis, das an die Somme 1916 erinnert. Während die ukrainische Gegenoffensive bei Charkiw 2022 noch blitzartig bis zu sieben Kilometer täglich gewann, kommt Russland 2025 bei Awdiwka oder Kupjansk kaum über hundert Meter hinaus. Trotz Drohnen, Präzisionswaffen und digitaler Aufklärung bleibt das Schlachtfeld von Stacheldraht, Minenfeldern und Artillerie dominiert – der Krieg der Zukunft sieht erschreckend nach dem von gestern aus.

Angesichts dieser Entwicklungen ist es kaum verwunderlich, dass die Zustimmung in der russländischen Bevölkerung schwindet. Einer landesweiten Umfrage des Lewada-Zentrums zufolge sehen 40 Prozent der Befragten in der „Sonderoperation“ mehr Schaden als Nutzen, 33 Prozent bewerten sie als vorteilhaft und 28 Prozent äußern keine klare Meinung. Die Zustimmung konzentriert sich vor allem bei älteren, wohlhabenderen und regierungstreuen Männern, die staatliche Medien als Hauptinformationsquelle nutzen; die Ablehnung dominiert hingegen unter jüngeren, ärmeren und digital besser vernetzten Schichten.

So desaströs die Gesamtbilanz auch ist, betrachtet der Kreml sie – seiner Militärdoktrin folgend, die seit jeher auf numerischer und materieller Überlegenheit beruht – nicht als ernsthafte Gefahr für seine Kriegspläne. Das Regime bleibt bereit, in der Ukraine Menschen und Material in großem Umfang zu opfern, um seine militärischen Ziele zu erreichen.

Die aktuelle Nervosität des Kreml hat einen anderen Grund: Er steht den zunehmenden Schlägen der Ukraine gegen die eigene Rohstoffindustrie praktisch wehrlos gegenüber. Ein Blick auf die Hintergründe offenbart das Ausmaß dieser Misere. Seit Jahresbeginn hat die Ukraine ihre Drohnenangriffe auf russische Raffinerien massiv ausgeweitet. Nach westlichen Schätzungen wurden 21 von 38 großen Anlagen getroffen – fast die Hälfte der Raffi-neriekapazität des Landes. Mindestens zehn davon mussten vorübergehend oder vollständig den Betrieb einstellen. Die Folge ist eine landesweite Benzinkrise, die mittlerweile 57 Regionen erfasst hat.

Während in Moskau und Sankt Petersburg die Versorgung dank geschlossener Konzernnetze weitgehend stabil bleibt, stehen in der Provinz zahlreiche unabhängige Tankstellen vor dem Aus. In vielen Regionen wird Kraftstoff rationiert oder nur in Kleinstmengen ausgegeben; auf der Krim etwa wurde die Abgabe auf 20 bis 30 Liter pro Fahrzeug begrenzt.

Die Benzinpreise sind um mehr als zehn Prozent gestiegen – mehr als doppelt so stark wie die offizielle Inflation. Die Regierung reagierte mit einem Exportverbot für Mineralölprodukte und mit Notmaßnahmen zur Stabilisierung des Binnenmarkts, doch die strukturelle Verwundbarkeit bleibt bestehen. Die russische Energieinfrastruktur ist überdehnt, zentralisiert und schlecht geschützt. Mit jedem erfolgreichen Angriff verliert der Kreml ein Stück seiner wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit – und seine Aura der Unverwundbarkeit.

Kiew weiß um die Wirksamkeit dieser Maßnahmen und setzt seine Angriffe unbeirrt fort. In der Nacht zum 13. Oktober griffen ukrainische Streitkräfte erneut den maritimen Ölhafen im von Russland annektierten Feodossija an. Der Schlag traf die Anlage schwer: Das Tanklager stand tagelang in Flammen, dichter Rauch zog über die gesamte Südküste der Krim, und der Brandgeruch war noch in zehn Kilometern Entfernung wahrnehmbar.

Nach Angaben des von Moskau eingesetzten Krim-Verwalters Sergej Aksjonow wurden in jener Nacht mehr als zwanzig Drohnen durch die russische Luftabwehr abgeschossen, doch einige erreichten ihr Ziel. Der ukrainische Geheimdienst SBU bestätigte später, dass fünf Treibstofftanks getroffen wurden; nach Angaben des Generalstabs in Kiew wurden insgesamt 16 Tanks beschädigt, die frühere Attacken überstanden hatten – auf dem Gelände lodert weiterhin ein großflächiger Brand.

Die Anlage in Feodossija war bereits mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe in den vergangenen Wochen. Nach Einschätzung des ukrainischen Generalstabs ist der Ölhafen von Feodossija ein zentrales logistisches Bindeglied für die Versorgung der russischen Streitkräfte mit Treib- und Schmierstoffen. In seinen Tanks lagern rund 193.000 Kubikmeter Ölprodukte – eine Verwundbarkeit, die die Ukraine strategisch nutzt, um Russlands militärische Nachschublinien zu treffen und seine Kriegsmaschinerie an der Front buchstäblich zum Stillstand zu bringen.

Russland befindet sich seit Februar 2022 zum zweiten Mal in einer strategischen Zwickmühle. War es schon damals nicht auf einen langfristigen Krieg vorbereitet, steht es der hocheffizienten ukrainischen Strategie heute nahezu wehrlos gegenüber. Nicht obwohl, sondern gerade weil die russische Führung behauptet, diese Schläge könnten den Kriegsverlauf nicht verändern, tritt das Gegenteil ein.

Angesichts seiner Unfähigkeit zur militärischen Abwehr sieht der Kreml keine andere Option, als sich direkt an das Weiße Haus zu wenden. Um jeden Preis soll verhindert werden, dass Kiew in den Besitz amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper gelangt. Während sich ukrainische Drohnen mit einer massiv ausgebauten Luftabwehr zumindest teilweise noch abfangen lassen, stünde Russland diesem Waffensystem völlig hilflos gegenüber. Hinzu kommt, dass die Ukraine innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Anlagen tief im russischen Territorium erreichen könnte.

Aus diesem Grund hat der Kreml seine Drohung vor einer nuklearen Eskalation um eine neue Komponente ergänzt: die schmeichlerische Anbiederung an Donald Trump. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow warnte, Russland könne im Falle eines Einsatzes von Tomahawk-Raketen nicht ausschließen, dass diese mit Atomsprengköpfen bestückt seien, und würde einen solchen Schlag als nuklearen Angriff auf die Russische Föderation werten. Bereits Anfang Oktober hatte Präsident Putin erklärt, die Lieferung des Raketensystems würde zu einer weiteren Eskalation des Krieges führen.

Doch da man die Lage im Kreml diesmal offenbar als weitaus brisanter einschätzte als noch im Dezember 2024, blieb es nicht bei verbalen Drohungen. Putin äußerte öffentlich sein Bedauern über die Entscheidung des Nobelkomitees, Donald Trump nicht den Friedensnobelpreis zu verleihen – was dieser prompt mit einem dankbaren Kommentar auf Truth Social quittierte.

Wenig später schlug Kirill Dmitriew, Putins Sondergesandter für ausländische Investitionen, vor, Alaska und die russische Tschuktschen-Halbinsel durch einen Tunnel zu verbinden – benannt nach Trump und Putin. Den Auftrag, so Dmitriew, könne Elon Musks The Boring Company übernehmen, die das Projekt „zuverlässig und visionär“ umsetzen würde.

Mit diesen Maßnahmen, so das Kalkül des Kremls, glaubte man, den optimalen Einstieg für ein Telefonat zwischen Putin und Trump zu haben – ein Gespräch, das am Donnerstag, dem Vorabend von Wolodymyr Selenskyjs Besuch im Weißen Haus, stattfand. Es war im Vorfeld nicht angekündigt und dauerte über zwei Stunden. Nach Angaben aus Moskau ging die Initiative von Russland aus; Ziel war es, die drohende Lieferung amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper an die Ukraine abzuwenden.

Putin warnte Trump, ein solcher Schritt würde die russisch-amerikanischen Beziehungen schwer beschädigen und jede Aussicht auf eine politische Lösung des Krieges zunichtemachen. Trump wiederum bezeichnete das Gespräch als „sehr gut und produktiv“ und erklärte, man habe „große Fortschritte“ erzielt. Die Inhalte des Austauschs sind bekannt, weil Trump noch während des Telefonats auf Truth Social über den laufenden Dialog berichtete.

Im Ergebnis steht ein russischer Triumph: Die USA werden der Ukraine das begehrte Waffensystem vorerst nicht liefern – dafür zahlt Moskau einen geringen Preis: die Zusage eines Treffens mit Trump in Budapest.

Während die Partei der Kriegsgegner – die ohne Zweifel gute Gründe für ihre Position anführen kann – Trumps Kehrtwende als Beitrag zur Vermeidung einer russischen Eskalation begrüßen mag, bleibt der Befund bestehen: Die Ukraine verliert ein entscheidendes strategisches Momentum, dessen Nutzung die russische Kriegsfähigkeit nachhaltig geschwächt hätte. Das Problem besteht nicht darin, dass Donald Trump eine Ausweitung des Krieges verhindern will, sondern darin, dass er einen Akteur schont, der keinerlei Interesse an dessen Beendigung hat.

Der Grund liegt darin, dass dieser Krieg das persönliche Projekt Wladimir Putins ist. Die Entscheidung zur Invasion geht ebenso singulär auf seinen Willen zurück wie der Entschluss, den Krieg bis zum Ende auszufechten. Damit ist das Schicksal des russischen Präsidenten untrennbar mit dem Fortgang des Konflikts verbunden. Erreicht Russland seine Kriegsziele nicht oder wird gar zu einem Ende der Kampfhandlungen gezwungen, wäre dies das Ende Wladimir Putins. Vor diesem Hintergrund ist die Annahme, er könne einen Frieden um des Friedens willen akzeptieren, faktisch falsch und politisch naiv.

Noch vor einem Jahr gab es gute Gründe, die russische Drohung einer nuklearen Eskalation ernst zu nehmen und an die Friedensbereitschaft des Kreml zu glauben. Heute jedoch ist klar, dass man es in beiden Fällen mit einer Schimäre zu tun hat. Dass dies keine polemische, sondern eine empirische Feststellung ist, zeigt die Analyse der Auswirkungen, die ein direkter Austausch zwischen Donald Trump und Wladimir Putin auf die Intensität russischer Angriffe hatte.

Seit Trumps Amtsantritt im Januar 2025 lässt sich ein klarer Zusammenhang zwischen den diplomatischen Kontakten beider Präsidenten und der Häufigkeit russischer Luftschläge erkennen. Nach einem moderaten Jahresbeginn mit rund 150 bis 200 Angriffen stieg deren Zahl unmittelbar nach dem ersten Trump-Putin-Telefonat im Februar deutlich an und erreichte im März etwa 400 Angriffe. Auf einen kurzfristigen Rückgang im April – zeitgleich mit einem Waffenstillstandsvorschlag – folgte ab Mai eine Phase massiver Eskalation. Nach den ukrainisch-russischen Gesprächen in Istanbul im Juni schnellte die Zahl der Angriffe auf über 600 pro Monat und erreichte im Juli, nach einem weiteren Trump-Putin-Gespräch, ihren Höchstwert von rund 700.

Selbst der Alaska-Gipfel im August, den Moskau als diplomatischen Erfolg inszenierte, führte zu keiner Reduzierung der Gewalt; die Zahl der Angriffe blieb mit etwa 600 pro Monat konstant. Erst im Oktober, im Vorfeld des geplanten Treffens in Budapest, kam es zu einem leichten Rückgang auf rund 550 – ein Niveau, das immer noch mehr als das Dreifache des Januarwerts betrug. Der Verlauf zeigt deutlich: Jede Phase direkter Kommunikation zwischen Trump und Putin wurde von einer Zunahme russischer Angriffstätigkeit begleitet. Anstatt eine Deeskalation zu bewirken, verschafften diese Kontakte dem Kreml offenbar taktische Entlastung und politische Legitimation – Zeit, seine militärische Infrastruktur zu regenerieren und die Ukraine weiter unter Druck zu setzen.

Dies gilt auch jetzt. Anstatt den militärischen Druck an der einzigen Stelle zu erhöhen, die Russland offenkundig zu einem Einlenken bewegen kann, erhält der Kreml erneut die dringend benötigte Zeit, um das sich abzeichnende Desaster buchstäblich in letzter Sekunde abzuwenden. Und so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das geplante Treffen in Budapest ebenso ergebnislos verlaufen wird wie der Gipfel von Alaska. Russland wird seine vermeintliche Friedensbereitschaft durch massierte Angriffe auf die Ukraine konterkarieren. Bis dahin werden auf beiden Seiten erneut Tausende Soldaten gestorben sein.

Ob die Ukraine in absehbarer Zeit je wieder ein derart wirkmächtiges strategisches Momentum erlangt, ist ungewiss. Unbestritten hingegen ist, dass der Kreml keine Gnade zeigen wird, sobald sich ihm die Gelegenheit bietet, die Ukraine endgültig zu besiegen. Donald Trump hingegen hätte die Möglichkeit gehabt, den Kriegsverlauf durch eine Stärkung des ukrainischen Angriffspotenzials entscheidend zu beeinflussen. Stattdessen hat er klare Prioritäten gesetzt: Ihm ist es wichtiger, dass der Krieg selbst endet – als dass er richtig endet. Damit hat er die Entscheidung über seinen Ausgang faktisch an Wladimir Putin delegiert.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN