Solidarität und Nationalstolz – bei Fußball hört der Spaß auf!

von Diskurs Hamburg

Dies ist eine Liebesgeschichte – sie handelt von der Liebe zu einem Land und zu einem Spiel. Und sie handelt von Menschen, die mich gerade wirklich sauer machen!

Wessen Facebook Profil ich hier im Folgenden beispielhaft beschreibe, ist eigentlich irrelevant. Sein Profil, nennen wir ihn Firat, zeigt im Hintergrund den Eroberer „Fatih Sultan Mehmet“, der mit seinen jungen 23 Jahren 1453 die zuvor von hunderten Armeen erfolglos belagerte Stadt „Konstantinopel“ einnahm und der damit maßgeblich die Expansion des Osmanischen Reiches im 14 Jahrhundert beflügelte. Firats Profilbild ziert der Grabstein von Ömer Halisdemir. Jenem Soldaten, der beim Putschversuch in der Türkei, der sich am 15. Juli zum fünften Mal jährt, einen Putschgeneral auf Anweisung seiner Vorgesetzten mit einem Kopfschuss hingerichtet hat und daraufhin von anderen Soldaten ebenfalls getötet wurde. Seither gilt Halisdemir als Nationalheld. Diese Bilder und das damit verbundene Bekenntnis von Firat zur Türkei und ihrer Historie sind ein Phänomen, welches man unter Deutschtürken sehr oft beobachten kann. Für mich ist Ömer Halisdemir ebenso ein Held wie der junge Sultan Mehmet, der die Metropole des Byzantischen Reiches eroberte.

Soweit, so gut.

Außergewöhnlich an diesem Profil ist nun aber folgender Kommentar von Firat: „Bevor ich so eine ehrelose Mannschaft unterstütze, unterstütze ich doch lieber unser Ringkämpfer, die holen wenigstens Medaillen für die Türkei“. Worum geht es? Die Rede ist hier von der türkischen Fußball-Nationalmannschaft, die im Auftaktspiel der Europameisterschaft gegen Italien 3:0 verloren hat und danach das zweite Spiel gegen Wales mit 2:0. Damit ist die Türkei praktisch aus dem Turnier raus, es sei denn, die Ergebnisse der noch folgenden Spiele verlaufen so günstig, das die Türkei noch als bester Drittplatzierter in die nächste Runde kommen kann. Eher utopisch!

Als großer Fussballfan, der weit über 20 Jahre seines Lebens auf den Bolzplätzen rund um Soest herum verbracht hat, wünsche ich mir natürlich, dass diese unwahrscheinliche Konstellation von Siegen und Niederlagen trotzdem eintritt. Damit wir, und damit meine ich die türkische Nationalmannschaft, im Turnier weiterkommen. (Warum ich mit „Wir“ als Soester nicht die Deutsche Nationalmannschaft meine, werde ich ggf. an anderer Stelle mit einem eigenen Artikel darstellen). Denn: Meine Türkeifahne ist gewaschen! Mein Türkeitrikot ebenfalls! Alle, gefühlt 1245 Songs, die von verschiedenen türkischen Popstars eigens für die EM als Hymne komponiert wurden, auf mein Handy geladen! Die Autos sind getankt, jeder Sieg soll mit einem Hupkorso begleitet werden!

Das Einzige, was jetzt noch fehlt, ist jener biologische Cocktail aus Dopamin, Endorphinen, Serotonin und Adrenalin, welcher mich so stark euphorisiert, dass ich bei 40 km/h freihändig meinen Körper aus dem Seitenfenster des hupenden Autos herausstrecke, während ich mit meinen Händen fest die Türkeifahne in die Luft halte so dass sie im Wind flattert und ich aus lauter Kehle „Türkiyeeee“ brüllen kann! Ich will, dass die Türkei siegt! Also darf es nicht sein, dass „Unsere Jungs“ schneller aus dem Turnier fliegen, als ich Zeit bräuchte, um mir alle EM-Hymnen durchzuhören.

Aber ganz ehrlich, haben wir das verdient? Ganz klar: Nein!

Die Reaktion vieler Fans erschüttert mich. Denn die Enttäuschung über die schlecht verlaufenen Spiele ergießt sich momentan in einer noch nie dagewesenen Hasswelle über die jüngste Mannschaft der EM. Dabei macht sich keiner bewusst, dass sie selbst, Fans wie Firat, eine Teilschuld am Versagen unserer Mannschaft im letzten Spiel haben. Niedermachen statt Unterstützen, das geht gar nicht. Nach der Niederlage gegen die – immerhin bisher in 28 Spielen ungeschlagenen – Italiener im Auftaktspiel sproßen plötzlich rund 80 Millionen türkische Fussballtrainer aus dem Boden! Immerhin hielt die türkische Abwehr der Sturmabteilung von Italien über 50 Minuten stand. Sie bewies damit, das sie jeden Cent ihrer 145 Millionen (Marktwert der türkischen Abwehr insgesamt) wert ist. Trotz der immerhin 50 Minuten erfolgreichen Abwehr, soll aus Sicht von Menschen wie Firat eine Abwehr angeblich nicht stattgefunden haben. Wo ist der da hin, der Patriotismus von Firat und Co.?

