Die Annalena will ins Kanzleramt

von Diskurs Hamburg

Diesen Beitrag im PDF-Format gibt es hier.

Die Annalena ist jetzt die Kandidatin der Grünen für die politische Spitzenposition in Deutschland, nämlich die Bundeskanzlerin. Da die Grünen seit längerer Zeit total in Mode sind und die Umfrageergebnisse sie ziemlich weit oben sehen, können wir vielleicht bald eine „Kanzlerin Annalena Baerbock“ beglückwünschen. Zwar weiß ich bei Annalena nicht immer, ob sie wirklich verstanden hat, worüber sie spricht. Aber das ist vermutlich ihrem Sprechtempo geschuldet („Schnatterinchen“) oder meiner zu langsamen Auffassungsgabe.

Auf jeden Fall finde ich es toll, dass hier mal nicht die üblichen „alten weißen Männer“ ganz vorne stehen, sondern eine hübsche junge Frau, die immer so freundlich und gewinnend lächelt (und wohl auch so ist). Nachdem die Journalisten unseres Landes schon lange die Grünen in ihr Herz geschlossen und hochgeschrieben haben (was könnte es jemals Wichtigeres in Deutschland geben als „Klima Klima Klima“ zu rufen), kommen nun endlich auch die Fotografen zu ihrem Recht. Von welcher/m Politikerin oder Politiker könnte man wohl schönere Bilder machen als von Annalena. Die eignen sich bestens für Titelbilder und da waren sie ja auch schon zuhauf. Fast könnte man denken, die Grünen seien inzwischen professionell geworden und in der Neuzeit angekommen, sprich bei „Politik als Inszenierung und Marketing-Show“. Ehrlich gesagt, waren mir die streitlustigen Grünen von früher lieber, aber vermutlich bin ich einfach nicht auf der Höhe der Zeit.

Die wohlgetaktete Nominierungsshow von Robert und Annalena war jedenfalls um Klassen besser als die ungefähr zeitgleiche Schlacht zwischen Markus und Armin. Ging es dabei wenigstens um politische Inhalte? Nein, mitnichten. Es ging ausschließlich um persönlichen Ehrgeiz und Macht. CDU/CSU als Kanzlerwahlverein und Postenjäger. So etwas kommt bei den Grünen natürlich nicht vor.

Aber kaum, dass die Grünen so furios in den Wahlkampf gestartet waren, kamen auch schon die journalistischen Beckmesser, Neider und Miesmacher aus ihren Löchern und haben Stunk gemacht, anfangs ganz zögerlich. Aber bald haben immer mehr die Augenklappe abgelegt, die sie üblicherweise auf einem ihrer beiden Augen tragen. Da wurde z.B. rumgemäkelt an nicht rechtzeitig gemeldeten Nebeneinnahmen von Annalena. Aber was sind schon 25.000 € in der Partei der Besserverdienenden. Das kann man schon mal übersehen.

Lebensläufe sind Erzählungen. Goethe und Hemingway haben ja auch nicht über die Realität berichtet, sondern sich etwas ausgedacht, Fiktion eben. Claas Relotius, der begnadete Story-Fälscher des „Spiegel“ hat neulich in einem Interview mit der Schweizer Zeitschrift „Reportagen“ erklärt, er sei sich gar nicht bewusst gewesen, dass Spiegel-Artikel der Realität entsprechen müssten. Hauptsache, die Story sei gut und sie entspräche der intendierten politischen Botschaft der Chefredaktion. Spiegel-Hefte als Sammlungen von fiktiven Kurzgeschichten.

Nachdem sich böse Journalisten die deklarierten Baerbock-Lebensläufe angesehen und diverse Unstimmigkeiten und Lügen gefunden hatten,[1] wurden die entsprechenden Webseiten mehrfach verändert (neudeutsch: präzisiert). Das heißt, die Annäherung an die Wahrheit gab es nur scheibchenweise nach jeweiligem Enthüllungssstand. Da Annalenas Lebenslauf trotz ihrer inzwischen 40 Jahre außer „Grünen-Politik“ noch kaum etwas zu bieten hat, muss man natürlich verstehen, dass sie auch Kleinigkeiten in hochstablerischer Weise aufgeplustert hat. Wen glaubte sie damit zu beeindrucken?

Im Zusammenhang mit dem Lebenslauf macht es mich geradezu fassungslos, wie dilettantisch die Grünen-Parteizentrale agiert hat. Wenn deren Funktionäre es schon selbst nicht können oder wollen (weil die Annalena ja so nett ist), hätte man eine/n professionelle/n Personalberater/in engagieren müssen, der/die alle Hochstapeleien und Lügen findet, bevor die Journalisten das können. Das hätte schon nach der Wahl zur Bundesvorsitzenden im Januar 2018 erfolgen müssen. Aber auch danach wäre noch ein bisschen Zeit gewesen.

Über manche der Baerbock-Hochstapeleien könnte man lächeln. Das gilt jedoch bei einer Person, die hohe Staatsämter anstrebt, nicht für alle Fragen, die Ausbildungen, Berufe, Erfahrungen und Fachkompetenzen betreffen. Mich hätte es beeindruckt, wenn Annalena eine Lehre und die Meisterprüfung als Schneiderin, Konditorin, Fachelektronikerin, Landwirtin o.ä. gemacht und/oder ein paar Jahre einen einschlägigen Betrieb erfolgreich geführt hätte. Nichts dergleichen ist ersichtlich.

Als ich das erste Mal von ihr hörte, hieß es, sie sein Völkerrechtlerin. Da habe ich gedacht, sie hätte Jura studiert, die beiden Staatsexamina bestanden und sich auf Völkerrecht spezialisiert (vielleicht mit einer einschlägigen Promotion). Wie entsetzlich naiv muss ich gewesen sein, etwas Derartiges für möglich zu halten. Sie hat nicht nur keine Staatsexamina, sondern nicht einmal Jura studiert.

Sie hat über vier Jahre in Hamburg Politikwissenschaft belegt, aber auch dabei keinen richtigen Abschluss (Politologie-Diplom) gemacht, sondern nur ein Vordiplom, was andere in zwei Jahren erledigen. Da man in Politikwissenschaft kaum durchfallen kann, wenn man sich nur etwas Mühe gibt, hat sie offenbar die Zeit verplempert und dann keine Lust mehr gehabt. Da sie natürlich wusste, dass ein Vordiplom kein erwähnenswerter Abschluss ist, hat sie dann von einem „Bachelor“ gesprochen, was zwar nicht stimmte, aber inhaltlich auch nicht viel besser wäre. Nach den üblichen deutschen Maßstäben hat sie also gar keinen Studienabschluss. Bei einer Bewerbung um einen halbwegs anspruchsvollen Job würde ihr Resumee vermutlich schon von der Sekretärin eines Unternehmen, Behörde etc. auf den Stapel „Absagen“ gelegt werden. Aber für Bundeskanzlerin oder Bundesministerin soll es reichen.  

Danach war sie an der London School of Economics (LSE), was grundsätzlich eine hochrenommierte Universität  ist. Dennoch reicht ein Jahr im Programm „Public International Law“ natürlich nicht, um sich als Völkerrechtlerin zu bezeichnen. Ob für den Titel „Master of Laws“ irgendeine Art von Leistung, Prüfung oder Abschlussarbeit erforderlich war, ist mir bisher nicht ersichtlich. Offenbar hat sie der LSE dafür 11.000 € bezahlt. Derartiges ist in  angelsächsischen Ländern nicht nur bei privaten, sondern bei staatlichen Universitäten üblich. Allerdings muss man dort für die Zulassung normalerweise ein abgeschlossenes Studium an einer Universität nachweisen. Warum ging das bei Annalena auch ohne?

Laut Wikipedia begann Annalena Baerbock 2009 eine Dissertation an der Freien Universität Berlin. Auch für die Zulassung zum Promotionsstudium benötigt man normalerweise ein abgeschlossenes Studium. Annalena brauchte das angeblich nicht  —  wenn es denn stimmen sollte. Eine/n promotionsbetreue/n Professor/in, den/die man hätte fragen könne, konnte oder wollte sie bisher nicht nennen. 

2013 behauptete sie, ihr Promotionsvorhaben sei „in den letzten Zügen“, brach dieses dann jedoch wegen eines Bundestagsmandats ab. Eine solche Story glaubt niemand, der jemals an einer Universität die Mühen und Entbehrungen „richtiger Doktoranden“ miterlebt hat. Wenn man mit der Dissertation tatsächlich „in den letzten Zügen“ ist, schreibt man die Arbeit auch zuende, selbst wenn man keine gute Note erwarten kann. Meinen Verdacht, dass sie nie ernsthaft daran gearbeitet hat, könnte sie allerdings leicht widerlegen, indem sie den Arbeitsstand von 2013 vorzeigt. Man kann wohl davon ausgehen, dass nicht viel mehr vorhanden ist als ein Problemaufriss und eine Arbeitsgliederung. Deshalb werden wir den Arbeitsstand vermutlich nie kennenlernen.

Da Annalena wegen ihrer Behauptungen von Kenntnissen im Völkerrecht eventuell Außenministerin werden will, könnten die Profis im Auswärtigen Amt ihr vielleicht Crashkurse in Außenpolitik, Diplomatie und Völkerrecht verabreichen. Das müssten aber schon lange und intensive Kurse sein. Dennoch wäre es wohl nur peinlich, sie neben Anthony Blinken oder Sergei Lawrow zu sehen. Baerbock hat noch nie ein öffentliches Amt bekleidet, in dem sie im Team Entscheidungsprozesse moderieren und schließlich Realwelt-Entscheidungsprozesse moderieren und schließlich Realwelt-Entscheidungen hätte treffen und verantworten müssen. Aber ein Bundesministerium zu leiten, ist bestimmt ganz einfach.

Ich selbst habe Annalena Baerbock erst zur Kenntnis genommen, als sie zusammen mit Robert Habeck Parteivorsitzende wurde. Da ich aber davon ausgehen muss, dass ihre Parteifreunde ihre Fähigkeiten, Wissenslücken und die mangelnde Ausbildung, Fachkompetenz und Erfahrung seit Jahren kennen, habe ich mich seit etlichen Monaten gefragt, wie so eine unqualifizierte Person an die Spitze einer wichtigen Partei gelangen konnte. Was hat die Grünen geritten? Warum haben sie alle Kritikbereitschaft dem oberflächlichen Marketingeffekt geopfert?

Em Ende ging es um „Baerbock oder Habeck“. Aber beide sind bezüglich ihrer Kompetenzen derartig unterschiedlich, dass es eigentlich keine Qual der Wahl geben konnte. Robert Habeck hat an verschiedenen Universitäten „richtig studiert“, die gehörigen Abschlüsse gemacht und wurde an der Universität Hamburg promoviert. Außerdem hat er eine Reihe von Büchern publiziert und mehrjährige Erfahrungen als Minister in Schleswig-Holstein gesammelt. Außerdem hat man bei ihm das Gefühl, dass er weiß, was er sagt, was man bei Annalena Baerbock nicht immer behaupten kann.

Da man sicher sein kann, dass Robert Habeck „eigentlich“ auch gern Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl geworden wäre, kann man das tatsächliche Ergebnis wohl nur damit erklären, dass Annalena Baerbock die „Frauen-Karte“ gezogen hat. Wie groß muss der Druck der Grünen-Frauen wohl gewesen sein und/oder wie lieb der kuschelige Robert, der ihr den Vortritt gelassen hat. Das gesellschaftliche Besetzungsprinzip „Bei gleicher Qualifikation erhält die weibliche Bewerberin den Vorzug“ kann hier jedenfalls nicht gegolten haben. Dafür ist der Qualifikationsunterschied einfach zu groß.

Ich habe die ersten Zeilen dieses Beitrages geschrieben, als Annalena von Robert gerade fernsehgerecht zur  Kanzlerkandidatin ausgerufen worden war. Dann kamen die ganzen Hochstapeleien und Lügen im Lebenslauf, die missgünstige (meistens wohl männliche) Journalisten ausgegraben hatten. Aber der Nominierungsparteitag, der über die Spitzenkandidatur zu entscheiden hatte stand noch bevor. Ich dachte, mein Beitrag würde von der Realität überholt, weil Annalena Baerbock die Konsequenzen aus ihrer selbstverschuldeten Misere ziehen und vom Spitzenplatz zurücktreten würde, so dass der Parteitag Robert Habeck an die Spitze wählen könnte, was für die Grünen in jedem Fall die bessere Lösung wäre. Dann hätte ich mir mindestens einen neuen Titel überlegen müssen.

Aber das ist nicht passiert. Robert war solidarisch zu Annalena  —  aber sicher nicht zu seiner Partei. Die muss nun die Konsequenzen tragen  —  potentielle weitere Enthüllungen inklusive. Aber auch die grüne Partei hat den Kopf in den Sand gesteckt. Wieviele Prozentpunkte bei der Bundestagswahl und wieviele Parlamentsmandate und Mitarbeiter-Jobs gehen dadurch wohl verloren? Wäre der Parteitagsverlauf anders gewesen, wenn er nicht als Video-Show mit grünem Garten-Ambiente stattgefunden hätte, sondern mit realen Menschen in personeller Interaktion, mit der Möglichkeit zu Flurgesprächen etc. Darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht hat das Format die Annalena gerettet.

Ich habe noch einige Fernsehbilder von Grünen-Parteitagen der letzten vier Jahrzehnte im Kopf. Da wurde heftig und folgenreich gestritten. So stelle ich mir eine Partei in einer lebendigen Demokratie vor  —  ganz unabhängig von meiner inhaltlichen Zustimmung zu den einzelnen Argumenten. Heute sind die Grünen offenbar mit demonstrativer Harmonie zwischen zwei sympatischen Kandidaten (das sind sie wirklich) und entsprechenden Hochglanzbildern von einer Ernennungszeremonie zufrieden. Manche nennen das Professionalität. Ich nenne das einen Rückschritt in puncto Demokratie.     


[1]           Da es nerven würde, sich hier mit den Baerbock-Hochstapeleien im Detail zu befassen, sei dazu nur z.B. auf mehrere Artikel in der WELT vom 9. Juni 2021, S.4, und 10. Juni 2021, S. 19, verwiesen oder auf die entsprechenden Artikel in vielen anderen Zeitungen und Zeitschriften.    

DAS KÖNNTE IHNEN GEFALLEN