Was macht ein Blogger wie ich? Ein Video! Wie ein Mann sollen wir uns hinter die Mannschaft stellen. Doch auch unter meinem Video, welches ich zur Beruhigung der Gemüter unmittelbar nach dem Italien Spiel aufnahm, ergossen sich eun Shitstorm gegen die Mannschaft. Frustrierte Hausfrauen, die noch nie ein Fussballstadion von innen gesehen haben und „Pressing nach Ballverlust“ wohlmöglich für eine neue Art von Zitronenpresse halten und fettleibige Lagerarbeiter, die nach 5 Minuten leichten Joggens schon Schweißausbrüche kriegen, verewigen sich auf meiner Seite mit übelsten Beschimpfungen gegen das Nationalteam. Das Team, welches immerhin den Halbmond und den Stern der türkischen Flagge auf ihrer Brust trägt! In der gesamten Türkei werden unsere Jungs, anstatt sie moralisch aufzubauen, verbal niedergemacht.

Das geht gar nicht! Ist Euer Nationalstolz echt oder nur Pose, frage ich mich dann. Doch der Shitstorm geht weiter. Während der EM-Vorbereitung von Spielern veröffentlichte Instagram-Postings werden als Grund herbeigezogen ihnen Arroganz vorzuwerfen. Die Maßanzüge der Spieler seinen ein Zeichen dafür, dass diese Millionäre keine Lust auf Fussball haben. Wenn es nach den „Kritikern“ geht, sollen diese Jungs jetzt bloß nicht noch in den Urlaub fliegen und überhaupt, warum sind sie Millionäre? Ein Hakan Calhanoglu, der beim AC Milan 6 Millionen Euro im Jahr verdient, solle doch gefälligst auf seine Gage verzichten!

Ich bin wütend. Was habt Ihr geleistet, Ihr Kritiker? Habt Ihr Eure Kindheit und Jugend in Fussballschulen und mit Training verbracht, also richtig hart gearbeitet? Oder wart ihr hinter Frauen her und habt eine Party nach der anderen gefeiert? (Ich zumindest habe das). Unsere Jungs sind nach der beendeten sicher hoch anstrengenden Fussballsaison direkt ins Trainigslager für die EM. Zeit zuhause etwas Zeit mit ihrer Familie zu verbringen, blieb da nicht. Und ihr fragt: Was bilden die sich jetzt ein, auch noch Urlaub zu machen!? So die Reaktionen nach dem verlorenen Auftaktspiel.

Die Reaktion kam prompt: Im Spiel gegen Wales sah man eine total verunsicherte Mannschaft. Zwar haben sie viel viel besser gespielt als gegen Italien und mehrere gefährliche Torchancen herausgearbeitet, aber das Quäntchen Glück hat eben gefehlt. Entscheidend aber war aus meiner Sicht die mangelnde Unterstützung der Fans: Der Stürmer Burak Yilmaz hat in der französischen Liga den OSC Lille mit 12 Toren zum Meister geschossen. Beim Spiel gegen Wales war er so verunsichert, dass er den Ball nicht einmal richtig annehmen konnte. Diese junge türkische Mannschaft, die in der Qualifikation Weltmeister Frankreich noch vor meinen Augen im Stade de France mit 2:0 blamierte, war nach einer Woche voller Shitstorm ein mentales Fiasko!

Das macht mich sauer: Um es mal mit dem Bilgili zu sagen, den meine Follower kennen: Was bildet Ihr sogenannten Fans Euch nur ein! Denkt ihr: Die Spieler haben uns gefälligst zu bespaßen, während wir unsere ekeligen fettigen Sucuks auf den Grill schmeißen und überzuckerte Kaltgetränke genießen? Habt ihr erwartet, dass unsere Spieler haben gefälligst wie Fatih Sultan Mehmet die Mauern Italiens mit einen Kanonenhagel von Schüssen einzudecken und letztendlich Rom niederringen? Nur dann akzeptiert ihr sie? Sie haben gefälligst, um im Bild zu bleiben, wie Ömer Halisdemir mit einem „Kopfschuss“ den Gegner niederzustrecken, ganz egal ob sie sich dabei selbst ihren Hals oder die Beine brechen! Noch besser! Vielleicht hätten sie auch wie Eriksen von Dänemark mit einem Herzkammerflimmern zusammenbrechen sollen, bevor wir ihnen abnehmen das sie wirklich versucht haben zu kämpfen! Ein türkisches Sprichwort sagt: Trage einen Menschen 40 Jahre auf deinem Buckel und du bist der Gute! Setze ihn jedoch einmal ab, bist du der Böse! Solche Fans hat diese Mannschaft und die Türkei nicht verdient!

Steht wie ein Mann hinter unserer Mannschaft und sonst nichts, wenn ihr Türken seid! Auch Du, Firat, oder wie immer Du heißt!

Zum Autor: Biligi Üretmen ist der bekannteste türkische Blogger und Aktivist. Er formuliert selbstbewusst die in den anderen Medien wenig vertretene Position der Mehrheit der Türkischstämmigen. Wegen seiner robust formulierten Aussagen war er schon öfter in der Kritik. Seine Fans lieben ihn dafür.

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN